Freitag, 21. Februar 2014

Kiliansmännle, 17.07.1996




Festles-Kultur
Das war ein Wochenende. Richtig verwöhnt wurden unsere Festles-Freunde vom Wetter. Das Kulturereignis – so die überregionale Tageszeitung aus Stuttgart – sei das „Woodstock für Doppel-Twens auf der Bietigheimer Festwiese vor der eindrucksvollen Kulisse des Eisenbahnviadukts“ gewesen. Rock-Veteranen entzückten  alte und junge Fans. Kein Wort im Blatt über das Gaffenberg-Festival „Heilbronner Kulturtage“. Es war ja auch ein Trubel am Wochenende im Unterland: Biberacher Kultursommer, Duttenberger Musikfestival, Freilichttheaterpremieren in Weinsberg und Möckmühl sowie Gassenfeste en masse. Viele haben erkannt, daß es die Leut an schönen Sommertagen und -abenden ins Freie zieht. Entweder es wird eine private Gartenparty gefeiert, aber da kommen dann nur jene, die zuvor eingeladen wurden, oder aber irgendein Verein, es können auch ganze Vereinsgruppen sein, veranstaltet ein Fest für alle Bürger. Wenn Essen und Trinken bereitgestellt wird, kann ganz schön was in die Kasse kommen, zumal die Mitglieder umsonst kochen und Getränke ausschenken. Wenn dann noch eine Blaskapelle aufspielt oder eine volksnahe Band muntere Weisen zum Besten gibt, dann ist Glückseligkeit für viele gegeben. Wir kennen die Spannbreite zwischen   den eleganten Sommerfesten und Rummelplätzen. Irgendwo dazwischen liegen unsere Gassen- und kleinen Dorf-Kultur-Feste. Der Vorteil: Man kennt sich, trifft viele Bekannte, an denen man das Jahr über schnell in der Hektik des Alltags vorübergeht. Kurz: Das gesellige Beisammensein wird bei derartigen Sommer-Vergnügen gepflegt. Allerorten im Lande. Aber die Zeiten ändern sich: Wenn alle am Boom dieser (Kultur-)Feste teilhaben wollen, wird der Kuchen eben kleiner, den es zu verteilen gilt. Das ist halt so im alltäglichen Leben. Hat einer ‘ne gute Idee, mit der er schnell viel Geld verdienen kann, sind die Nachahmer hurtig zur Stelle und schmarotzen.

Johanna geht
Scherben gab es reichlich. Ganze Tabletts mit Gläsern gingen zu Bruch, als die Heilbronner CDU ihrer Stadträtin und Fraktionsvorsitzenden auf dem Rathaus Johanna Lichy ein fröhliches Glückauf mittels eines Empfangs in der guten Stube Heilbronns, der Harmonie, mit auf dem Weg ins harte Stuttgarter Amt gab. Am Anfang und am Ende des kleines Festes ging Glas zu Bruch. Aber Scherben bringen bekanntlich Glück, sagt der Volksmund. Johanna Lichy hatte ja am 24. März nicht nur dem amtierenden baden-württembergischen Wirtschaftsminister  und SPD-Spitzenkandidat Dr. Dieter Spöri in seinem Heilbronner Wahlkreis das Direktmandat abgejagt, sie wurde auch nach den Koalitionsvereinbarungen mit der FDP gleich noch von Erwin Teufel ins Kabinett geholt, zum Erstaunen und Entsetzen vieler ihrer Parteifreunde. Hinter vorgehaltener Hand flüsterte in Stuttgart so mancher enttäuschte CDU-Parlamentarier Journalisten seinen Zorn ins Ohr über diese unverhoffte Berufung eines Frischlings. Ihr Ziehvater, Erwin Teufel, bekam dann auch prompt seine Quittung ob dieses unbotmäßigen Verhaltens: Im ersten Wahlgang zum Ministerpräsidenten fiel er mit Pauken und Trompeten durch. Und auch im zweiten Wahlkampf erhielt er nicht alle Stimmen der neuen schwarz-gelben Koalition im Stuttgarter Landtag. Jetzt ist Schadenbegrenzung angesagt. Gut Wetter soll gemacht werden. Aber die Narben sind noch nicht verheilt. Johanna Lichy bläst der Stuttgarter Wind, vor allem aus ihrer eigenen Fraktion, derzeit kräftig ins Gesicht. Jeden ihrer Schritte werden die  Politprofis in der Landeshauptstadt mit Argusaugen beobachten. Da ist es dann schon wichtig, daß man im heimatlichen Wahlkreis die Partei hinter sich weiß. Zumal ihr CDU-Vorgänger im Amt Hermann Mühlbeyer auch aus dem Unterland kommt. Der hatte acht Jahre dieses Geschäft am Hals und könnte ihr jetzt mit Rat und Tat zur Seite stehen.  Mal sehen, ob das Duo ein Tandem wird.

Das Berg-Fest
„Wo geht’s denn hier zum Gaffenberg?“, wollten Radfahrer von hundeausführenden Spaziergängern im Gaffenberg-Wald wissen. „Ach, des isch dort, wo des Feschd gefeiert wird“, kommentierte lakonisch das Herrchen und wies den Weg. Damit waren die Heilbronner Kulturtage allerdings höchst unzureichend charakterisiert. Schließlich boten sie als Gaffenberg-Festival eine breite Palette an künstlerisch-wertvollen Ereignissen aus ganz Europa. Auch wenn der Anarcho-Clown Jango Edwards viele Pfiffe, Buhrufe und Bierspritzer aus dem Publikum am Eröffnungsabend ertragen mußte. Hatte er doch viele unflätige Schimpfkanonaden in Richtung Vereinigte Staaten und unsere Gesellschaft losgelassen. Manche verließen kopfschüttelnd die Veranstaltung (auch Sponsoren), ebenso wie jenen Auftritt von El Vez, bei dem rote Fahnen entrollt wurden („Symbol der Arbeiterbewegung“), in Guerilla-Kampfanzügen mit Maschinengewehr-Imitaten gerockt, geschrieen, gesungen und getanzt wurde. Dafür wurden die Kulturtage-Süchtigen in vielen anderen Veranstaltungen angenehm entschädigt, mit Hör- und Sehgenüssen, die ansonsten in der Käthchenstadt selten vorhanden sind – zum Beispiel der A-Capella-Gruppe Pow Wow. Manche Kritikaster meinten zwar, jetzt seien die echten Birkenstock-Träger unter sich (das Paar für mehr als 130 Mark). Bier im Wert von fünf und das Schälchen Essen für sechs Mark können sich Imitat-träger kaum leisten. Ordentliche Preise, teilweise mit 25-Prozent-Aufschlag im Vergleich zum letzten Fest. Schleppten deshalb die weniger Betuchten (Schüler und Studenten?) das Vesper im Rucksäckle mit sich herum? So ein langer Kulturtag auf dem Gaffenberg im Wald, der sich vom späten Nachmittag bis in die tiefe Nacht hinzieht, schlaucht halt den Body und macht ordentlich hungrig und durstig. Und dann fragte doch ein ganz Naiver die herumflanierenden Lehrer-Künstler von der schwäbischen Kabarett-Truppe NeueMuseumsGesellschaft, warum sie denn heuer nicht auf dem Gaffenberg spielen. Antwort: Kleinkünstler spielen halt nicht in Bierzelten. Vielleicht im nächsten Jahr mal wieder, beim 10-jährigen Kulturtage-Jubiläum. Zwischendurch gibt's ja noch viele Betriebsfeste, auf denen die NMG-Kleinstkünstler sich ein gutes Zubrot verdienen können.

Pleiten, Pech und Pannen
Alles soll besser und schöner, größer und prächtiger werden. Schaut man sich die Städte um Heilbronn herum an – Eppingen, Schwäbisch Hall, Neckarsulm, Ludwigsburg oder Öhringen –, dann kann man bestaunen: In den letzten zehn oder fünfzehn Jahren hat sich hier einiges getan. Und zwar hin zum Besseren. Eine positive Entwicklung ist feststellbar. Verständlich daß die Bürger auch ein wenig stolz auf diese, ihre Gemeinden sind. In Heilbronn ist die Sache ein wenig anders verlaufen. Man war in den siebziger und achtziger Jahren stolz, die Metropole der Region Franken zu sein – und ist in der Entwicklung stehengeblieben. Entwicklungen müssen mit der Lupe gesucht werden. Innovationen? Auch wenn die Propaganda der Stadt auf Hochtouren läuft, alle Kritikaster als Nörgler und Besserwisser niedergemacht werden, an den Tatsachen kommt auch in Heilbronn niemand vorbei. In der Innenstadt schließen viele Einzelhändler ihre Geschäfte. In der vergangenen Woche erst wieder zwei: Pick Sport Markt und Schöner Wohnen. Die Mieten sind zu hoch, die verkehrstechnische Anbindung läßt zu wünschen übrig, die Kunden wandern ab in die großen Einkaufszentren auf der grünen Wiese oder kaufen in den kleineren Städten um Heilbronn ein. Und außerdem hat selbst der einkaufswillige Mensch dank hoher Steuern und immenser Abgaben kein Geld mehr im Säckel. Krisenmanagement ist eigentlich in Heilbronn  gefordert, nicht nur wegen des Rathausskandals, sondern auch wegen der wirtschaftlichen Lage in der City.

Wagner-Worte
Unser Theaterintendant in Heilbronn Klaus Wagner ist reichlich zornig. Seine Theaterarbeit wird unter Wert in den Gazetten beurteilt und besprochen. In seiner Hauspostille „toitoitoi“ schreibt er an die „Lieben Theaterfreunde“ deshalb  bemerkenswerte Zeilen. „Jetzt ist Sommer!“, steht dort zu lesen. „Wenn man da in die Zeitung schaut, hat man den Eindruck, daß Theater eigentlich nur aus Freilichtveranstaltungen besteht. Die ‘richtigen’ Theater, die den Spannungsbogen zwischen Anspruch und Genuß zu ihrem mühsamen Tagesgeschäft gemacht haben, die gehen auf die Jahrespause zu, machen Bilanz und hinter verschlossenen Türen schon die Arbeit der nächsten Saison. Im öffentlichen Bild herrschen die Fotos der Burggräben und Burghöfe, der Treppen und Efeu-Spaliere und davor oft ein Schauspieler, den man in einer Fernsehserie oder in einem Werbespot gesehen hat.“ Man könnte diesen Wagner-Worten hinzusetzen: Und die Falterchen, die während des lauen Sommerabends im Kegel des Scheinwerferlichts kreisen, sind herrlich choreografiert. Auch die Amseln auf den Dächern zwitschern munter in die leisesten Textpassagen der großen Dichter hinein. Besser hätte es niemand inszenieren können.  Mutter Natur ist immer noch der bester Dramaturg. Aber unser Intendant kommt zu einer anderen Schlußfolgerung in seiner Beschreibung: „Sie, liebe Theaterfreunde, genießen in diesen Monaten mit Recht das gute Gefühl, das sich einstellt, wenn das Erwartete eintritt, wenn Theater sich ohne jedes ärgerliche Körnchen Pfeffer genußvoll mit dem Reiz von Natur verbindet und wenn die Kuckucke mit dem Mond und der Schauspielerei wetteifern. Das ist gut so, denn es ist Sommer.“ Aber laßt erst mal den Herbst oder Winter kommen, könnte ich jetzt schlußfolgern, dann müßt ihr wieder ins Große Haus am Berliner Platz oder in die Kammerspiele. Dann gibt’s was auf die Ohren. Nein, Klaus Wagner formuliert es eleganter: „Wenn der Herbst und dann der Winter kommt, steigen natürlich auch wieder die Ansprüche mancher Theaterbesucher.“ Eben, nur die Ansprüche von manchen. Ein Elend ist das!?!

Soldatinnen
Frauen und Bundeswehr – ein schon mehrmals in der deutschen Politik durchgekautes Thema. Es gibt ja auch immer wieder was her. Denn so einige emanzipierte oder nach voller Emanzipation drängende Politikerinnen werden sehr nervös, wenn es um die Gleichstellung von Frau und Mann in Bezug auf die Wehrpflicht geht. Bei anderen Politikfeldern sind sie sehr lautstark im Fordern, in diesem Fall wird kühl auf die Arbeit verwiesen, die für „frau“ auf dem Felde der Gleichstellung noch zu tun ist. Erst wenn alle anderen Probleme in der Gleichstellung von Mann und Frau befriedigend gelöst seien, könne, solle und wolle man/frau sich ja der Bundeswehr und der Wehrgerechtigkeit zuwenden. Vorher nicht. Nun ist die Frage nach Gleichheit nicht teilbar und die Zeiten, in denen über diesen oder jenen Aspekt diskutiert wird, dürfen nicht nur von Gruppeninteressen abhängig sein. Auch geht es nicht an, daß Denkverbote in diese oder eine andere Richtung von der Politik vorgegeben werden. Völlig unglaubwürdig ist auf jeden Fall der Ansatz, daß zunächst einmal Armeen überflüssig gemacht werden, damit sich das Problem der Wehrgerechtigkeit von selbst erledige. Ich habe so langsam den Eindruck, daß es manchen Frauen in der Politik nur um die Rosinen kümmern, wenn es um das weite Feld der Gleichheit und Emanzipation geht. Noch kurioser argumentieren Politikerinnen, die süffisant lächelnd behaupten: Wenn wir erst mal eine Berufsarmee haben, dann solle man es den Frauen, die zu den Soldaten wollen, überlassen, ob sie wollen oder nicht. Das klingt dann so, als ob bei einer Berufsarmee die Soldaten oder Soldatinnen ja eh nur Bürger zweiter Klasse seien. Bei dieser Debatte zeigt sich erneut, wie schlimm in der Politik unserer Tage gerade von denen geheuchelt wird, die ansonsten vorgeben, das Banner der Aufrichtigkeit vor sich herzutragen.

Offen bis 20 Uhr?
Sie erinnern sich noch, welch ein Gezerre es gab, als es um den langen Donnerstag in Deutschland ging. Vor allem die Gewerkschaften malten den Untergang des Einzelhandels an die Wand. Dann war er da. Und es pendelte sich zum Wohlgefallen aller irgendwie ein. Jene Geschäfte, die kein Interesse an diesen verlängerten Öffnungszeiten hatten, ließen alsbald ihre Türen geschlossen. Andere, die feststellten, daß sie mehr Umsatz mit der Verlängerung machen konnten, lassen seitdem die Pforten bis 20.30 Uhr für die Kunden offen. Nun ist es gottseidank endgültig, daß ab Spätherbst diesen Jahres die Läden bis 20 Uhr täglich (außer samstags bis 16 Uhr) geöffnet haben dürfen. Eine halbherzige Lösung der Politik, die Ausländer nur den Kopf schütteln läßt. Aber in Deutschland werden Reglementierungen durch den Staat von Teilen der Bevölkerung heftig erwünscht. Und manche sehnen sich ja geradezu nach diktatorischen Verhältnissen zurück (siehe DDR), weil da doch alles so schön geordnet war. Beim Ladenschluß können einige Organisationen sich eine Freigabe überhaupt nicht vorstellen – es könnte ja Anarchie ausbrechen. Dabei haben wir sie schon. Versuchen Sie einmal am Morgen einzukaufen. Vor neun oder zehn Uhr. Bei den Ladenöffnungszeiten macht gerade jeder, was er will, werden die Kunden an der Nase herumgeführt. Auch die Mittagszeit ist vielen eine zweistündige Schließung wert. Offenbar kann in der übrigen Zeit genügend an die Kunden verkauft werden. Warum also dann noch reglementierte Ladenschlußzeiten? Soll doch jener, der meint ab 18 Uhr brauche er seine Kunden nicht mehr,  seinen Laden zumachen. Andere, die verdienen wollen, werden ihre Geschäftszeiten den Kundenwünschen schon anpassen. Aber soweit sind wir noch nicht.

Märchen - begeistert
Jagsthausen ‘96 – das sind die Burgfestspiele unter der künstlerischen Leitung von Arnold Petersen, der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Professor Dr. Roman Herzog und der Vorsitzenden Alexandra Freifrau von Berlichingen. Neben dem obligatorischen „Götz“ – von den Gastspielen einmal abgesehen – gibt’s heuer das Musical „Kiss me Kate“ und das Kinderstück „Schneewittchen“ im Burghof zu bestaunen. Nach dem Märchen der Brüder Grimm wurde „Schneewittchen“ für den Burghof eingerichtet und inszeniert von Jan Aust – mit Musik von Thomas Klinger. Begeistert sind nicht nur die Zuschauer, Kinder und Eltern, von dieser Aufführung, sondern auch die Schulkinder von Jagsthausen, die als Zwerge im Stück auftreten. Auch wenn mir neulich ein zorniger Zeitgenosse von einer verregneten Aufführung berichtete, die er lieber wegen den himmlischen Wassermassen unterbrochen gesehen hätte. Und bei der ihm die Schulkinder-Zwerge entsetzlich leid taten, weil sie unter derart miesen Bedingungen spielen mußten. Das sei „Kinderarbeit unter sehr merkwürdigen Bedingungen“, meinte er. Dem widersprechen die Burgfestspiele verständlicherweise entschieden. Außerdem habe ich erfahren, daß gerade diese Kinder-Schauspieler geradezu Aufstände vollführen, wenn wegen Regens einmal eine Vorstellung unterbrochen oder gar abgebrochen werden soll. Sie wollen offenbar immer wieder mit aller Macht auf die Bühne, um ihren Altersgenossen vorzuführen, was sie alles einstudiert haben. Ich kann nur hoffen, daß Petrus den Burgfestspielen (und natürlich auch allen anderen Freilichttheatern bei uns in der Region) in den nächsten Wochen ein wenig mehr gesonnen ist als bisher. Vor allem aber den Jagsthäusern. Weil dort neben den Profis nicht nur besagte Kinder, sondern auch viele Erwachsene  als Laienspieler auf der Bühne, die mit diesem Hobby ihren Feierabend sinnvoll - zur Freude der Besucher – verbringen. Wer noch Karten für eine Jagsthäuser Vorstellung will, muß sich sputen: Telefon 07943-912345 oder per Fax 07943-912440 und 912450.

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