Samstag, 22. Februar 2014

Kiliansmännle, 28.08.1996




 Weindorf  läßt grüßen
Waren Sie schon mal auf dem Weinfest in Ludwigsburg? Nein? Na ja, da haben Sie auch nichts versäumt. Besucher gibt es dort wie in Heilbronn. Zwar ist alles in Ludwigsburg etwas kleiner, aber nicht feiner. Weniger Weingärtnergenossenschaften schenken dort schlechtere Weine aus. Nehmen wir beispielsweise einmal Grantschen. Die sind in Heilbronn und in Ludwigsburg vertreten. Doch in der Unterländer Metropole würden sich die Grantschener nicht erlauben, solch mittelmäßige Weine für soviel Geld zum Verkosten anzubieten. Sechs Mark das Viertele eines eisgekühlten Trollingers! Da bekommt der passionierte Weinzahn in Heilbronn beinahe schon eine Flasche dafür. Die Ludwigsburger haben dennoch getrunken und nicht zu knapp. An manchen Ständen gingen die Probiergläser aus. Auch undenkbar in Heilbronn. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß außerhalb der kritischen Weingemeinde Heilbronns von den Unterländer WGs Masse statt Klasse geliefert wird. Gemach, gemach ihr protestierenden Wengerter, ich war auf diesem Ludwigsburger Weinfest. Und da hätten die Weingärtner ruhig ein bißchen mehr fürs Renomée tun können. Denn die Gäste waren wohlbetucht, immerhin konnten sie sich Shrimps und wohlschmeckende Salate leisten. Dazu hätte eine richtig gute Flasche Wein gepaßt.

Neuer Duden
Langsam aber sicher erblickt die Rechtschreibreform das Licht der Orthographie-Welt. Zwar wird sie erst im Jahr 1998 offiziell eingeführt, ABC-Schützen in der Hälfte der deutschen Bundesländer lernen aber schon ab sofort das Schreiben nach den 112 neuen Regeln. Was der Bibel die zehn Gebote sind, ist der Duden für die Rechtschreibung. Und so kann man in der völlig neu bearbeiteten Auflage der orthographischen Schrift, die in diesen Tagen erschienen ist, zum Beispiel folgendes nachlesen: „Der Tollpatsch schnäuzt in den rauen Flanelllappen.“. Das muß jetzt so sein, weil „Tolpatsch“ ja von „toll“ und „schneuzen“ von „Schnauze“ kommt. „Rauh“ klingt doch genauso wie „grau“, wozu dann noch ein läppisches „h“? Tollerant (siehe „Tolpatsch“) zeigt sich die Reform bei „Flanellappen“, denn dieser muss (auch neu!) nicht unbedingt mit „lll“, sondern kann auch im Bedarfsfall mit Bindestrich geschrieben werden. Was soll ich dazu sagen? Ich sage schlicht: Liebe Reformer, warum so umständlich? lassen wir doch die gross- und kleinschreibung gänzlich weg, wozunochauseinanderschreiben, wennmandochsovielmehrplatzsparenkann?satzzeichengebrauchenistdochebensolästigund
warumkomplizirtschreibenwennesdocheinfacherget drumsergeerteortografenwozuüberhaupteinerechtschreibreform .

Selbstjustiz
Es gibt Städte, die weisen eine hohe Kriminalitätsrate auf. Woran es liegt? Darüber spekulieren die Fachleute. Heilbronn ist zum Beispiel für seine Drogenkriminalität im ganzen Land Baden-Württemberg bekannt. Jahrelang hatte man die Augen davor verschlossen, wollte nicht zur Kenntnis nehmen, was jedem aufmerksamen Bürger auf den Straßen, in den Parks, in den Hausecken schon längst ins Auge gestochen war. Erst als der Protest der Bürger heftig wurde, ging man in der Innenstadt gegen Dealer und ihre Klientel vor. Gleichzeitig wollte man von Seiten der Stadt in einer konzertierten Aktion den Drogensüchtigen helfen, einen Kontaktladen in der City einrichten. Schöne Schreibtisch-Träume, die sich offensichtlich bis zum heutigen Tag nicht in konkrete Pläne umsetzen ließen. Wer will auch schon einen solchen Laden, der in seinem Umfeld auch immer ein Kontakthof für Dealer ist, in seiner Wohn- oder Geschäftsumgebung haben? Dabei könnte die Stadt ihren Plan schnell in die Tat umsetzen. Eigene Gebäude und Räumlichkeiten in der Innenstadt besitzt sie ja mehr als genug. Wenn der demokratische Staat keine Willenskraft mehr besitzt, seine eigenen Gesetze in die Tat umzusetzen, wenn Straftäter juristisch besser abgesichert als die Opfer sind, dann ist nicht nur was faul im Staate D., dann wird auch langsam aber sicher der Selbstjustiz Tür und Tor geöffnet. In Südafrika gehen muslimische Fundamentalisten unter dem Beifall der Bevölkerung mit Waffengewalt gegen Dealer und Banden vor. Man will die Gesellschaft vom Abschaum reinigen, heißt es dort. Wer dazu gehört, das bestimmen dann nicht mehr die Gesetze, sondern die Selbstreiniger. Mir graut vor solchen Zuständen.

Rathaus-Spitze
Heilbronn hat mehr als 400 Millionen  Mark Schulden. Eine stolze Zahl. Und deshalb wird die Aufstellung des Etats 1997 für den Ersten Bürgermeister Werner Grau auch eines der schwierigsten Haushaltsverfahren, das es je gegeben hat. Aber das allein macht für ihn die Arbeit auf dem krisengeschüttelten Heilbronner Rathaus als amtierender Oberbürgermeister nicht zur Plage. Die 5.300 Mitarbeiter in der Stadtverwaltung scheinen immer noch wie gelähmt durch die kriminellen Machenschaften einiger Kollegen, durch die aufgedeckten Schlampereien in  zu vielen  Verwaltungsabläufen. Durchgeforstet soll jetzt werden – in allen fünf Dezernatsbereichen und vierzig Amtsleiterstellen. Was bisher so an den Tag kam, ist kaum beschreibbar, so skandalös ist es. Und hinzu kommt jetzt eine Dezimierung der Verwaltungsspitze. Oberbürgermeister Manfred Weinmann befindet sich im Urlaub und wird sich danach einer Herzoperation unterziehen. An seinem Schreibtisch wird er wahrscheinlich frühestens im Dezember wieder sitzen. Verkehrs- und Sozialbürgermeister Harald Friese muß demnächst eine komplizierte Hüftoperation über sich ergehen lassen. Und der Kulturbürgermeister Reiner Casse, so schrieb letzte Woche die Stuttgarter Zeitung, muß derzeit seine ganze Kraft zusammennehmen, um wenigstens seine üblichen Pflichten zu erfüllen. „Wie schwer der notorische Raucher an Rückenschmerzen sowie an den Folgen einer knapp überstandenen bösartigen Krankheit leidet, ist für seine Umgebung sehr klar ersichtlich: Casse verzichtet inzwischen sogar auf seine geliebten Glimmstengel.“  Das Rathaus rutscht also in die „Grau-Zone“, so sollen ratlose Verwaltungsleute mit Galgenhumor formuliert haben. Neben Werner Grau steht dann noch der voll einsatzfähige Baubürgermeister Ulrich Frey, der die Kaiserstraße so im derzeitigen Zustand belassen will, obwohl der OB  anderes versprochen hat. Eine Bewährungsprobe für die beiden neuen starken Männer im Gemeinderat, die Fraktionsvorsitzenden Artur Kübler (CDU) und Harry Mergel (SPD).

Weinemakers
Wir alle zahlen Steuern. Wenn wir arbeiten. Oder Besitz angehäuft haben. Der Staat hält die Hand auf, wo immer ihm das opportun erscheint und möglich ist. Abgaben werden von Jahr zu Jahr erhöht, die Staatsquote liegt bei über 50 Prozent – beschlossen von den Parlamenten, ob im Bund, Ländern oder in den Kommunen, in denen teilweise schon 70 Prozent Beamte sitzen. Der Staat, das sind kaum mehr wir Bürger, sondern vornehmlich jene, die ihn auch verwalten. Inkompatibilität, ein schwieriges Wort, das einfach ausdrückt, was in einer Demokratie der Normalfall sein sollte: Die Unvereinbarkeit von Amt und Mandat. Ein Beamter oder Angestellter des Staates darf nicht Abgeordneter sein – also Gesetze beschließen, die er später selbst auszuführen hat. Aber genau das ist bei uns üblich. Legislative und Exekutive, Gesetzgeber und die Ausführenden der Gesetze, sind nicht mehr scharf getrennt. Die Gewaltenteilung, ein Grundprinzip der bürgerlichen Demokratie, funktioniert nicht mehr wie eigentlich gewollt. Aber offenbar ist dieses Prinzip nicht nur beim Staat in eine Schieflage geraten. Margarethe Schreinemakers, Showmasterin beim Fernsehsender Sat 1, hatte die Schlagzeilen der letzten Woche fest im Griff. Sie wollte eine persönliche Erklärung über ihre Steuermoral in ihrer Fernsehsendung abgeben. Gottseidank hat uns der private Fernsehsender vor dieser geschwätzigen Erklärung eines Showgirls, das sich Journalistin nennt, bewahrt. Wo kämen wir auch hin, wenn jeder Journalist das Medium, in dem er arbeitet, als Publikationsorgan für seine privaten Belange und Einsichten benutzt. Mit journalistischer Arbeit und Ethos hat das wenig oder gar nichts zu tun. Natürlich geschieht sowas gelegentlich auch bei uns in der Region – wenn eine Redakteurin ihren Bruder, der als Bürgermeister kandidiert, in ihrem Medium besonders hervorhebt. Aber das war dann so offensichtlich, daß es diesem Herrn mehr geschadet als genutzt hat. Vor Ort kennt man halt seine Pappenheimer.

Jagsthausen
Wenn Jagsthausen und seine Burgfestspiele Bilanz eines Theatersommers ziehen, dann sind seit Jahren schon Rekorde zu vermelden. 73.782 Zuschauer in 76 Vorstellungen im Burghof derer von Berlichingen. Das entspreche einer Platzausnutzung von 101,2 Prozent. Sagt die Festspielleitung. Nach meiner Rechnung hat man demnach in jeder Vorstellung 11,46 Stühle dazugestellt. Was natürlich nur in Jagsthausen möglich ist. Denn in Schwäbisch Hall auf dem Marktplatz  vor der 54stufigen Treppe können bis zu 1.500 Stühle  aufgestellt werden und viele Leute dazu noch vor dem Rathaus herumstehen – an preiswerten „Stehplätzen“. Von Platzausnutzung ist dann keine Rede mehr, da zählen nur die absoluten Zahlen. Deshalb sei vermerkt: Spitzenreiter war in Jagsthausen das Musical „Kiss me Kate“ mit 27.342 Zuschauern in 25 Vorstellungen; das Traditionsstück, Goethes „Götz von Berlichingen“ (diesmal mit dem „Seewolf“ Raimund Harmstorf in der Titelrolle) lockte 19.975 Zuschauer in 20 Vorstellungen in den Burghof; und das Märchen „Schneewittchen“ sahen 21.886 Kinder und Erwachsene in 24 Vorstellungen. Darüberhinaus gab es auch noch Gastspiele: vier Vorstellungen „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“ mit 2.068 Zuschauern, die Gastspiele des „Palast-Orchesters“ (1014 Besucher), der Musikgruppe „Des Gayers Schwarzer Haufen“ (720 Zuschauer) und die Musical-Gala mit Petra Constanza (798 Besucher). Und im nächsten Jahr ab dem 12. Juni sind wieder Burgfestspiele angesagt. Fest steht heute schon: Auf den „Götz“ und „Kiss me Kate“ können sich die Freilichttheater-Fans sich heute schon einrichten. Wer auch immer den derben schwäbischen Gruß durch den Burghof schmettern wird. Und die Zuschauerzahlen werden wieder Rekordhöhe erreichen. Das bleibt so. Denn – Jagsthausen hat Weltniveau, weil es so deutsch und heimatverbunden ist.

Rauchen macht krank
Zehn Mark soll demnächst die Schachtel Zigaretten kosten. Rauchen im Auto, am Arbeitsplatz,in öffentlichen Gebäuden, in der Nähe von Kindern soll verboten werden. Keine schönen Aussichten für die Nikotin-Jünger. Denn Rauchen ist eine gesundheitszerstörende Sucht. Sagen einige Fundi-Politiker aus CDU und SPD. Die Argumente sind bekannt. Vor allem aus der Prohibitionszeit in den Vereinigten Staaten. Damals ging es um Alkohol. Und das Gesetz war ein Schuß, der gehörig nach hinten losging. Ja es war sogar ein Wegbereiter für die wachsende Macht der Mafia und vieler krimineller Banden in den Staaten. Da hatten sich die hysterischen und frommen Damen der guten Gesellschaft, die nichts als den Schutz der schwachen Menschen im Sinne hatten, was Schönes eingehandelt. Auswirkungen dieses Geistes sehen wir heute noch in den skandinavischen Ländern, wo alkoholische Getränke teuer sind, meistens in den eigenen vier Wänden oder in gewissen Kaschemmen getrunken werden dürfen. Der Konsum wurde dadurch nicht sonderlich eingedämmt. Und wer schon mal Schweden, Dänen oder Norweger an Mittelmeerländern erlebt hat, der weiß, was ein Verbot anrichten kann. Auf jeden Fall fördert es nicht den sinnvollen Umgang mit einem Rauschmittel, mit dem seit Jahrtausenden in diesen Breitengraden relativ vernünftig umgegangen wird. Sind Tabakwaren nun Genußmittel oder Rauschmittel? Dieselbe Frage läßt sich in unserem Land beim Wein oder Bier stellen. Krank werden kann man von diesen Mitteln immer dann, wenn sie im Übermaß genossen werden werden. Wie bei allem. Sagte doch der CSU-Politiker Peter Keller: „Alle reden über Aids und Drogen – dabei sind Alkohol und Rauchen viel schlimmer.“ Ich sage: Nur in Bayern nicht. Denn da herrscht das Reinheitsgebot.

Dienst am Kunden
Jammern ist Mode in Deutschland. Die öffentlichen Kassen sind leer, der Sozialstaat blutet aus, immer mehr Menschen suchen Arbeit. Auch im Unterland ist diese Versorgungsmentalität festzumachen. Ein Beispiel an den Amerikanern sollten wir uns nehmen. Bei Produkten und Dienstleistungen gelten dort viel stärker die Gesetze des Marktes, während bei uns zuviel reguliert ist – von den Löhnen bis zu Existenzgründungen. Da gibt es Menschen wie Herbert Henzler, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung McKinsey, der mit rund drei Millionen neuen Arbeitplätzen bei uns rechnet, würden wir mehr Dienstleistungen anbieten. Henzler tat dies unlängst vor einem erlauchten Kreis Unterländer Wirtschaftsbosse und Politikern kund. Falsch läuft, laut Henzler, besonders folgendes: Bei uns sind in den letzten 15 Jahren die neu geschaffenen Jobs zu mehr als einem Drittel im öffentlichen Dienst entstanden. Wir haben mittlerweile einen Anteil der Staatsausgaben an der gesamtwirtschaftlichen Leistung von über 50 Prozent. In den USA liege die Staatsquote nur bei 30 Prozent. Da schaffen natürlich viel mehr die Unternehmer neue Arbeitsplätze. Beleg dafür ist, der Anteil der Selbstständigen an den Erwerbstätigen ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Er liegt nur noch bei acht Prozent. Eine Tendenz, die Henzlers Zuhörer auch im Unterland festgemacht haben. Henzlers Fazit und Tip: Wir müssen flexibler, innovativer und mobiler werden.

Faulheit?
Zugegeben, besonders reizvoll war dieser Sommer nicht. Sonne und Regen wechselten sich in schöner Regelmäßigkeit ab. Wenig profitiert haben davon die Freibäder im Unterland und anderswo. Die Badegäste erschienen nicht so zahlreich wie in den Jahren zuvor. Dennoch, die Gemeinden mit Pool unter freiem Himmel halten ihre Schwimmbecken geöffnet. Pech hat allerdings derjenige, der bei dunklen Wolken am Himmel seine Bahnen im Untergruppenbacher Freibad ziehen will. Der Kontrollanruf, ob denn trotz des wenig schönen Wetters geöffnet ist, wird mit „ja freilich“ beantwortet. Der vermeintliche Badegast, der etwa eine Stunde später vor den Pforten des Untergruppenbacher Freibades steht, wird mit den Worten abgewiesen „es herrscht Gewitterstimmung“. Okay, am Himmel sind einige dunkle Wolken, aber von gefährlichen Blitzen oder Donner nichts zu sehen bzw. zu hören. Und im Oberstenfelder Freibad? Da ist geöffnet, obwohl hier das gleiche Wetter herrscht. Da werde ich den Verdacht nicht los, daß das Untergruppenbacher Badepersonal sich einen schönen Nachmittag machen wollte. Es sei ihnen ja gegönnt, aber dann doch bitte nicht am Telefon erklären, daß das Schwimmbad geöffnet ist. Denn der Badegast wird bei durchwachsenem Wetter künftig immer wieder ins Oberstenfelder Mineralfreibad abtauchen. Untergruppenbach hat einen Kunden verloren.

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