Sonntag, 23. Februar 2014

Kiliansmännle, 20.11.1996




Regionaler Flughafen
Was wir bei uns im Wirtschaftsraum Heilbronn unbedingt noch brauchen, das ist ein Regionalflughafen. Meint der baden-württembergische Verkehrsminister Hermann Schaufler. Und das sagte er nicht zum Spaß, um etwa die Landwirte in Lauffen und um Lauffen herum zu foppen. Das sagte er ganz ernsthaft auf dem CDU-Kreisparteitag letzte Woche in Untereisesheim.  Und er bot auch gleich die luftrechtliche Genehmigung und die finanziellen Mittel dafür an, daß dieser regionale Verkehrsflughafen ordentlich ausgebaut wird. Aber entschieden, ob und wo dieser Flughafen gebaut wird oder nicht, das müßte schon vor Ort geschehen. In einer Zeitspanne von zwei bis vier Jahren könne das Land auch ein bis zwei Millionen Mark pro Jahr zuschießen, aber an einer Flughafengesellschaft wolle sich das Land nicht beteiligen. Geschickt hat er das gemacht, der Hermann Schaufler. Nur ungefähre Angaben bei den zu erwartenden Zuschüssen – und der schwarze Peter liegt wieder hier in der Region. Was der Herr Wirtschaftsminister aus Stuttgart zum Pendolino und zur Stadtbahn zu sagen hatte, kann die Regionalpolitiker nicht gerade verheißungsvoll stimmen. Wenn das Kosten-Nutzen-Verhältnis bei der Stadtbahn stimmt, dann könne man über die Finanzierungserwartungen von 85 Prozent im Bereich Infrastruktur und 50 Prozent für die Fahrzeugkosten weiterhin sprechen. Und wenn das mit dem Pendolino so weitergeht, dann sei das Land nicht bereit zu zahlen. Beim Ausbau der A 6 - auch nur Versprechen wie die Jahre zuvor. Schließlich hat der Bundesverkehrsminister Wissmann aus Ludwigsburg viele Autobahnen im Osten auszubauen. Hoffnung ist nur ein schönes Wort und in Heilbronn hat es schon reichlich Runzeln angesetzt.

Heilbronn vor Gericht
Ein schlichter Sachbearbeiter aus dem Heilbronner Rathaus hat die Stadtkasse um 5,7 Millionen Mark plündern können. Großes Erstaunen jetzt vor der dritten Großen Strafkammer am Heilbronner Landgericht. Wie konnte das geschehen? Aber die Aussagen diverser Zeugen brachten es an den Tag. Im Heilbronner Rathaus hatte eine Schlamperei geherrscht, die „den ganzen Glauben an die öffentliche Verwaltung erschüttert“, so ein Richter. Jetzt wurde nochmals dargelegt, daß der 53jährige Kommunalangestellte Eberhardt S. jahrelang ungehindert beim Einkauf von Büroartikeln überhöhte Preise bezahlen und Luftrechnungen ohne Gegenwert begleichen durfte. Zwei der Weiße-Kragen-Täter, eine Geschäftsfrau aus Düsseldorf und ein Kaufmann aus Greven,  wurden schon zu Gefängnisstrafen verurteilt. Der Haupttäter jedoch, jener Eberhardt S., der in seinem Tun und Handeln offenbar „Rückendeckung von oben“ hatte, liegt derzeit verhandlungsunfähig im Krankenhaus. Sein Abteilungsleiter sagte aus, daß S. ein sehr beliebter Mensch gewesen sei, Beziehungen zum Dezernenten pflegte und sich von keinem Vorgesetzten in die Karten gucken ließ. Jahrelang war er nicht nur Personalrat und Vertrauensmann der Schwerbehinderten in der Stadtverwaltung Heilbronn gewesen, sondern auch zweiter Vorsitzender des Sängergaus Heilbronn und ein genialer Organisator. Geprüft wurde bei diesem wichtigen Mann nicht, das heißt: in den letzten zwanzig Jahren hat das städtische Rechnungsprüfungsamt bei den kommunalen Einkäufern weder Stichproben noch Kontrollen vorgenommen. Der Staatsanwalt: „Katastrophale Vernachlässigung jeder Kontrolle im Rathaus.“ Und ein Richter: „Da steht man fassungslos davor.“ Und SPD, ÖTV, CDU, FDP, Grüne sowie all die anderen stehen still und stumm im Kreis herum. Wie lange noch?

Müllverbrennung
Die Junge Union ist gegen eine Müllverbrennunganlage am Standort Heilbronn. Die SPD auch. Die Grünen ohnehin. Der BUND wettert mit viel Papier dagegen. Und auch die CDU-Gemeinderatsfraktion in Heilbronn ist der Ansicht, daß ein „Aus“ für die „Kalte Rotte“ keine Zustimmung für den Bau eines EVS-Müllofens in Heilbronn-Neckargartach bedeutet. Dabei wissen Stadträte und Bürgermeister in Heilbronn sehr genau, daß die Zeiten vorbei sind, in denen die Mülldeponien mit unkontrollierbaren Abfällen vollgepfropft werden. Den nachfolgenden Generationen diese Müllhaufen zu hinterlassen, ist mehr als eine Schande. Die Gase, die aus diesen Deponien entweichen, sind keine angenehmen Lüftchen, vor allem für die in der Nähe lebende Bevölkerung. Hinzu kommen noch die vielen Altlasten in den Gemeinden aus Zeiten, in denen jedes Dorf seine eigene Deponie besaß. Auch dieser Dreck muß irgendwann ausgebuddelt und entsorgt werden. Vorbei auch die Zeiten, in denen der Westen seinen Abfall billig in den Osten Deutschlands transportieren konnte. Und es wird immer schwieriger, den Ländern der Dritten Welt zu erklären, daß es sinnvoll sei, uns unseren Dreck abzunehmen. Mülltourismus dieser Art ist gottseidank im Aussterben begriffen. Wer den Müll produziert, soll ihn auch entsorgen. Das heißt, was in dieser Region an Müll anfällt, muß auch hier beseitigt werden – und nicht nach dem Sankt-Florians-Prinzip anderen mit Geld aufgedrängt werden. Dabei ist Müllverbrennung immer noch die beste Methode. Denn schließlich muß für den gemeinen Bürger die Müllbeseitigung bezahlbar bleiben. Beim Müll gilt offenbar, diesen Dreck haben „die Bürger draußen im Lande“ erzeugt, also sollen sie auch dafür blechen. Erfreulich, daß Heilbronns Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann die Müllverbrennung in Heilbronn nicht wie sein Gemeinderat gleich vom Tisch wischte. Wenn Heilbronn in der Technik des Entsorgungsbereichs vorne mitspielen will, dann muß sorgfältig überlegt werden, welcher Weg einzuschlagen ist.

Heilbronner Salz
Da schauten einige Kommunalpolitiker in Heilbronn ganz schon geplättet aus der Wäsche. Hatte doch das Land Baden-Württemberg durch verschiedene Unternehmen, an denen es Anteile besitzt, Aktien der Südwestdeutschen Salzwerke AG aufkaufen lassen – und besitzt nun eine Mehrheit bei der SWS. Hintergrund: es geht um den Verkauf des Landesanteils, von dem man bisher annahm, er liege wie jener bei der Stadt Heilbronn bei 45 Prozent. Jetzt hat das Land ein paar Prozentpunkte mehr und damit die Mehrheit der Aktien bei den Südwestdeutschen Salzwerken in Heilbronn. Die Mehrheitsbeschaffer: 3,5 Prozent durch die BW-Bank und 1,5 Prozent durch die LG-Bank. Fest steht: Das Land will seinen 45-Prozent-Anteil verkaufen. Das ist erklärter Politikerwille der CDU/FDP-Koalition in Stuttgart. Der hat sich auch schon einen finanzstarken Partner ausgeguckt: die Energieversorgung Schwaben EVS, das Energieunternehmen aus Stuttgart, das sich in letzter Zeit auch ein gutes Geschäft bei der Müllentsorgung, sprich der Müllverbrennung, verspricht. Vor allem mit einem schon ins unternehmerische Auge gefaßten Müllofen auf technisch neuestem Stand neben dem Kohlekraftwerk Heilbronn. Der soll, so die EVS, Arbeitsplätze beim Kohlekraftwerk in Heilbronn sichern. Wie aufgeregte Hühner flattern und gackern nun unsere Kommunalpolitiker herum: Haben sie doch dank ihres 45-Prozent-Aktienpakets ein Vorkaufsrecht. Aber nicht so viel Kohle in ihrer Stadt-Kasse. Die Kommune Heilbronn benötigt jetzt einen finanzstarken Partner, um ihr Recht auch kraftvoll durchsetzen zu können. Schließlich bringen die jährlichen Dividende der SWS gutes Geld in den ansonsten recht schmalbrüstigen Stadtsäckel. Aber der potente Partner muß erst noch gefunden werden. Erster Bürgermeister Werner Grau denkt dabei schon laut an die ZEAG. Denn man will ja auf das Mitspracherecht beim Umweltgeschäft der SWS künftig nicht verzichten – und auf die klingende Dividende. Ich habe da meine ganz altmodische Meinung: Der Staat soll sich um hoheitliche Aufgaben kümmern, die Wirtschaft um wirtschaftliche. Schuster bleib bei deinen Leisten, der Rathaus-Skandal hat’s an den Tag gebracht.

Spaß-Kauf
In Großbritannien darf seit Dezember 1994 jeder Händler tagsüber, abends oder in der Nacht so lange seine Waren verkaufen, wie es ihm Spaß macht. Selbst in Schweden, wo ja früher alles und jedes geregelt war, können Händler ihre Geschäfte öffnen, so lange es ihnen beliebt. Die Rolläden der meisten Läden gehen jedoch zwischen 19 und 20 Uhr runter. Auch bei unserem Nachbarn Frankreich. Selbst im katholischen Spanien haben Kaufhäuser und Großmärkte selbst an Sonn- und Feiertagen geöffnet, wenn es verspricht, einen guten Umsatz zu machen. In Deutschland sind wir mit unseren 20-Uhr-Ladenschlußzeiten von Montag bis Freitag noch nicht soweit. Aber im Rahmen der Angleichung der europäischen Länder wird eine stärkere Liberalisierung für Händler und Kunden nicht mehr lange auf  sich warten lassen. Davon bin ich fest überzeugt. Es muß auch jenen die Chance gegeben werden, die abseits vom großen Strom am wirtschaftlichen Geschehen im Handel teilhaben wollen: der kleine Familienbetrieb, der es sich erlauben kann, bis spät in die Nacht zu öffnen, weil alle an einem Strang ziehen; der Spezialladen, der seine Kunden nur von 18 bis 24 erreichen will oder kann; das Lebensmittelgeschäft, das von jungen Leuten nebenher in der Freizeit betrieben wird, und in dem man spät, aber ein wenig teurer all das bekommen kann, das man tagsüber vergessen hat zu kaufen. Warum soll es diese Nischen nicht geben? Ich kenne keinen vernünftigen Grund, hier mit staatlicher Rasenmäher-Reglementierung drüber zugehen. Phantasie ist gefragt. Die Großen verdienen bis 18.30 oder 20 Uhr, die Kleinen sammeln danach die Krumen auf, die übrigbleiben. Optimistisch in die Zukunft blicken, das predigen uns unsere Politiker doch immer. Ich freue mich auf die praktische Umsetzung.

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