Freitag, 21. Februar 2014

Kiliansmännle, 31.07. 1996




Schmerzgrenze
Harald Friese, Verkehrsbürgermeister in Heilbronn schreibt mir: „Die Schmerzgrenze ist erreicht. Nichts ist einzuwenden gegen eine faire und sachliche Auseinandersetzung in der Frage der künftigen Verkehrsführung in der Innenstadt. Wer aber Verantwortlichkeiten für eine angeblich „abstruse Verkehrssituation“ einer bestimmten Person zuordnet und dabei private und persönliche Sachverhalte zur Unterstützung heranzieht, sollte die Richtigkeiten seiner Behauptungen sorgfältig prüfen. Zu den Punkten: 1. Richtig ist, daß ich entgegen des von Ihnen erweckten Eindrucks fast täglich in der Mittagspause zu Fuß in der Innenstadt Einkäufe tätige. 2. Richtig ist, daß ich entgegen des von Ihnen erweckten Eindrucks mit dem Einkauf und dem Stadtbus abends nach Hause fahre. 3. Richtig ist, daß ich entgegen des von Ihnen erweckten Eindrucks die „Sorgen und Nöte“ der einkaufenden Bevölkerung aus eigener Erfahrung bestens kenne – ob als Busbenutzer oder Beifahrer. – Ich bin als Dezernent für die öffentliche Sicherheit und Ordnung auch für Verkehrsregelungen zuständig und verantwortlich. Zu unterscheiden ist dabei jedoch zwischen städteplanerischen und verkehrsplanerischen Maßnahmen, denen die Verkehrsregelungen nur folgen. Hierzu ist festzuhalten:  1. Die städtebaulichen Ziele für die Innenstadt einschließlich der Verkehrsberuhigung Kaiserstraße sind vom Baudezernat der Stadt Heilbronn im Rahmenplan Altstadt-Nord entwickelt und vom Gemeinderat am 16. März 1995 zustimmend zur Kenntnis genommen worden. 2. Folgerichtig hat der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 25. Juli 1995 die Umgestaltung der Kaiserstraße zur Fußgängerzone auf Antrag des Baudezernats beschlossen. Im Klartext: die zum Rahmenplan Altstadt-Nord und Umgestaltung der Kaiserstraße ergangenen Drucksachen tragen richtigerweise keine Unterschrift und keine Paraphe des „Verkehrsdezernenten“. 3. „Wer allen voran“ mich für die Planung verantwortlich macht, zielt daneben und trifft den Falschen. 4. Damit kein Zweifel entsteht: Inhaltlich trage ich – wie der Gemeinderat – die verkehrsplanerischen Ziele des Rahmenplans Altstadt Nord und der Fußgängerzone Kaiserstraße voll mit.“

Ausschuß und Beauftragter
Wenn der Politik nichts mehr einfällt, dann bildet sie einen Ausschuß. Oder sie setzt einen Beauftragten ein. Für Datenschutz, für Frauen, für Soldaten, Kinderschutz,  Ausländer, und-so-weiter, und-so-weiter. Wir in Heilbronn haben jetzt einen Korruptionsbeauftragten. Der soll keine Korruption fördern – im Gegenteil. Er soll sie abschaffen. Sprich Heilbronn vom miserablen Image befreien. Wie sagte mir neulich ein Heilbronner Bürgermeister als es um die „Fußgängerzone Kaiserstraße“ ging? „Wer die Fußgängerzone Kaiserstraße zum Sündenbock für negative Entwicklungen der Innenstadt erklärt, macht es sich zu einfach. Mit der Suche nach Schuldigen, seien es Personen oder einzelne Maßnahmen, wird die Situation nicht verbessert. Wir brauchen stattdessen eine Gesamtstrategie, die Heilbronn endlich aus den Negativschlagzeilen herausbringt und seine Standortvorteile unterstreicht.“ Schreibt mir der Krankenhaus- und Verkehrsbürgermeister Harald Friese. Ein Mann, der schon als SPD-Kandidat für die nächste Bundestagswahl gehandelt wird. Allerdings erst in den eigenen Parteireihen. Wie ich hörte, scheint er nicht abgeneigt zu sein. Behaupten Kenner der SPD-Parteiszene. Aber es geht ja um Heilbronn – und seine Negativschlagzeilen. Und da müssen wir bei der Wahrheit bleiben. Wenn Politiker ihrer Stadt Vorteile bringen, das in der Presse rüberkommt, dann machen sie gute Pressearbeit, sind die Helden der Stadt. Wenn sie negative Schlagzeilen machen, wie in Heilbronn  – wer ist Schuld? Die Überbringer der schlechten Nachrichten. Wie gehabt.

Interessen
Die Kaiserstraße in Heilbronn sollte Fußgängerzone werden. Das ist aber nur teilweise gelungen. Und eine Provinzausgabe der „Stuttgarter Königsstraße“ oder des „Berliner Kurfürstendamms“ ist auch nicht entstanden, seitdem sie mit Kunst und Bäumen zum Einkaufsbremser umfunktioniert worden ist.  Die Interessengemeinschaft Kaiserstraße/Innenstadt hat jetzt einen Brief an den Heilbronner OB Manfred Weinmann geschrieben, in dem sie an „den freundlichen Empfang unserer Delegation am 16.7.“ erinnert und darauf hinweist, daß sich Einzelhändler, Dienstleistungs- und Gastronomiebereich formiert haben, um auf die derzeitige Situation in der Heilbronner Innenstadt aufmerksam zu machen. „Absprachegemäß haben wir die vorgebrachten Problematiken formuliert und fordern: 1. Die sofortige Öffnung der Kaiserstraße für den Individualverkehr, mit der Einfahrtsmöglichkeit von der Allee in Richtung Friedrich-Ebert-Brücke. 2. Den überregionalen Busverkehr aus der Kaiserstraße zu nehmen. Nur die städtischen Linienbusse haben Durchfahrtsmöglichkeit. Wir könnten uns vorstellen, daß der überregionale Busverkehr entsprechende Umsteigemöglichkeiten im Bereich Allee hat. 3. Die Einrichtung von Kurzparkzonen unter Einbeziehung des Marktplatzes. 4. Im Rahmen des Polizeirechtes zu prüfen, ob künftig ein Aufenthaltsverbot für bestimmte Personengruppen in der Heilbronner Innenstadt ausgesprochen werden kann. Derartige Aufenthaltsverbote werden für Teilgruppen bereits in anderen Großstädten in Baden-Württemberg, u.a. in Neckarsulm realisiert.“ – Forderungen der Betroffenen sind eine Sache. Der Verwaltungsapparat Heilbronns und seine Mühlen eine ganz andere. Ich bin gespannt, was aus den Anregungen und Forderungen der  Herren Walz, Mosner, Schmitt und Roßkopf wird. Schuld am Debakel in der Heilbronner Kaiserstraße will nämlich niemand sein – außer dem Gemeinderat. Denn der hat es ja so beschlossen, wie es jetzt verwirklicht ist. Sagt die Verwaltung.

Verbrechen
Wir sind schon ein hysterisches Volk, wird derzeit heftig kritisiert. Die Verbrechenszahlen steigen nicht an. Aber wir hätten mehr Angst als je zuvor. Unbegründete Angst? In Umfragen schnellte 1995 die Verbrechensangst auf den zweiten Platz der Sorgenliste nach der Furcht vor Arbeitslosigkeit. Dabei sagen uns die Experten, daß die Zahl der registrierten Straftaten seit 1993 stagniere oder sinke, die Aufklärungsquote der Polizei dagegen leicht ansteige. Wirtschaftsverbrechen und die Kriminalität organisierter Banden, die mit Wohnungseinbrüchen auch Normalbürger trifft, nehmen zwar weiter zu, dafür würden andere Verbrechensformen schwinden. Aber wenn bei  einem hohen Verbrechensstand (in manchen Teilbereichen) leicht abnehmende Tendenzen zu beobachten sind, dann ist das Wasser auf die Mühlen jener, die ohnehin bei allzu vielen Politikern eine Law-and-Order-Politik ausgemacht haben. Im westlichen Teil des Unterlands gab es in den vergangenen Tagen zwei spektakuläre Verbrechen, die bis heute noch nicht aufgeklärt sind – einen Mordversuch an einer jungen Frau und einen Mord an einem 44jährigen. Die Bevölkerung ist erschüttert und beunruhigt. Trotz spektakulärer Fahndungsaufrufe mit äußerst genauen Angaben und Suchfotos gibt es bisher noch keine Aufklärungserfolge. Da stellt sich jetzt bei vielen die Frage: Bei den superscharfen Angaben über Person und Kleidung des Täters, wieso ist er noch nicht gefunden? So häufig sind die Kleidungsstücke nicht zu finden. Auch modische Frisur, Brille und Gesichtsform des Täters zeigen kein Allerweltsgesicht. Sind die Angaben des Opfers etwa überinterpretiert worden, fragt sich jetzt so mancher Beobachter. Sind zu stark ungenaue Angaben ausgebaut worden? Wir wissen es nicht. Die Polizei weiß es. Und muß dafür sorgen, daß die Bevölkerung vor einem Täter geschützt wird, der in der Lage ist, brutal junge Frauen anzugreifen.

Feieritis
Feste gibt es viele in der Region – an jedem Wochenende mannigfach. In Heilbronn aber ist eine kleine Feieritis ausgebrochen. Vor zwei Wochen wurde auf der Waldheide gefeiert – Motto: Natur statt Raketen. Jetzt am letzten Wochenende war die Friedrich-Ebert-Brücke an der Reihe. 20 Millionen kostete das Bauwerk, zehn Millionen Mark mehr als eigentlich geplant. Aber das ist ja üblich beim Staat. Einhundert Meter lang und 21,7 Meter breit ist die Brückenkonstruktion. Demnächst (irgendwann einmal) sollen auch noch Gleise für die vielersehnte neue „Stadtbahn“ auf die Brücke.  Wenn das Geld in den Kassen von Bund, Ländern und Gemeinden nicht allzu rapide schwindet. Was beim Heilbronner Brückenfest nicht ganz so geklappt hat (Hamburger Fischmarkt ohne Fische) wird ab Freitag dann elf Tage beim Unterländer Volksfest auf der Heilbronner Theresienwiese vom 2. bis zum 12. August wieder ausgebügelt werden. Das Doppeljubiläum „70 Jahre Unterländer Volksfest / 70 Jahre Festzeltwirtin Josefine Maier“ soll laut Bernhard Winkler, dem „Volksfest-Bürgermeister“ Heilbronns, gebührend gefeiert werden: „So läßt sich mit Blasmusik, Göckelesduft und fürs Volksfest im Hause Dinkelacker extra nach alten Cluss-Rezepten gebrautem, urschwäbischem Gerstensaft im großen Göckelesmaierfestzelt wieder gut schunkeln und nicht nur beim preislich ermäßigten Jubiläumstag am Montag, 4. August wird das Unterländer Volksfestbier in Strömen fließen und der Göckelsgrill heiß laufen.“ Wie zu hören ist, soll in den nächsten Jahren mal wieder eine Unterländer Brauerei beim Volksfestbier zum Zuge kommen, nachdem Cluss nur noch als Name existiert und das Heilbronner Bier in Stuttgart gebraut wird. Ich kenne da zwei.

Olympia-Terror
Huntertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Tönt es derzeit aus allen Ecken und Enden. Wer hat je daran geglaubt? Etwa jene, die uns durch ein superstarkes Aufgebot an Sicherheitskräften diesen Eindruck vermitteln wollten? Wenn Polizisten vor sich hindösen, auf die Frage, was und wen sie gerade beschützen, nur dümmliche, stammelnde Anworten geben, dann ist es um die Sicherheit der Olympischen Spiele bestimmt nicht zum Besten bestellt. Im Vorfeld der Spiele gab es das grauenvolle Flugzeug-Attentat – und jetzt am Wochenende die Bombenexplosion bei einem Rockkonzert. Leichen- und Verletzten-Rekorde sind zur olympischen Disziplin geworden. Bekenneranrufe für die Schandtaten gibt es offensichtlich viele. Aber wer die Täter gewesen sind, in deren kranken Hirnen die Pläne bis zur tödlichen Ausführung reiften,  das ist bis heute leider noch unbekannt. Experten meinen, in einer Welt, in der ungebremste Beweglichkeit, Schnelligkeit und Pseudo-Kommunikation alles sind, gehöre der alltägliche Terror zum Leben wie die Luft zum Atmen. Die vergangenen Jahre haben es oftmals gezeigt: Wer ein Anliegen hat, damit nicht beachtet wird, kann sich mittels Bombenterrors sicher sein, daß einige Medien nach der Bluttat auf seine dümmlichen und tödlichen Beweggründe garantiert eingehen und ihn bekannt machen. So mancher  Terrorist ist dabei schon zum Staatsmann gereift. Auch so manche Terrorpartei hat sich mittels Blutrausch schon zur Staatspartei verwandelt. Aber auch das ist nicht neu in der Geschichte. Ich wundere mich trotzdem immer wieder, wie unsere demokratischen Politiker mit diesen blutigen Mördern  umgehen. Und ich hoffe, daß in den USA  die Olympia-Terroristen ihre verdiente Strafe schnell erhalten. Sofern sie gefaßt werden.

Gurkenzeit
Die Sommerzeit sei die Sauregurkenzeit. Behaupten einige am Zeitgeschehen besonders Interessierte. Warum? Weil die Auskunftswilligen in Politik, Wirtschaft und Kultur alle im Urlaub sind oder gerade dahin aufbrechen. Und wenn die Großkopfeten, die Meinungsträger und -bildner ihre Bäuche in die Sonne strecken oder auf Schusters Rappen deutsche Bergpfade verunsichern, dann passiert halt nix – oder eben weniger in den Zeitungsspalten. Oder nur weniger Interessantes? Ich glaub’s halt nicht. Es passiert nur weniger in den Köpfen  und Federn jener Journalisten, die glauben, daß nur die Nähe zu jenen Herrschaften Schlagzeilen produzieren könne und nur das die Leut auch interessieren würde. Es ist halt auch billig, fortwährend an den Toren zu Bundeskanzlerämtern, Landesregierungen oder Rathäusern herumzulungern, um die Krümel vom wohlschmeckenden Fertigkuchen der Großkopfeten zu erhaschen, der gerade schmatzend gefuttert wird.Man kann‘s auch so sagen: Ein Bild von jener Sau zu knipsen, die grad wieder durchs Dorf gejagt wird. Jeden Tag ein neues Thema ist noch lange keine Neuigkeit. Jetzt muß halt wieder Greti und Pleti interviewt werden, die Apothekerin von nebenan, der Gärtner, der die größten Gurken der Saison züchtet, der Schauspieler bei den Freilichtspielen mit der größten Nase. Oder ganz exklusiv: Es muß eine Serie her. Zum Beispiel die verschollenen Müllkippen der Region. Und welche Wohngebiete jetzt darauf erstellt wurden. Und wie die Bewohner unter den giftigen Dämpfen leiden. Denn wir wissen ja, in so manch einer dieser Altdeponien ist die Hitze im Kern so um die 90 Grad Celsius. Und die Leut wissen nix davon. Oder doch?

Guter Jahrgang?
Mit dem Theater, ob Stadt-, Landes-  oder Staatstheater, verhält es sich wie mit dem Wein: Der eine Jahrgang ist gut, der andere weniger – und manche sind halt nix. Ein Wengerter, der behauptet, diese Unterschiede gäbe es heute nicht mehr, der versteht halt viel von Chemie, Zucker und Mischverhältnissen. Der Jahrgang 1996 im Freilichttheater der Region – naja. Weder in Jagsthausen noch in Schwäbisch Hall, noch an einem anderen Ort der Gegend, wo sich Laien oder Profis mühevoll dem Theater unter freiem Himmel widmen, kann man von einem Theaterwunder sprechen. Sicherlich war „Der Tolle Tag“ in Neuenstadt am Kocher oder sind die Singspiele „Im weißen Rössl“ (Schwäbisch Hall) oder „Kiss me Kate“ (Jagsthausen) Schmankerln der Saison. Mehr aber auch nicht. So ist’s halt. Der eine Jahrgang ist gut, der andere dann wieder besser. Heuer kommt noch der Regen hinzu, der schon viele Vorstellungen von vornherein in eine Badewannen-Elegie verwandelte. Besonders amüsant an dieser Spielzeit aber ist die „1.000-Jahre-Österreich-Feier“ in Schwäbisch Hall. Nichts gegen das präpotente Land im Südosten Deutschlands, von dem wir Deutschen gern als Piefkes bezeichnet werden. Das ist auf derselben Ebene wie bei uns die Österreicher abqualifiziert werden. Witze darüber gibts ja mehr als genug. Aber im deutschen Theater, da haftet ihnen doch ein gewisser Ostfriesencharme an. Kein Dialekt dringt so hemmungslos durch wie jener dieses Bergvolkes. Da wird geknödelt und geschmiert – und das auch noch als Charme ausgegeben. Und so mancher Reporter(in) findet das ganz süß, tiriliert und zwitschert, jubiliert über diese „Kunst“ und ihren Schmäh. So ist das halt, wenn man auf dem Leim daherkriecht, auch wenn er süß schmeckt.

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