Im vergangenen Jahrhundert wurde in Heilbronn eine
Synagoge gebaut. Direkt an der Prachtstraße Allee stand sie - dort, wo heute
ein Kinocenter angesiedelt ist. Vor dem Eingang erinnert eine Eisenskulptur an
die Kuppel dieser Heilbronner Synagoge, die in der Progromnacht, der
sogenannten „Reichskristallnacht“, von Heilbronner Bürgern angezündet wurde.
Eine Nacht, an die sich viele ältere Mitbewohner noch genau erinnern können.
Auch an jene, die damals die Brandfackeln trugen. Nazi-Schergen sagt man heute
so leichthin. Verbrecher waren es, die nie so recht für ihr Tun zur
Rechenschaft gezogen wurden. Was vor über hundert Jahren an der Allee
Heilbronns in einem toleranten Klima entstehen konnte, so frage ich mich oft,
kann das heute auch noch entstehen? Sind
die Heilbronner Bürger heute auch so tolerant, daß sie dem Vorhaben, an ihrer
Prachtstraße ein Gotteshaus für Juden oder Moslems zu bauen, zustimmen würden?
Synagogen gab es nicht nur in Heilbronn. Auch in vielen kleineren Städten und
Gemeinden der Region waren sie einst zu finden. Wenn aber heute Moslems ein
Gotteshaus in einer Gemeinde bauen wollen, dann werden sie in die
Industriegebiete mit ihrem Vorhaben verwiesen. Eine Moschee an der Allee?
Dieser Gedanke kam bisher nicht auf. Obwohl dieser Bau in der Nachfolge der
verbrannten Synagoge nur vom toleranten Geist in dieser Stadt am Neckar zeugen
würde. Aber den verbannen viele lieber ins Theater, wenn Lessings „Nathan der
Weise“ gespielt wird. Dort ein paar
Tränen ob des schönen Toleranzgedankens unter den drei Weltreligionen
abzulassen, das ist immer noch bequemer als sich mit dem Anliegen einer
moslemischen Gemeinde zu befassen. Wer gebetsmühlenartig an die Verbrechen
aus der braunen Vergangenheit erinnert, ohne sich den Gegenwartsproblemen zu
stellen, der ist nichts als ein Heuchler. Und davon gibt’s mehr als genug auf
den Rathäusern – wenn es um den Bau einer Moschee geht. Nicht nur in den
Amtstuben, sondern auch im vielfarbigen Gemeinderat. Das gilt für die gesamte Region.
Rathaus-Witze
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu
sorgen. Sagt man so leichthin. Der Heilbronner Rathausskandal treibt neben der
berechtigten Entrüstung auch schon erheblich Witzblüten. Mir sind da einige
ganz deftige zu Ohren gekommen. Denn hier auf dem Turm höre ich vieles, auch
wenn es in den Straßen und Gassen der Stadt momentan nur geflüstert wird.
Unterhalten sich doch neulich unterhalb des Turmes zwei bekannte Heilbronner
Stadträte – einer von der CDU, der andere von der SPD. Sagt der von den Sozi: „Hasch schon gehört, der OB soll jetzt
seinen Hut nemme.“ – Antwortet der Christdemokrat, der auch im
Untersuchungsausschuß für den Rathausskandal sitzt: „Welchen denn? Das Hauptamt hat doch zehntausend bestellt und
eingelagert.“ – Also, bei aller Liebe. Das glaub ich einfach net. Schon bei
den 480.000 Versandtaschen kam es mir spanisch vor. Aber man hat mich
überzeugt, nachdem auch noch eine Druckmaschine im Wert von mehreren
hunderttausend Mark für die städtische Druckerei bestellt war, von der niemand
im Rathaus was wußte. Jetzt soll auch der Heilbronner Oberbürgermeister einen
neuen Dienstwagen bekommen haben – mit dickem Stern. Man weiß nur nicht, wer
ihn bestellt hat. Vielleicht jener, der auch die Druckmaschinen-Auftrag rausgeschrieben
hat? Der gröbste aller kursierenden Rathaus-Witze aber ist jener: „Der OB will
jetzt auch noch ins Guinness-Buch der Rekorde. Mit was denn, wird gefragt. Mit
dem dicksten Fell der Welt.“ – Wie gesagt: Wer den Schaden hat, braucht für den
Spott nicht zu sorgen. Dafür sorgt das betrogene Volk schon selbst. Das war
immer so bei den Ohnmächtigen, und wird auch in Zukunft so bleiben.
Fleiner Geschichten
Als Journalisten von Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen
bemerkt hatten, daß der Fleiner CDU-Gemeinderat und Stukkateurmeister Axel von der Herberg wie vom Erdboden
verschwunden war, begann die große Mediensuche.
Aber da ihn niemand zu Gesicht bekam, platzte die Story wie eine
Seifenblase. Denn es war nichts Sensationelles drin in der Herberg-Geschichte.
Plötzlich aber tauchte der Mann auf, gab dem Neckar Express und anderen Zeitungen ein paar Auskünfte und
verschwand wieder so plötzlich wie er gekommen war. Nebulös waren seine Worte
teilweise, andere von aggressivem Unterton – aber alles, was er sagte, war
wiederum keine originelle Story, die vom Schicksal eines zu unrecht verfolgten
Menschen berichtete. Flein köchelt jetzt wieder im eigenen Herberg-Saft. Die
vielen Andeutungen treiben in den Hirnen und Gewissen der Betroffenen ihre
seltsamen Blüten. Und die Fleiner CDU weiß nicht so recht, ebenso wie der ganze
Gemeinderat, wie sie sich ihres eigentümlichen Parteifreundes entledigen soll.
Rausschmeißen geht nicht. Dazu müßte er ja angehört werden. Jetzt hoffen seine
„Parteifreunde“ und „Ratskollegen“, daß sich der Axel von der Herberg
irgendwann mal sehen läßt. Denn sein
kommunales Mandat sei ja schließlich eine Art Lebensversicherung für ihn - hat
er gesagt. Aber eine Lebensversicherung ist nur dann gültig, wenn man seine
Beiträge regelmäßig bezahlt.
Regionalflughafen
Der Lauffener Schultes Manfred Kübler nimmt kein Blatt vor den Mund. Einen Volksaufstand
hat er für Lauffen angekündigt, wenn die Planung für den Regionalflughafen auf
der Gemarkung seiner Gemeinde weiter vorangetrieben werden sollte. Und auch die
anderen Bürgermeister im Landkreis, deren Gemeinden in die Planung von
möglichen Standorten durch den Regionalverband Franken miteinbezogen worden
sind, machen aus ihren Herzen keine Mördergrube. Sie reden Tacheles. Sprich:
Sie wollen keinen Regionalflughafen. Und schon keimt wieder der Gedanke auf,
daß auf dem von den Amerikanern geräumten Gelände der Heilbronner Waldheide
durchaus Platz für einen Flughafen dieser Art wäre. Schließlich wurde dieses
Gelände schon mal als Flugplatz genutzt. Aber die Bewohner des Heilbronner
Nobelviertels im Osten der Stadt werden sich bedanken. Nach den
Pershing-Raketen haben sie genug von Flugkörpern jeglicher Art in ihrer
unmittelbaren Nachbarschaft. Nachdem der Großraum Heilbronn ohnehin schon stark
belastet ist, spricht vieles dafür, daß jetzt auch mal andere Teile der Region
ihr Scherflein zur wirtschaftlichen Gesundung des „Wirtschaftsraumes Heilbronn“
beitragen. Ich denke da zum Beispiel an den Hohenlohekreis. Da gibt es viel
flaches Gelände, das für einen Flugplatz durchaus geeignet wäre. Es muß ja
nicht immer das Ballungszentrum sein, das die Last allein zu tragen hat.
Briefverteilzentrum
Fast wäre die Ansiedlung des Briefverteilzentrums der
Post im Heilbronner Industriegebiet
Böllinger Höfe gescheitert. Dabei ging es ja nur um 500 Arbeitsplätze, die
Briefe für einen Raum zwischen Crailsheim und Sinsheim, Bietigheim-Bissingen
und Walldürn bearbeiten. Laut
bestehendem Bebauungsplan sollten dreißig Prozent der Dachflächen begrünt und
76 Stellplätze „eingehaust“ werden. Die Post aber will auch in Heilbronn wie in
82 anderen Städten ihre standardisierte Bau- und Nutzungskonzeption
durchsetzen. Wenn nicht, geht sie halt dorthin, wo Bebaungspläne bestehen, die
in Übereinstimmung mit den Post-Konzepten stehen. Jetzt hat der Heilbronner OB
Manfred Weinmann, trotz Rathausskandal, sich in die Bresche geworfen, um
Heilbronn das Briefverteilzentrum zu sichern. Der Bebauungsplan soll den
Wünschen der Post gemäß geändert werden. Auf dem Parkplatz wird es jetzt halt
ein wenig mehr zwischen den Steinen grünen und auf den Dächern des
Briefverteilzentrums gar nicht. Positiv stünden jetzt die Signale, ist aus dem
Heilbronner Rathaus zu erfahren. Fehlt nur noch das OK vom Vorstand der Post
AG. Für Manfred Weinmann wäre die endgültige Zusage über die Ansiedlung des
Briefverteilzentrums ein schöner Sonnenstrahl, nach all dem Schlamassel im
Heilbronner Rathaus – und insbesondere in seinem Hauptamt. Da darf jetzt auch
nichts Skandalöses mehr kommen, sonst verwandelt sich die Heilbronner
Kommunalpolitik in einen real existierenden Hexenkessel, in dem so einige
Politiker vollends abgekocht werden.
Einkaufen
In deutschen Landen einzukaufen, ist oftmals eine
Bußübung wie sie die katholische Kirche einst ihren Gläubigen auferlegt hatte.
Sind Sie schon einmal um viertel nach sechs in einem Kaufhaus oder Supermarkt
gewesen? Da werden teilweise ab 18 Uhr schon die Wurstsorten weggeräumt, Obst
und Gemüse ist transportfähig fürs Kühlhaus auf Wagen gepackt, die
Transportbänder an den Kassen gewischt, so daß von einer oder zwei
Kassiererinnen die in langen Schlangen harrende Kundschaft abgefertigt wird.
Bevor der Kunde sich jedoch zur Kasse durchgeschlagen hat, muß er sich
eingezwängt in dunkle Gänge, zwischen halbleeren Regalen und unausgepackten
Kisten, verfolgt von einem Mann mit Besen, der seinen Kehrgang schon vor sechs
begonnen hat, vorarbeiten zu jener Schlange, die geduldig auf das Abkassieren
wartet. „Das Märchen vom König Kunde“
muß heutzutage niemand mehr lange erklären. Außer den Funktionären der
Gewerkschaft HBV und den Marktleitern der Großhandelsketten weiß jeder, worum
es geht. Der Kunde ist nicht König, sondern Sklave, rechtlos den Verabredungen
derer ausgeliefert, die seine Bedienung nach ihren Belangen ausgehandelt und verregelt
haben. Erst vor wenigen Tagen sah ich eine französische Fernsehsendung über die
deutschen Ladenschlußzeiten. Und dort sprachen Experten über die Langmut der
deutschen Verbraucher, die sich ohne zu murren in Wartenschlangen samstags
gegen 13.30 Uhr einreihen, um bezahlen zu dürfen, was sie erstehen wollen. Die
deutsche Zuteilungsmentalität ist trotz mehr als einem halben Jahrhundert
Demokratie und Freiheit noch nicht verschwunden. Dienstleistung, darunter
versteht man in vielen Ämtern, Banken oder Läden immer noch, daß jener, dem der
Dienst geleistet wird, in dankbarer Habachtstellung verharren muß. Aber auch
das wird sich ändern.
Spielbeginn
In den Dörfern und Kleinstädten der Region, ob sie nun
Neuenstadt am Kocher, Jagsthausen, Zwingenberg oder Schwäbisch Hall heißen,
richtet sich eine ganz besondere Spezies von Theatermachern in diesen Wochen
auf die Spielzeit des Sommers 1996 ein. Raus aus den engen, vermufften
Behausungen der Stadt- und Staatstheater – unter freiem Himmel wird gezeigt,
was die Autoren von Dramen, Komödien, Musicals und Opern einst auf das ach so
trockene Papier gesetzt hatten. Gespielt wird, was Erfolg verspricht. Und das
heißt zum Beispiel im Burghof von Jagsthausen: Das traditionelle Goethe-Drama
„Götz von Berlichingen“, das Musical „Kiss me Kate“ und das Märchen
„Schneewittchen“. In Schwäbisch Hall, auf der 54stufigen Treppe vor der Kirche
Sankt Michael, gibt es heuer auch Goethe („Faust, der Tragödie Erster Teil“).
Außerdem das Singspiel „Im weißen Rössl“
und das Kinderstück „Papagenos Zauberflöte“. Ein Sommervergnügen wollen die
Freilichttheater offensichtlich ihren Besuchern heuer bieten. Wenn die Theater-Hersteller, Regisseure und
Schauspieler, diese „Ideologie“ beim Einrichten der Stücke und Proben der
Szenen berücksichtigen, ihre Sprechtechnik auf die Zuschauer ausrichten und das
ganze Unterfangen nicht als ihre persönliche Sommerfrische (oder besser: als
Urlaub) mißverstehen, dann kann auch die Saison 1996 bei den Freilichtspielen
in der Region eine vergnügliche Angelegenheit für beide Seite der Rampe werden.
Aber, wenn ich das richtig sehe, dann wird es wieder von allem etwas geben.
Denn Freilichtspiele sind heute nicht nur idealistische Hersteller von Theater
zwischen den Spielzeiten, sondern im vielumkämpften Freizeitmarkt hart
kakulierende Unternehmen, die ihren Platz behaupten müssen.
Antiautoritär
In einem Supermarkt an der Kasse. Eine alternative
Mutter samt quengelndem Söhnchen, ein älterer Herr und ein Langhaariger. Das
Kind schiebt den Einkaufswagen dem alten Herrn immer und immer wieder in die
Knie. Der ignoriert gequält lächelnd die Unverschämtheit. Der Kassiererin wird
das Treiben schließlich zu bunt. Sie
ermahnt die teilnahmslos dreinschauende Mutter, doch endlich das Kind zur
Raison zu bringen. Die antwortet jedoch nur gelangweilt, daß sie ihren Sohn
antiautoritär erziehe. Der wisse schon selber genau, wie er sich mit seiner
Umwelt auseinanderzusetzen habe. Währenddessen
schraubt der Langhaarige sein gerade bezahltes Honigglas auf und schüttet den
Inhalt seelenruhig der verdutzt dreinschauenden Mutter mit den Worten über den
Kopf: „Ich bin auch antiautoritär erzogen worden.“ Der ältere Herr zückt
daraufhin seinen Geldbeutel und überreicht dem jungen Mann dankbar einen
Zehnmarkschein: „Für ein neues Glas Honig.“ – Das nenne ich Zivilcourage. Sie
werden sich jetzt fragen, in welchem Heilbronner Supermarkt das passiert ist.
Ich werde es Ihnen nicht verraten. Ich finde aber, es sollte viel öfter
geschehen. Denn diese Art unverschämter Kinder samt ihren Müttern sind mir
schon oft beim Einkaufen begegnet. Leider ist nicht immer ein Honigglas zur
Stelle. Und außerdem wurde ich nicht antiautoritär erzogen. Sei es drum: Beim
nächstenmal nehme ich eine Milchtüte.
Junggesellen
Mich bringt keiner vom Turm herunter, wenn am 1. Juni
die Junggesellen Heilbronns die Stadt kehren werden. Ich bleibe hier oben
steinern stehen. Sollen die Unverheirateten doch fegen, bis sie die richtige
Maid vor den Besen bekommen. Beim ersten Säubern der Heilbronner Innenstadt war
von den sogenannten Prominenten ja schon eine ganze Menge Dreck
aufgewirbelt und ein Teil davon auch zu
Häufchen zusammengekehrt worden. Ich kann mir schlecht vorstellen, daß am „Tag
der Umwelt“ jene mehr Dreck zusammenbringen, die nur darauf aus sind, ein
Menschlein weiblichen Geschlechts zu ergattern, das ihnen später den Haushalt
putzt, während sie viertelesschlotzend im Besen sitzen. Und was soll der Spruch „Lieber zusammen kehren ... , als allein
bleiben.“ Das ist so wie mit den Hausmännern, die sich ihren weiblichen
Ehehälften untertänigst angedient hatten – im Zuge einer mißverstandenen
Gleichberechtigung, um später dann nicht als Männer ernstgenommen zu werden.
Denn es ist ja schon längst erwiesen: Unsere Frauen wollen keine Putzteufel im
Hause, sondern richtige Männer. Sonst wäre ja die Scheidungsrate bei bei
Hausmännern nicht so unverhältnismäßig hoch. Ich seh’ es doch immer wieder vom
Turm: Nach der ersten Verliebtheit wird noch gesäuselt, dann wird so mächtig
gekocht, daß nach der Heirat die Hüften Ringe bekommen und der Liebling
ausschaut wie’s Michelin-Männle. Und in den Diskos wird mit den Freundinnen
zusammen den Chippendales und ihren Nachahmern frenetisch zugejubelt. Dann doch
lieber gleich dreimal die Woche ins Fitness-Studio, meine Herren. Damit die
Muskeln stark bleiben und die Frauenaugen glitzern.
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