Dieter vor!
Am letzten Samstag in Waiblingen: Die SPD im Ländle
wollte mal so richtig einen drauf machen - als Wahlkampfauftakt. Aber die
Stuttgarter Zeitung vermasselte den Genossen die gute Laune. Nur 24 Prozent der
Wählerstimmen für die Sozis prognostizierte eine Umfrage im Auftrag des
Blattes. Das würde nie und nimmer für eine Koalition mit den Grünen in
Stuttgart langen. CDU und FDP liegen nach dieser Rechnung vor SPD und Grünen.
Laut der letzten Emnid-Umfrage vom Sonntag kann die SPD bundesweit mit 32
Prozent rechnen, die CDU mit 40, FDP 6 und Grüne 12 Prozent. Auch hier reicht
es der bürgerlichen Koalition zu einer Mehrheit im Bundestag. Aber die Zeiten wandeln sich, vor allem
seit Oskar Lafontaine SPD-Chef über alle deutschen Lande ist. Die
Sozialdemokraten haben mit ihm zur Aufholjagd angesetzt. Und da die Tagesform
der Parteien eine immer größere Rolle spielt, Wählerentscheidungen kurzfristig
getroffen werden, ist noch viel drin im Wahlsack, der am 24. März in Baden-Württemberg
um 18 Uhr geöffnet wird. Beim Endspurt neigen viele Wähler dem
Stimmungssieger zu, denn es scheint langsam zur Masche zu werden, daß alle
bei den vermeintlichen Siegern dabei sein wollen. Jetzt müssen die Sozis also
noch ordentlich ranklotzen, damit ihr „Dieter“ nicht zum ökonomischen Zampano
degradiert wird. Die Freien Demokraten in Baden-Württemberg haben eine andere
Tradition als jene in NRW oder Hamburg. Hier sind die Liberalen bodenständig,
Handwerker- und Mittelstand-verbunden und in einem guten Sinne konservativ.
Hier knüpft Walter Döring aus Hall an. Und seine Chancen stehen nicht schlecht.
Denn im Stammland der Liberalen will kaum ein politisch denkender Mensch auf
das freidemokratische Element im Stuttgarter Parlament verzichten. Weniger
Möllemänner und Leutheussers mit Luther-Hund, mehr klardenkende Frauen und
Männer, die liberale Politik standhaft vertreten, und nicht ihr Mäntelchen in
jeden Wind hängen. Denn es könnte ja sein, daß es nur der Pfurz vom politischen
Nachbarn ist.
Waldputzete
Es ist immer mal wieder schön, Menschen zu sehen, die
anderen die Wege freifegen. In unseren Waldrandgebieten rund um die Stadt sah
ich letzte Woche fleißige Männer in orangefarbenen Overalls die Wege fegen. Ist
ja auch sehr wichtig, daß die Waldpfade von gefrorenem Laub befreit werden,
dort, wo es nicht mehr so fest am Boden klebt. Wenn es jetzt nochmals regnen
und dann ordentlich gefrieren sollte, dann kann dort niemand mehr
spazierengehen und die armen Tierlein im Winter stören. Denn ist’s sauglatt
dort oben, wie auf den asphaltierten Waldstraßen. Aber nur ein kleines Stück des Waldweges ist von unseren städtischen
Heinzelmännchen gefegt worden. Dort, wo der Boden noch steinhart ist, da
konnte auch der beste Besen und die raffinierteste Laubsauger-Maschine nicht
helfen. Ein gutes hatte diese Aktion ja: die Männer waren beschäftigt. Und
außerdem sieht man jetzt wieder den Hundekot auf dem gefegten Waldpfad, der
zuvor im Laub sich versteckte. Eine entzürnte Waldbegeherin so um die siebzig
hatte eine Schäufelein dabei, beförderte den Scheiß zwischen die Bäume und
fluchte: I hab a en Hund, aber de Dreck mach i immer weg. Des sind doch böse
Schlamper hier. Dem kann ich nur zustimmen. Das gequälte Tier wird per Auto zum
Waldparkplatz gekarrt. Dort darf er dann zwei Kilometer auf städtischem
Waldgelände herumspringen, ordentlich Wasser und die festeren Bestandteile der
Verdauung abgeben. Und ab geht’s zurück in die Stadtwohnung, wo unser Waldi
dann hinterm warmen Ofen von freier Natur träumen kann. Gell?!?!? Net wohr -
nicht. Gott sei’s gelobt: Ich bin aus hartem Gestein.
Abwanderung
Heilbronn hat es zur Zeit wahrlich schwer. Der
Fiat-Umzug nach Frankfurt am Main dürfte so gut wie sicher sein. Ist ja auch
verständlich: ein international operierendes Industrieunternehmen benötigt eine
ausgebaute und optimal funktionierende Infrastruktur. Der Besuch des
Heilbronner Oberbürgermeisters Dr. Manfred Weinmann und des
baden-württembergischen Wirtschaftsministers Dr. Dieter Spöri (auch
SPD-Landtagsabgeordneter des Stadtkreises Heilbronn) in Turin konnte da wenig
ausrichten. Auch die Gastgeschenke der beiden Politiker (Hubschrauberlandeplatz
und Landeszuschüsse) brachte die Fiat-Manager zu keiner Änderung ihrer Pläne,
ein Teil der Geschäfte demnächst in Frankfurt am Main statt in Heilbronn zu
tätigen. Der Markt verändert sich halt im wiedervereinten Deutschland – und das
muß Heilbronn jetzt mit bitterem Nachgeschmack konstatieren. Bei der Aufgabe
des Brauereistandortes Cluss in der Käthchenstadt hatte man ja auch die Zeichen
der Zeit nicht erkennen wollen. Ich kann
mich noch genau erinnern, als in einer Fachzeitschrift deutlich gemacht wurde,
daß die Münchner Mutter der Heilbronner Cluss-Brauerei kein Interesse mehr an
dem Brauplatz Heilbronn hat. Die Dementis hier in der Stadt waren damals
heftig und abweisend. Aber die Gesundbeterei hat wenig geholfen. Jetzt hat die
Energieversorgung Schwaben (EVS) bekanntgegeben, daß sie bis zum Jahr 2004 rund
250 Arbeitsplätze im Heilbronner Kohlekraftwerk abbauen wird. Vielleicht kann
die Politik das Blatt noch wenden, wenn sie sich dazu durchringt, in Heilbronn
eine Müllverbrennungsanlage bauen zu lassen. Das schafft ja auch Arbeitsplätze.
Richtiges Leben!
Musical im Theater – das scheint immer eine Garantie für große Erfolge zu sein. Beim
Publikum und an der Kasse. Aber Musical ist eben nicht gleich Musical. Genauso
wenig wie Oper gleich Oper ist. Es gibt halt immer gute und schlechte Stücke,
gute und schlechte Inszenierungen, gute und schlechte Aufführungen. „City of
Angels“ ist da so ein Beispiel. Es gibt Theater in Deutschland, die sich bisher
an dieses Musical einfach nicht ran gewagt hatten. Es fehlten die Schauspieler mit guten Stimmen, die Tänzer für die
grandiosen Tanzszenen. Was in Amerika seit der Premiere 1989 in Perfektion
auf die Bühnen von Privattheatern gestellt wurde, kann von hochsubventionierten
Häusern in Deutschland einfach nicht geleistet werden. Und in den privaten
deutschen Musical-Theatern, die es sich hätten leisten können, spielen derzeit
andere Stücke. Das Heilbronner Stadttheater jedoch ging das Wagnis ein. Die
Kritiken für die Aufführung waren nicht gerade berauschend. Regisseur Franz
Winter zog wütend vondannen, weil Intendant Klaus Wagner das Stück nach der
Premiere kürzte. Und so fiel auch gleich die geplante Inszenierung von
Shakespeares „König Lear“ ins Wasser, die Franz Winter mit Klaus Wagner in der
Titelrolle inszenieren sollte. Man war an den „Scheideweg“ gekommen, „als der
Hauptdarsteller über die Grundlinien des Charakters, den er zu spielen hatte,
anders dachte als der Regisseur“ – sprich: Klaus Wagner dachte anders als Franz
Winter. Geplant war zudem noch, mit dem
Musical „City of Angels“ auf Tournee zu gehen – von München aus. Aber als die
Münchner in Heilbronn den Rest der Winter-Inszenierung inspizierten, kamen sie
zu dem Schluß: Das wollen wir nicht. Und so fiel ins Wasser, was einst so toll
angekündigt und geplant war. Aber das soll ja öfter vorkommen, nicht nur in der
Kunst, sondern auch in der Politik – und sogar im richtigen Leben.
Brandkatastrophe
Erinnern Sie sich noch? Auch in Heilbronn gab es im
vergangenen Jahr Brandanschläge auf Wohnhäuser, in denen sehr viele Ausländer
lebten. Gott sei Dank konnten die Molotow-Cocktails nach kurzer Zeit
unschädlich gemacht werden. Aber wenige Stunden später hätte es zu
mitternächtlicher Stunde zu einem katastrophalen Unglück kommen können. Was in
Lübeck in der letzten Woche geschehen ist, ist nicht nur der wahre Horror,
sondern auch eine Katastrophe für Asylbewerberunterkünfte. Offensichtlich hatte der Betreiber weder Feuerlöscher noch Brandmelder
in diesem mit Menschen überbelegten Haus installiert. Erschreckt hat mich
auch die Sorglosigkeit, mit der das Rauschen im Blätterwald gleich eine
Tätergruppe aus dem Neonazibereich präsentierte. Die Politik hat nicht
versucht, zu warten bis die Ermittlungen zu einem Ergebnis führen, sondern auch
noch Öl ins Feuer gegossen. Die Folge: Demonstrationen, die sich gegen das
schreckliche Geschehen und die vermeintlichen Täter richteten. Als dann die Ermittlungsbehörden
einen jungen Ausländer als möglichen Täter präsentierten, war die Verführung
perfekt. Und so hat sich die Katastrophe von Lübeck in dieser Woche wieder
eingereiht in die Normalmeldungen. Vielleicht sollte man doch einmal ein Auge
auf die unterschiedlichen Gruppierungen unter jenen Ausländern werfen, die bei
uns um Asyl nachsuchen. Denn auch in Heilbronn hat es sich gezeigt, daß die
Auseinandersetzungen allein zwischen den verschiedenen türkischen
Bevölkerungsgruppen beträchtliche Gefahren in sich bergen.
Theaterschiff
Erfolge über Erfolge kann das Theaterschiff am
Hagenbucher aufweisen. Ständig ausverkauft heißt das Resultat des
Erfolgsrezepts. Aber nichts ist beständiger als die Kosten. So mußte jetzt erst
eine Rechnung der Werft in Neckarzimmern
beglichen werden, die rund 140.000 Mark nachforderte. Verursacher waren viele -
auch die Herren Architekten, die das eine oder andere verschönern wollten, ohne
daran zu denken, daß auch diese Veränderungen nicht nur aus puren Gedanken
bestehen, sondern aus teurer Arbeitskraft. Aber der Erfolg gibt den Vätern
Klaus Rücker, Peer Friedel und Heinz Kipfer recht. Firmen feiern ihre Feste auf
dem Schiff, Vereine buchen für die Mitglieder Karten, Interessierte aus der
ganzen Region warten, bis sie die ersehnten Plätze reservieren können. Und „Loriot’s Dramatische Werke“ sind nun
wirklich ein Renner, der ein breites Publikum anspricht. Übrigens - im
Februar gibts am 23. einen „Sinnvollen Crashkurs im Halbwissen“ mit Gottfried
Sinn: Als die Bilder laufen lernten. Und im März sogar einen „Bericht für eine
Akademie“ von Franz Kafka. „Nicht zu fassen“ lautet der Titel des
Kabarett-Programms am 20. März. Schön – auch wenn es nicht das
Theaterschiff-Motto ist - bisher noch nicht.
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