Zwergen-Aufstand
War es nur der Aufstand der Zwerge? Oder steckte mehr
dahinter? Sechs Abgeordnete der CDU-Fraktion im Landtag hatten letzte Woche
Erwin Teufel nicht gewählt – und schon lag dieser nach dem ersten Wahlgang auf
der Nase. Nix war es mit dem Landesvater-Posten. Aufregung in allen Fraktionen,
von SPD bis zu den Reps. Dann nach der Mittagspause eine zweite Wahl. Diesmal
klappte es. Aber wieder hatten zwei Abgeordnete aus der FDP oder CDU ihrem
Ministerpräsidenten die Stimme verweigert. Daß die Stimmungslage bei den
Christdemokraten nicht zum besten stand, das war schon lange vor dieser so
wichtigen Wahl bekannt. Viele, die sich Chancen auf einen Minister- oder Staatssekretärsposten
ausgerechnet hatten, gingen dank Erwin Teufels Personalpolitik leer aus. Vor
allem langgediente Abgeordnete aus dem badischen Landesteil. Und hinzu kam
noch, daß sich Teufel mehrere Newcomer in die Regierung holte, deren Namen
bisher niemand auf der politischen Landesbühne so recht kannte. Dazu gehört nicht nur die neue
Landwirtschaftsministerin, sondern auch die Heilbronner Spöri-Bezwingerin, die
CDU-Landtagsabgeordnete Johanna Lichy. Mit einem Staatssekretärsposten im
Sozialministerium Erwin Vetters wurde sie für ihr Niederringen des
Teufel-Herausforderers belohnt. Und das schmeckte vor allem dem
Arbeitnehmerflügel in der CDU nicht. Wie auch? War doch ihr Landesvorsitzender
Hermann Mühlbeyer, Staatssekretär a. D. aus Lothar Späths Zeiten, leer
ausgegangen. Er aber beteuerte entschieden, daß seine Kollegen und auch er
nicht vom Teufel-Kurs abgewichen seien, vor allem keine Rache geübt hätten.
Jetzt ist der Scherbenhaufen da – und die Rächer werden als postengeile
Politiker beschimpft, die sich nur an ihrem persönlichen Vorteil orientiert
hätten. Für fünf Jahre ist Erwin Teufel gewählt. Er vergißt nicht allzu schnell – und genießt bekanntlich seine Rache
kalt. Fragt sich nur wie vergeßlich die große Staatspartei CDU im Ländle
ist. Schon mancher saß einst sicher im Sattel
Flughafen
Wenn über den Flughafen im Unterland gestritten wird,
dann fliegen in letzter Zeit ordentlich die Fetzen. Durchaus verständlich, daß
die betroffenen Bürger und Gemeinden sich vehement gegen die Pläne für einen
Start- und Landeplatz in ihrer Nähe zur Wehr setzen. Da haben es sich einige
Politiker und Verbandsfunktionäre ein
wenig zu leicht gemacht. Und so mancher möchte jetzt wieder runter von den
recht eindeutigen Planvorgaben durch den Regionalverband Franken. Beim „Forum
unter der Pyramide“ der Heilbronner Stimme in der Kreissparkasse waren sich
alle Diskutanten jedoch einig: Die
Region und das Unterland benötigen einen Flugplatz. Wer den jetzt nicht
befürworte, der versündige sich am Wirtschaftsaufschwung in der Region. Hans
Peter Stihl, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages sowie
Unternehmer aus Waiblingen, meint sogar, daß nur Regionen mit Fluganbindung
künftig wirtschaftlich vorankommen werden. Heute schon zeige sich, daß das
Bruttosozialprodukt dieser Regionen höher sei. Und auch der Künzelsauer
Schraubenkönig Reinhold Würth sieht die Chance der Wirtschaft nur in einer
guten Verkehrsanbindung, sowohl in der Luft als auch auf den Straßen. In beiden
Bereichen sei die Region hinten an. Ins gleiche Horn stieß auch Heilbronns OB Manfred Weinmann: Jetzt
müsse man mit allen Betroffenen vernünftig reden, ohne Emotionen. Reinhold
Würths Vorschlag in dieser Richtung: Man käme schneller voran, wenn man die
betroffenen Bürger gut entschädige, damit sie eventuell umsiedeln könnten. Ich
schätze, die Worte beim Stimme-Forum waren wohlfeil. Wut, Zorn und Enttäuschung
spielen derzeit eine größere Rolle in der Flughafendebatte als sachliche
Erwägungen, die nur in Richtung Flughafen-Notwendigkeit zielen.
Radiomarkt
Die Media-Analyse 96 ist die weithin anerkannte Grundlage für den Mediensektor. Zahlen, die
dank dieser Umfrage in Umlauf gebracht werden, sind für Werbeagenturen
Orientierungshilfe bei der Bewertung von Rundfunkstationen, Zeitschriften und
Zeitungen. Daß bei uns in Baden-Württemberg die Radio-Landschaft zum Beispiel
reichlich chaotisch geordnet ist, das verdanken wir unseren Politikern und
ihrem Landesmediengesetz. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben wir zwei
Sendeanstalten: Den kleinen Südfunk in Stuttgart und den großen Südwestfunk in
Baden-Baden. Zwischen diesen beiden wird schon heftig kooperiert, weil Rundfunk
in unserer Zeit – ob Hörfunk oder Fernsehen – einfach zu teuer ist. Seit langer Zeit schon zerbrechen sich
kluge Leute in Staatskanzleien (in Stuttgart und Mainz) und Funkhäusern die
Köpfe darüber, was besser sei: Eine Rundfunkanstalt jeweils für Baden-Württemberg und Mainz oder einen
gemeinsamen südwestdeutschen Sender mit schönen Funkhäusern in Stuttgart
(Württemberg), Baden-Baden (Baden) und Mainz (Rheinland-Pfalz). Eine andere
Frage lautet: Welche Variante ist preiswerter? Im Herbst soll nochmals darüber
hochpolitisch zwischen den Ministerpräsidenten verhandelt werden. Und wir Hörer
und Zuschauer dürfen heute schon rätseln, was für uns dabei herauskommt. Beim
Privat-Hörfunk sieht es nicht viel besser aus: Die drei Bereichssender in Ulm,
Mannheim und Stuttgart sind mehr oder minder erfolgreich; und die fünfzehn
Lokalsender dürften nach der Media-Analyse mit heftigen Bauchschmerzen an
Kooperationspläne herangehen. Schließlich muß sich auch Rundfunk rechnen. Zu
verantworten hat jedoch vornehmlich die Politik das Desaster. Denn 1994 hat man
gesunde Sender zerschlagen, ohne daß für die Hörer etwas besseres dabei
herausgekommen ist. Hätte man die vorhandenen Strukturen dem freien Spiel des
Marktes ausgesetzt, wir hätten heute wahrscheinlich eine gesundere private
Rundfunkstruktur im Ländle. So aber popelt die Politik weiter im Medienmarkt
herum.
Pfühlpark
Was einst als Gelände für eine Heilbronner
Landesgartenschau von der Stadt ausersehen war, wurde am Wochenende feierlich
als Bürgerpark wieder eingeweiht. Die Anwohner hatten mit ihrem Widerstand
gegen die bombastischen Pläne der Umwandlung des Pfühlparks, Trappenseegeländes
und des Köpfertals für die Garten-Schau erreicht, daß die kleine Lösung jetzt
allen Beteiligten zur Freude gereichte. Wie üblich in Heilbronn wurde mit einem
Fest eingeweiht, was noch nicht ganz fertiggestellt ist: Der Pfühlpark,
vornehmlich in seinem östlichen Abschnitt. Seit
Januar 1994 war in dem Park saniert worden – für stolze 4,9 Millionen Mark.
Und da ließ es sich Oberbürgermeister Manfred Weinmann nicht nehmen, der nur
wenige hundert Meter von diesem Gelände entfernt sein Haus hat, freudig das
einzuweihen, was in Heilbronn schon seit dem 16. Jahrhundert zur Naherholung
gehört. Schlimm war es ja auch gewesen, was sich an sogenannter Natur im
Pfühlpark gezeigt hatte. Ratten huschten über die Wege, der Tümpel „Pfühlsee“
war vornehmlich zum Auffangbecken für altes Brot vieler Enten- und
Karpfenfütterer degradiert worden und der Kiosk zum Treffpunkt für grölende Penner
verkommen. Viel hat sich geändert. In die Seefläche ragt jetzt ein Holzdeck
hinein, von dem man beschaulich über den kleinen Pfühlteich blicken kann, das
aber auch für Freilluftveranstaltungen wie zum Beispiel Konzerte gedacht sein
soll. Da werden sich die Anwohner
freuen, wenn sie abends oder nächtens beschallt werden. Von welchen Tönen
auch immer.
Theaterfreunde
Mal sind es 200.000 Besucher im Heilbronner Theater
pro Spielzeit, dann wieder nur 175.000. Es kommt immer darauf an, wieviele
Vorstellungen pro Saison angesetzt werden. So betrug die Platzausnutzung im
Großen Haus am Berliner Platz 1 in der letzten Spielzeit 91,1 Prozent,
jetzt am Ende des noch laufenden
Theaterjahres 1995/96 sind es „nur“ 89,1 Prozent. In den Kammerspielen
kletterte die Zahl geringfügig von 93,6 auf 95,4 Prozent nach oben.
Spitzenreiter waren im Großen Haus das Musical „Hello Dolly“ (99,3 Prozent
Platzausnutzung) und in den Kammerspielen die Komödie „Nun reicht’s aber“ (98,4
Prozent). Ob diese Auslastungszahlen mit DDR-Zuständen zu vergleichen sind (wie
CDU-Stadträtin Gisela Käfer euphorisch darlegte), das sei einmal dahingestellt.
Schließlich konnten die Burgfestspiele in Jagsthausen am ersten Tag ihrer
Spielzeit 1996 Superzahlen vorlegen: Die zwanzig Götz-Vorstellungen waren, eh
die Premiere über die Bühne ging, mit 97 Prozent ausverkauft, das Musical „Kiss
me Kate“ sogar mit 102 Prozent und das Märchen „Schneewittchen“ mit „lediglich“
80 Prozent. Insgesamt konnte die Chefin der Jagsthäuser Festspiele Alexandra
Freifrau von Berlichingen auf 64.651 verkaufte Karten (90 Prozent Auslastung)
verweisen – und das drei Stunden vor der Eröffnung der Burgfestspiele. Das Heilbronner Stadttheater mit den
Burgfestspielen zu vergleichen, hieße natürlich Äpfel mit Birnen
gleichzusetzen. Beide haben ganz unterschiedliche Stellenwerte in der
Kultur-Landschaft dieser Region. Ergänzung ist das Stichwort. Und trotzdem
schielen die Freilichttheater-Macher immer auf die festen Häuser, die Staats-
und Stadttheater. Und viele
Theaterhäuser können bei den Freilichttheatern lernen, wie man effektiv mit
Geld umgehen kann, ohne am Publikum vorbeizuspielen.
Neckar-Taxi
Schade, daß es nur samstags auf dem Neckar tuckert –
unser neuer Taxiboot-Pendelverkehr zwischen der „Anlegestelle Frankenstadion“
und „Anlegestelle C&A“. Fünfzehn Minuten dauert die Fahrt auf dem Fluß. Und
schon ist der Fahrgast, der sein Auto an der Theresienwiese oder am
Frankenstadion geparkt hat, mitten in der Heilbronner City. Toll finde ich
auch, daß die einfache Schiffsfahrt nur eine deutsche Mark kostet, die dann
auch noch mit einem Rückfahrtticket von rund dreißig Heilbronner Geschäften
vergütet wird. Wer dann noch bei der Rückfahrt dieses Ticket gegen einen
„akro-Dollar“ eintauscht, bekommt im Biergarten „Food Court“ neben dem
Frankenstadion das Getränk seiner Wahl fünfzig Pfennig billiger. Acht Fahrten sind in den nächsten drei oder
vier Monaten – je nach Wetterlage – jeden Samstag vorgesehen. Was der
Gastronom Thomas Aurich und die Heilbronner Kaufleute da kreiert haben, das
könnte ein Sommerhit in Heilbronn werden. Die ursprüngliche Idee des Bootstaxi
stammt vom einstigen Grünen-Stadtrat Wolf Theilacker, der den öffentlichen
Personennahverkehr gern auch auf den Neckar ausgedehnt hätte. Lehrer Theilacker
war auch bei der Einweihung der neuen „Schiffahrtslinie“ samt Schulklasse mit
von der Partie. Am vergangenen Wochenende war der Zuspruch weit größer als von
der Veranstaltern ursprünglich erhofft. Das letzte Taxiboot fährt allerdings
schon um 16 Uhr stadteinwärts und stadtauswärts um 16.30 Uhr. Ich könnte mir
vorstellen, daß die Idee so gut angenommen wird, daß auch bis in die
Nachtstunden, so um 24 Uhr, die Boote auf dem Neckar tuckern - als
Innenstadtbelebung. Warum sollte nicht ein Kinobesuch mit einer Bootsfahrt
kombiniert werden? Vor allem bei der ewigen Parkplatzsuche in Heilbronns City.
Heilbronner Brauerei
Die Brauerei Cluss schließt ihre Pforten. Und damit
hat Heilbronn kein richtiges eigenes Brauhaus mehr. Eine jahrhundertealte
Handwerkerkunst stirbt in der Käthchenstadt aus, in der es einmal sogar ein
Käthchenbier gegeben hatte. Das sagt sich so leichthin. Stimmt aber nicht ganz.
Denn im Heilbronner Vorort Biberach existiert noch recht munter eine
Bierbrauerei. Auch wenn dieser Ort im traditionellen Sinne nicht Heilbronn ist,
so gehört der Stadtteil doch dazu - rein kommunalpolitisch betrachtet. Die
„Kronen-Brauerei Halter“ ist schon über einhundert Jahre am Markt und wird
derzeit in der vierten Generation vom Braumeister Harald Halter (41) als
Geschäftsführer geleitet. Selbstverständlich ist der Sechs-Mann-Betrieb nicht
mit der dahingeschiedenen Cluss-Brauerei zu vergleichen. Aber edle Biersorten werden
auch in Biberach hergestellt: Ob Pils, Export, naturtrübes Pils, dunkles Export
– aus Qualitätsgründen wird bei Halters alles nur vom Faß geliefert. Wenn man es aber ganz genau nimmt, dann
gibt es neben diesem Familienbetrieb auch noch eine weitere Brauerei in
Heilbronn, nämlich den Barfüßer an der Allee, wo das Bier aus der Hausbrauerei
kommt, sozusagen zapffrisch. Und wenn dann irgendwann in nächster Zeit der
Plan, im Hagenbucher die Cluss-Tradition mit einer Hausbrauerei und einem
Biergarten fortzusetzen, in die Tat
umgesetzt wird, dann hat Heilbronn wieder drei Brauhäuser. Klein, aber fein.
Und mit mundigem Bier.
Kartoffel-Götz
Reichlich irritiert waren die Zuschauer und Gäste der
Götz-Premiere im 47. Spieljahr im Jagsthäuser Burghof. Profunde Kenner der
Festspiele konnten sich nicht erinnern, jemals einen solchen Götz gesehen zu
haben. Der ansonsten als Haudegen gehandelte Raimund Harmstorf, der kartoffelquetschende Seewolf aus dem
Fernsehen, stolzierte ruckartig über die
Bühne, artikulierte flach den teutschen Rittersmann, verlieh ihm nur eine
Tonlage ohne Höhen und Tiefen und spielte an seinen Schauspielerkollegen
geradeaus vorbei. War das nun expressiv? Oder war es nur Unvermögen? Oder war
es die Aufregung? Naja, das Drumherum sah in der Inszenierung auch mehr nach
Karikatur als nach Jagsthäuser Flair aus. Soldaten
stolperten über die Bühne als seien sie einem Asterix-Heft entsprungen. Da
wurde gemordet, daß der rote Saft fontainenartig spritzte. Einige
Traditionsgäste vergruben bei dieser Interpretation gequält das Gesicht in
ihren Händen, um nicht zu sehen, was noch Erschröckliches so alles auf der
Bühne abgeht. In Theaterkreisen wird Arnold Petersen, der scheidende Intendant,
und sein zusammengesuchtes Ensemble eh nicht hoch gehandelt. Manche haben auch
den Eindruck, daß heuer die ungeliebte Inszenierung des Guido Huonder vom
vergangenen Jahr eben nur nochmals kräftig gegen den Strich gebürstet und
leicht aufgewärmt wurde. Sich lustig
machen über die traditionelle Linie in Jagsthausen, schien das Motto zu sein. Wie
ich die Burgfestspiele kenne, fackeln die Jagsthäuser nicht lange. Im nächsten
Jahr wird es einen neuen Götz und eine frische Inszenierung geben. Ganz der
Tradition entsprechend. Denn die Menschen, die ins Jagsttal kommen, wollen ihren
Götz so sehen, wie sie von ihm landläufig gelesen und gehört haben. Und in
diesem Rahmen ist dann immer noch genügend Spielraum für Interpretationen. Nur
verarschen – das will sich keiner lassen. Vor allem nicht in Jagsthausen.
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