Harald
Friese, Verkehrsbürgermeister in Heilbronn schreibt mir: „Die Schmerzgrenze ist erreicht. Nichts ist einzuwenden gegen eine
faire und sachliche Auseinandersetzung in der Frage der künftigen
Verkehrsführung in der Innenstadt. Wer aber Verantwortlichkeiten für eine
angeblich „abstruse Verkehrssituation“ einer bestimmten Person zuordnet und
dabei private und persönliche Sachverhalte zur Unterstützung heranzieht, sollte
die Richtigkeiten seiner Behauptungen sorgfältig prüfen. Zu den Punkten: 1.
Richtig ist, daß ich entgegen des von Ihnen erweckten Eindrucks fast täglich in
der Mittagspause zu Fuß in der Innenstadt Einkäufe tätige. 2. Richtig ist, daß
ich entgegen des von Ihnen erweckten Eindrucks mit dem Einkauf und dem Stadtbus
abends nach Hause fahre. 3. Richtig ist, daß ich entgegen des von Ihnen
erweckten Eindrucks die „Sorgen und Nöte“ der einkaufenden Bevölkerung aus
eigener Erfahrung bestens kenne – ob als Busbenutzer oder Beifahrer. – Ich bin
als Dezernent für die öffentliche Sicherheit und Ordnung auch für
Verkehrsregelungen zuständig und verantwortlich. Zu unterscheiden ist dabei
jedoch zwischen städteplanerischen und verkehrsplanerischen Maßnahmen, denen
die Verkehrsregelungen nur folgen. Hierzu ist festzuhalten: 1. Die städtebaulichen Ziele für die
Innenstadt einschließlich der Verkehrsberuhigung Kaiserstraße sind vom
Baudezernat der Stadt Heilbronn im Rahmenplan Altstadt-Nord entwickelt und vom
Gemeinderat am 16. März 1995 zustimmend zur Kenntnis genommen worden. 2.
Folgerichtig hat der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 25. Juli 1995 die
Umgestaltung der Kaiserstraße zur Fußgängerzone auf Antrag des Baudezernats
beschlossen. Im Klartext: die zum Rahmenplan Altstadt-Nord und Umgestaltung der
Kaiserstraße ergangenen Drucksachen tragen richtigerweise keine Unterschrift
und keine Paraphe des „Verkehrsdezernenten“. 3. „Wer allen voran“ mich für die
Planung verantwortlich macht, zielt daneben und trifft den Falschen. 4. Damit
kein Zweifel entsteht: Inhaltlich trage ich – wie der Gemeinderat – die
verkehrsplanerischen Ziele des Rahmenplans Altstadt Nord und der Fußgängerzone
Kaiserstraße voll mit.“
Ausschuß und Beauftragter
Wenn
der Politik nichts mehr einfällt, dann bildet sie einen Ausschuß. Oder sie setzt einen Beauftragten ein.
Für Datenschutz, für Frauen, für Soldaten, Kinderschutz, Ausländer, und-so-weiter, und-so-weiter. Wir
in Heilbronn haben jetzt einen Korruptionsbeauftragten. Der soll keine
Korruption fördern – im Gegenteil. Er soll sie abschaffen. Sprich Heilbronn vom
miserablen Image befreien. Wie sagte mir neulich ein Heilbronner Bürgermeister
als es um die „Fußgängerzone Kaiserstraße“ ging? „Wer die Fußgängerzone
Kaiserstraße zum Sündenbock für negative Entwicklungen der Innenstadt erklärt,
macht es sich zu einfach. Mit der Suche nach Schuldigen, seien es Personen oder
einzelne Maßnahmen, wird die Situation nicht verbessert. Wir brauchen stattdessen eine Gesamtstrategie, die Heilbronn endlich
aus den Negativschlagzeilen herausbringt und seine Standortvorteile unterstreicht.“
Schreibt mir der Krankenhaus- und Verkehrsbürgermeister Harald Friese. Ein
Mann, der schon als SPD-Kandidat für die nächste Bundestagswahl gehandelt wird.
Allerdings erst in den eigenen Parteireihen. Wie ich hörte, scheint er nicht
abgeneigt zu sein. Behaupten Kenner der SPD-Parteiszene. Aber es geht ja um
Heilbronn – und seine Negativschlagzeilen. Und da müssen wir bei der Wahrheit
bleiben. Wenn Politiker ihrer Stadt Vorteile bringen, das in der Presse
rüberkommt, dann machen sie gute Pressearbeit, sind die Helden der Stadt. Wenn
sie negative Schlagzeilen machen, wie in Heilbronn – wer ist Schuld? Die Überbringer der schlechten Nachrichten. Wie gehabt.
Interessen
Die
Kaiserstraße in Heilbronn sollte Fußgängerzone werden. Das ist aber nur teilweise gelungen. Und eine Provinzausgabe der
„Stuttgarter Königsstraße“ oder des „Berliner Kurfürstendamms“ ist auch nicht
entstanden, seitdem sie mit Kunst und Bäumen zum Einkaufsbremser umfunktioniert
worden ist. Die Interessengemeinschaft
Kaiserstraße/Innenstadt hat jetzt einen Brief an den Heilbronner OB Manfred
Weinmann geschrieben, in dem sie an „den freundlichen Empfang unserer
Delegation am 16.7.“ erinnert und darauf hinweist, daß sich Einzelhändler,
Dienstleistungs- und Gastronomiebereich formiert haben, um auf die derzeitige
Situation in der Heilbronner Innenstadt aufmerksam zu machen. „Absprachegemäß
haben wir die vorgebrachten Problematiken formuliert und fordern: 1. Die
sofortige Öffnung der Kaiserstraße für den Individualverkehr, mit der Einfahrtsmöglichkeit
von der Allee in Richtung Friedrich-Ebert-Brücke. 2. Den überregionalen
Busverkehr aus der Kaiserstraße zu nehmen. Nur die städtischen Linienbusse
haben Durchfahrtsmöglichkeit. Wir könnten uns vorstellen, daß der überregionale
Busverkehr entsprechende Umsteigemöglichkeiten im Bereich Allee hat. 3. Die
Einrichtung von Kurzparkzonen unter Einbeziehung des Marktplatzes. 4. Im Rahmen
des Polizeirechtes zu prüfen, ob künftig ein Aufenthaltsverbot für bestimmte
Personengruppen in der Heilbronner Innenstadt ausgesprochen werden kann.
Derartige Aufenthaltsverbote werden für Teilgruppen bereits in anderen
Großstädten in Baden-Württemberg, u.a. in Neckarsulm realisiert.“ – Forderungen
der Betroffenen sind eine Sache. Der Verwaltungsapparat Heilbronns und seine
Mühlen eine ganz andere. Ich bin gespannt, was aus den Anregungen und
Forderungen der Herren Walz, Mosner,
Schmitt und Roßkopf wird. Schuld am
Debakel in der Heilbronner Kaiserstraße will nämlich niemand sein – außer
dem Gemeinderat. Denn der hat es ja so beschlossen, wie es jetzt verwirklicht
ist. Sagt die Verwaltung.
Verbrechen
Wir
sind schon ein hysterisches Volk, wird derzeit heftig kritisiert. Die
Verbrechenszahlen steigen nicht an. Aber wir hätten mehr Angst als je zuvor.
Unbegründete Angst? In Umfragen schnellte 1995 die Verbrechensangst auf den
zweiten Platz der Sorgenliste nach der Furcht vor Arbeitslosigkeit. Dabei sagen uns die Experten, daß die Zahl
der registrierten Straftaten seit 1993 stagniere oder sinke, die
Aufklärungsquote der Polizei dagegen leicht ansteige. Wirtschaftsverbrechen
und die Kriminalität organisierter Banden, die mit Wohnungseinbrüchen auch
Normalbürger trifft, nehmen zwar weiter zu, dafür würden andere
Verbrechensformen schwinden. Aber wenn bei
einem hohen Verbrechensstand (in manchen Teilbereichen) leicht
abnehmende Tendenzen zu beobachten sind, dann ist das Wasser auf die Mühlen
jener, die ohnehin bei allzu vielen Politikern eine Law-and-Order-Politik
ausgemacht haben. Im westlichen Teil des Unterlands gab es in den vergangenen
Tagen zwei spektakuläre Verbrechen, die bis heute noch nicht aufgeklärt sind –
einen Mordversuch an einer jungen Frau und einen Mord an einem 44jährigen. Die
Bevölkerung ist erschüttert und beunruhigt. Trotz spektakulärer Fahndungsaufrufe
mit äußerst genauen Angaben und Suchfotos gibt es bisher noch keine
Aufklärungserfolge. Da stellt sich jetzt bei vielen die Frage: Bei den
superscharfen Angaben über Person und Kleidung des Täters, wieso ist er noch
nicht gefunden? So häufig sind die Kleidungsstücke nicht zu finden. Auch
modische Frisur, Brille und Gesichtsform des Täters zeigen kein Allerweltsgesicht. Sind die Angaben des
Opfers etwa überinterpretiert worden, fragt sich jetzt so mancher Beobachter.
Sind zu stark ungenaue Angaben ausgebaut worden? Wir wissen es nicht. Die
Polizei weiß es. Und muß dafür sorgen, daß die Bevölkerung vor einem Täter
geschützt wird, der in der Lage ist, brutal junge Frauen anzugreifen.
Feieritis
Feste
gibt es viele in der Region – an jedem Wochenende mannigfach. In Heilbronn aber
ist eine kleine Feieritis ausgebrochen. Vor zwei Wochen wurde auf der Waldheide
gefeiert – Motto: Natur statt Raketen.
Jetzt am letzten Wochenende war die Friedrich-Ebert-Brücke an der Reihe. 20
Millionen kostete das Bauwerk, zehn Millionen Mark mehr als eigentlich geplant.
Aber das ist ja üblich beim Staat. Einhundert Meter lang und 21,7 Meter breit
ist die Brückenkonstruktion. Demnächst (irgendwann einmal) sollen auch noch
Gleise für die vielersehnte neue „Stadtbahn“ auf die Brücke. Wenn das Geld in den Kassen von Bund, Ländern
und Gemeinden nicht allzu rapide schwindet. Was beim Heilbronner Brückenfest
nicht ganz so geklappt hat (Hamburger Fischmarkt ohne Fische) wird ab Freitag
dann elf Tage beim Unterländer Volksfest auf der Heilbronner Theresienwiese vom
2. bis zum 12. August wieder ausgebügelt werden. Das Doppeljubiläum „70 Jahre
Unterländer Volksfest / 70 Jahre Festzeltwirtin Josefine Maier“ soll laut Bernhard Winkler, dem
„Volksfest-Bürgermeister“ Heilbronns, gebührend gefeiert werden: „So läßt
sich mit Blasmusik, Göckelesduft und fürs Volksfest im Hause Dinkelacker extra
nach alten Cluss-Rezepten gebrautem, urschwäbischem Gerstensaft im großen
Göckelesmaierfestzelt wieder gut schunkeln und nicht nur beim preislich ermäßigten
Jubiläumstag am Montag, 4. August wird das Unterländer Volksfestbier in Strömen
fließen und der Göckelsgrill heiß laufen.“ Wie zu hören ist, soll in den
nächsten Jahren mal wieder eine Unterländer Brauerei beim Volksfestbier zum
Zuge kommen, nachdem Cluss nur noch als Name existiert und das Heilbronner Bier
in Stuttgart gebraut wird. Ich kenne da zwei.
Olympia-Terror
Huntertprozentige
Sicherheit gibt es nicht. Tönt es derzeit aus allen Ecken und Enden. Wer hat je
daran geglaubt? Etwa jene, die uns durch ein superstarkes Aufgebot an
Sicherheitskräften diesen Eindruck vermitteln wollten? Wenn Polizisten vor sich
hindösen, auf die Frage, was und wen sie gerade beschützen, nur dümmliche, stammelnde Anworten geben,
dann ist es um die Sicherheit der Olympischen Spiele bestimmt nicht zum Besten
bestellt. Im Vorfeld der Spiele gab es das grauenvolle Flugzeug-Attentat – und
jetzt am Wochenende die Bombenexplosion bei einem Rockkonzert. Leichen- und Verletzten-Rekorde sind zur
olympischen Disziplin geworden. Bekenneranrufe für die Schandtaten gibt es
offensichtlich viele. Aber wer die Täter gewesen sind, in deren kranken Hirnen
die Pläne bis zur tödlichen Ausführung reiften,
das ist bis heute leider noch unbekannt. Experten meinen, in einer Welt,
in der ungebremste Beweglichkeit, Schnelligkeit und Pseudo-Kommunikation alles
sind, gehöre der alltägliche Terror zum Leben wie die Luft zum Atmen. Die
vergangenen Jahre haben es oftmals gezeigt: Wer ein Anliegen hat, damit nicht
beachtet wird, kann sich mittels Bombenterrors sicher sein, daß einige Medien
nach der Bluttat auf seine dümmlichen und tödlichen Beweggründe garantiert
eingehen und ihn bekannt machen. So mancher
Terrorist ist dabei schon zum Staatsmann gereift. Auch so manche
Terrorpartei hat sich mittels Blutrausch schon zur Staatspartei verwandelt.
Aber auch das ist nicht neu in der Geschichte. Ich wundere mich trotzdem immer
wieder, wie unsere demokratischen Politiker mit diesen blutigen Mördern umgehen. Und ich hoffe, daß in den USA die Olympia-Terroristen ihre verdiente Strafe
schnell erhalten. Sofern sie gefaßt werden.
Gurkenzeit
Die
Sommerzeit sei die Sauregurkenzeit. Behaupten einige am Zeitgeschehen besonders
Interessierte. Warum? Weil die Auskunftswilligen in Politik, Wirtschaft und
Kultur alle im Urlaub sind oder gerade dahin aufbrechen. Und wenn die Großkopfeten, die Meinungsträger und -bildner ihre Bäuche
in die Sonne strecken oder auf Schusters Rappen deutsche Bergpfade
verunsichern, dann passiert halt nix – oder eben weniger in den Zeitungsspalten.
Oder nur weniger Interessantes? Ich glaub’s halt nicht. Es passiert nur weniger
in den Köpfen und Federn jener Journalisten,
die glauben, daß nur die Nähe zu jenen Herrschaften Schlagzeilen produzieren
könne und nur das die Leut auch interessieren würde. Es ist halt auch billig,
fortwährend an den Toren zu Bundeskanzlerämtern, Landesregierungen oder
Rathäusern herumzulungern, um die Krümel vom wohlschmeckenden Fertigkuchen der
Großkopfeten zu erhaschen, der gerade schmatzend gefuttert wird.Man kann‘s auch
so sagen: Ein Bild von jener Sau zu knipsen, die grad wieder durchs Dorf gejagt
wird. Jeden Tag ein neues Thema ist noch lange keine Neuigkeit. Jetzt muß halt wieder Greti und Pleti
interviewt werden, die Apothekerin von nebenan, der Gärtner, der die
größten Gurken der Saison züchtet, der
Schauspieler bei den Freilichtspielen mit der größten Nase. Oder ganz
exklusiv: Es muß eine Serie her. Zum Beispiel die verschollenen Müllkippen der
Region. Und welche Wohngebiete jetzt darauf erstellt wurden. Und wie die
Bewohner unter den giftigen Dämpfen leiden. Denn wir wissen ja, in so manch
einer dieser Altdeponien ist die Hitze im Kern so um die 90 Grad Celsius. Und
die Leut wissen nix davon. Oder doch?
Guter
Jahrgang?
Mit
dem Theater, ob Stadt-, Landes- oder
Staatstheater, verhält es sich wie mit dem Wein: Der eine Jahrgang ist gut, der
andere weniger – und manche sind halt nix. Ein Wengerter, der behauptet, diese
Unterschiede gäbe es heute nicht mehr, der versteht halt viel von Chemie,
Zucker und Mischverhältnissen. Der Jahrgang 1996 im Freilichttheater der Region
– naja. Weder in Jagsthausen noch in
Schwäbisch Hall, noch an einem anderen Ort der Gegend, wo sich Laien oder
Profis mühevoll dem Theater unter freiem Himmel widmen, kann man von einem
Theaterwunder sprechen. Sicherlich war „Der Tolle Tag“ in Neuenstadt am
Kocher oder sind die Singspiele „Im weißen Rössl“ (Schwäbisch Hall) oder „Kiss
me Kate“ (Jagsthausen) Schmankerln der Saison. Mehr aber auch nicht. So ist’s
halt. Der eine Jahrgang ist gut, der andere dann wieder besser. Heuer kommt
noch der Regen hinzu, der schon viele Vorstellungen von vornherein in eine Badewannen-Elegie
verwandelte. Besonders amüsant an dieser Spielzeit aber ist die
„1.000-Jahre-Österreich-Feier“ in Schwäbisch Hall. Nichts gegen das präpotente
Land im Südosten Deutschlands, von dem wir Deutschen gern als Piefkes
bezeichnet werden. Das ist auf derselben Ebene wie bei uns die Österreicher
abqualifiziert werden. Witze darüber gibts ja mehr als genug. Aber im deutschen
Theater, da haftet ihnen doch ein gewisser Ostfriesencharme an. Kein Dialekt
dringt so hemmungslos durch wie jener dieses Bergvolkes. Da wird geknödelt und
geschmiert – und das auch noch als Charme ausgegeben. Und so mancher Reporter(in) findet das ganz süß, tiriliert und
zwitschert, jubiliert über diese „Kunst“ und ihren Schmäh. So ist das halt,
wenn man auf dem Leim daherkriecht, auch wenn er süß schmeckt.
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