Mittwoch, 19. Februar 2014

Kiliansmännle, 24.01.1996





Dieter vor!
Am letzten Samstag in Waiblingen: Die SPD im Ländle wollte mal so richtig einen drauf machen - als Wahlkampfauftakt. Aber die Stuttgarter Zeitung vermasselte den Genossen die gute Laune. Nur 24 Prozent der Wählerstimmen für die Sozis prognostizierte eine Umfrage im Auftrag des Blattes. Das würde nie und nimmer für eine Koalition mit den Grünen in Stuttgart langen. CDU und FDP liegen nach dieser Rechnung vor SPD und Grünen. Laut der letzten Emnid-Umfrage vom Sonntag kann die SPD bundesweit mit 32 Prozent rechnen, die CDU mit 40, FDP 6 und Grüne 12 Prozent. Auch hier reicht es der bürgerlichen Koalition zu einer Mehrheit im Bundestag. Aber die Zeiten wandeln sich, vor allem seit Oskar Lafontaine SPD-Chef über alle deutschen Lande ist. Die Sozialdemokraten haben mit ihm zur Aufholjagd angesetzt. Und da die Tagesform der Parteien eine immer größere Rolle spielt, Wählerentscheidungen kurzfristig getroffen werden, ist noch viel drin im Wahlsack, der am 24. März in Baden-Württemberg um 18 Uhr  geöffnet wird. Beim Endspurt neigen viele Wähler dem Stimmungssieger zu, denn es scheint langsam zur Masche zu werden, daß alle bei den vermeintlichen Siegern dabei sein wollen. Jetzt müssen die Sozis also noch ordentlich ranklotzen, damit ihr „Dieter“ nicht zum ökonomischen Zampano degradiert wird. Die Freien Demokraten in Baden-Württemberg haben eine andere Tradition als jene in NRW oder Hamburg. Hier sind die Liberalen bodenständig, Handwerker- und Mittelstand-verbunden und in einem guten Sinne konservativ. Hier knüpft Walter Döring aus Hall an. Und seine Chancen stehen nicht schlecht. Denn im Stammland der Liberalen will kaum ein politisch denkender Mensch auf das freidemokratische Element im Stuttgarter Parlament verzichten. Weniger Möllemänner und Leutheussers mit Luther-Hund, mehr klardenkende Frauen und Männer, die liberale Politik standhaft vertreten, und nicht ihr Mäntelchen in jeden Wind hängen. Denn es könnte ja sein, daß es nur der Pfurz vom politischen Nachbarn ist.



Waldputzete

Es ist immer mal wieder schön, Menschen zu sehen, die anderen die Wege freifegen. In unseren Waldrandgebieten rund um die Stadt sah ich letzte Woche fleißige Männer in orangefarbenen Overalls die Wege fegen. Ist ja auch sehr wichtig, daß die Waldpfade von gefrorenem Laub befreit werden, dort, wo es nicht mehr so fest am Boden klebt. Wenn es jetzt nochmals regnen und dann ordentlich gefrieren sollte, dann kann dort niemand mehr spazierengehen und die armen Tierlein im Winter stören. Denn ist’s sauglatt dort oben, wie auf den asphaltierten Waldstraßen. Aber nur ein kleines Stück des Waldweges ist von unseren städtischen Heinzelmännchen gefegt worden. Dort, wo der Boden noch steinhart ist, da konnte auch der beste Besen und die raffinierteste Laubsauger-Maschine nicht helfen. Ein gutes hatte diese Aktion ja: die Männer waren beschäftigt. Und außerdem sieht man jetzt wieder den Hundekot auf dem gefegten Waldpfad, der zuvor im Laub sich versteckte. Eine entzürnte Waldbegeherin so um die siebzig hatte eine Schäufelein dabei, beförderte den Scheiß zwischen die Bäume und fluchte: I hab a en Hund, aber de Dreck mach i immer weg. Des sind doch böse Schlamper hier. Dem kann ich nur zustimmen. Das gequälte Tier wird per Auto zum Waldparkplatz gekarrt. Dort darf er dann zwei Kilometer auf städtischem Waldgelände herumspringen, ordentlich Wasser und die festeren Bestandteile der Verdauung abgeben. Und ab geht’s zurück in die Stadtwohnung, wo unser Waldi dann hinterm warmen Ofen von freier Natur träumen kann. Gell?!?!? Net wohr - nicht. Gott sei’s gelobt: Ich bin aus hartem Gestein.



Abwanderung

Heilbronn hat es zur Zeit wahrlich schwer. Der Fiat-Umzug nach Frankfurt am Main dürfte so gut wie sicher sein. Ist ja auch verständlich: ein international operierendes Industrieunternehmen benötigt eine ausgebaute und optimal funktionierende Infrastruktur. Der Besuch des Heilbronner Oberbürgermeisters Dr. Manfred Weinmann und des baden-württembergischen Wirtschaftsministers Dr. Dieter Spöri (auch SPD-Landtagsabgeordneter des Stadtkreises Heilbronn) in Turin konnte da wenig ausrichten. Auch die Gastgeschenke der beiden Politiker (Hubschrauberlandeplatz und Landeszuschüsse) brachte die Fiat-Manager zu keiner Änderung ihrer Pläne, ein Teil der Geschäfte demnächst in Frankfurt am Main statt in Heilbronn zu tätigen. Der Markt verändert sich halt im wiedervereinten Deutschland – und das muß Heilbronn jetzt mit bitterem Nachgeschmack konstatieren. Bei der Aufgabe des Brauereistandortes Cluss in der Käthchenstadt hatte man ja auch die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollen. Ich kann mich noch genau erinnern, als in einer Fachzeitschrift deutlich gemacht wurde, daß die Münchner Mutter der Heilbronner Cluss-Brauerei kein Interesse mehr an dem Brauplatz Heilbronn hat. Die Dementis hier in der Stadt waren damals heftig und abweisend. Aber die Gesundbeterei hat wenig geholfen. Jetzt hat die Energieversorgung Schwaben (EVS) bekanntgegeben, daß sie bis zum Jahr 2004 rund 250 Arbeitsplätze im Heilbronner Kohlekraftwerk abbauen wird. Vielleicht kann die Politik das Blatt noch wenden, wenn sie sich dazu durchringt, in Heilbronn eine Müllverbrennungsanlage bauen zu lassen. Das schafft ja auch Arbeitsplätze.



Richtiges Leben!

Musical im Theater – das scheint immer  eine Garantie für große Erfolge zu sein. Beim Publikum und an der Kasse. Aber Musical ist eben nicht gleich Musical. Genauso wenig wie Oper gleich Oper ist. Es gibt halt immer gute und schlechte Stücke, gute und schlechte Inszenierungen, gute und schlechte Aufführungen. „City of Angels“ ist da so ein Beispiel. Es gibt Theater in Deutschland, die sich bisher an dieses Musical einfach nicht ran gewagt hatten. Es fehlten die Schauspieler mit guten Stimmen, die Tänzer für die grandiosen Tanzszenen. Was in Amerika seit der Premiere 1989 in Perfektion auf die Bühnen von Privattheatern gestellt wurde, kann von hochsubventionierten Häusern in Deutschland einfach nicht geleistet werden. Und in den privaten deutschen Musical-Theatern, die es sich hätten leisten können, spielen derzeit andere Stücke. Das Heilbronner Stadttheater jedoch ging das Wagnis ein. Die Kritiken für die Aufführung waren nicht gerade berauschend. Regisseur Franz Winter zog wütend vondannen, weil Intendant Klaus Wagner das Stück nach der Premiere kürzte. Und so fiel auch gleich die geplante Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ ins Wasser, die Franz Winter mit Klaus Wagner in der Titelrolle inszenieren sollte. Man war an den „Scheideweg“ gekommen, „als der Hauptdarsteller über die Grundlinien des Charakters, den er zu spielen hatte, anders dachte als der Regisseur“ – sprich: Klaus Wagner dachte anders als Franz Winter.  Geplant war zudem noch, mit dem Musical „City of Angels“ auf Tournee zu gehen – von München aus. Aber als die Münchner in Heilbronn den Rest der Winter-Inszenierung inspizierten, kamen sie zu dem Schluß: Das wollen wir nicht. Und so fiel ins Wasser, was einst so toll angekündigt und geplant war. Aber das soll ja öfter vorkommen, nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Politik – und sogar im richtigen Leben.



Brandkatastrophe

Erinnern Sie sich noch? Auch in Heilbronn gab es im vergangenen Jahr Brandanschläge auf Wohnhäuser, in denen sehr viele Ausländer lebten. Gott sei Dank konnten die Molotow-Cocktails nach kurzer Zeit unschädlich gemacht werden. Aber wenige Stunden später hätte es zu mitternächtlicher Stunde zu einem katastrophalen Unglück kommen können. Was in Lübeck in der letzten Woche geschehen ist, ist nicht nur der wahre Horror, sondern auch eine Katastrophe für Asylbewerberunterkünfte. Offensichtlich hatte der Betreiber weder Feuerlöscher noch Brandmelder in diesem mit Menschen überbelegten Haus installiert. Erschreckt hat mich auch die Sorglosigkeit, mit der das Rauschen im Blätterwald gleich eine Tätergruppe aus dem Neonazibereich präsentierte. Die Politik hat nicht versucht, zu warten bis die Ermittlungen zu einem Ergebnis führen, sondern auch noch Öl ins Feuer gegossen. Die Folge: Demonstrationen, die sich gegen das schreckliche Geschehen und die vermeintlichen Täter richteten. Als dann die Ermittlungsbehörden einen jungen Ausländer als möglichen Täter präsentierten, war die Verführung perfekt. Und so hat sich die Katastrophe von Lübeck in dieser Woche wieder eingereiht in die Normalmeldungen. Vielleicht sollte man doch einmal ein Auge auf die unterschiedlichen Gruppierungen unter jenen Ausländern werfen, die bei uns um Asyl nachsuchen. Denn auch in Heilbronn hat es sich gezeigt, daß die Auseinandersetzungen allein zwischen den verschiedenen türkischen Bevölkerungsgruppen beträchtliche Gefahren in sich bergen.



Theaterschiff

Erfolge über Erfolge kann das Theaterschiff am Hagenbucher aufweisen. Ständig ausverkauft heißt das Resultat des Erfolgsrezepts. Aber nichts ist beständiger als die Kosten. So mußte jetzt erst eine Rechnung  der Werft in Neckarzimmern beglichen werden, die rund 140.000 Mark nachforderte. Verursacher waren viele - auch die Herren Architekten, die das eine oder andere verschönern wollten, ohne daran zu denken, daß auch diese Veränderungen nicht nur aus puren Gedanken bestehen, sondern aus teurer Arbeitskraft. Aber der Erfolg gibt den Vätern Klaus Rücker, Peer Friedel und Heinz Kipfer recht. Firmen feiern ihre Feste auf dem Schiff, Vereine buchen für die Mitglieder Karten, Interessierte aus der ganzen Region warten, bis sie die ersehnten Plätze reservieren können. Und „Loriot’s Dramatische Werke“ sind nun wirklich ein Renner, der ein breites Publikum anspricht. Übrigens - im Februar gibts am 23. einen „Sinnvollen Crashkurs im Halbwissen“ mit Gottfried Sinn: Als die Bilder laufen lernten. Und im März sogar einen „Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka. „Nicht zu fassen“ lautet der Titel des Kabarett-Programms am 20. März. Schön – auch wenn es nicht das Theaterschiff-Motto ist - bisher noch nicht.

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