Das war ein Wochenende. Richtig verwöhnt wurden unsere
Festles-Freunde vom Wetter. Das Kulturereignis – so die überregionale
Tageszeitung aus Stuttgart – sei das „Woodstock für Doppel-Twens auf der
Bietigheimer Festwiese vor der eindrucksvollen Kulisse des Eisenbahnviadukts“
gewesen. Rock-Veteranen entzückten alte
und junge Fans. Kein Wort im Blatt über das Gaffenberg-Festival „Heilbronner
Kulturtage“. Es war ja auch ein Trubel am Wochenende im Unterland: Biberacher
Kultursommer, Duttenberger Musikfestival, Freilichttheaterpremieren in
Weinsberg und Möckmühl sowie Gassenfeste en masse. Viele haben erkannt, daß es
die Leut an schönen Sommertagen und -abenden ins Freie zieht. Entweder es wird
eine private Gartenparty gefeiert, aber da kommen dann nur jene, die zuvor
eingeladen wurden, oder aber irgendein Verein, es können auch ganze
Vereinsgruppen sein, veranstaltet ein Fest für alle Bürger. Wenn Essen und Trinken bereitgestellt wird,
kann ganz schön was in die Kasse kommen, zumal die Mitglieder umsonst kochen
und Getränke ausschenken. Wenn dann noch eine Blaskapelle aufspielt oder
eine volksnahe Band muntere Weisen zum Besten gibt, dann ist Glückseligkeit für
viele gegeben. Wir kennen die Spannbreite zwischen den eleganten Sommerfesten und
Rummelplätzen. Irgendwo dazwischen liegen unsere Gassen- und kleinen
Dorf-Kultur-Feste. Der Vorteil: Man kennt sich, trifft viele Bekannte, an denen
man das Jahr über schnell in der Hektik des Alltags vorübergeht. Kurz: Das gesellige
Beisammensein wird bei derartigen Sommer-Vergnügen gepflegt. Allerorten im
Lande. Aber die Zeiten ändern sich: Wenn alle am Boom dieser (Kultur-)Feste
teilhaben wollen, wird der Kuchen eben kleiner, den es zu verteilen gilt. Das
ist halt so im alltäglichen Leben. Hat einer ‘ne gute Idee, mit der er schnell
viel Geld verdienen kann, sind die Nachahmer hurtig zur Stelle und schmarotzen.
Johanna geht
Scherben gab es reichlich. Ganze Tabletts mit Gläsern
gingen zu Bruch, als die Heilbronner CDU ihrer Stadträtin und Fraktionsvorsitzenden auf dem Rathaus Johanna Lichy ein
fröhliches Glückauf mittels eines Empfangs in der guten Stube Heilbronns, der
Harmonie, mit auf dem Weg ins harte Stuttgarter Amt gab. Am Anfang und am Ende
des kleines Festes ging Glas zu Bruch. Aber Scherben bringen bekanntlich Glück,
sagt der Volksmund. Johanna Lichy hatte ja am 24. März nicht nur dem
amtierenden baden-württembergischen Wirtschaftsminister und SPD-Spitzenkandidat Dr. Dieter Spöri in seinem Heilbronner Wahlkreis das Direktmandat
abgejagt, sie wurde auch nach den Koalitionsvereinbarungen mit der FDP gleich
noch von Erwin Teufel ins Kabinett
geholt, zum Erstaunen und Entsetzen vieler ihrer Parteifreunde. Hinter
vorgehaltener Hand flüsterte in Stuttgart so mancher enttäuschte CDU-Parlamentarier
Journalisten seinen Zorn ins Ohr über diese unverhoffte Berufung eines
Frischlings. Ihr Ziehvater, Erwin Teufel, bekam dann auch prompt seine Quittung
ob dieses unbotmäßigen Verhaltens: Im
ersten Wahlgang zum Ministerpräsidenten fiel er mit Pauken und Trompeten durch.
Und auch im zweiten Wahlkampf erhielt er nicht alle Stimmen der neuen
schwarz-gelben Koalition im Stuttgarter Landtag. Jetzt ist Schadenbegrenzung
angesagt. Gut Wetter soll gemacht werden. Aber die Narben sind noch nicht
verheilt. Johanna Lichy bläst der Stuttgarter Wind, vor allem aus ihrer eigenen
Fraktion, derzeit kräftig ins Gesicht. Jeden ihrer Schritte werden die Politprofis in der Landeshauptstadt mit
Argusaugen beobachten. Da ist es dann schon wichtig, daß man im heimatlichen Wahlkreis
die Partei hinter sich weiß. Zumal ihr CDU-Vorgänger im Amt Hermann Mühlbeyer auch aus dem
Unterland kommt. Der hatte acht Jahre dieses Geschäft am Hals und könnte ihr
jetzt mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Mal sehen, ob das Duo ein Tandem wird.
Das Berg-Fest
„Wo geht’s denn hier zum Gaffenberg?“, wollten
Radfahrer von hundeausführenden Spaziergängern im Gaffenberg-Wald wissen. „Ach,
des isch dort, wo des Feschd gefeiert wird“, kommentierte lakonisch das
Herrchen und wies den Weg. Damit waren die Heilbronner
Kulturtage allerdings höchst unzureichend charakterisiert. Schließlich
boten sie als Gaffenberg-Festival eine breite Palette an
künstlerisch-wertvollen Ereignissen aus ganz Europa. Auch wenn der
Anarcho-Clown Jango Edwards viele Pfiffe, Buhrufe und Bierspritzer aus dem
Publikum am Eröffnungsabend ertragen mußte. Hatte er doch viele unflätige
Schimpfkanonaden in Richtung Vereinigte Staaten und unsere Gesellschaft
losgelassen. Manche verließen kopfschüttelnd die Veranstaltung (auch Sponsoren),
ebenso wie jenen Auftritt von El Vez, bei dem rote Fahnen entrollt wurden
(„Symbol der Arbeiterbewegung“), in Guerilla-Kampfanzügen mit
Maschinengewehr-Imitaten gerockt, geschrieen, gesungen und getanzt wurde. Dafür
wurden die Kulturtage-Süchtigen in vielen anderen Veranstaltungen angenehm
entschädigt, mit Hör- und Sehgenüssen, die ansonsten in der Käthchenstadt
selten vorhanden sind – zum Beispiel der A-Capella-Gruppe Pow Wow. Manche
Kritikaster meinten zwar, jetzt seien die echten Birkenstock-Träger unter sich
(das Paar für mehr als 130 Mark). Bier im Wert von fünf und das Schälchen Essen
für sechs Mark können sich Imitat-träger kaum leisten. Ordentliche Preise,
teilweise mit 25-Prozent-Aufschlag im Vergleich zum letzten Fest. Schleppten
deshalb die weniger Betuchten (Schüler und Studenten?) das Vesper im Rucksäckle
mit sich herum? So ein langer Kulturtag auf dem Gaffenberg im Wald, der sich
vom späten Nachmittag bis in die tiefe Nacht hinzieht, schlaucht halt den Body
und macht ordentlich hungrig und durstig. Und dann fragte doch ein ganz Naiver
die herumflanierenden Lehrer-Künstler von der schwäbischen Kabarett-Truppe NeueMuseumsGesellschaft, warum sie
denn heuer nicht auf dem Gaffenberg spielen. Antwort: Kleinkünstler spielen
halt nicht in Bierzelten. Vielleicht im nächsten Jahr mal wieder, beim
10-jährigen Kulturtage-Jubiläum. Zwischendurch gibt's ja noch viele
Betriebsfeste, auf denen die NMG-Kleinstkünstler sich ein gutes Zubrot
verdienen können.
Pleiten, Pech und Pannen
Alles soll besser und schöner, größer und prächtiger
werden. Schaut man sich die Städte um Heilbronn
herum an – Eppingen, Schwäbisch Hall,
Neckarsulm, Ludwigsburg oder Öhringen –, dann kann man bestaunen: In den
letzten zehn oder fünfzehn Jahren hat sich hier einiges getan. Und zwar hin zum
Besseren. Eine positive Entwicklung ist feststellbar. Verständlich daß die
Bürger auch ein wenig stolz auf diese, ihre Gemeinden sind. In Heilbronn ist
die Sache ein wenig anders verlaufen. Man war in den siebziger und achtziger
Jahren stolz, die Metropole der Region Franken zu sein – und ist in der
Entwicklung stehengeblieben. Entwicklungen müssen mit der Lupe gesucht werden.
Innovationen? Auch wenn die Propaganda der Stadt auf Hochtouren läuft, alle Kritikaster als Nörgler und
Besserwisser niedergemacht werden, an den Tatsachen kommt auch in Heilbronn
niemand vorbei. In der Innenstadt schließen viele Einzelhändler ihre Geschäfte.
In der vergangenen Woche erst wieder zwei: Pick Sport Markt und Schöner Wohnen.
Die Mieten sind zu hoch, die verkehrstechnische Anbindung läßt zu wünschen
übrig, die Kunden wandern ab in die großen Einkaufszentren auf der grünen Wiese
oder kaufen in den kleineren Städten um Heilbronn ein. Und außerdem hat selbst
der einkaufswillige Mensch dank hoher Steuern und immenser Abgaben kein Geld
mehr im Säckel. Krisenmanagement ist eigentlich in Heilbronn gefordert, nicht nur wegen des
Rathausskandals, sondern auch wegen der wirtschaftlichen Lage in der City.
Wagner-Worte
Unser Theaterintendant in Heilbronn Klaus Wagner ist reichlich zornig.
Seine Theaterarbeit wird unter Wert in den Gazetten beurteilt und besprochen.
In seiner Hauspostille „toitoitoi“ schreibt er an die „Lieben Theaterfreunde“
deshalb bemerkenswerte Zeilen. „Jetzt
ist Sommer!“, steht dort zu lesen. „Wenn
man da in die Zeitung schaut, hat man den Eindruck, daß Theater eigentlich nur
aus Freilichtveranstaltungen besteht. Die ‘richtigen’ Theater, die den
Spannungsbogen zwischen Anspruch und Genuß zu ihrem mühsamen Tagesgeschäft
gemacht haben, die gehen auf die Jahrespause zu, machen Bilanz und hinter
verschlossenen Türen schon die Arbeit der nächsten Saison. Im öffentlichen Bild
herrschen die Fotos der Burggräben und Burghöfe, der Treppen und Efeu-Spaliere
und davor oft ein Schauspieler, den man in einer Fernsehserie oder in einem
Werbespot gesehen hat.“ Man könnte diesen Wagner-Worten hinzusetzen: Und
die Falterchen, die während des lauen Sommerabends im Kegel des
Scheinwerferlichts kreisen, sind herrlich choreografiert. Auch die Amseln auf
den Dächern zwitschern munter in die leisesten Textpassagen der großen Dichter
hinein. Besser hätte es niemand inszenieren können. Mutter Natur ist immer noch der bester
Dramaturg. Aber unser Intendant kommt zu einer anderen Schlußfolgerung in
seiner Beschreibung: „Sie, liebe Theaterfreunde, genießen in diesen Monaten mit
Recht das gute Gefühl, das sich einstellt, wenn das Erwartete eintritt, wenn
Theater sich ohne jedes ärgerliche Körnchen Pfeffer genußvoll mit dem Reiz von
Natur verbindet und wenn die Kuckucke mit dem Mond und der Schauspielerei
wetteifern. Das ist gut so, denn es ist Sommer.“ Aber laßt erst mal den Herbst
oder Winter kommen, könnte ich jetzt schlußfolgern, dann müßt ihr wieder ins
Große Haus am Berliner Platz oder in die Kammerspiele. Dann gibt’s was auf die Ohren.
Nein, Klaus Wagner formuliert es eleganter: „Wenn der Herbst und dann der Winter kommt, steigen natürlich auch
wieder die Ansprüche mancher Theaterbesucher.“ Eben, nur die Ansprüche von
manchen. Ein Elend ist das!?!
Soldatinnen
Frauen und Bundeswehr – ein schon mehrmals in der
deutschen Politik durchgekautes Thema. Es gibt ja auch immer wieder was her.
Denn so einige emanzipierte oder nach voller Emanzipation drängende
Politikerinnen werden sehr nervös, wenn es um die Gleichstellung von Frau und
Mann in Bezug auf die Wehrpflicht geht. Bei anderen Politikfeldern sind sie
sehr lautstark im Fordern, in diesem Fall wird kühl auf die Arbeit verwiesen,
die für „frau“ auf dem Felde der Gleichstellung noch zu tun ist. Erst wenn alle anderen Probleme in der
Gleichstellung von Mann und Frau befriedigend gelöst seien, könne, solle und
wolle man/frau sich ja der Bundeswehr und der Wehrgerechtigkeit zuwenden.
Vorher nicht. Nun ist die Frage nach Gleichheit nicht teilbar und die Zeiten,
in denen über diesen oder jenen Aspekt diskutiert wird, dürfen nicht nur von
Gruppeninteressen abhängig sein. Auch geht es nicht an, daß Denkverbote in
diese oder eine andere Richtung von der Politik vorgegeben werden. Völlig
unglaubwürdig ist auf jeden Fall der Ansatz, daß zunächst einmal Armeen
überflüssig gemacht werden, damit sich das Problem der Wehrgerechtigkeit von
selbst erledige. Ich habe so langsam den Eindruck, daß es manchen Frauen in der
Politik nur um die Rosinen kümmern, wenn es um das weite Feld der Gleichheit
und Emanzipation geht. Noch kurioser argumentieren Politikerinnen, die
süffisant lächelnd behaupten: Wenn wir erst mal eine Berufsarmee haben, dann
solle man es den Frauen, die zu den Soldaten wollen, überlassen, ob sie wollen
oder nicht. Das klingt dann so, als ob
bei einer Berufsarmee die Soldaten oder Soldatinnen ja eh nur Bürger zweiter
Klasse seien. Bei dieser Debatte zeigt sich erneut, wie schlimm in der
Politik unserer Tage gerade von denen geheuchelt wird, die ansonsten vorgeben,
das Banner der Aufrichtigkeit vor sich herzutragen.
Offen bis 20 Uhr?
Sie erinnern sich noch, welch ein Gezerre es gab, als
es um den langen Donnerstag in Deutschland ging. Vor allem die Gewerkschaften
malten den Untergang des Einzelhandels an die Wand. Dann war er da. Und es
pendelte sich zum Wohlgefallen aller irgendwie ein. Jene Geschäfte, die kein
Interesse an diesen verlängerten Öffnungszeiten hatten, ließen alsbald ihre
Türen geschlossen. Andere, die feststellten, daß sie mehr Umsatz mit der
Verlängerung machen konnten, lassen seitdem die Pforten bis 20.30 Uhr für die
Kunden offen. Nun ist es gottseidank endgültig, daß ab Spätherbst diesen Jahres die Läden bis 20 Uhr täglich (außer
samstags bis 16 Uhr) geöffnet haben dürfen. Eine halbherzige Lösung der
Politik, die Ausländer nur den Kopf schütteln läßt. Aber in Deutschland werden
Reglementierungen durch den Staat von Teilen der Bevölkerung heftig erwünscht.
Und manche sehnen sich ja geradezu nach diktatorischen Verhältnissen zurück
(siehe DDR), weil da doch alles so schön geordnet war. Beim Ladenschluß können
einige Organisationen sich eine Freigabe überhaupt nicht vorstellen – es könnte
ja Anarchie ausbrechen. Dabei haben wir sie schon. Versuchen Sie einmal am
Morgen einzukaufen. Vor neun oder zehn Uhr. Bei den Ladenöffnungszeiten macht
gerade jeder, was er will, werden die Kunden an der Nase herumgeführt. Auch die
Mittagszeit ist vielen eine zweistündige Schließung wert. Offenbar kann in der
übrigen Zeit genügend an die Kunden verkauft werden. Warum also dann noch reglementierte
Ladenschlußzeiten? Soll doch jener, der meint ab 18 Uhr brauche er seine Kunden
nicht mehr, seinen Laden zumachen.
Andere, die verdienen wollen, werden ihre Geschäftszeiten den Kundenwünschen
schon anpassen. Aber soweit sind wir noch nicht.
Märchen - begeistert
Jagsthausen ‘96 – das sind die Burgfestspiele unter
der künstlerischen Leitung von Arnold Petersen, der Schirmherrschaft des
Bundespräsidenten Professor Dr. Roman
Herzog und der Vorsitzenden Alexandra
Freifrau von Berlichingen. Neben dem obligatorischen „Götz“ – von den
Gastspielen einmal abgesehen – gibt’s heuer das Musical „Kiss me Kate“ und das
Kinderstück „Schneewittchen“ im Burghof zu bestaunen. Nach dem Märchen der
Brüder Grimm wurde „Schneewittchen“ für den Burghof eingerichtet und inszeniert
von Jan Aust – mit Musik von Thomas Klinger. Begeistert sind nicht
nur die Zuschauer, Kinder und Eltern, von dieser Aufführung, sondern auch die
Schulkinder von Jagsthausen, die als Zwerge im Stück auftreten. Auch wenn mir
neulich ein zorniger Zeitgenosse von einer verregneten Aufführung berichtete,
die er lieber wegen den himmlischen Wassermassen unterbrochen gesehen hätte.
Und bei der ihm die Schulkinder-Zwerge entsetzlich leid taten, weil sie unter
derart miesen Bedingungen spielen mußten. Das sei „Kinderarbeit unter sehr
merkwürdigen Bedingungen“, meinte er. Dem widersprechen die Burgfestspiele
verständlicherweise entschieden. Außerdem habe ich erfahren, daß gerade diese
Kinder-Schauspieler geradezu Aufstände vollführen, wenn wegen Regens einmal eine
Vorstellung unterbrochen oder gar abgebrochen werden soll. Sie wollen offenbar
immer wieder mit aller Macht auf die Bühne, um ihren Altersgenossen
vorzuführen, was sie alles einstudiert haben. Ich kann nur hoffen, daß Petrus
den Burgfestspielen (und natürlich auch allen anderen Freilichttheatern bei uns
in der Region) in den nächsten Wochen ein wenig mehr gesonnen ist als bisher.
Vor allem aber den Jagsthäusern. Weil dort neben den Profis nicht nur besagte
Kinder, sondern auch viele Erwachsene
als Laienspieler auf der Bühne, die mit diesem Hobby ihren Feierabend
sinnvoll - zur Freude der Besucher – verbringen. Wer noch Karten für eine
Jagsthäuser Vorstellung will, muß sich sputen: Telefon 07943-912345 oder per
Fax 07943-912440 und 912450.
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