Sonntag, 23. Februar 2014

Kiliansmännle, 30.10.1996




Strammer Max
Zu welchem Zeitpunkt „frau“ so in den besten Jahren ist, darüber läßt sich streiten. Anfang Dreißig oder vielleicht auch später? So manche meiner Geschlechtsgenossinnen sieht gar um die  Vierzig noch super aus. Noch ein paar Jährchen älter, aber attraktiver denn je: Die Burgfestspiele Jagsthausen. Sie gehen in ihr 48. Jahr. Natürlich gibt es in der Spielzeit 1997 wieder das „Jagsthäuser Muß“: Götz von Berlichingen. Ebenso das Musical „Kiss me, Kate“. Freuen können sich auch die Kids: Erstens auf „Rumpelstilzchen“ und zweitens auf den „Kindertag im Burghof“. Bei hoffentlich hochsommerlichem Wetter. 1997 wollen die Open-Air-Profis an der Jagst aber noch einen Zahn zulegen. Neben dem Burghof warten sie mit zwei neuen Spielstätten auf: Der Bergwaldhalle der Gemeinde Jagsthausen und dem Rittersaal in der Götzenburg. Das ist die frohe Botschaft für alle Evas: Kultur erleben ohne dicke Wolldecke oder Regenmantel. Das Hair-Styling überlebt den Abend ohne naß zu werden. Den Auftakt macht Cornelia Froboess. Die einstige Berliner Göre kommt mit „Berliner Satire“. Schon im März. Weitere Höhepunkte folgen. Ich freue mich vor allem auf den „strammen Max“. Herr Raabe und sein Palastorchester beklagen sich wieder, weil „Kein Schwein...“ sie anruft. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß die Burgfestspiele jetzt im Internet sind. Da werde ich am 2. Dezember auch mal reinsurfen, wenn der Vorverkauf beginnt.

Schöne Zeiten
Irgendwann im nächsten Jahrtausend – also vielleicht schon in zehn Jahren könnten Olympische Spiele im Ruhrgebiet stattfinden. Und dann könne kaum jemand mehr die Sportler aus allen Teilen der Welt von den Einheimischen dort unterscheiden. Behauptete neulich ein Moderator im Fernsehen. Warum nicht? Na, weil dann ja alle in Trainingsanzügen durch die Gegend laufen. Wär ja auch nicht weiter schlimm. Denn es gibt auch genügend Männer, die immer noch weiße Socken zu ihren Anzügen tragen. Geschmack ist halt eine ganz individuelle Angelegenheit – und kennzeichnet doch immer wieder sehr genau den Träger. Warum sich deutsche Politiker in Batik-Bindern gefallen oder mülleimergraue Hosen und Waschseidenblousons à la Klaus Kinkel durch die Welt tragen? Wie sich ein deutscher Modemacher in Frankreich diesen Katastrophengeschmack erkläre, wollte neulich ein Reporter  von Karl Lagerfeld wissen. Der Modezar korrigierte: „Sie vergessen das eigentliche Modedrama: schrumpelige Socken und der Blick auf behaarte Männerschenkel. Grauenhaft! Der letzte gut angezogene Politiker in Deutschland war Walther Rathenau. Vielleicht sind Minister auch nur deshalb so horribel gekleidet, weil die Wahlbürger selber ein Schreck sind. In Deutschland trägt man doch die ganze Woche über Weekend-Kleidung.“ Stimmt nicht, Herr Lagerfeld! Politiker und Wirtschaftskapitäne in der Provinz tragen Anzug. Das gehört sich. Wenn auch mausgrau oder seltsam gemustert, mit ebenso eigentümlichen Krawatten und Schuhen mit durchgehender Gummisohle (wegen des häufigen Regens). Jeder muß schlußendlich nach seiner Façon selig werden. Dabei ist guter oder schlechter Geschmack bekanntlich selten eine Frage des Geldes. Denn wie sagte die große, alte Dame der Mode doch? Luxus ist nicht das Gegenteil von Armut, sondern von Geschmacklosigkeit. Recht hatte sie, die Coco Chanel.

Fleiner Geschichten
Die kleine Gemeinde vor den Toren Heilbronns, bekannt durch ihren weltberühmten Wein und beliebt als Wohnort für einen Teil der Uppercrust Heilbronns, war durch ihren ehemaligen CDU-Gemeinderat Axel von der Herberg bundesweit in ein schiefes Licht geraten. Jetzt aber ist wieder Ruhe in den Gemeinderat eingekehrt. Bürgermeister Jürgen Schmid (SPD) verpflichtete den 31jährigen Betriebswirt  Walter Schwaß (auch Vorsitzender des CDU-Ortsverbands Flein und Zweitbewerber im Landtagswahlkreis Eppingen) als Nachrücker für Axel von der Herberg im Fleiner Rat. Somit ist die Dreimann-Fraktion der Christdemokraten (Alfred Kulka, Albrecht Löhl und Walter Schwaß) wieder vollzählig. Damit sei auch wieder dem Wählerwillen entsprochen, meinte Alfred Kulka vor seinen Ratskollegen, die zuvor einem Antrag der Gemeindeverwaltung einstimmig zugestimmt hatten, Axel von der Herberg die Bürgerrechte für Flein zu entziehen. Denn nach der Zwangsräumung seiner Wohnung sei er auch kein Bürger Fleins mehr. Trotz der nicht begründeten harschen Angriffe Herbergs gegen seinen Ratskollegen und Parteifreund Alfred Kulka, bedauerte der in seiner Stellungnahme „ganz persönlich“ die Vorkommnisse und Entwicklungen der letzten Monate. Und Kulka stellte darüber hinaus klar, „daß die Ursache für die Abwesenheit von CDU-Gemeinderat Axel von der Herberg allein in seiner Person zu suchen und zu finden ist“. Weder Verwaltung noch Gemeinderäte in Flein, speziell CDU-Gemeinderäte und Fleiner CDU-Mitglieder, könnten dafür verantwortlich gemacht werden, auch wenn in Medienberichten zuweilen der Anschein erweckt worden sei, daß die Ursache für den Skandal bei anderen Personen liegen könnte. Mir scheint die Affaire, um es schwäbisch zu sagen, mehr in die Richtung zu gehen, als ob da einer in Flein versuchte, seinen Furz an die Wand zu nageln, um ihn dann auch noch schwarz anzustreichen. S’hat noch koiner bisher gschafft. Aber explodiert isch er. Ond gschdunke hat’s au. Mordsmäßig.

Verkehr verkehrt?
Es ist ja noch längst nicht heraus, ob die Heilbronner nun tatsächlich ihren Regionalflughafen kriegen, oder nicht. Die IHK macht zwar gewaltig Dampf, aber der Widerstand in den Gemeinden des Landkreises Heilbronn wächst. Die Kassen sind leer – und wen wundert’s da noch, wenn nun plötzlich die gute alte Heilbronner Waldheide gelegentlich wieder ins Gespräch gebracht wird. Während die einen wohl schon von Zubringerflügen nach Stuttgart und Frankfurt-Rhein-Main träumen, stellt sich für andere die Frage, ob es denn wirklich so dringend einen Regionalflughafen braucht. Schließlich hat Heilbronn doch einen Hauptbahnhof. Ich kann mich jedenfalls noch gut daran erinnern, welch reger Betrieb einst auf diesem Bahnhof herrschte – als das Auto noch kein Massen-Transportmittel war. Es gab mächtig viel Rot in den Fahrplänen für die Eil- und D-Züge. Man konnte nach Kiel fahren, ohne umzusteigen, oder nach Bremen und München. Und für eine zeitlang hat es sogar mal einen Kurswagen direkt nach Paris gegeben. Das ist schon lange her. Jetzt geht nach neun Uhr abends auf dem Heilbronner Hauptbahnhof kaum mehr etwas. Daran ändern auch so klangvolle Zugbeschreibungen wie „City-Express“ oder „Regional-Express“ nicht viel. Dahinter verbirgt sich in der Regel ein hundsgewöhnlicher Bummelzug. Und damit kommt man auch nicht schneller ans Ziel. Tatsache ist: Wer heutzutage mit der Bahn von und nach Heilbronn reisen muß, ringt alsbald beide Hände. Es haben wohl jene recht gehabt, die bereits in den Sechzigern vor einer Verödung des Schienennetzes rund um die Käthchenstadt gewarnt haben. Man hat sie damals ausgelacht. Heute liegen wir im sogenannten Verkehrsschatten. Und es ist mal wieder die Rede von einem Ausbau der Hauptstrecken nach Stuttgart, Würzburg und Heidelberg, von der Dringlichkeit einer Anbindung Heilbronns ans ICE-Netz. Aber daran mag niemand mehr so recht glauben. Vor allem solange der Pendolino, der keiner ist, sondern ein Neigetechnik-Zug, wohl auf der Schiene steht, aber kaum fährt. Jetzt konzentriert sich die Verkehrsdiskussion (gelegentlich) auf den Regionalflughafen. Aber in unserer Bürgerinitiativen-Zeit glaube in nicht an dessen Realisierung. Zumindest nicht in diesem Jahrtausend.

Spitzenplatz
Das Radioprogramm S4-Baden-Württemberg hat seinen Spitzenplatz unter den erfolgreichsten Programmen in Baden-Württemberg gefestigt, am Wochenende sogar noch ausgebaut. Beim Marktanteil liegt das Programm inzwischen noch deutlicher als zuvor an der Spitze aller Programme im Land. Für Südfunk-Intendant Hermann Fünfgeld ist diese Beschreibung das Fazit aus der großen Media-Analyse 1996. In der Durchschnittsstunde schalten im Schnitt 360.000 Hörer S4 ein, das bedeutet eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr um 30.000 Personen. Wenn man die Liste der öffentlich-rechtlichen und privaten Programme durchgehe und nach Programmen schaue, die eine Reichweite wie S4 oder eine größere Reichweite haben, dann sei S4 bei den wenigen Programmen, die überhaupt eine Steigerung zu verzeichnen hätten. Allerdings liege das Durchschnittsalter der S4-Hörer bei 59 Jahren. Trotzdem zieht der Intendant den Schluß: S4 ist inzwischen ein breit akzeptiertes Massenprogramm, dessen Reichweiten sich auf hohem Niveau halten und dessen Marktanteil stetig expandiert. Wenn ich mir allerdings das Auf und Ab bei den Untersuchungen anschaue, dann stelle ich fest: Was den Hörern diesem Jahr noch gefallen hat, das muß ihnen im nächsten schon nicht mehr zusagen. Viele private Sender vor allem im Norden Deutschlands haben das in diesem Jahr schmerzlich zu spüren bekommen. Das hat dann auch gleich konkrete Folgen: Die Werbeeinnahmen fließen nicht mehr so üppig. Sparen ist angesagt. Was bei SWF und SDR demnächst ansteht, Fusion zu einem Sender, das blüht in abgewandelter Form so manchem privaten Hörfunksender demnächst im Lande. Kooperation heißt hier das Stichwort. So wie bei S4. Die Musik allüberall  die gleiche, auch die Präsentation. Nur zu gewissen Stunden schalten sich die regionalen Studios mit ihrer Berichterstattung zu – wie das Frankenradio aus Heilbronn, das demnächst sogar seine erweiterten Räumlichkeiten an der Allee vorstellen wird. Die Regionalisierung beim Südfunk schreitet also munter voran. Und deshalb kann Studioleiter Lutz Wagner auch befriedigt feststellen: Sein Radio sei „der Haussender der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung in der Region Franken“.

Eingebürgert
Wer kennt nicht die Leichtathleten Alina Astafei und Andrej Tiwontschik, den Kunstturner Waleri Belenki, die Ringer Oleg Kutscherenko und Rifat Yildiz und viele andere? Was haben die erwähnten Personen allesamt gemeinsam? Alle sind herausragende Athleten in ihrer Sportart, sie sind im Ausland geboren und wurden von den Deutschen aufgrund ihrer sportlichen Erfolge im Handumdrehen eingebürgert. Zuerst einmal ist das ein Schlag ins Gesicht für heimische Sportler, die top in ihrer Sportart sind, nun aber einen eingedeutschten Ausländer, der noch ein Stückchen besser ist, vor die Nase gesetzt bekommen und somit um die Chance bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften starten zu dürfen, gebracht werden. Aber wie muß diese deutsche „Angewohnheit des Medaillenscheffelns bei Sport-Großveranstaltungen“ dann erst einmal ausländische „Durchschnittsbürger“ treffen, die in Deutschland geboren wurden und der deutschen Sprache somit mächtig sind. Wollen sie bundesdeutsche Bürger werden, rattern die Mühlen der Bürokratie sehr, sehr langsam oder bisweilen gar nicht. Eine traurige Sache, wenn man bedenkt, daß laut Grundgesetz alle Menschen gleich sind.  Doch wer schnell läuft, hoch springt, Salti schlägt oder viele Tore schießt – wie der Südafrikaner Sean Dundee, den der Bundes-Berti jetzt für Deutschland stürmen lassen will – ist anscheinend ein besserer Mensch und verdient es, schneller Deutscher zu werden. Diese Zweifach-Klassifizierung riecht stark nach Drittem Reich. In Zukunft sollte das bedacht werden, denn so mancher ausländische Arbeiter hat sich mit Sicherheit verdienter um seine Heimat Deutschland gemacht als ein eingebürgerter Sportler.

Heißer Herbst
Alles redet vom heißen Herbst – aber niemand glaubt so recht an dieses Versprechen. Viele Arbeitgeber wollen die gesetzlich verankerte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall in der neuen Regelung einführen – und einige haben es auch schon getan. Ohne daß sich darüber sonderlich Protest regte. Nur bei den Konzernen und Staatsbetrieben geht man auf die Barrikaden. Allerdings auch nicht so heftig wie versprochen. Denn jeder der Beteiligten weiß sehr genau, daß es um den Wirtschaftsstandort Deutschland derzeit mehr als schlecht bestellt ist. Und die Prognosen verheißen nichts Rosiges. Deshalb wird laut mit den Waffen geklappert, Bösartiges über den Gegner mit bierernstem Gesichtausdruck in die Mikrofone gedonnert, um sich später am Konferenztisch in irgendeinem Hotel friedlich zu verständigen und zu einigen. Denken wir doch nur einmal an die Schlachten, die um das Reförmchen „Änderung der Ladenschlußzeiten“ geschlagen wurden. Man hätte meinen können, die Welt des deutschen Einzelhandels und seiner Beschäftigten sei kurz vor dem Untergang gestanden. All das ist der Schnee vom vergangenen Monat, den es im Sommer und Frühherbst noch nicht mal gegeben hatte. Das wär eine Katastrophe gewesen. Aber das Reförmchen war es nicht. Und auch nicht die Veränderung der Lohnfortzahlung. Die Dauerarbeitslosigkeit, auch das ist eine Katastrophe. Aber die ist ja zur Zeit kein Thema für Arbeitsplatzbesitzer.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen