Sonntag, 23. Februar 2014

Kiliansmännle, 24./25.12.1996




Wohin mit dem Müll?
Wohin mit dem Müll? Das fragen sich nicht nur unsere Politiker und hecken immer wieder neue Pläne aus, die der Bürger dann bezahlen muß – sowohl in der Planung und (sofern es dazu kommt) in der Realisierung. Auch die Bürger stellen sich diese Frage, und einige probieren dann ganz seltsame Müllentsorgungstechniken aus. In der Nähe der Anna-Linde in Heilbronn-Kirchhausen zum Beispiel wurden auf einem Feldweg 40 Autobatterien entdeckt. Die Stadt mußte den Dreck entsorgen, der teilweise noch ätzende Battersiesäure enthielt. In der Pfühlstraße Heilbronns, ein anderes Beispiel, steht seit längerer Zeit ein altes Fernsehgerät inmitten der Begrünung eines Fußgängerweges. Und in den Wäldern rings um Heilbronn sehe ich so manchen blauen Plastiksack, wohlgefüllt mit Hausabfällen. Die hat auch nicht der Weihnachtsmann dort vergessen. Was an den Papier- und Glasflaschencontainern, die über die gesamte Stadt verteilt sind, abgelagert wird, besteht auch nicht gerade aus Glas oder Pappe. Am Zustand jener Container kann man auch sehen, in welchem Viertel man sich gerade befindet. Ist das Wohnumfeld verwahrlost, dann sehen auch die Container und ihr Umfeld danach aus. In anderen Vierteln glaubt man fast, die Müllcontainer unterliegen der wöchentlichen Kehrwoche, so sauber und ordentlich schaut’s da aus. Wie der Herr, so s’Gescherr. Heißt es im Volksmund. Wie die Politik, so der Umgang mit dem Müll und die Müllentsorgung. Unverständlich bleibt mir weiterhin, warum jene Menschen, die brav und sauber ihren Müll trennen, bei den Kosten dafür bestraft werden. Ebenso unverständlich ist mir, daß der Abfall in den Gelben Säcken, den wir alle schon beim Einkauf bezahlt haben, von dubiosen Firmen in irgendwelche Länder transportiert wird, damit er dort weiterverarbeitet oder entsorgt wird. Aber wahrscheinlich liegt es daran, daß ich hier oben keinen Abfall produziere, nur den Dreck um die Ohren bekomme.

Haushalt
In der Nachkriegsgeschichte Heilbronns dürfte die Verabschiedung des Haushalts 1997 im Gemeinderat letzte Woche – kurz vor dem Fest – einmalig gewesen sein. Die Belastungen wiegen schwer. Bei einem Volumen von 698 Millionen Mark wird vom ersten Bürgermeister Werner Grau mit einer Neuverschuldung von 77 Millionen Mark gerechnet. Dann sind wir bei 342 Millionen Mark Schulden in der Stadt Heilbronn, sprich pro Kopf sind die Heilbronner mit 2.825 Mark dabei. Allein 10,8 Millionen Mark müssen im kommenden Jahr für Schuldentilgung bezahlt werden. Und wie kommen wir aus diesem Schlamassel wieder raus. Steuererhöhungen behaupten die einen. Der Bürger soll geschröpft werden. Aber der stöhnt unter der hohen Abgaben- und Steuerlast. Sparen lautet die Devise einer anderen Gruppierung. Wobei sie unter „Sparen“ weniger ausgeben verstehen. Geld auf die hohe Kante wollen sie keines legen, diese, unsere Politiker. Denn sie haben keines – und unseres sind sie nur bereit, zu verteilen und auszugeben. In den Betrieben werden Stellen abgebaut, wird rationalisiert – beim Staat dagegen werden die Arbeitsplätze auf wundersame Art vermehrt. „Der Bürger will es so, er fordert ja immer höhere Leistungen“, behaupten einige Politiker mit treuem Augenaufschlag. Und merken nicht, daß ihnen keiner glaubt. Die Stadt Heilbronn beschäftigte zu Beginn des Jahres 4.936 Menschen. Vor zehn Jahren waren es 736 Personen weniger. Ich frage mich, wie ist es möglich, daß Großkonzerne mit weniger Personal mehr umsetzen und verdienen, eine Stadt aber – ausgestattet mit modernster Technik – immer mehr Personal benötigt? Vor zehn Jahren kosteten uns die Stadtbediensteten 199 Millionen Mark, heute 334,8 Millionen. Das sind 68,2 Prozent mehr. Wenn demnächst nicht radikal eingespart wird, überflüssige Stellen gestrichen werden – und ich kenne viele –, dann werden uns unsere Enkel bitterlich verfluchen.

Weihnachtsmann woher?
Weihnachtsmänner, wer sind sie? Woher kommen sie? Sie sind nicht etwa Gehilfen des heiligen Nikolaus, der zu Lebzeiten der Bischof von Myra war, was in der heutigen Türkei liegt und dessen Festtag der bekannte 6. Dezember ist. Denn dieser wird auf alten Gemälden immer in blauer Kleidung und mit einer bischöflichen Kopfbedeckung dargestellt. So kenne ich ihn auch aus Kindergartenzeiten. Der Weihnachtsmann dagegen erscheint immer in rot-weiß und auf seinem Rentierschlitten. Dieses Outfit muß also einen anderen Hintergrund haben. Zuerst mal im Lexikon nachsehen. Doch in Deutschlands größtem Nachschlagewerk steht nur, daß er an Heilig Abend die Geschenke bringen soll und Züge des Nikolaus und von Knecht Ruprecht aufweist. Das befriedigt mich nicht besonders. Bleiben wir also bei den Farben. Rot als Symbol der Liebe und weiß als Zeichen für Freude? Nein, so edel ist er nicht – das ist überinterpretiert. Und ein bischöfliches oder ritterliches Gewand ist der rote Bademantel auch nicht gerade, den der Weihnachtsmann zu seiner Mütze trägt. Wo also kommen die Farben her? Der rotweiße Weihnachtsmann mit weißem Rauschebart ist nichts weiter, als eine Erfindung der Marketingabteilung von Coca-Cola.1931, rechtzeitig zu Weihnachten, zeichnete der schwedische Maler Haddon Sundbloom für den Brausehersteller erstmals die „weihnachtliche“ Figur. Der Erfolg war gigantisch. Die Figur die an die des „Pelzmertel“ oder des amerikanischen „Santa Claus“ erinnert, zog ein in die Herzen der Kinder, in das Weihnachtsbild der Erwachsenen und ist heute nicht mehr wegzudenken. Der Weihnachtsopa taucht jedes Jahr wieder auf und nicht nur auf Werbeplakaten von Coca-Cola. Sogar Disney und unzählige Regisseure aus Hollywood haben sich diese Figur zu eigen gemacht. Nicht zuletzt gibt es ja noch die Schokoladen-Weihnachtsmänner, die jedes Jahr von August bis Dezember hergestellt werden.

Bestechungsversuch?
Wir leben in unruhigen Zeiten. Kluge Leute, Sozial-Wissenschaftler wollen uns klarmachen, daß es mit der Kriminalität auf unseren Straßen gar nicht so schlimm bestellt sei. Die finde doch vornehmlich in unserem Kopf statt. Der  Straßenverkehr in Deutschland sei viel gefährlicher. Das ist kein sonderlich hilfreicher Trost für Verbrechensopfer. Nicht für jene Eltern, deren Kinder von Sextätern umgebracht werden, obwohl sie schon einschlägig vorbestraft sind. Auch nicht für jene 69jährige Frau, die letzte Woche auf offener Straße niedergestochen und schwer verletzt wurde – so wie jener Asylbewerber wenige Tage zuvor, der heute noch an seinen schweren Verletzungen leidet. Wohnungseinbrüche am laufenden Band, Taschendiebstähle auf Weihnachtsmärkten, begangen von strafunmündigen Kindern, die darauf abgerichtet werden wie dressierte Hunde, brutale Überfalle in Geschäften am hellichten Tage. Einbrüche in Serie in Autos, Büros, Fabrikgebäude. Gestohlen wird, was nicht niet- und nagelfest ist – und selbst das auch noch. Wenn alten Frauen die Handtasche entrissen wird, dann können unsere Ordnungshüter nur noch mit den Achseln zucken. Denn die Aufklärung solcher „Bagatell-Fälle“ strebt gegen Null, ebenso wie bei Autoaufbrüchen. Und muß man dann noch mitansehen wie miserabel unsere Polizei mit technischem Gerät ausgestattet ist, im Vergleich zu kleinen Firmen oder Großkonzernen, dann frage ich mich, welcher seltsame politische Wille dahintersteckt. Würden wir heute ein Sammlung für die Polzei veranstalten, Faxgeräte, Computer, Handys, etc. – ich behaupte, es würde viel zusammenkommen. Aber unsere Polizei dürfte diese Spenden nicht annehmen. Aus Staatsraison. Ein Blick nach Amerika zeigt, wie man es besser machen kann. Dort sinkt die Kriminalitätsrate. Und wer der Polizei zur Unterstützung etwas spendet, der ist ein guter Staatsbürger. Bei uns fällt das unter Bestechungsversuch. Bürgersinn?

Weihnachtlich
Was macht ein richtiges deutsches Weihnachtsfest aus? Bei uns im Schwäbischen gehören zunächst einmal Weihnachtsbrötle dazu, die von der Hausfrau und ihren „freiwilligen“ Helfern aus der Familie zu Beginn des Monats Dezember gebacken, um dann in Gläsern, Dosen und Schachteln verstaut zu werden. An jedem Adventsonntag gibt es ein paar wenige davon zum Kaffeetisch, am Weihnachtsfest dann mehr, danach den Rest. Wenn sie zu gut sind, dann muß Mitte Dezember nachgebacken werden. Jedes schwäbische Kind kann sich daran erinnern, daß Brötle-Backen gleichzusetzen ist mit der Feierlichkeit einer Christmette. Und Lebkuchen gehören zum Fest ebenso wie ein festlich geschmückter Baum (möglichst mit dem in Jahren angesammelten Traditionsschmuck der Familie und echten Wachskerzen), der Gang zur Kirche, das kleine, festliche, aber nicht üppige Mahl am Heiligabend und das Singen von Weihnachtsliedern vor der Bescherung. Und natürlich das Bach‘sche Weihnachtsoratorium in der Vorweihnachtszeit. Am Sonntag war es in der Heilbronner Kilianskirche zu hören. Die Karten im Musikhaus Sproesser waren schon eine Woche zuvor alle ausverkauft gewesen. Nur an der Abendkasse gab es noch wenige Restkarten. Eine solche Nachfrage hätte er seit Jahren schon nicht mehr erlebt, meinte Axel Sproesser, ein profunder Kenner der Musikszene. Leute hätten sich um Karten bemüht, die bei geistlichen Konzerten in der Kilianskirche ansonsten nie zu sehen sind – und in seinem Musikhaus schon gar nicht.  Offenbar wollen sich in diesen unsicheren und stürmischen Zeiten viele wieder auf unvergängliche Werte besinnen. Und etwas so Schönes wie das Oratorium von Johann Sebastian Bach, das erhebt die Seele – und badet sie nicht in jenem Kakao, durch den wir täglich gezogen werden – dank des alltäglichen Fastfood-Gedudels aus unseren Radiolautsprechern. Und wenn Weihnachten vorbei ist? Dann ...

Dienstwagen
Es war schon lange gefordert, aber nie in die Tat umgesetzt worden: Die Reduzierung des Bürgermeister-Fuhrparks. Sprich: nicht jeder Bürgermeister auf dem Heilbronner Rathaus soll künftig einen Dienstwagen samt Chauffeur zur Verfügung gestellt bekommen. Nur dem Oberbürgermeister und dem Ersten Bürgermeister stehen künftig noch Dienstwagen mit Fahrer zu Verfügung. Die anderen drei Bürgermeister (Casse, Friese, Frey) müssen künftig entweder mit dem eigenen Auto fahren, einen Wagen aus den Bereitschaftsdienst anfordern oder per Bus ins Rathaus kommen. Warum auch nicht? Ist doch der Münchner OB Hans-Jochen Vogel  für seine Straßenbahnfahrten ins Amt berühmt gewesen. Warum sollen dann unsere Bürgermeister nicht auch mit dem Stadtbus oder dem eigenen Wagen ins Rathaus kommen – sofern sei einen Führerschein besitzen. Was ja nicht immer der Fall ist. Ich meine, da hat sich unser Heilbronner Gemeinderat mal von einer wirklich sparsamen Seite gezeigt. Denn unsere  Herren Bürgermeister können für ihre Terminfahrten, die Fahrt zum Arbeitsplatz und zurück ja auch ein Taxi benutzen. Das würde das darbende Taxi-Gewerbeunterstützen. Und uns Steuerzahler käme es wahrscheinlich preiswerter als die städtischen Automobile plus Fahrer in ständiger Bereitschaft. Die Reaktion des Kulturbürgermeisters Reiner Casse ist subjektiv verständlich. Denn jetzt gibt es – legt man Statussymbole als Maßstab an – Bürgermeister erster und zweiter Klasse. Aber die existierten es vorher auch schon: OB, Erster und die anderen Bürgermeister. Das rechtfertigt objektiv gesehen noch keinen Parteiaustritt. Subjektiv kann es schon ganz schön schmerzen und zornig machen. Aber wenn Reiner Casse austritt, dann wird die CDU es verschmerzen. Das Verhältnis der beiden war ja oft spannungsgeladen. Vom Sparen reden ist eine Sache, Sparmaßnahmen ertragen eine ganz andere.

365mal
Wenn ich jetzt, kurz vor dem Jahresende 1996, hier oben auf dem Turm auf die vergangenen Monate zurückblicke, dann wird mit ganz wehmütig ums steinerne Herz. Rund 365 kleine Kolumnen dieser Art sind am Jahresende im Neckar Express von mir veröffentlicht worden – mit ganz unterschiedlichem Echo bei der Leserschaft. Einige Zeitgenossen haben sich maßlos über meine Worte geärgert, andere nur ein wenig, wieder andere sehr gefreut. Ich hoffe, daß der Zorn schnell verraucht und die Freude lang anhaltend war. Briefe haben mich in Hülle und Fülle erreicht. Zustimmende und Ablehnende. Ich halte es da mit dem Rommel Manfred aus Stuttgart: „Jedermanns Liebling ist jedermanns Dackel.“  Ein paar der Briefe sind veröffentlicht worden. Die vielen anonymen Zuschriften sind in einem besonderen Ordner verschwunden. Zum Wegschmeißen sind sie doch zu schade. Allein wegen des Aufwands, den die Leut sich gemacht hatten. Und zur Belustigung von Redaktionsbesuchern. Eine Dame (jung oder alt?) schrieb mir, ohne ihren  Namen zu nennen, vor ein paar Tagen: „Ich weiß, daß Du auf einem sehr hohen Podest stehst, von dem Du nicht einmal am 4. Dezember 1944 heruntergestürzt wurdest.“ Das ist richtig. Und auch gut so. Es ist in Heilbronn in jenen Tagen viel zuviel zusammengestürzt, was weniger schlimm wäre, wenn nicht gleichzeitig viel zuviel getötet worden wäre. Mehr aber will ich nicht aus jenem Brief, der mit „R“ unterschrieben wurde, zitieren. Denn da schäumt jemand. Auch das gehört zum Leben. Und dieser Haß-Schaum muß ernstgenommen werden. Auch wenn er im „emanzipierten Kleid“ einherschreitet. Solange bei uns noch nicht – wie in anderen Ländern üblich – unliebsame Gegner mit Waffengewalt aus dem Weg geräumt werden, dürfen wir ja noch streiten. Und wenn dieser Streit zum fruchtbaren Nachdenken und Handeln führt, dann hat es ja auch was genutzt. Vielleicht eine dieser 365 Kolumnen. Also dann – auf ein Neues.

Kuriositäten
Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. So, oder so ähnlich könnte man einen sportlichen Jahresrückblick des Jahres 1996  nennen, und zwar den der besonderen Art des Fußballs. So erzielte zum Beispiel eine Fußballdame in einem Spiel der Kreisliga, das mit einem unglaublichen 45:0 endete, 23 Tore. Und tatsächlich soll die gegnerische Mannschaft auf dem Spielfeld körperlich anwesend gewesen sein. Sie dürfte wahrscheinlich Torschützenkönigin in ihrer Liga geworden sein. Zwar schoß der nächste Fußballer nur ein Tor, aber dies eher ungewollt. Der Torwart FSV Salmrohr baute die Führung durch ein Abschlagtor auf 3:1 aus. Er war sicherlich genauso überrascht wie sein Gegenüber, der den Ball aus dem Netz holen durfte. Ein anderer Torwart schaffte sogar einen Hattrick. Nein, diesmal nicht durch Abschläge. Als seine Mannschaft bei einem Heimspiel, wiederum in der Kreisliga, mit 1:2 zurücklag, wechselte der Keeper in der Halbzeit in den Sturm und schoß seine Mannschaft mit drei Treffern zum 4:2-Sieg. Ob er jemals wieder im Tor stand? Etwas komplizierter wird es beim FC Erzgebirge Aue, denn dieser versucht über das Zivilgericht doch noch ins sächsische Pokalfinale zu gelangen. Folgende Situation liegt vor: Der Verein hatte im Elfmeterschießen gegen Dresden verloren, oder auch nicht. Der Torwart aus Dresden parierte den Schuß, der Schütze wendete sich enttäuscht ab, und der Schiedsrichter notierte: Gehalten. Doch der nach vorne springende Ball hatte soviel Drall, daß er ins Tor zurückrollte. Über Seite 100 des Schiedsrichterhandbuches streiten sich nun beide Vereine vor  Gericht. Dresden zitiert: „Das Spiel ist in dem Augenblick ...abzupfeifen... in welchem der Strafstoß eine Wirkung zeigte, das heißt, wenn ein Tor erzielt wurde, oder wenn der Ball vom Torwart abgewehrt wurde...“. Aue hält  dagegen: „Dabei ist ein Tor auch dann gültig, wenn der Ball vor Überschreiten der Torlinie... den Torwart... berührt“.  So, nun dürfte wohl alles klar sein, oder?

Arme Medizinmänner
Wir wissen es alle: Die Zeiten, in denen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland nur so im Geld schwammen, sind schon lange vorbei – Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer sei es gedankt. Doch nicht nur die Mediziner leiden unter den Sparmaßnahmen. Den Patienten geht es ebenso. Gerade kurz vor Weihnachten werden nur noch die allernötigsten Behandlungen abgewickelt. Denn meist sind die Jahresbudgets der Götter in Weiß längst überschritten. Was sie jetzt zusätzlich verordnen geht an ihrem eigenen Einkommen ab. Ganz neu aber ist folgender Trend: So mancher Arzt in spe ist bereit, umsonst oder für einen Hungerlohn zu arbeiten. Wie das geht? Lassen Sie mich von einem Fall, der sich derzeit in einer Unterländer Arztpraxis zuträgt, berichten: Da muß ein alteingesessener Allgemeinmediziner im Zuge der Sparmaßnahmen Hilfspersonal freistellen. Das ist noch nichts Außergewöhnliches. Vielen Fachärzten ergeht es derzeit so. Doch dieser Arzt hätte gerne zur eigenen Entlastung einen Kollegen beschäftigt. Davon bekommt ein junger Mediziner Wind. Er bewirbt sich, der ältere Kollege lehnt ab. Er kann den jungen Mann nicht bezahlen. Der Arzt in spe braucht jedoch noch einige Monate praktische Erfahrung zur Erlangung seines Facharztes und bietet an, ohne Lohn zu arbeiten. Erst zögert der ältere Kollege – er sei ja schließlich kein Ausbeuter – auf Drängen des jungen Nachwuchsmediziners willigt er schließlich ein. Nicht ganz umsonst, aber für einen Minimallohn wird der junge Kollege bald in der Praxis arbeiten. Da sage noch mal einer, alle Ärzte seien nur aufs Geld aus.

Es piept mobil
Früher nervten mich jene Zeitgenossen, die – kaum waren sie in einer fremden  Wohnung oder einem Büro zu Besuch  – sich hinters Telefon klemmten, um ihrer Sekretärin mitzuteilen, wo sie ab sofort fernmündlich zu erreichen sind. Diese Zeiten sind vorbei. Denn jene Typen von Menschen benutzen jetzt ihr eigenes Telefon, ob im Auto, am Bahnhof, am Flughafen, in der Unterführung, im  Restaurant oder im Theater. Bei ihnen piept es ständig. Und dann ziehen sie ihr Handy raus und sprechen mit X oder Y. Auch wenn das Gespräch für den, der sie anruft reichlich teuer werden kann. Das Handy, ein mobiles Telefon für gestreßte Leute und Wichtigtuer? Dachte ich mal. Bis ich die jungen Leute, Schüler, Studenten, Lehrlinge, etc. mit diesen Dingern durch die Gegend laufen sah. Und da ging mir ein kleines Licht auf. Bei Mama und Papa wohnen, aber sie nicht ständig mit den vielen Anrufen von Freunden und Bekannten nerven – da hilft nur ein Handy. Außerdem sind die jungen Leute, die meistens sehr umtriebig ihre Umgebung verunsichern, mit dem kleinen Gerät in der Tasche, jederzeit erreichbar, so sie es zulassen. Und ist das Gerät abgeschaltet, spricht man seine Nachricht halt auf einen Anrufbeantworter, den der Handy-Halter, wenn er wieder erreichbar sein will, abhören kann. Die Zeiten, in denen Wichtigtuer sich eine Papp-Attrappe mit ins Auto nahmen, um an der Ampel den Nachbarn zu zeigen, wie wichtig sie sind, die sind vorbei, seit gerade in dieser Vorweihnachtszeit ein Handy-Boom ausgebrochen ist. Zwischen einer und zehn Mark kosten die ansonsten teuren Geräte, wenn man sie mit Freischaltungskarte kauft. Bei den Gebühren ist es noch nicht so günstig wie beim Normaltelefon. Aber in den Handy-Markt ist Bewegung gekommen. 1997 soll dank harter Konkurrenz Mobil-Telefonieren erheblich billiger werden. Ich hatte mir ja geschworen, erst dann ins Handy-Zeitalter einzutreten, wenn es genauso teuer wie das Telefon daheim ist. Aber jetzt! Wer weiß? Mobil sein ist alles – sagen die Söhne.

Kiliansmännle, 18.12.1996




Sie drohen, zu bleiben
Die Verurteilung von Theatermanagern in Stuttgart, die mit den üppigen Subventionen aus dem Steuersäckel so maßlos umsprangen, so daß Schuldenberge in schwindelnder Höhe aufgetürmt wurden, die wiederum vom Steuerzahler beglichen werden mußten, hat viele befriedigt. Endlich mal wurden Leute aus dem Öffentlichen Dienst für ihre Verschwendungssucht zur Verantwortung gezogen. Das sollte Schule machen. Einige Direktoren am Staatstheater haben dann auch gleich Rückzieher gemacht, nachdem sie zunächst wilde Klagen gegen die neuen Sparpläne der Landesregierung, die auch in ihre Etats kleine Löcher schnitten, angehoben hatten. Mir sagte ein Kenner der Kultur- und Theaterszene, zunächst drohen die Herren Intendanten bei allzuharten finanziellen Einschnitten mit ihrem Rücktritt. Führt man die Verhandlungen eloquent und bleibt bei den notwendigen Sparmaßnahmen, dann führen sie eine viel schlimmere Drohung ins Feld: Sie wollen bleiben. Ist ja auch verständlich. Bei den Gehältern, die unsere Theaterdirektoren aus Steuergeldern erhalten, überlegen sie sich das nicht zwei- oder dreimal. Denn Posten als Theaterleiter in Staats- oder Stadttheatern sind nicht wie Sand am Meer vorhanden. Wenn ein Stadttheater-Direktor so um die 200.000 Mark pro Jahr verdient, was erst verdienen die Herren an den Staatstheatern? Man spricht von 500.000 und mehr. Und wenn die Herren dazu noch aus dem  Ausland kommen, dann wissen sie erst recht, die üppigen deutschen Theaterdirektoren-Gehälter zu schätzen. Gute Theaterarbeit hängt bekanntlich nicht vom Geld, sondern vom lebendigen Geist ab, der aus den Köpfen der Theatermacher sprudelt. Satte und wehleidige Theaterleute machen eben nur sattes und wehleidiges Theater – und meinen, das müsse auch noch als große Kunst anerkannt werden. Theaterkunst wird aber nur dort geboren, wo es ums Überleben, wo Unterhaltung Ausruhen vom Alltag und kein Ersatz für das Leben ist. Die Erfolge der großen Musical-Bühnen in Deutschland und aller Welt sind Beleg dafür. Unsere Staats- und Stadttheater dagegen machen mehrheitlich Theater für „Kenner“.


Wer wird was?
Im Jahre 1999 wird in Heilbronn ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Manche zerbrechen sich jetzt schon den Kopf darüber, wer es werden könnte. Andere wollen wissen, wer eventuell als Kandidat antritt. Auch in Stuttgart munkelte man vor drei Jahren viel. Und dann kam alles ganz anders. In Heilbronn wird es 1999 ähnlich sein. Nachdem die SPD in Stuttgart mal wieder auf der Oppositionsbank sitzt, hält so mancher ihrer Landtagabgeordneten, der zuvor auf der warmen Regierungsbank saß, Ausschau nach einem schönen OB-Posten. Denn unsere schwäbischen Oberbürgermeister sind schon kleine Fürsten – oft viel mächtiger als mancher Staatssekretär oder Minister. Ob der 1983 gegen Manfred Weinmann knapp unterlegene Erhard Klotz, einst OB in Neckarsulm, dann Ministerialdirektor im Stuttgarter Innenministerium und jetzt Geschäftsführer des baden-württembergischen Städtetages, 1999 nochmals in Heilbronn als OB-Kandidat antreten wird, das ist für viele in der SPD die Frage. Andere wünschen ihn sich als nächsten SPD-Bundestagkandidaten im Wahlkreis Heilbronn. Aber auch weitere sozialdemokratische Namen werden hier gehandelt: Harald Friese, Bürgermeister in Heilbronn, oder Frank Stroh, IG-Metall-Bevollmächtigter in Neckarsulm. Daß die neuen Fraktionsvorsitzenden der beiden großen Parteien CDU und SPD auf dem Heilbronner Rathaus, Artur Kübler und Harry Mergel, gern Bürgermeister in ihrer Heimatstadt werden wollen, das pfeifen die Spatzen auf den Heilbronner Dächern schon seit langer Zeit. War doch Artur Kübler einst sogar gegen Reiner Casse angetreten. Und Harry Mergel dürfte seine Augen schon lange auf das Amt des Kulturbürgermeisters geworfen haben – als engagierter Kulturtage-Chef. Beide sind Beamte: Mergel Handelsschulrat in Heilbronn und Kübler Oberregierungsrat im Stuttgarter Staatsministerium. 1999 geht es ja nicht nur um den Posten des OBs, sondern auch einige Bürgermeister-Stellen müssen neu besetzt werden.

Weihnachtsempfang
Unter dem Motto „Neues Denken – neue Chancen“ stand der traditionelle Weihnachtsempfang des Verbandes der Metallindustrie (Bezirksgruppe Heilbronn/Region Franken) und des Arbeitgeberverbandes /(Region Franken e.V.) am Montag dieser Woche im plüschigen, mit überdimensionierten Sternen weihnachtlich geschmückten Foyer des Heilbronner Stadttheaters. Ein Vierteljahrhundert seien diese vorweihnachtlichen Empfänge jetzt alt, so der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Dr. Hans Wiedemann (Geschäftsführer beim GKN Neckarwestheim). Und im Foyer des Stadttheaters sei man schon seit 15 Jahren zu Gast. Und mit den anwesenden Landtags- und Bundestagsabgeordneten hatte der Vorsitzende auch gleich die richtigen Adressaten „seiner Kritik an der Politik – positive und weniger positive“. Und den Medien überließ er es großzügig, „solche Kritik der Verbände aufzunehmen, zu verstärken, abzumindern, zu verwerfen oder zu ignorieren“. Mit den Worten des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt rief Wiedemann der versammelten Gästeschar zum Jahreswechsel zu: Es wird höchste Zeit, daß wir Deutsche zu Nüchternheit und Realismus zurückfinden und solange wie es nicht Zuwachs, sondern Mangel zu verteilen gibt, auf alle Diskussionen verzichten, die bei der schweren Schlagseite unseres Sozialversicherungsystems und der Staatsfinanzen unser Schiff zum Kentern bringen. Nicht der Verzicht auf den Wohlstand in Deutschland sei damit gemeint, „sondern der Verzicht auf exzessive Nutzung unserer Soziallsysteme, mehr wirtschaftspolitische Redlichkeit, die Rückbesinnung auf Solidarität im Sozialkonsens und die Konzentration all unserer Kräfte, um unseren Sozialstaat zu sichern“. – Diesen Worten kann ja eigentlich nur jeder zustimmen. Aber niemand, weder Unternehmer noch Arbeitnehmer, dürfte eigentlich auf Kosten der Allgemeinheit leben – so er nicht bedürftig ist. Redlichkeit ist nicht teilbar. Die Schieflagen sind in allen Lagern zu finden. Und darin liegt das größte Dilemma.

Abgeordneter als Autor
Wir kennen ihn alle von den SPD-Wahlplakaten: Hans Martin Bury, ein junger Bundestagsabgeordneter aus Bietigheim-Bissingen. Nun macht der SPD-Mann nicht nur noch Politik. Zusammen mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Thomas Schmidt hat er sich das Banken-Kartell vorgeknöpft. Und genauso lautet der Titel seines eben erschienenen Buches. Bury geht darin in die Vollen. Er behauptet, ein Kartell aus Großbanken und Versicherungen beherrsche Deutschlands Wirtschaft. Mit ihren Aktienpaketen, dem Depotstimmrecht, ihren Aufsichtsratsmandaten, mit der Vergabe von Krediten und der Begleitung beim Börsengang entscheiden, so Bury, die Finanzinstitute über Wohl und Wehe einzelner Unternehmen – und zunehmend der ganzen Volkswirtschaft. Starker Tobak. Doch Bury packt die Diskussion um den Standort Deutschland mal ganz anders an. Er behauptet, und da wird ihm so manches Unterländer Unternehmen Recht geben, daß die Bankenmacht für Neuerungsdefizite und den Stillstand des Standortes Deutschland verantwortlich ist. In einem liegt er sicher richtig: Ob beispielsweise ein Mittelständler eine neue Maschine kaufen, die Familie ein Haus errichten oder auch ein Großunternehmen einen neue Produktionsstraße bauen kann, tatsächlich entscheidet das die Bank. Die Bezeichnung Kreditinstitut sagt alles.

Käthchen
Sind wir Frauen bessere Menschen?
Es gibt sodde. Und es gibt auch sodde. Sagt man im bei uns Schwäbischen. Manche von denen sind Machos, die uns Frauen nichts zutrauen. Andere sind Schleimer, die uns alles zutrauen und aus Angst uns gewaltig hochloben, um uns dann plotzen zu lassen. Elias Canetti, der große Schriftsteller, meinte einst, Antisemitismus und Philosemitismus, das seien die beiden Seiten ein- und derselben Medaille. Genauso ist es bei vielen Männern. Da werden wir Frauen als die neue kraftvolle Gruppierung in der Gesellschaft entdeckt, als besonders talentiert hingestellt – und wenn man dann genauer hinschaut, dann kommt das Lob von jenen Mannsbildern, die mächtig Angst vor ihren eigenen Geschlechtsgenossen haben. Es ist ja auch so einfach Frauen, zu beschäftigen, von denen man weiß, daß sie über kurz oder lang eh aus dem Berufsleben für geraume Zeit ausscheiden. Denn nach Schule, Berufsausbildung und ersten Jobs, kommt bei mehr als neunzig Prozent meiner Geschlechtsgenossinen die Heirat und das Kinderkriegen. Damit ist die Karriere erst mal unterbrochen. Die Kurve zum Wiedereinstieg in den Beruf  kommt oft erst dann, wenn die Kinder, wie man so sagt, aus dem gröbsten raus sind. Das dauert so seine zehn bis zwanzig Jahre. Und dann sind die hochdotierten Jobs schon lange vergeben. Und um keine Konkurrenz im eigenen Laden zu haben, suchen sich jene Männer, die sich mühsam auf eine Chefstelle hochgerangelt haben, vornehmlich junge Frauen als Mitarbeiter(innen. Nicht, weil die so viel besser sind, sie sind ja schließlich auch nur Menschen, sondern weil sie rein statistisch gesehen weniger Sitzfleisch aufweisen. Vorsicht also vor jenen Heuchlern aus der Herrenwelt, die Frauen nicht als gleichberechtigte Wesen ansehen, sondern als bessere Menschen.

Kiliansmännle, 11.12.1996




Nachrechnen ohne Sinn
Es soll ja heute noch Menschen in so manchen Parteien geben, die bei Fernseh- und Hörfunksendern nachrechnen, wie oft die Leute der eigenen Gruppierung zu Wort kommen. Ein schwieriges Unterfangen. Früher, als es noch keine Privatsender gab, war das einfach. Die politisch interessanten Programme begannen erst nach 18 Uhr. Heute, bei mehr als dreißig Fernsehprogrammen (per Schüssel sogar noch mehr), bei kaum mehr nachzählbaren Hörfunksendern ist diese Zählarbeit nur noch äußerst beschränkten Personen zuzumuten. Teilweise haben Computer das Zählen übernommen. Aber die Mühsal des Interpretierens bleibt. Und so hört man wenig von den Erbenszählern. Politiker sind froh, wenn sie in kurzen Statements überhaupt noch zu Wort kommen. Orientierung ist die Tendenz. Die ARD-Sender sind mehr links-grün-liberal, das ZDF ein wenig konservativer, RTL ist populär und linksgestrickt, Sat 1 weniger populär und liberal-konservativ. Aber auch das hilft nicht mehr. Denn jeder Sender will hohe Einschaltquoten und orientiert sich letztlich an jenem Geschmack, der Masse bringt (56 Prozent bei Gottschalk am Sonntag im ZDF). Aber wer kennt diesen schon so genau. Also bleibt den Erbsenzählern die Zeitung. Da ist die Sache leicht. Buchstaben, Wörter, Zeilen können nachgezählt und zugeordnet werden. Bilder ebenso. Und da die Parteien genug damit zu tun haben, möglichst über zehn oder dreißig Prozent zu rutschen, mehr ist ja kaum noch für die einzelne drin, beginnen die Klugscheißer unter den Interessengruppen nachzuzählen. Ob nun im eigenen oder im Auftrag irgendeiner Organisation. Ich weiß von einer Redaktion, in der Briefe eintrafen, in denen die Bildauswahl dahingehend bemängelt wurde, daß zu wenige Frauen im Blatt erscheinen. Mindestens eins zu eins müsse das Verhältnis der Geschlechter sein. Egal wie die Nachrichtenlage ausschaut. Emanzipation ist eine Sache, dummes Geschwätz und Gegacker eine ganz andere. Und hier war es die andere. Wie einst bei besagten Parteien. Naja, es soll ja auch Hausfrauen bei uns im Ländle geben, die bei der Kehrwoche die Bundesstraße naß aufwischen.

Brutalrealität
Heilbronn und seine Freiluft-Cafés. Ein Thema der ganz besonderen Art. Eigentlich nichts für den Winter. Aber durchaus ein Thema für Interessierte und Betreiber. So mancher wünscht sich ein Café an der Inselspitze bei der Friedrich-Ebert-Brücke. Ganz moderne Kunst wird derzeit dort ausgestellt. Rund 600.000 Mark hat die Stadt in die Galerie investiert. Nur 1.700 Mark Miete muß der Galerist pro Monat berappen. So mancher Café-Betreiber in der Innenstadt Heilbronn bekommt da ganz feuchte und traurige Augen, wenn er an den Unterschied bei den Mietpreisen denkt. Und wer möchte nicht gern im Frühjahr, Sommer oder Herbst am Neckarwasser sitzen, einen Kaffee, Tee oder Kaltgetränk schlürfen. Geht aber nicht. Hehre Kunst ist an diesem beschaulichen Ort, dieser Inselspitze angesagt. Romantik und stählerne oder steinerne Brutalrealität kämpfen hier miteinander. Die Kunstmeile am Neckar, die ist so ein Drama für sich. Versteckt liegt das Theaterschiff hinterm Inselhotel neben dem Hagenbucher. Würde es beim Kaufhaus C&A ankern, da hätte es den ihm gebührenden Stellenwert. Und vielleicht wären dann (würde es mit der Werbung besser funktionieren) die Vorstellungen allabendlich bei nur 99 Plätzen ausverkauft . Ein wenig mehr Popularität im Programm, weniger verschrobene Intellektualität, und schon könnte das Theaterschiff wieder zum Kulturereignis werden, so wie es zu Beginn seiner Heilbronner Verankerung einst war. Man muß sich schon was einfallen lassen in unseren Zeiten, in denen der Geldbeutel allenthalben nicht so locker gezogen wird. Selbst die Wirte haben das gemerkt. Ist doch die Anzahl der Gaststätten in Heilbronn seit zwei Jahren um mehr als acht Prozent gesunken.

Kirche & Skandal
Unterhalb meines Turmes, auf dem Heilbronner Kiliansplatz weihnachtet es ganz schön laut und geschäftstüchtig. Und es wird für allerlei mildtätige Zwecke getrommelt. Der Lionsclub zum Beispiel sammelte am vergangenen Wochenende für die Beschützende Werkstätte in Heilbronn – und tat sich schwerer als die Jahre zuvor. Für behinderte Mitmenschen zu sammeln, das galt ja bisher als edel und gut. Seit den Auseinandersetzungen um das Beraterhonorar und kostenlosen Arbeiten von  Behinderten aus den Werkstätten im Privathaus des ehemaligen Pfarrers und Geschäftsführers Hans-Dieter Bechstein werden am Verkaufsstand der Beschützenden Werkstätte auf dem Weihnachtsmarkt viele Fragen gestellt. Und auch der Umsatz der Waren läuft nicht mehr so geschmiert wie einst. Auswirkungen einer Auseinandersetzung, in der noch viele Fragen beantwortet werden müssen. Wenn die evangelische Kirche jetzt so vehement prüft, dann muß sie bisher zu wenig geprüft haben. Die Beschützenden Werkstätten sind wohl eine diakonische Einrichtung, aber keine Einrichtung des Diakonischen Werkes. Wenn ein Werkstattleiter auf Anforderung über Jahre hinweg Behinderte fraglos zur Arbeit ins Bechstein-Privathaus  schickte, diese Tätigkeit auch ordentlich auflistete, dann müßte das der Kirche, den Prüfungsgremien doch bekannt gewesen sein. Wenn ein Pfarrer in seiner Funktion als Geschäftsführer nach A 16 bezahlt wird (wie der Direktor eines Finanzamtes), dann sind in seinem Entgelt Überstunden beinhaltet. Es gibt also keine Möglichkeit, nach Gutsherrenart sich noch Dienste der Werkstätte zugutekommen zu lassen. Hat hier mal wieder die Aufsicht wie bei so manchem Firmen-Aufsichtsrat versagt? Oder steckt nur dahinter, daß Kirche und Diakonie die üppigen Vermögenswerte der Beschützenden Werkstätte dem eleganten Zugriff durch einen Förderverein mit Vorsitzendem Bechstein entziehen wollte? Wenn ich die Unkenrufe richtig verstehe, dann wird sich noch so manche Hölle im Fall Bechstein auftun.

Model goes Movie
Wußten Sie's schon? Deutschlands Barbie-Puppe Nummer eins und Herzfrequenz-Beschleuniger vieler Männer, Top-Model Claudia Schiffer, versucht sich jetzt als Schauspielerin. Und zwar im Psychothriller "Blackout" von US-Regisseur Abel Ferrara, der demnächst in Deutschlands Kinos anläuft. Nun, das Schauspielern nicht das gleiche ist wie den Laufsteg hoch und runter zu stolzieren, diese Erfahrung mußte ja schon Kollegin Cindy Crawford erfahren. Aber unsere Claudia scheint auf den richtigen Dampfer gesprungen zu sein, denn Ferraras Filme – ob nun "Miss 45", "Driller Killer", "King of New York" oder das Meisterwerk "Bad Lieutnant" – haben Kultstatus. Doch damit dürfte Claudia aber auch ihr Saubermann-Image verloren haben – verstärkt durch Deutschlands führende Tageszeitung –, denn wie fast alle Ferrara-Filme handelt "Blackout" von Drogen, Sex und Gewalt und die Schiffer ist mittendrin. Aber solange der Rubel für Claudia rollt und Magier David Copperfield sie noch liebt, ist ja alles in Butter. Ich für meinen Teil werde Frau Schiffer auf jeden Fall mit strengem Auge beobachten, wenn sie auf Heilbronns Zelluloidwand schauspielert. Das heißt, wenn sie dort überhaupt im Kino zusehen ist. Aber das ist eine andere Geschichte

Löwen-Frauen
Serviceclubs, in denen sich Männer zum geselligen Beisammensein treffen, um zu besprechen, wie man später Gutes tun kann, gibt es ja einige bei uns im Unterland. Rotary, Lions oder Kiwanis. Wir  Frauen haben auch Zutritt zu diesen Clubs – wenn unsere Ehemänner Mitglied sind und Veranstaltungen der allgemeinen Art anstehen, zum Beispiel schöne und informative Vorträge gehalten werden. Jetzt aber wurde in Heilbronn der „Lions Club Heilbronn-Wartberg“ aus der Taufe gehoben, der dritte Lionsclub im Unterland. Der Unterschied zu den beiden anderen, „Lions Club Heilbronn“ und „Lions Club Heilbronn-Franken“, ist gravierend. Dem neuen Club gehören mittlerweile nämlich rund 23 Personen an, zu Zweidrittel männlichen Geschlechts und – man höre und staune – zu einem Drittel weiblichen. Und das sind nicht die Ehefrauen der einen Hälfte. Das ist die revolutionäre Meldung aus dem Bereich der Serviceclubs.  Allerdings bei der Wahl des Gründungspräsidenten waren die „Löwen“ noch nicht so mutig. Dr. Helmut Schulte-Frankenfeld wurde in dieses Amt berufen. Und auch bei der Gründungsfeier im Heilbronner Insel-Hotel gaben männliche Löwen den Ton an: Dr. Lothar Stuber (Präsident vom Lionsclub Heilbronn-Franken) erläuterte die Hintergründe der Neugründung; den Gründungsakt vollzog der „Past-Vorsitzende“ des Governorsrats in Deutschland und Clubgründungsbeauftragte Dr. Otto Wurst aus Stuttgart; und weitere Grußadressen gab es von Dr. Gerhard Haag (Regionalchairman aus Backnang) und Dr. Manfred Schatz (Zonenchairman aus Bad Wimpfen). Aber ich garantiere: Über kurz oder lang wird es noch mehr Frauen als nur eine Vizepräsidentin Eva Benke (Goldschmiedin)in der Lionsführung geben. Denn wir kommen langsam, aber dafür mit gewaltigem Charme.

Gedenkfeiern
Es gibt schöne Überschriften, die sind so wohlfeil wie Romane an Zeitungskiosken. Zum Beispiel :„Kriegsgräber als Mahnmale für den Frieden gegen Gleichgültigkeit und Vergessen“. Die Toten zu ehren – das ist und bleibt in unseren Gefilden hoffentlich noch recht lange Menschenpflicht und gehört zum Anstand. Selbstverständlich ist es nicht. Wenn an Gedenktagen  daran erinnert wird, daß die Vergangenheit sich einfach nicht zu den Akten legen lasse, daß alle Generationen dazu aufgerufen seien, die Toten als Opfer von Gewalt und Krieg, von Terror und Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung nicht zu vergessen, dann soll das erschütternd und aufrüttelnd klingen. Aber es klingt eben nur so – und es ist zum hohlen Ritual erstarrt. Selbst die Toten der Kriege aus den vergangenen zehn Jahre bewegen uns nicht sonderlich im Alltag. Wo auch immer Kriege stattfinden oder stattgefunden haben: auf dem Balkan, im Irak oder Iran, in Asien oder Afrika. Nie wieder, wird bei den Gedenkfeiern gesagt, dürften Aggression und Völkermord tatenlos hingenommen werden. Schön gesagt. Aber wir nehmen die Völkermorde und Aggressionen unserer Tage zumeist tatenlos hin. Heucheln wir also in unseren wohlfeilen Reden an den schönen Feiertagen im November – oder sind uns nur die Hände gebunden? Es ist wohl eher so: wir denken an jene, die aus unseren Familien durch Gewalt, Terror und Krieg umkamen und schließen alle anderen mit ein. Mehr nicht. Auch beim Gedenken an den 4. Dezember 1944, an dem mehr als 7.000 Menschen in der brennenden Stadt Heilbronn ihr Leben lassen mußten. Und das in einer Zeit, als schon eindeutig war, daß die Deutschen den Krieg verlieren würden. Wenige Monate vor dem Kriegsende soviel Leid, so viele Schmerzen, ein so sinnloser Tod durch Bomben, deren grausame Vernichtungsarbeit für das Kriegsende keinen Beitrag leistete. Wäre Heilbronn nicht zerstört worden, der Zweite Weltkrieg wäre zum gleichen Zeitpunkt beendet gewesen.

Wer kauft die Aktien?
Die Stadt Heilbronn hält 45 Prozent der Aktien an den Südwestdeutschen Salzwerken. Mehrheitsaktionär, das wurde vor wenigen Wochen erst bekannt, ist aber das Land Baden-Württemberg. Bisher ging man in Heilbronn davon aus, daß Stadt und Land die gleichen Anteile  am Aktienkuchen besitzen würden. Jetzt will das Land seinen Anteil verkaufen. Und gutbetuchte Käufer stehen auch schon bereit:  zum Beispiel die Energieversorgung Schwaben EVS in Stuttgart, die in Heilbronn das Kohlekraftwerk betreibt. Würde sie den SWS-Anteil des Landes erstehen, dann hätten die Politiker der schwarzgelben Koalition in der Landeshauptstadt gut lachen und nicht zu verachtenden Geldsegen im Staatssäckel. Der Heilbronner Gemeinderat und die Stadt jedoch bestehen darauf, daß bei einem Verkauf des Landesanteils Heilbronn Mehrheitsaktionär werden muß. Was in den Stollen des Bergwerks demnächst an Sondermüll abgelagert wird, darüber will die Stadt mitentscheiden. Und so ist so mancher Kommunal- und Landespolitiker hoffnungsfroh, denn schließlich müsse der Landtag dem Verkauf ja auch zustimmen. Aber die Heilbronner Interessen sind nicht die Interessen der Mehrheit der Abgeordneten in Stuttgart. Dort will man ein anständiges Geld durch die Veräußerungen des Landesbesitzes in der Kasse sehen und das Entsorgungsproblem gleichzeitig elegant lösen. Der Wille der Stadt Heilbronn ist da von untergeordneter Bedeutung. Da nutzt es auch nicht, auf das ehemalige SWS-Vorstandsmitglied Heinz Heckmann einzuschlagen. Der hatte mit seinen Äußerungen offensichtlich nur kundgetan, was die Landesregierung zu tun beabsichtigt.  Aber es ist ja uralte Menschheitstradition: Man erschlägt den Boten der unangenehmen Nachricht. Nur ist damit nichts gewonnen.

Rebellen im Sport
Was war das früher doch einfach: Matte wachsen lassen bis auf die Schultern, silbergrauer Jaguar vor der Tür, Discos Nacht für Nacht – und fertig war der Rebell. Immer motzig, Stänkerer wo es nur geht. Hat zwar nichts bewirkt, fördert aber das medienwirksame Image des „Rebellen“. Wenigstens durch Äußerlichkeiten haben sich einige von anderen abgehoben, haben durch Betonung der Eigenständigkeit den Horizont ihres Berufsstandes als Sportler erweitern können. Aber wer einen Bums im Fuß beziehungsweise im Arm hat, oder über andere besondere Eigenschaften verfügt, der muß nicht zwangsläufig einen Bums im Kopf haben. Muß nicht – kann aber! Mit den vermeintlichen Rebellen der Neuzeit verhält es sich nämlich so, daß sie im Grunde nur ihre Sehnsucht erfüllen wollen. Gerade der Sport, moralversessen, traditionalistisch, konservativ auf seine Regeln beharrend, schreit förmlich nach den Aufmüpfigen, den Widerborstigen, den Querdenkern. Nach denen, die alle Autorität in Frage stellen, die alles Unzweifelhafte anzweifeln, die alles Selbstverständliche kritisch unter die Lupe nehmen. Und die Sportschlagseiten werden nur von Krakeelern und Schreihälsen gefüllt, nicht aber von denen, die leise nachdenken. Dies kann auf keinen Fall Rebellion bedeuten. Aber zum Glück gibt es auch andere. Persönlichkeiten, deren Worte selten laut, weit mehr Gewicht im deutschen Sport haben, als das Gebrüll der Schreihälse. Selten aber vorhanden. Auch sollte noch gesagt werden: Nicht jeder Flegel ist ein Rebell.

Trickreich gedacht
Die Stadtsiedlung soll nun nach Meinung einiger SPD- und Grünen-Räte auf dem Heilbronner Rathaus den Neubau für die Volkshochschule realisieren. 81 Millionen soll das Projekt kosten, abgespeckt „nur“ 64 Millionen. Das kommunale Wohnungsunternehmen soll das 54 Ar große Gelände im Teilerbbaurecht pachten – und dann vermieten. Trickreich gedacht, denn die Miete  für die Volkshochschule muß ja wieder durch Subventionen von Stadt und Land erbracht werden. Und da Grüne und Sozialdemokraten in Stuttgart nicht mitregieren, so sagte mir ein Rathausbeobachter, meinen die wohl so die liberalkonservative Landesregierung durch die Hintertür einzubinden und anzuzapfen. Und durch die Vermietung und den Verkauf von Stellplätzen könnte dann auch noch ein Batzen Geld hereinkommen. Meinen die idealistischen „Wirtschaftsexperten“. Schön gedacht, bei den vielen leerstehenden Büroräumen Ladenflächen in Heilbronn. Vorläufig nun wird nichts aus diesen Plänen. Im Rathaus wird geprüft – und das kann dauern. Später wird dann vielleicht einmal entschieden. Bei der anhaltenden Geldknappheit der Kommunen, die 1997 sich nicht zum Besseren wenden wird, müssen Prioritäten gesetzt werden. Und so sind den Stadtvätern derzeit die Pläne auf dem Berliner Platz weitaus näher als die VHS-Wolken-Kuckucksheime. Der Wettlauf mit Neckarsulm und seinem Kinocenter ist in vollem Gange. Und auch die Umlandgemeinden bauen kräftig. Mal sehen, wer letztendlich der Hase, wer der Igel bei diesem Wettlauf sein wird.