Sonntag, 23. Februar 2014

Kiliansmännle, 13.11. 1996




Karibische Nacht
„Journal tropical“ war das Motto des 37. Landespresseballs in Stuttgart am Freitag der vergangenen Woche. Neben Zeitungs-, Fernseh- und Hörfunkjournalisten war alles zugegen, was im Ländle Rang und Namen hat, oder zumindest ein gewichtiger Teil davon. Unter Palmenblättern sollte diese kühle Novembernacht in der Stuttgarter Liederhalle in eine heiße karibische Nacht verzaubert werden. Der spröde Charme des 50ger-Jahre-Hallenbaus ließ das Vorhaben nicht ganz glücken. Trotz Südfrüchte auf den Tischen als Dekoration. Aber die rund 2.000 Besucher amüsierten sich offenbar dessen ungeachtet prächtig. Aus dem Unterland im Balltreiben unter anderen gesichtet: Werner Grau (Heilbronns Erster Bürgermeister), Otto Lindner (Audi Werksleiter in Neckarsulm), Hans M. Hambücher (KSK-Vorstandsmitglied), Richard Drautz (FDP-Landtagsabgeordneter), Alfred Steininger (Heilbronner Werbefachmann und OB-Kandidat in Stuttgart), Dr. Wolfgang Bok (Chefredakteur Heilbronner Stimme), Iris Baars-Werner (Landkreis-Chefin der HSt), Lutz Wagner (Chef des SDR-Frankenradios), Carlo Köchel (Programmleiter Radio Ton), Jürgen Dieter Ueckert (Redaktionsleiter Neckar Express), Susanne Jauch (Audi-Pressesprecherin) und viele andere. Verständlich, daß das schwäbische Unterland sehr stark in Stuttgart vertreten war. Fiel doch der hiesige Presseball anläßlich des 50. Geburtstages der Heilbronner Stimme mangels Zuschauermasse buchstäblich ins Wasser. Übrigens: Die Erlöse aus der Tombola in Stuttgart (Hauptpreis: ein Mercedes 180 T – im vergangenen Jahr wurde noch ein Audi verlost) gingen wie üblich an den gemeinnützigen Sozialfond der Landespresse. Es war übrigens höchst amüsant mitansehen zu  dürfen, wie die ernsthaften Stuttgarter OB-Kandidaten an diesem festlichen Abend versuchten, noch ein wenig Wahlkampf für sich ins Ballgeschehen zu bringen. Aber da die hohe Kommunal-Politik nur als Smalltalk möglich war, ging es letztlich um das Sehen und Gesehen-Werden. Mehr will der zahlende Ballbesucher ja auch nicht von einem solchen Abend. Ganz traditionsgemäß.    

slg geht
In gut unterrichteten Medienkreisen Heilbronns wurde teils darüber spekuliert, andere konnten schon seit Monaten mit Detailkenntnissen aufwarten. Und trotzdem schlug das Ausscheiden des stellvertretenden Chefredakteurs und Lokalchefs Siegfried Schilling aus dem Verlag Heilbronner Stimme wie eine Bombe ein. Was unter Medienvertretern auf dem Landespresseball am Freitagabend noch für Erstaunen gesorgt hatte, wurde in weiten Kreisen des Unterlands dann am Samstag  – nach der offiziellen Bekanntgabe im Blatt – doch schon als kleine Sensation gewertet. Immerhin scheidet mit dem 57jährigen Siegfried Schilling ein profunder Kenner der kommunalpolitischen Szene bei der einzigen Tageszeitung im Großraum Heilbronn aus. Vor 32 Jahren war der gelernte Schriftsetzer Siegfried Schilling zur Heilbronner Stimme gekommen, hatte dort volontiert, dann als Redakteur im Ressort Sport gearbeitet, wechselte 1969 in die Lokalredaktion, deren Leitung er 1985 übernahm. 1989 wurde seine journalistische Karriere mit dem Posten eines stellvertretenden Chefredakteurs gekrönt. Zum Jahresende 1996 verläßt der Mann mit dem Kürzel slg die Tageszeitung  – „in gegenseitigem Einvernehmen“, wie Verlagsleitung und Schilling gemeinsam mitteilten. „Das war’s“, war sein lakonischer Schlußsatz im letzten „Lokal-Spiegel“, den er für seine Zeitung am Samstag vergangener Woche geschrieben hatte. Der „Sigger“, wie ihn seine Freunde nennen, wird jedoch dem Hause Heilbronner Stimme weiterhin als journalistischer Mitarbeiter verbunden bleiben. Also war’s das doch nicht ganz. Dennoch: Es tut sich viel im Medienhaus in der Heilbronner Allee 2. Frank Distelbarth, der HSt-Verleger, ordnet offenbar die Strukturen neu, um den Herausforderungen der Zukunft optimal zu begegnen. Per Anzeige gesucht wird zum Beispiel ein neuer Marketinggeschäftsführer – und auch der neue Lokalchef soll von außerhalb kommen.

Kampagne 1996/97
Am 11. 11. um 11.11 Uhr vor dem Heilbronner Insel-Hotel. Der Präsident der Carnevalgesellschaft Heilbronn CGH Dieter Popp schwingt sich auf und dichtet ins Mikrophon: „Der 11.11. – keine Frage – ist einer meine schönsten Tage. Da bin ich rund. Da bin ich dick. Da komm ich gern zu Euch zurück. So spricht der Gigger, liebe Leut, am 11. 11. Der ist heut. Am Aschermittwoch muß er gehn. Doch endlich gibt’s ein Wiedersehn. Er war im Urlaub, das ist klar. Vielleicht gar in Amerika? Wo er gewesen – piepegal. Wir gehn jetzt rein und fülln den Saal – zu weißer Wurst und kühlem Cluss. Ich sag bis gleich – Ade  – und Schluß.“ Und schon saust der Gigger, ganz der närrischen Heilbronner Tradition entsprechend, an einem Seil aus der Höhe herab. Die Narretei-Fahnen werden hochgezogen. Der Gigger unter den Arm geklemmt. Und schon begeben sich der Damen und Herren zum „Herrenvormittag“ ins Hotel – zu „Weißwurstessen mit Bier“. Karnevalauftakt am Montag dieser Woche in Heilbronn: die fünfte Jahreszeit kann beginnen. Obwohl es ja heuer in der Käthchenstadt teilweise mehr als närrisch zuging, obwohl noch keine Faschingszeit im Kalender zu erkennen war. Aber das ist der Stoff, aus dem dann die Büttenreden sind. Zum Beispiel bei der Carneval-Auftaktsitzung (mit Gardetänzen, Showtänzen, Tanzmariechen, Spielmannszügen und den obligatorischen Büttenreden) am Samstag, den 16.11. ab 19.31 im Hofwiesenzentrum (TSV) in Heilbronn-Sontheim. Und so geht es dann ganz närrisch weiter bis zum Faschingsdienstag, am 11. Februar 1997 – wenn das Heilbronner Faschingstreiben mit der Auferstehung des legendären Lumpenballs in der Harmonie – diesmal unter dem Titel Lumpentreff – furios ausklingen soll. Eine schöne Tradition, die da wieder aufleben wird.        Ich freue mich schon drauf. Ganz narrisch. Wie auch sonst?!

Unterländer Herbst
Die Unterländer Weinlese ist fast schon vorbei, und der Unterländer Herbst – ja, der war auch schon. Am Dienstagabend wurde er im Stuttgarter Landtag gefeiert. Eingeladen hatten der Unterländer FDP-Landtagsabgeordnete Richard Drautz und Peter Klein, der Gastronom der Stuttgarter Landtagsgaststätte Plenum. Jetzt schon zum vierten Mal. Politiker aus allen Parteien, Leute aus dem Wirtschaftsleben, Journalisten, Beamte aus den Ministerien und ganz normale Bürger kamen zusammen, um in geselliger Runde „Brücken zwischen der Region Heilbronn und der Landeshauptstadt“ zu schlagen. So das erklärte Ziel von Richie Drautz, dem Wengerter, Stadtrat in Heilbronn und Landtagsabgeordneten im Wahlkreis Eppingen. Aus dem Unterland wurde dieses Treffen der besonderen Art heuer von der Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg, der Schwaigerner Heuchelberg-Kellerei, der Eppinger Palmbräu-Brauerei, der Firma Pflanzen Kölle, der Güglinger Filmproduktion Margit Elser-Haft und dem Heilbronner Busunternehmen Gross-International, das für den Bustranfer der Besucher aus dem Unterland sorgte, unterstützt. Musikalisch mit von der Partie waren der Musikverein Eppingen-Rohrbach. Für den Gastronomen Peter Klein war dieser „4. Unterländer Herbst“ in Stuttgart auch eine Art offizieller Abschied aus der Landtagsgaststätte. Nach sechsjähriger Tätigkeit gibt er das Plenum zum Jahreswechsel ab, um sich ganz auf die Führung der Landgaststätte Haigern zwischen Flein und Talheim zu konzentrieren, die er im April diesen Jahres übernommen hatte. Richard Drautz hat sich mit seinem Stuttgarter Herbst mal wieder als umtriebiger Kommunikator über alle Parteigrenzen hinweg im Landtag erwiesen. Wenn ich mir die letzten Wochen so anschaue, hat’s die kleine Koalition in Stuttgart auch nötig. Denn die Bonner Koalitions-Erdbeben haben auch im Ländle ihre kleinen Nachbeben gehabt.

Auf der Landstraße abkassiert
Wenn ich von meinem Turm hinabsteige, fahre ich danach gerne Auto. Ich, das Kiliansmännle, bekenne auch, ich fahre gerne zügig. Wie jeder Otto-Normal-Autofahrer versuche ich mich an Geschwindigkeitsbeschränkungen zu halten. Daß dies nicht immer gelingt, gebe ich freimütig zu. Aber im großen und ganzen bin ich ein ordentlicher, defensiver Autofahrer. Doch in der Vergangenheit hatte ich immer wieder Pech und zwar mit den Radarfallen. Die Kassierer der Straße stehen mittlerweile wirklich an den unmöglichsten Stellen und sie haben sich zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten postiert. So tuckerte ich unlängst gegen 20 Uhr bei finsterer Nacht durch den ruhigen Weiler Söhlbach – der liegt bei Beilstein – am Ortsausgang beschleunige ich wie jeder normale Autofahrer dies wohl tun würde. An dieser Stelle droht keinem Menschen mehr eine Gefahr durch ein Auto, das etwas schneller fährt als 50 Stundenkilometer, schon gar nicht abends um acht Uhr. Dennoch: Blitz, wusch, peng - rot leuchtet das Infrarotlicht. Mein Vorschlag an die Geldeintreiber der Landstraße: Stellt euch da auf, wo es wirklich verkehrserziehend ist, nämlich an Straßen, in denen Kinder spielen oder zur Schule gehen. Da sind eure Blitzlichter wichtig. Aber nicht dort, wo kein Mensch unterwegs ist.

Vorsicht: Radarfallen
Da muß man als Hausfrau die Wohnung putzen, das Essen einkaufen und die Mahlzeiten auch rechtzeitig auf dem Tisch haben. Weil ja die Kinder aus der Schule kommen und pünktlich Nahrung verlangen, wie auch ihr Erzeuger, wenn er am Abend gestreßt aus dem Büro kommt. Und da kann es dann passieren, daß ich als gehetzte Hausfrau schon einmal ein wenig zu schnell mit unserem Zweitwagen durch die Straßen presche. An mir hat die Stadt schon viel verdient. Sehr angenehm empfinde ich die Radarwarnungen im Radio, die mir sagen, wo und wann kontrolliert wird. Da weiß ich wenigstens, daß ich an dieser oder jener Straße besonders aufpassen muß. Allerdings ist mir auch schon häufig aufgefallen, daß die im Rundfunk angekündigte Kontrolle überhaupt nicht stattfand. Als ich mich erkundigte, wurde mir glaubhaft versichert, daß die Polizei die Kontrollstellen den Sendern nicht verrät. Jeder, der eine Meßstelle beobachtet, könne sie dem Sender melden, der dann auch diese Nachricht ausstrahlt.  Ob sie nun der Wahrheit entspricht oder nicht. In manchen Landkreisen Baden-Württembergs werden von Behördenmitarbeitern sogar gezielt Falschmeldungen an die Sender weitergegeben. Damit der Bürger sich nie sicher ist, wo nun seine automobile Geschwindigkeit gemessen wird und wo nicht. Zuerst habe ich mich über diesen „Betrug“ ein wenig geärgert. Aber dann habe ich mir gesagt, besser einmal zuviel vorsichtig und angemessen zu fahren als einmal zuwenig. Und mein sauer verdientes Geld fließ nicht in irgendwelche Beamtenbeutel. Oder besser: das meines Gatten.

Beinahe OB
Es fehlte nicht viel – und Rezzo Schlauch, der Pfarrerssohn aus dem Hohenlohschen, Rechtsanwalt in Stuttgart und grüne Bundestagsabgeordnete wäre Oberbürgermeister der Landeshauptstadt geworden. Die Sensation: Auch im zweiten Wahlgang am vergangenen Sonntag behauptete er sich als starker Herausforderer des CDU-Kandidaten Wolfgang Schuster. Mit 39,3 Prozent brachte Schlauch die Grünen in einen Bereich, der neue Horizonte in der Landespolitik auftat. Zählt man die Stimmen der beiden SPD-Kandidaten Rainer Brechtken (13,5 Prozent) und Joachim Becker (3,4 Prozent) hinzu, ergibt sich rein theoretisch eine Mehrheit für Rot-Grün in Stuttgart. Verständlich, daß die Grünen jetzt strutsauer sind und den Sozis vorwerfen, sie hätten den CDU-Mann Wolfgang Schuster mit seinen 43,1 Prozent in den OB-Sessel gehievt. Ulrich Maurer, der SPD-Landesvorsitzende hatte ja schon beim katastrophalen Landtagswahlergebnis für seine Partei seine Hände in Unschuld gewaschen. Auch jetzt, nach dem Desaster bei der OB-Wahl in Stuttgart, versuchte er wieder, Sündenböcke zu finden. Der Pforzheimer OB Joachim Becker sei schuld. Aber diese Form von Dolchstoßlegende zieht nicht mehr. Maurer ist als Landesvorsitzender offensichtlich kein guter Moderator in seiner Partei. Und auch ein schlechter Stratege. Dazu noch ein ganz miserabler Wahlverlierer, der die Schuld für die Niederlage immer zuerst bei anderen sucht. Jetzt muß sich seine Partei besinnen, will sie nicht endgültig mit Republikanern und Freien Demokraten auf eine Zehn- bis 15-Prozent-Partei degradiert werden. Die Sozis benötigen im Land ganz schnell einen Neuanfang, so wie in Heilbronn. Denn es kann noch schlimmer kommen. Zeichen an der Wand gibt es mehr als genug.

Polit-Jugend?
„Wir haben genug von der achtundsechziger Generation, die mit ihrem Gequatsche alles im Staat verändern will, nur nicht sich selbst.“ –  „Die haben real doch nur ihren Toskana-Urlaub und die Finanzierung der Eigentumswohnung im Sinn.“ Diese und ähnliche Sätze fielen bei einem Kongreß der SPD im Bonner Wasserwerk. Und als gar der Bundestagsabgeordnete Thomas Krüger vollmundig forderte, die Jugend brauche mal wieder ein wenig Protest, entgegnet ihm einer der Jungen unter dem rauschenden Beifall der anderen: „Ich habe genug von den Achtundsechziger-Geschichten.“ Recht hat er. Denn die haben vielen Jugendlichen aus der gesicherten Beamtenposition als Lehrer mehr als genug den Kopf vollgelabert mit verquasten linken Ideen – und konnten die Umbrüche der vergangenen Jahre nur mühsam in schiefe Erklärungmuster quetschen, die ihnen eh niemand glaubte. Jetzt will aber die SPD ran an die Jugend. Denn verglichen mit 1974, als noch 20 Prozent ihrer Mitglieder unter 30 Jahre alt waren, sind es heute nur noch sieben Prozent.  Die Pforzheimer SPD-Abgeordnete Ute Vogt (32) stellte deshalb auch resigniert fest, daß die meisten der alten SPD-Funktionäre nur  „in der eigenen Jugend leben“, ansonsten aber wenig mit den Youngstern am Hut hätten. Und der Bundestagsabgeordnete aus dem Neckar-Zaber-Wahlkreis Hans Martin Bury (30) beklagte, daß der Generationswechsel in der SPD noch ausstehe, denn „Die Enkel besetzen die Positionen“. Jetzt soll eine Kampagne der alten Tante SPD helfen. Dort wird zum Beispiel die Frage gestellt „Warum duzt Dich die SPD?“ -  Antwort: „Weil es in der SPD Tradition hat und, nun ja, weil es irgendwie besser klingt.“  - Irgendwie? Na sowas auch!?

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