Donnerstag, 20. Februar 2014

Kiliansmännle, 29.05.1996




Heuchler
Im vergangenen Jahrhundert wurde in Heilbronn eine Synagoge gebaut. Direkt an der Prachtstraße Allee stand sie - dort, wo heute ein Kinocenter angesiedelt ist. Vor dem Eingang erinnert eine Eisenskulptur an die Kuppel dieser Heilbronner Synagoge, die in der Progromnacht, der sogenannten „Reichskristallnacht“, von Heilbronner Bürgern angezündet wurde. Eine Nacht, an die sich viele ältere Mitbewohner noch genau erinnern können. Auch an jene, die damals die Brandfackeln trugen. Nazi-Schergen sagt man heute so leichthin. Verbrecher waren es, die nie so recht für ihr Tun zur Rechenschaft gezogen wurden. Was vor über hundert Jahren an der Allee Heilbronns in einem toleranten Klima entstehen konnte, so frage ich mich oft, kann das heute auch noch entstehen? Sind die Heilbronner Bürger heute auch so tolerant, daß sie dem Vorhaben, an ihrer Prachtstraße ein Gotteshaus für Juden oder Moslems zu bauen, zustimmen würden? Synagogen gab es nicht nur in Heilbronn. Auch in vielen kleineren Städten und Gemeinden der Region waren sie einst zu finden. Wenn aber heute Moslems ein Gotteshaus in einer Gemeinde bauen wollen, dann werden sie in die Industriegebiete mit ihrem Vorhaben verwiesen. Eine Moschee an der Allee? Dieser Gedanke kam bisher nicht auf. Obwohl dieser Bau in der Nachfolge der verbrannten Synagoge nur vom toleranten Geist in dieser Stadt am Neckar zeugen würde. Aber den verbannen viele lieber ins Theater, wenn Lessings „Nathan der Weise“ gespielt wird. Dort ein paar Tränen ob des schönen Toleranzgedankens unter den drei Weltreligionen abzulassen, das ist immer noch bequemer als sich mit dem Anliegen einer moslemischen Gemeinde zu befassen. Wer gebetsmühlenartig an die Verbrechen aus der braunen Vergangenheit erinnert, ohne sich den Gegenwartsproblemen zu stellen, der ist nichts als ein Heuchler. Und davon gibt’s mehr als genug auf den Rathäusern – wenn es um den Bau einer Moschee geht. Nicht nur in den Amtstuben, sondern auch im vielfarbigen Gemeinderat. Das gilt für die gesamte Region.

Rathaus-Witze
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Sagt man so leichthin. Der Heilbronner Rathausskandal treibt neben der berechtigten Entrüstung auch schon erheblich Witzblüten. Mir sind da einige ganz deftige zu Ohren gekommen. Denn hier auf dem Turm höre ich vieles, auch wenn es in den Straßen und Gassen der Stadt momentan nur geflüstert wird. Unterhalten sich doch neulich unterhalb des Turmes zwei bekannte Heilbronner Stadträte – einer von der CDU, der andere von der SPD. Sagt der von den Sozi: „Hasch schon gehört, der OB soll jetzt seinen Hut nemme.“ – Antwortet der Christdemokrat, der auch im Untersuchungsausschuß für den Rathausskandal sitzt: „Welchen denn? Das Hauptamt hat doch zehntausend bestellt und eingelagert.“ – Also, bei aller Liebe. Das glaub ich einfach net. Schon bei den 480.000 Versandtaschen kam es mir spanisch vor. Aber man hat mich überzeugt, nachdem auch noch eine Druckmaschine im Wert von mehreren hunderttausend Mark für die städtische Druckerei bestellt war, von der niemand im Rathaus was wußte. Jetzt soll auch der Heilbronner Oberbürgermeister einen neuen Dienstwagen bekommen haben – mit dickem Stern. Man weiß nur nicht, wer ihn bestellt hat. Vielleicht jener, der auch die Druckmaschinen-Auftrag rausgeschrieben hat? Der gröbste aller kursierenden Rathaus-Witze aber ist jener: „Der OB will jetzt auch noch ins Guinness-Buch der Rekorde. Mit was denn, wird gefragt. Mit dem dicksten Fell der Welt.“ – Wie gesagt: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Dafür sorgt das betrogene Volk schon selbst. Das war immer so bei den Ohnmächtigen, und wird auch in Zukunft so bleiben.

Fleiner Geschichten
Als Journalisten von Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen bemerkt hatten, daß der Fleiner CDU-Gemeinderat und Stukkateurmeister Axel von der Herberg wie vom Erdboden verschwunden war, begann die große Mediensuche.  Aber da ihn niemand zu Gesicht bekam, platzte die Story wie eine Seifenblase. Denn es war nichts Sensationelles drin in der Herberg-Geschichte. Plötzlich aber tauchte der Mann auf, gab dem Neckar Express und anderen Zeitungen ein paar Auskünfte und verschwand wieder so plötzlich wie er gekommen war. Nebulös waren seine Worte teilweise, andere von aggressivem Unterton – aber alles, was er sagte, war wiederum keine originelle Story, die vom Schicksal eines zu unrecht verfolgten Menschen berichtete. Flein köchelt jetzt wieder im eigenen Herberg-Saft. Die vielen Andeutungen treiben in den Hirnen und Gewissen der Betroffenen ihre seltsamen Blüten. Und die Fleiner CDU weiß nicht so recht, ebenso wie der ganze Gemeinderat, wie sie sich ihres eigentümlichen Parteifreundes entledigen soll. Rausschmeißen geht nicht. Dazu müßte er ja angehört werden. Jetzt hoffen seine „Parteifreunde“ und „Ratskollegen“, daß sich der Axel von der Herberg irgendwann mal sehen läßt. Denn sein kommunales Mandat sei ja schließlich eine Art Lebensversicherung für ihn - hat er gesagt. Aber eine Lebensversicherung ist nur dann gültig, wenn man seine Beiträge regelmäßig bezahlt.

Regionalflughafen
Der Lauffener Schultes Manfred Kübler nimmt kein Blatt vor den Mund. Einen Volksaufstand hat er für Lauffen angekündigt, wenn die Planung für den Regionalflughafen auf der Gemarkung seiner Gemeinde weiter vorangetrieben werden sollte. Und auch die anderen Bürgermeister im Landkreis, deren Gemeinden in die Planung von möglichen Standorten durch den Regionalverband Franken miteinbezogen worden sind, machen aus ihren Herzen keine Mördergrube. Sie reden Tacheles. Sprich: Sie wollen keinen Regionalflughafen. Und schon keimt wieder der Gedanke auf, daß auf dem von den Amerikanern geräumten Gelände der Heilbronner Waldheide durchaus Platz für einen Flughafen dieser Art wäre. Schließlich wurde dieses Gelände schon mal als Flugplatz genutzt. Aber die Bewohner des Heilbronner Nobelviertels im Osten der Stadt werden sich bedanken. Nach den Pershing-Raketen haben sie genug von Flugkörpern jeglicher Art in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Nachdem der Großraum Heilbronn ohnehin schon stark belastet ist, spricht vieles dafür, daß jetzt auch mal andere Teile der Region ihr Scherflein zur wirtschaftlichen Gesundung des „Wirtschaftsraumes Heilbronn“ beitragen. Ich denke da zum Beispiel an den Hohenlohekreis. Da gibt es viel flaches Gelände, das für einen Flugplatz durchaus geeignet wäre. Es muß ja nicht immer das Ballungszentrum sein, das die Last allein zu tragen hat.

Briefverteilzentrum
Fast wäre die Ansiedlung des Briefverteilzentrums der Post  im Heilbronner Industriegebiet Böllinger Höfe gescheitert. Dabei ging es ja nur um 500 Arbeitsplätze, die Briefe für einen Raum zwischen Crailsheim und Sinsheim, Bietigheim-Bissingen und  Walldürn bearbeiten. Laut bestehendem Bebauungsplan sollten dreißig Prozent der Dachflächen begrünt und 76 Stellplätze „eingehaust“ werden. Die Post aber will auch in Heilbronn wie in 82 anderen Städten ihre standardisierte Bau- und Nutzungskonzeption durchsetzen. Wenn nicht, geht sie halt dorthin, wo Bebaungspläne bestehen, die in Übereinstimmung mit den Post-Konzepten stehen. Jetzt hat der Heilbronner OB Manfred Weinmann, trotz Rathausskandal, sich in die Bresche geworfen, um Heilbronn das Briefverteilzentrum zu sichern. Der Bebauungsplan soll den Wünschen der Post gemäß geändert werden. Auf dem Parkplatz wird es jetzt halt ein wenig mehr zwischen den Steinen grünen und auf den Dächern des Briefverteilzentrums gar nicht. Positiv stünden jetzt die Signale, ist aus dem Heilbronner Rathaus zu erfahren. Fehlt nur noch das OK vom Vorstand der Post AG. Für Manfred Weinmann wäre die endgültige Zusage über die Ansiedlung des Briefverteilzentrums ein schöner Sonnenstrahl, nach all dem Schlamassel im Heilbronner Rathaus – und insbesondere in seinem Hauptamt. Da darf jetzt auch nichts Skandalöses mehr kommen, sonst verwandelt sich die Heilbronner Kommunalpolitik in einen real existierenden Hexenkessel, in dem so einige Politiker vollends abgekocht werden.

Einkaufen
In deutschen Landen einzukaufen, ist oftmals eine Bußübung wie sie die katholische Kirche einst ihren Gläubigen auferlegt hatte. Sind Sie schon einmal um viertel nach sechs in einem Kaufhaus oder Supermarkt gewesen? Da werden teilweise ab 18 Uhr schon die Wurstsorten weggeräumt, Obst und Gemüse ist transportfähig fürs Kühlhaus auf Wagen gepackt, die Transportbänder an den Kassen gewischt, so daß von einer oder zwei Kassiererinnen die in langen Schlangen harrende Kundschaft abgefertigt wird. Bevor der Kunde sich jedoch zur Kasse durchgeschlagen hat, muß er sich eingezwängt in dunkle Gänge, zwischen halbleeren Regalen und unausgepackten Kisten, verfolgt von einem Mann mit Besen, der seinen Kehrgang schon vor sechs begonnen hat, vorarbeiten zu jener Schlange, die geduldig auf das Abkassieren wartet. „Das Märchen vom König Kunde“  muß heutzutage niemand mehr lange erklären. Außer den Funktionären der Gewerkschaft HBV und den Marktleitern der Großhandelsketten weiß jeder, worum es geht. Der Kunde ist nicht König, sondern Sklave, rechtlos den Verabredungen derer ausgeliefert, die seine Bedienung nach ihren Belangen ausgehandelt und verregelt haben. Erst vor wenigen Tagen sah ich eine französische Fernsehsendung über die deutschen Ladenschlußzeiten. Und dort sprachen Experten über die Langmut der deutschen Verbraucher, die sich ohne zu murren in Wartenschlangen samstags gegen 13.30 Uhr einreihen, um bezahlen zu dürfen, was sie erstehen wollen. Die deutsche Zuteilungsmentalität ist trotz mehr als einem halben Jahrhundert Demokratie und Freiheit noch nicht verschwunden. Dienstleistung, darunter versteht man in vielen Ämtern, Banken oder Läden immer noch, daß jener, dem der Dienst geleistet wird, in dankbarer Habachtstellung verharren muß. Aber auch das wird sich ändern.

Spielbeginn
In den Dörfern und Kleinstädten der Region, ob sie nun Neuenstadt am Kocher, Jagsthausen, Zwingenberg oder Schwäbisch Hall heißen, richtet sich eine ganz besondere Spezies von Theatermachern in diesen Wochen auf die Spielzeit des Sommers 1996 ein. Raus aus den engen, vermufften Behausungen der Stadt- und Staatstheater – unter freiem Himmel wird gezeigt, was die Autoren von Dramen, Komödien, Musicals und Opern einst auf das ach so trockene Papier gesetzt hatten. Gespielt wird, was Erfolg verspricht. Und das heißt zum Beispiel im Burghof von Jagsthausen: Das traditionelle Goethe-Drama „Götz von Berlichingen“, das Musical „Kiss me Kate“ und das Märchen „Schneewittchen“. In Schwäbisch Hall, auf der 54stufigen Treppe vor der Kirche Sankt Michael, gibt es heuer auch Goethe („Faust, der Tragödie Erster Teil“). Außerdem  das Singspiel „Im weißen Rössl“ und das Kinderstück „Papagenos Zauberflöte“. Ein Sommervergnügen wollen die Freilichttheater offensichtlich ihren Besuchern heuer bieten. Wenn die Theater-Hersteller, Regisseure und Schauspieler, diese „Ideologie“ beim Einrichten der Stücke und Proben der Szenen berücksichtigen, ihre Sprechtechnik auf die Zuschauer ausrichten und das ganze Unterfangen nicht als ihre persönliche Sommerfrische (oder besser: als Urlaub) mißverstehen, dann kann auch die Saison 1996 bei den Freilichtspielen in der Region eine vergnügliche Angelegenheit für beide Seite der Rampe werden. Aber, wenn ich das richtig sehe, dann wird es wieder von allem etwas geben. Denn Freilichtspiele sind heute nicht nur idealistische Hersteller von Theater zwischen den Spielzeiten, sondern im vielumkämpften Freizeitmarkt hart kakulierende Unternehmen, die ihren Platz behaupten müssen.

Antiautoritär
In einem Supermarkt an der Kasse. Eine alternative Mutter samt quengelndem Söhnchen, ein älterer Herr und ein Langhaariger. Das Kind schiebt den Einkaufswagen dem alten Herrn immer und immer wieder in die Knie. Der ignoriert gequält lächelnd die Unverschämtheit. Der Kassiererin wird das Treiben schließlich  zu bunt. Sie ermahnt die teilnahmslos dreinschauende Mutter, doch endlich das Kind zur Raison zu bringen. Die antwortet jedoch nur gelangweilt, daß sie ihren Sohn antiautoritär erziehe. Der wisse schon selber genau, wie er sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen habe. Währenddessen schraubt der Langhaarige sein gerade bezahltes Honigglas auf und schüttet den Inhalt seelenruhig der verdutzt dreinschauenden Mutter mit den Worten über den Kopf: „Ich bin auch antiautoritär erzogen worden.“ Der ältere Herr zückt daraufhin seinen Geldbeutel und überreicht dem jungen Mann dankbar einen Zehnmarkschein: „Für ein neues Glas Honig.“ – Das nenne ich Zivilcourage. Sie werden sich jetzt fragen, in welchem Heilbronner Supermarkt das passiert ist. Ich werde es Ihnen nicht verraten. Ich finde aber, es sollte viel öfter geschehen. Denn diese Art unverschämter Kinder samt ihren Müttern sind mir schon oft beim Einkaufen begegnet. Leider ist nicht immer ein Honigglas zur Stelle. Und außerdem wurde ich nicht antiautoritär erzogen. Sei es drum: Beim nächstenmal nehme ich eine Milchtüte.

Junggesellen
Mich bringt keiner vom Turm herunter, wenn am 1. Juni die Junggesellen Heilbronns die Stadt kehren werden. Ich bleibe hier oben steinern stehen. Sollen die Unverheirateten doch fegen, bis sie die richtige Maid vor den Besen bekommen. Beim ersten Säubern der Heilbronner Innenstadt war von den sogenannten Prominenten ja schon eine ganze Menge Dreck aufgewirbelt  und ein Teil davon auch zu Häufchen zusammengekehrt worden. Ich kann mir schlecht vorstellen, daß am „Tag der Umwelt“ jene mehr Dreck zusammenbringen, die nur darauf aus sind, ein Menschlein weiblichen Geschlechts zu ergattern, das ihnen später den Haushalt putzt, während sie viertelesschlotzend im Besen sitzen. Und was soll der Spruch „Lieber zusammen kehren ... , als allein bleiben.“ Das ist so wie mit den Hausmännern, die sich ihren weiblichen Ehehälften untertänigst angedient hatten – im Zuge einer mißverstandenen Gleichberechtigung, um später dann nicht als Männer ernstgenommen zu werden. Denn es ist ja schon längst erwiesen: Unsere Frauen wollen keine Putzteufel im Hause, sondern richtige Männer. Sonst wäre ja die Scheidungsrate bei bei Hausmännern nicht so unverhältnismäßig hoch. Ich seh’ es doch immer wieder vom Turm: Nach der ersten Verliebtheit wird noch gesäuselt, dann wird so mächtig gekocht, daß nach der Heirat die Hüften Ringe bekommen und der Liebling ausschaut wie’s Michelin-Männle. Und in den Diskos wird mit den Freundinnen zusammen den Chippendales und ihren Nachahmern frenetisch zugejubelt. Dann doch lieber gleich dreimal die Woche ins Fitness-Studio, meine Herren. Damit die Muskeln stark bleiben und die Frauenaugen glitzern.

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