Donnerstag, 20. Februar 2014

Kiliansmännle, 19.06.1996




Zwergen-Aufstand
War es nur der Aufstand der Zwerge? Oder steckte mehr dahinter? Sechs Abgeordnete der CDU-Fraktion im Landtag hatten letzte Woche Erwin Teufel nicht gewählt – und schon lag dieser nach dem ersten Wahlgang auf der Nase. Nix war es mit dem Landesvater-Posten. Aufregung in allen Fraktionen, von SPD bis zu den Reps. Dann nach der Mittagspause eine zweite Wahl. Diesmal klappte es. Aber wieder hatten zwei Abgeordnete aus der FDP oder CDU ihrem Ministerpräsidenten die Stimme verweigert. Daß die Stimmungslage bei den Christdemokraten nicht zum besten stand, das war schon lange vor dieser so wichtigen Wahl bekannt. Viele, die sich Chancen auf einen Minister- oder Staatssekretärsposten ausgerechnet hatten, gingen dank Erwin Teufels Personalpolitik leer aus. Vor allem langgediente Abgeordnete aus dem badischen Landesteil. Und hinzu kam noch, daß sich Teufel mehrere Newcomer in die Regierung holte, deren Namen bisher niemand auf der politischen Landesbühne so recht kannte. Dazu gehört nicht nur die neue Landwirtschaftsministerin, sondern auch die Heilbronner Spöri-Bezwingerin, die CDU-Landtagsabgeordnete Johanna Lichy. Mit einem Staatssekretärsposten im Sozialministerium Erwin Vetters wurde sie für ihr Niederringen des Teufel-Herausforderers belohnt. Und das schmeckte vor allem dem Arbeitnehmerflügel in der CDU nicht. Wie auch? War doch ihr Landesvorsitzender Hermann Mühlbeyer, Staatssekretär a. D. aus Lothar Späths Zeiten, leer ausgegangen. Er aber beteuerte entschieden, daß seine Kollegen und auch er nicht vom Teufel-Kurs abgewichen seien, vor allem keine Rache geübt hätten. Jetzt ist der Scherbenhaufen da – und die Rächer werden als postengeile Politiker beschimpft, die sich nur an ihrem persönlichen Vorteil orientiert hätten. Für fünf Jahre ist Erwin Teufel gewählt. Er vergißt nicht allzu schnell – und genießt bekanntlich seine Rache kalt. Fragt sich nur wie vergeßlich die große Staatspartei CDU im Ländle ist. Schon mancher saß einst sicher im Sattel

Flughafen
Wenn über den Flughafen im Unterland gestritten wird, dann fliegen in letzter Zeit ordentlich die Fetzen. Durchaus verständlich, daß die betroffenen Bürger und Gemeinden sich vehement gegen die Pläne für einen Start- und Landeplatz in ihrer Nähe zur Wehr setzen. Da haben es sich einige Politiker und Verbandsfunktionäre  ein wenig zu leicht gemacht. Und so mancher möchte jetzt wieder runter von den recht eindeutigen Planvorgaben durch den Regionalverband Franken. Beim „Forum unter der Pyramide“ der Heilbronner Stimme in der Kreissparkasse waren sich alle Diskutanten jedoch einig: Die Region und das Unterland benötigen einen Flugplatz. Wer den jetzt nicht befürworte, der versündige sich am Wirtschaftsaufschwung in der Region. Hans Peter Stihl, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages sowie Unternehmer aus Waiblingen, meint sogar, daß nur Regionen mit Fluganbindung künftig wirtschaftlich vorankommen werden. Heute schon zeige sich, daß das Bruttosozialprodukt dieser Regionen höher sei. Und auch der Künzelsauer Schraubenkönig Reinhold Würth sieht die Chance der Wirtschaft nur in einer guten Verkehrsanbindung, sowohl in der Luft als auch auf den Straßen. In beiden Bereichen sei die Region hinten an. Ins gleiche Horn stieß auch Heilbronns OB Manfred Weinmann: Jetzt müsse man mit allen Betroffenen vernünftig reden, ohne Emotionen. Reinhold Würths Vorschlag in dieser Richtung: Man käme schneller voran, wenn man die betroffenen Bürger gut entschädige, damit sie eventuell umsiedeln könnten. Ich schätze, die Worte beim Stimme-Forum waren wohlfeil. Wut, Zorn und Enttäuschung spielen derzeit eine größere Rolle in der Flughafendebatte als sachliche Erwägungen, die nur in Richtung Flughafen-Notwendigkeit zielen.

Radiomarkt
Die Media-Analyse 96 ist die weithin anerkannte  Grundlage für den Mediensektor. Zahlen, die dank dieser Umfrage in Umlauf gebracht werden, sind für Werbeagenturen Orientierungshilfe bei der Bewertung von Rundfunkstationen, Zeitschriften und Zeitungen. Daß bei uns in Baden-Württemberg die Radio-Landschaft zum Beispiel reichlich chaotisch geordnet ist, das verdanken wir unseren Politikern und ihrem Landesmediengesetz. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben wir zwei Sendeanstalten: Den kleinen Südfunk in Stuttgart und den großen Südwestfunk in Baden-Baden. Zwischen diesen beiden wird schon heftig kooperiert, weil Rundfunk in unserer Zeit – ob Hörfunk oder Fernsehen – einfach zu teuer ist. Seit langer Zeit schon zerbrechen sich kluge Leute in Staatskanzleien (in Stuttgart und Mainz) und Funkhäusern die Köpfe darüber, was besser sei: Eine Rundfunkanstalt jeweils für  Baden-Württemberg und Mainz oder einen gemeinsamen südwestdeutschen Sender mit schönen Funkhäusern in Stuttgart (Württemberg), Baden-Baden (Baden) und Mainz (Rheinland-Pfalz). Eine andere Frage lautet: Welche Variante ist preiswerter? Im Herbst soll nochmals darüber hochpolitisch zwischen den Ministerpräsidenten verhandelt werden. Und wir Hörer und Zuschauer dürfen heute schon rätseln, was für uns dabei herauskommt. Beim Privat-Hörfunk sieht es nicht viel besser aus: Die drei Bereichssender in Ulm, Mannheim und Stuttgart sind mehr oder minder erfolgreich; und die fünfzehn Lokalsender dürften nach der Media-Analyse mit heftigen Bauchschmerzen an Kooperationspläne herangehen. Schließlich muß sich auch Rundfunk rechnen. Zu verantworten hat jedoch vornehmlich die Politik das Desaster. Denn 1994 hat man gesunde Sender zerschlagen, ohne daß für die Hörer etwas besseres dabei herausgekommen ist. Hätte man die vorhandenen Strukturen dem freien Spiel des Marktes ausgesetzt, wir hätten heute wahrscheinlich eine gesundere private Rundfunkstruktur im Ländle. So aber popelt die Politik weiter im Medienmarkt herum.

Pfühlpark
Was einst als Gelände für eine Heilbronner Landesgartenschau von der Stadt ausersehen war, wurde am Wochenende feierlich als Bürgerpark wieder eingeweiht. Die Anwohner hatten mit ihrem Widerstand gegen die bombastischen Pläne der Umwandlung des Pfühlparks, Trappenseegeländes und des Köpfertals für die Garten-Schau erreicht, daß die kleine Lösung jetzt allen Beteiligten zur Freude gereichte. Wie üblich in Heilbronn wurde mit einem Fest eingeweiht, was noch nicht ganz fertiggestellt ist: Der Pfühlpark, vornehmlich in seinem östlichen Abschnitt. Seit Januar 1994 war in dem Park saniert worden – für stolze 4,9 Millionen Mark. Und da ließ es sich Oberbürgermeister Manfred Weinmann nicht nehmen, der nur wenige hundert Meter von diesem Gelände entfernt sein Haus hat, freudig das einzuweihen, was in Heilbronn schon seit dem 16. Jahrhundert zur Naherholung gehört. Schlimm war es ja auch gewesen, was sich an sogenannter Natur im Pfühlpark gezeigt hatte. Ratten huschten über die Wege, der Tümpel „Pfühlsee“ war vornehmlich zum Auffangbecken für altes Brot vieler Enten- und Karpfenfütterer degradiert worden und der Kiosk zum Treffpunkt für grölende Penner verkommen. Viel hat sich geändert. In die Seefläche ragt jetzt ein Holzdeck hinein, von dem man beschaulich über den kleinen Pfühlteich blicken kann, das aber auch für Freilluftveranstaltungen wie zum Beispiel Konzerte gedacht sein soll. Da werden sich die Anwohner freuen, wenn sie abends oder nächtens beschallt werden. Von welchen Tönen auch immer.

Theaterfreunde
Mal sind es 200.000 Besucher im Heilbronner Theater pro Spielzeit, dann wieder nur 175.000. Es kommt immer darauf an, wieviele Vorstellungen pro Saison angesetzt werden. So betrug die Platzausnutzung im Großen Haus am Berliner Platz 1 in der letzten Spielzeit 91,1 Prozent, jetzt  am Ende des noch laufenden Theaterjahres 1995/96 sind es „nur“ 89,1 Prozent. In den Kammerspielen kletterte die Zahl geringfügig von 93,6 auf 95,4 Prozent nach oben. Spitzenreiter waren im Großen Haus das Musical „Hello Dolly“ (99,3 Prozent Platzausnutzung) und in den Kammerspielen die Komödie „Nun reicht’s aber“ (98,4 Prozent). Ob diese Auslastungszahlen mit DDR-Zuständen zu vergleichen sind (wie CDU-Stadträtin Gisela Käfer euphorisch darlegte), das sei einmal dahingestellt. Schließlich konnten die Burgfestspiele in Jagsthausen am ersten Tag ihrer Spielzeit 1996 Superzahlen vorlegen: Die zwanzig Götz-Vorstellungen waren, eh die Premiere über die Bühne ging, mit 97 Prozent ausverkauft, das Musical „Kiss me Kate“ sogar mit 102 Prozent und das Märchen „Schneewittchen“ mit „lediglich“ 80 Prozent. Insgesamt konnte die Chefin der Jagsthäuser Festspiele Alexandra Freifrau von Berlichingen auf 64.651 verkaufte Karten (90 Prozent Auslastung) verweisen – und das drei Stunden vor der Eröffnung der Burgfestspiele. Das Heilbronner Stadttheater mit den Burgfestspielen zu vergleichen, hieße natürlich Äpfel mit Birnen gleichzusetzen. Beide haben ganz unterschiedliche Stellenwerte in der Kultur-Landschaft dieser Region. Ergänzung ist das Stichwort. Und trotzdem schielen die Freilichttheater-Macher immer auf die festen Häuser, die Staats- und Stadttheater.  Und viele Theaterhäuser können bei den Freilichttheatern lernen, wie man effektiv mit Geld umgehen kann, ohne am Publikum vorbeizuspielen.

Neckar-Taxi
Schade, daß es nur samstags auf dem Neckar tuckert – unser neuer Taxiboot-Pendelverkehr zwischen der „Anlegestelle Frankenstadion“ und „Anlegestelle C&A“. Fünfzehn Minuten dauert die Fahrt auf dem Fluß. Und schon ist der Fahrgast, der sein Auto an der Theresienwiese oder am Frankenstadion geparkt hat, mitten in der Heilbronner City. Toll finde ich auch, daß die einfache Schiffsfahrt nur eine deutsche Mark kostet, die dann auch noch mit einem Rückfahrtticket von rund dreißig Heilbronner Geschäften vergütet wird. Wer dann noch bei der Rückfahrt dieses Ticket gegen einen „akro-Dollar“ eintauscht, bekommt im Biergarten „Food Court“ neben dem Frankenstadion das Getränk seiner Wahl fünfzig Pfennig billiger. Acht Fahrten sind in den nächsten drei oder vier Monaten – je nach Wetterlage – jeden Samstag vorgesehen. Was der Gastronom Thomas Aurich und die Heilbronner Kaufleute da kreiert haben, das könnte ein Sommerhit in Heilbronn werden. Die ursprüngliche Idee des Bootstaxi stammt vom einstigen Grünen-Stadtrat Wolf Theilacker, der den öffentlichen Personennahverkehr gern auch auf den Neckar ausgedehnt hätte. Lehrer Theilacker war auch bei der Einweihung der neuen „Schiffahrtslinie“ samt Schulklasse mit von der Partie. Am vergangenen Wochenende war der Zuspruch weit größer als von der Veranstaltern ursprünglich erhofft. Das letzte Taxiboot fährt allerdings schon um 16 Uhr stadteinwärts und stadtauswärts um 16.30 Uhr. Ich könnte mir vorstellen, daß die Idee so gut angenommen wird, daß auch bis in die Nachtstunden, so um 24 Uhr, die Boote auf dem Neckar tuckern - als Innenstadtbelebung. Warum sollte nicht ein Kinobesuch mit einer Bootsfahrt kombiniert werden? Vor allem bei der ewigen Parkplatzsuche in Heilbronns City.

Heilbronner Brauerei
Die Brauerei Cluss schließt ihre Pforten. Und damit hat Heilbronn kein richtiges eigenes Brauhaus mehr. Eine jahrhundertealte Handwerkerkunst stirbt in der Käthchenstadt aus, in der es einmal sogar ein Käthchenbier gegeben hatte. Das sagt sich so leichthin. Stimmt aber nicht ganz. Denn im Heilbronner Vorort Biberach existiert noch recht munter eine Bierbrauerei. Auch wenn dieser Ort im traditionellen Sinne nicht Heilbronn ist, so gehört der Stadtteil doch dazu - rein kommunalpolitisch betrachtet. Die „Kronen-Brauerei Halter“ ist schon über einhundert Jahre am Markt und wird derzeit in der vierten Generation vom Braumeister Harald Halter (41) als Geschäftsführer geleitet. Selbstverständlich ist der Sechs-Mann-Betrieb nicht mit der dahingeschiedenen Cluss-Brauerei zu vergleichen. Aber edle Biersorten werden auch in Biberach hergestellt: Ob Pils, Export, naturtrübes Pils, dunkles Export – aus Qualitätsgründen wird bei Halters alles nur vom Faß geliefert. Wenn man es aber ganz genau nimmt, dann gibt es neben diesem Familienbetrieb auch noch eine weitere Brauerei in Heilbronn, nämlich den Barfüßer an der Allee, wo das Bier aus der Hausbrauerei kommt, sozusagen zapffrisch. Und wenn dann irgendwann in nächster Zeit der Plan, im Hagenbucher die Cluss-Tradition mit einer Hausbrauerei und einem Biergarten  fortzusetzen, in die Tat umgesetzt wird, dann hat Heilbronn wieder drei Brauhäuser. Klein, aber fein. Und mit mundigem Bier.

Kartoffel-Götz
Reichlich irritiert waren die Zuschauer und Gäste der Götz-Premiere im 47. Spieljahr im Jagsthäuser Burghof. Profunde Kenner der Festspiele konnten sich nicht erinnern, jemals einen solchen Götz gesehen zu haben. Der ansonsten als Haudegen gehandelte Raimund Harmstorf, der kartoffelquetschende Seewolf aus dem Fernsehen,  stolzierte ruckartig über die Bühne, artikulierte flach den teutschen Rittersmann, verlieh ihm nur eine Tonlage ohne Höhen und Tiefen und spielte an seinen Schauspielerkollegen geradeaus vorbei. War das nun expressiv? Oder war es nur Unvermögen? Oder war es die Aufregung? Naja, das Drumherum sah in der Inszenierung auch mehr nach Karikatur als nach Jagsthäuser Flair aus. Soldaten stolperten über die Bühne als seien sie einem Asterix-Heft entsprungen. Da wurde gemordet, daß der rote Saft fontainenartig spritzte. Einige Traditionsgäste vergruben bei dieser Interpretation gequält das Gesicht in ihren Händen, um nicht zu sehen, was noch Erschröckliches so alles auf der Bühne abgeht. In Theaterkreisen wird Arnold Petersen, der scheidende Intendant, und sein zusammengesuchtes Ensemble eh nicht hoch gehandelt. Manche haben auch den Eindruck, daß heuer die ungeliebte Inszenierung des Guido Huonder vom vergangenen Jahr eben nur nochmals kräftig gegen den Strich gebürstet und leicht aufgewärmt wurde. Sich lustig machen über die traditionelle Linie in Jagsthausen, schien das Motto zu sein. Wie ich die Burgfestspiele kenne, fackeln die Jagsthäuser nicht lange. Im nächsten Jahr wird es einen neuen Götz und eine frische Inszenierung geben. Ganz der Tradition entsprechend. Denn die Menschen, die ins Jagsttal kommen, wollen ihren Götz so sehen, wie sie von ihm landläufig gelesen und gehört haben. Und in diesem Rahmen ist dann immer noch genügend Spielraum für Interpretationen. Nur verarschen – das will sich keiner lassen. Vor allem nicht in Jagsthausen.

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