Samstag, 22. Februar 2014

Kiliansmännle, 09.10. 1996




 Ballzeit
Der Herbst ist da – Zeit der Bälle. In Stuttgart wird demnächst wieder der Landespresseball in der Liederhalle stattfinden, das politisch-gesellschaftliche Großereignis im Ländle. Was Namen hat oder haben möchte, wer gesehen werden oder Prominenz sehen will, dem ist dieser Termin in Stuttgart ein „Muß“. Schließlich gibt’s ein großes Auto als Hauptpreis der Tombola zu gewinnen. Im vergangenen Jahr war es ein Audi, vielleicht ist’s heuer ein Mercedes. Auch in Heilbronn gab es in den vergangenen zehn Jahren einige Pressebälle, die es in sich hatten. Wochen zuvor waren schon alle Karten weg. Man riß sich förmlich darum. Am 19. Oktober sollte mal wieder einer stattfinden. Anlaß: Der fünfzigste Geburtstag der Tageszeitung „Heilbronner Stimme“. Am Samstag war zu lesen, daß der Heilbronner Presseball abgesagt ist. Grund: Mangelndes Interesse bei den Lesern. Wie sich die Zeiten doch wandeln – und das in so kurzen Zeitabschnitten. Dabei hatte gerade der Heilbronner Ball oft eine angenehmere Atmosphäre als der Stuttgarter. Vielleicht schließen sich beim nächsten Presseball-Termin einfach mal alle in Heilbronn versammelten Medien zusammen, planen gut und rühren dann ordentlich die Werbetrommel. Es muß doch was werden mit der Presseball-Tradition, wenn die Tageszeitung Heilbronner Stimme, der Neckar Express, der Tip, das Südfunk-Frankenradio, die Privatradios Antenne 1 und Radio Ton sowie ein Szeneblatt wie Moritz gemeinsam zum Presseball und einem guten Zweck aufrufen. Das wäre doch gelacht.

Einkaufen – bis wann?
Ab 1. November dürfen die Bäcker auch sonntags drei Stunden lang frische Brötchen verkaufen. Und auch die Läden dürfen werktags bis 20 Uhr geöffnet sein, samstags bis 16 Uhr. Aber es scheint für viele Kaufleute eher eine Qual zu sein, sich auf diese neuen Ladenschlußzeiten einzustellen. Als so manche Läden dazu übergingen, die Pforten für die Kunden erst um 9 oder 10 Uhr zu öffnen, wurde wenig Aufhebens gemacht. Als dann der lange Donnerstag eingeführt wurde, gab es einen Sturm der Entrüstung – vor allem bei den Gewerkschaften. Und auch jenem verzagten politischen Kompromiss, der ab 1.11. eingeführt wird, gingen Kämpfe voraus, als ob der Bestand des deutschen Einzelhandels und seiner Beschäftigten auf dem Spiel stünde. Dabei wäre es doch am sinnvollsten, wenn die Politik es den Geschäftsleuten überließe, wann sie ihre Läden öffnen und schließen wollen. Denn die haben ja wohl den intensivsten Kontakt zu den Kunden und sollten wissen, was „der König“ will und verlangt. Aber dem ist das deutsche Obrigkeitsdenken davor. Der Staat soll regeln. Schon hat man die Verantwortung los. Die meisten haben, wie es der alte Goethe schon sagte, vor der Freiheit einen mächtigen Bammel. Jetzt werden schwere Gedankenblöcke hin und her gewälzt, ob man nun bis 19 oder 20 Uhr geöffnet haben soll. Ob samstags bis 14 oder 16 Uhr für Kunden die Ladentüren offenstehen. Die großen Kaufhäuser in Heilbronn haben sich schon entschieden. Sie wollen die Öffnungszeiten voll ausnutzen. Mir scheint, manche Kaufleute wollen nur ein gutes Geld verdienen, der Kunde ist dabei ein lästiges, aber notwendiges Übel. Mit dieser Haltung aber wird es weiter zu Konzentrationen im Handel kommen.

Teures Schwein
Die liebe Landwirtschaft – unser aller Ernährer. Ihr geht es schlecht. Die Bauern und Metzger im Unterland sind seit langer Zeit schon nervös geworden. Schuld ist der drastische Rückgang des Rindfleischverbrauches wegen der Rinderseuche BSE, die uns die Freunde aus England beschert haben. Zumindest erzählte mir das ein Metzger. Aber knitz winkte er gleich wieder ab, die Deutschen essen dafür wieder mehr Schweinefleisch. Und man zieht natürlich sofort seinen Profit aus dieser Entwicklung. Die Ladenpreise fürs Schwein steigen. Ein Kilogramm Kotelett habe im August im Schnitt 11,41 Mark gekostet. Das sind 74 Pfennige mehr gewesen als im April vor der BSE-Krise. Gegenüber den August-Preisen von 1995 bedeutet dies einen Anstieg von fast acht Prozent. Bei Schweineschnitzeln, so der Metzger, sehe der Trend ähnlich aus. Also war die Krise für die Fleischhauer nur von kurzer Dauer. Anders sieht es natürlich bei Bauern aus, die sich auf Rindfleischvermarktung spezialisiert hatten. Die müssen jetzt erst einmal wieder das Vertrauen von uns Verbrauchern zurückgewinnen. Und da stehen sie verdammt alleine  in der Landschaft herum. Die Euro-Bürokraten mahlen langsam.

Ebbes Neus
Ebbes – das heißt bei uns im schwäbischen Dialekt ins Hochdeutsche übertragen einfach „etwas“. Hasch ebbes gsagt? Das klingt zornig – oder auch nicht. Und jetzt heißt auch noch ein neues Monatsmagazin im Unterland „Ebbes“. Schön bunt gemacht, grafisch ordentlich aufbereitet liegt die erste Nummer vor mir. Auffällig nur, daß die Macher bis vor wenigen Wochen im stärksten Szene-Blatt am Markt namens „Moritz“ ihre Feder schwangen. Auch wenn der Fehlerteufel sich in die Orthografie und bei Satzzeichen ins Computersystem eingeschlichen hatte (das soll ja vorkommen), hat der Mut und das Engagement die Macher um Marcel Friedel (einst „Moritz-Chefredakteur“) nicht verlassen. Ein Motto der Blattmacher: „Lieber zweimal gegen den Strom als einmal mit dem Wind, denn wer immer mit den Wölfen heult, bleibt zu Lebzeiten ein Dackel.“ Gut gebrüllt, Löwe! Und ich kann nur sagen: Auf daß der Wind in deinem Rücken nie dein eigener sei. Schließlich existieren in der Region um Heilbronn bisher insgesamt vier solcher Szene-Blätter, die uns kostenlos verkünden, wo im Monatsverlauf welche Treffen und Ereignisse stattfinden, welche Kneipen eröffnet wurden, welche Filme in den hiesigen Kinos anlaufen und welche Bücher oder Schallplatten in einschlägigen Geschäften gerade neu eingetroffen sind. Ob für alle vier dieser Szeneblätter Platz am Markt ist, das wird der harte Konkurrenzkampf in Zukunft zeigen. In anderen Großstädten haben nur jene überlebt, die von großen Verlagen gesteuert werden. Aber das muß ja im Unterland nicht auch so sein. Hier gibt es ja viele Ausnahmen bei den wirtschaftlichen Regeln.

Abfall beseitigen
Jetzt endlich haben die Politiker den Stein der Weisen vor unsere Mülltonne gerollt. Denn merke: des Deutschen höchste Zier, ist Abfall vermeiden, heut und hier. Unsere Fundis bei den Grünen und in anderen Parteien haben als Lebensziel für jetzige und künftige Generationen das Trennen und Sortieren von Müll verordnet. Das Ideal lautet: Möglichst überhaupt keinen Müll erzeugen. Das wäre ja auch in Ordnung, wenn da nicht wir Menschen wären. Aber selbst Gott hat mit uns gehadert und uns aus dem Paradies vertrieben. Der Sündenfall unserer Zeit lautet fundigemäß: Müll. Wenn jetzt die Sauberkeit zum Gesetz erhoben ist, vielleicht nähern wir uns dann wieder einmal paradiesischen Zuständen, nachdem Kommunisten und Sozialisten politisch bei diesem Rennen außen vor sind. Das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz sieht eigentlich vor, daß niemand mehr Müll erzeugt. Wenn, dann muß er selber dafür sorgen, daß der Müll entweder wiederverwendet wird oder mit hohen Kosten beseitigt wird. Wer also etwas herstellt, der muß künftig auch dafür sorgen, daß es wieder verschwindet – irgendwie. Produktverantwortung nennt man das jetzt. Um zu erreichen, daß der Müll auch wirklich nicht erzeugt wird, werden jetzt Ausführungsverordnungen erlassen. Zunächst soll eine Autoschrottverordnung kommen. Die SPD meint, diesem neuen Regelwerk fehlen eigentlich die Zähne. Aber dort, wo sie in den Ländern regiert, werden die Müll-Hauer schon eingezogen. Wir müssen uns wieder mal auf höhere Müllgebühren und höhere Produktpreise einrichten. Denn letztlich wird kein Unternehmer das neue Gesetz zum Gotteslohn umsetzen. Der Verbraucher zahlt. Wer denn sonst? Und was bringt es der Politik? Mehr Beamte, die das Regelwerk überprüfen. Denn die Politiker (in der Mehrzahl Beamte) sorgen schon für ihre Klientel.

Färrnsähn
Kennen Sie jene kurze Szene von Loriot, in der eine recht wohlbeleibte Dame mit großer Straußenfeder in den Haaren, Knollennase und  mit wohliger Stimme im Fernseher verkündet: „Guaden Apentt, meine Dame und Herrn. Hier ischt das schwäbische Färrnsähn“. Eine Karikatur? Nicht nur. So und ähnlich wird heute noch im Süddeutschen Rundfunk Fernsehen gemacht. Trotz Privatsender und anderer Konkurrenz. Spätzles-Sender nennen wir das, was uns dort geboten wird,  dann liebevoll. Aber das soll ja demnächst anders werden. Dann, wenn der große Landessender im Südwesten bei uns kommt. So recht weiß noch niemand in Stuttgart, ob wir mit denen in Rheinland-Pfalz und dem SPD-Beck zusammengehen sollen. Nur der Manfred Rommel, der scheidende  Stuttgarter OB, will einen Sender für Baden-Württemberg. Sollen doch die überm Rhein mit dem Landrat des Saarlandes eine neue Rundfunkanstalt bilden. Nun behaupten einige in Stuttgart, der Rommel habe nur gesagt, was der Teufels Erwin in der Staatskanzlei denkt. Denn wenn schon der Anachronismus aus der Besatzungszeit beendet wird, daß die Grenze für die beiden öffentlich-rechtlichen Sender SDR und SWF in Baden-Württemberg die Autobahn Ulm-Karlsruhe ist, dann wollen wir auch eine Identität im Ländle beim Quasi-Staatsgebilde-Rundfunk haben. Wie die in Bayern oder Hessen. Aber soweit ist es noch nicht. Jetzt wird erst einmal verhandelt. Das kostet unser Steuergeld und Politiker-Nerven. Und irgendwann, wenn die Politiker genug Geld ausgegeben haben, dann wird gehandelt. Aber davor sind – wie in den letzten zwanzig Jahren – noch viele Kommissionen. Und die kosten.

Unterland Ausstellung
Eine halbe Woche ist es schon her, daß die Unterland Ausstellung auf der Heilbronner Theresienwiese ihre Tore dicht gemacht hat. Schön war’s gewesen. Und alle, die aktiv vor Ort dabei waren, haben sich schwer gelobt. Mußte ich am Sonntag im Radio vernehmen. Nur ein paar wenige Aussteller haben nicht das erreicht, was sie sich erhofft und erträumt hatten. Deshalb wollen sie in zwei Jahren nicht wiederkommen. Die anderen waren’s zufrieden. Sagt die Ausstellungsleitung. Es hatte ja auch seinen Reiz, durch die Zeltbauten auf der Theresienwiese zu stapfen. Volksfest-Atmosphäre mit Überdachung. Bei 90.000 gezählten Besuchern in neun Tagen. Hätte man die Zahlen geschätzt, alle jene hinzugerechnet, die nur anlieferten oder dort arbeiteten, dann wäre man schnell bei weit über 100.000 Besuchern der Unterland Ausstellung gewesen. Das Konsumverhalten der Verbraucher sei schon noch zurückhaltend, wurde an einigen Messeständen beobachtet. Aber das hätten die Aussteller von Beginn an mit einkalkuliert und somit die Erwartungen niedriger angesetzt. Nur 37 Prozent der Aussteller waren mit dem Messegeschäft zufrieden, als sehr gut bis gut bewerteten sogar rund 47 Prozent die Messetage in Heilbronn. Lediglich 13 Prozent waren weniger zufrieden. Wenn allerdings zur gleichen Zeit in Heilbronn der Hafenmarkt in der Sülmer-City an den letzten drei Messetagen zu einem „Besuchermagnet“ geworden war, dann werden die Besucher nicht an zwei Orten gleichzeitig sein können. 50.000 sollen laut Schätzung des Heilbronner Verkehrsamtes in der Innenstadt gewesen sein. Da war man dann ein wenig sauer bei der Ausstellungsleitung. Aber die nächste Unterland Ausstellung ist schon fest geplant: vom 26. September bis 4. Oktober 1998 

Sportglotze
Regelmäßig samstags um 18 Uhr ist für Millionen Deutsche „ran“-Zeit. Man setzt sich vor seinen Fernseher, macht es sich gemütlich und freut sich auf die Spiele der Fußballbundesliga. Die Freude währt allerdings nur kurz, denn schon nach dem ersten Spiel kommt Werbung. Man schwingt sich aus seinem Sessel und geht genervt zum Kühlschrank, weil man ja nichts anderes zu tun hat. Kaum geht es wieder los, kommt nach dem zweiten Spiel auch schon der nächste Werbeblock. Frustration und leichter Ärger macht sich breit. Mit Wehmut denkt man an die gute alte Sportschau zurück, bei der man die Fußballbundesliga noch ohne viel Trara und vor allem ohne Werbung genießen konnte. Aber schon wird das dritte Spiel angekündigt und der aufgebrachte Fußballfan beruhigt sich wieder. Selbst weniger intelligente Interviews mit Fragen wie „An was hat’s gelegen?“ oder „Wie haben Sie das Tor gesehen?“ werden ohne großes Murren ertragen, nur um endlich wieder ein Fußballspiel zu sehen. Aber allmählich muß man sich fragen, ob hier „ran“ von Werbung unterbrochen wird, oder ob kurze Fußballeinlagen als Unterbrechung für den Kommerz dienen. Was sich die Verantwortlichen hier erlauben, ist nicht nur pure Geldmacherei, sondern auch eine Frechheit dem Zuschauer gegenüber. Auf dem gleichen Kanal läuft auch das Glücksrad, und diese Sendung muß mit der Einblendung Dauerwerbesendung versehen werden. Bei „ran“ ist das nicht so, doch lassen sich gewisse Ähnlichkeiten nicht leugnen.

Feste Zahlen
Am Wochenende ging das Cannstatter Volksfest zu Ende. 5,1 Millionen Besucher hatte die Stadt Stuttgart gezählt, wurde am Montag verkündet. 300.000 weniger als im vergangenen Jahr. Viel Streit hatte es um die Schätzungen der Zuschauerzahlen schon im Vorfeld gegeben. Die Wirte und Schausteller waren mit diesen amtlich hochgerechneten Zahlen nicht einverstanden und ließen genauer zählen. Und dabei kamen sie auf 1,8 Millionen Besucher. Walter Weitmann, der Präsident des Landesverbandes der Schausteller und Marktkaufleute (LSM) behauptete sogar, daß man bis Samstag (vergangener Woche) 1.714.000 Besucher auf dem Cannstatter Wasen gezählt habe. Mit dem Sonntag als Abschlußtag seien es dann rund 1,8 Millionen gewesen. Bis Sonntag hatte die Stadt Stuttgart allerdings schon 5,4 Millionen Besucher gezählt, basierend auf der geschätzten Auslastung der Bierzelte und Fahrgeschäfte. Am Montag wurde dann die Korrektur nachgeschoben. „Wir haben nie behauptet, daß unsere Zählung genau ist“, meinte Lothar Breitkreuz, Chef der städtischen Marktgesellschaft VMS. Für eine genaue Zählung würden Einrichtungen wie Eingangsverengungen oder Drehkreuze fehlen. Das sei dann mit erheblichen Kosten verbunden und führe zu Staus an den Eingängen. Jetzt ist man in Stuttgart auf die Schausteller sauer. Sie hätten das große Bierfest mehr oder minder kleingezählt und Stuttgart stünde im Vergleich mit anderen Volksfesten in der Republik schlecht da. Nun können wir uns aussuchen welche Zahlen stimmen. Die der Schausteller oder die der Stadt. In Heilbronn wird ja auch immer ordentlich geschätzt, wenn es um die Feste und Märkte geht. Und die Zahlen sind jeweils großartig. Ob beim Unterländer Volksfest, dem Pferdemarkt, dem Weindorf oder jetzt erst wieder beim Hafenmarkt. Bislang müssen wir den Meßverfahren der Stadt glauben. Aber vielleicht kommt auch jemand mal auf die Idee zu zählen – wie in Stuttgart.

Stuttgarter Kampf
Es geht in die letzte Runde. Stuttgart wählt  am 20. Oktober einen neuen Oberbürgermeister. Fünf ernsthafte Kandidaten und viele, viele andere stellen sich zur Wahl. Kein leichtes Erbe nach der Rommel-Ära. Manche Beobachter meinen ja, daß auch in Stuttgart das passiert, was sich in einigen Unterländer Kommunen ereignet hat, als sich die alten Amtsinhaber nicht mehr zur Wahl gestellt hatten. Mittelmaß hielt Einzug. Die alten, knorzigen, charakterstarken Schultes-Typen von einst seien im Aussterben begriffen. Gefragt sei demgegenüber heute ein Kommunalmanager. In Stuttgart wollen dies alle Bürgermeisterbewerber sein – außer dem Grünen Rezzo Schlauch. Aber der hat seine Wahlchancen wohl schon in Edelrestaurants und mit eigentümlichen Vorstellungen zur Wirtschaftspolitik erheblich verringert. Ob denn heute das Mittelmaß in der Politik sich heute breit mache, wollte erst am Wochenende eine Zeitung vom noch amtierenden OB Manfred Rommel wissen? Und der antwortete den moralisierenden Fragestellern mit den Worten: „Ich war ja auch mal mittelmäßig – vielleicht bin ich’s sogar geblieben – aber ich bilde mir ein, ich hätte mich im Amt etwas verbessert. In der Demokratie gibt es keine Helden, weil die Demokratie keine Helden aushält. Sie macht vielleicht Helden, aber sie bleiben’s nicht lange, denn die Demokratie organisiert eben die Kritik, und da gibt’s keinen, der unkritisiert bleibt. Das ist ja auch der große Vorteil der Demokratie. Allerdings ist das emotional ein großes Problem, weil viele wegen dieser Kritik meinen, es gäbe keine idealen Menschen mehr. Es gibt aber Menschen, die dem Ideal nahekommen, und solche, die weit von ihm entfernt sind. Aber ganz das Ideal erreichen, das ist kaum möglich, zumindest in der politischen Praxis.“ – Dann werden also die Stuttgarter einen wählen, der dem Ideal nahekommt. Und der heißt nach Manfred Rommels Meinung Wolfgang Schuster, ist 47, war einst sein Persönlicher Referent, danach OB in Schwäbisch Gmünd und ist derzeit Kulturbürgermeister in Stuttgart. Am 21. 10. wissen wir, ob die Stuttgarter den Wunsch des scheidenden OB erfüllen wollen.

Spione am Werk
VW in Wolfburg war in heller Aufruhr. Wir erinnern uns: Da hatten Industriespione mit einer im Erdhügel verstecken Kamera an einer Teststrecke bei Wolfburg über Monate hinweg Prototypen von VW fotografiert. Der VW-Konzern hatte sich immer wieder gewundert, wie Fotos dieser sogenannten Erlkönige in Autozeitschriften auftauchen konnten. Dann war klar: Industriespionage. Ein Delikt, das nach Ende des Kalten Krieges und der Ost-West-Polarisierung immer häufiger vorkommt. Auch wenn nach Angaben der Verfassungsschutzbehörden die Dunkelziffer enorm groß ist. Nun fragt sich natürlich mancher Unterländer Bürger: Wie sieht es denn hier beim Audi-Werk aus? Da kann man wohl beruhigen. Fahrzeuge werden hier produziert. Die richtige Entwicklung geht am anderen Ort vonstatten. Dennoch – selbstverständlich hat das Audi Werk in Neckarsulm einen gut funktionierenden Werkschutz. Und der wird potentielle Gelegenheitstäter abfangen. Gegen hoch-technisierte Profis der Geheimdienste ist der Werksschutz allerdings auch ziemlich machtlos. Denn, wie sagte mir dieser Woche ein Industriemanager: Gegen andere Firmen können sich Firmen schützen, aber kaum gegen Geheimdienste.

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