Samstag, 22. Februar 2014

Kiliansmännle, 04.09.1996




Sex-Geschäfte
Sex-Geschäfte mit Minderjährigen. Das Thema des jetzt zu Ende gehenden Sommerlochs. Die Entführung und Ermordung von Kindern in Belgien gaben den Anstoß. Dabei ist das Thema schon seit Monaten immer wiederkehrend in allen Gazetten, im Rundfunk und im Fernsehen. Der belgische Fall stellt dabei die Ausnahme dar. Kindersex und Pornographie mit Heranwachsenden scheint vornehmlich ein Familienproblem zu sein. Habgierige Eltern befriedigen die Nachfrage, indem sie die eigenen Kinder zu Sexspielen zwingen und sie dabei mit der Videokamera filmen. Ein Oberstaatsanwalt charakterisierte diese Klientel aus der untersten gesellschaftlichen Schublade mit den Worten: „Die haben kein Geld, keine Moral und keine Intelligenz.“ Ganz im Gegenteil zu den Porno-Konsumenten. Nach Polizeierkenntnissen kamen diese aus der gutverdienenden Mittelstandsschicht. Und der Dezernatsleiter Jugendschutz beim Landeskriminalamt Stuttgart Werner Merker meinte in einem Interview, daß man bisher eigentlich nur die ganz Dummen aus diesem Milieu erwischt hätte. Die Intelligenten liefen noch frei rum. Das Dunkelfeld sei riesengroß.  Denn im Gegensatz zur Polizei stoße der Täterkreis nie an Grenzen: „Die sind immer einen Schritt voraus. Früher kommunizierten Produzenten, Händler und Kunden über Magazine, BTX oder in ganz normalen Tageszeitungen. In 2000 Printtiteln gab und gibt es die entsprechenden Anzeigen. Heute läuft das Geschäft zunehmend über die neuen Medien Internet und CD-Rom.“ – Manchmal frage ich mich, ob die Superliberalen daran gedacht haben, welche Auswirkungen die „sexuelle Revolution“ annimmt, wenn sie am unteren Satz der Gesellschaft ankommt. Aber wir haben ja unsere Therapie-Instrumente, die locker von der Allgemeinheit bezahlt werden. Jedem Täter seinen Psychologen – und für die geschändeten Kinder das Heim, den vorprogrammierten Abstieg in die Asozialität.

Verabschiedung
Ein Grundsatz bei der IHK Heilbronn, so der scheidende Hauptgeschäftsführer Dr. Horst Schmalz in seiner Dankesrede an die Festversammlung im Kleinen Saal der Heilbronner Harmonie, laute, daß keine Kammerveranstaltung mehr als eineinhalb Stunden dauern dürfe. Ein paar Minuten mehr waren es dann doch. Schließlich wollte so mancher Redner auch nur einige grundsätzliche Gedanken bei der Verabschiedung des alten und der Einführung des neuen HGF Heinrich Metzger loswerden. Zum Beispiel der neue Staatssekretär im Stuttgarter Wirtschaftsministerium Dr. Horst Mehrländer. Er stärkte der Kammer den Rücken, indem er die derzeit umstrittene IHK-Pflichtmitgliedschaft als notwendig verteidigte. Denn ein Abbau oder gar die Auflösung der IHKs würde bedeuten, dem Staat Aufgaben zurückzugeben. Und da niemand mehr Staat wolle, sondern das Gegenteil, gewährleiste die Pflichtmitgliedschaft „eine objektive und dem Neutralitätsgebot genügende Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben“. Was immer das auch heißen mag. Schön hat’s geklungen. Auch der Heilbronner Landrat Klaus Czernuska ließ entscheidende Sätze fallen. Zum Beispiel den, daß die vier Landräte der Region Franken samt Heilbronner Oberbürgermeister effektiver zusammenarbeiten und mehr bewegen könnten als ein oft gefordertes Mammutparlament. Wie das in Stuttgart zum Beispiel. Einerseits werde eine Verschlankung der Verwaltungs- und Entscheidungsebenen gefordert, andererseits werden aufgeblähte neue Gremien geschaffen. Wie das zueinander passe, wollte der Landrat wissen. Die Antwort gab er selber. Die Stärke und die Einheit der Region hänge davon ab, wie die Verantwortlichen miteinander können. Und zum Abschluß seiner Laudatio für Horst Schmalz übergab er ihm fünf Becher mit den Wappen der vier Landkreise und des Stadtkreises Heilbronn. Jetzt müsse er also nicht über sieben Brücken gehen, sondern könne aus fünf Bechern trinken, bemerkte der  scheidende IHK-Hauptgeschäftsführer verschmitzt. Der neue hat noch keine Becher. Ihm bleiben die Brücken, von denen es ja in der Region zwischen Wertheim und Ludwigsburg, Crailsheim und Eppingen mehr als genug gibt. Und darunter fließt viel Wasser.

500 Jahre Drautz
Jodukus Drautz hieß der Mann, der 1496 von Kaiser Maximilian das Recht erhalten hatte, mit eigenem Wappen zu siegeln. Der ehrenwerte Heilbronner Bürger war Weingärtner und ist der Ahnherr des FDP-Landes- und Kommunalpolitikers Richard Drautz, der am vergangenen Wochenende zur 500-Jahr-Feier in sein Weingut in der Heilbronner Faißtstraße geladen hatte. Man feiert bei uns im Lande halt die Feste wie sie fallen. Und da der Richie Drautz ein begnadeter Organisator von Festen (auch einmal im Jahr im Stuttgarter Landtag) ist, hatte er geladen, was Rang und Namen hat. Und so ließen sich die Wichtigen des Landes, aus der Stadt, dem Landkreis und auch andere beim Feiern unterhalb des Wartberges blicken. Zum Beispiel die neue Landwirtschaftsministerin der CDU Gerdi Staiblin. Oder der neue Mann im Justizministerium, der vom Südwestfunk kommende FDP-Mann Ulrich Goll. Darüberhinaus: Helmut Haussmann (einst FDP-Bundeswirtschaftsminister), Ernst Pfister (Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion), Landrat Klaus Czernuska, Württembergs Weinbaupräsident Hermann Hohl, Gemeinderäte und viele andere.Ob der Richie mit seinen Weinen ein „schwäbischer Rothschild“ sei, wie ein befreundeter Politiker zu bemerken pflegte, das müssen die Weinkenner selbst entscheiden. Ein knitzer Politiker  und Wengerter ist er auf alle Fälle. Auf irgendeine besondere Art immer vorne dran, sowohl im Weinbau als auch im politischen Geschäft. Nicht an der Spitze, wie manche nach der letzten Wahl schon munkelten – aber kurz dahinter. Das Blut des Jodukus scheint gut vererbt worden zu sein.

In der Halle baden
Wie üblich bringt es die Sommerpause mit sich, daß Großputz und -renovierung auch im 25 Jahre alten Heilbronner Stadtbad am Bollwerksturm angesagt sind. Rund 800.000 Mark wurden dort in den vergangenen zwei Jahren investiert. Seit dem 2. September sind die Tore wieder für die Badegäste geöffnet , deren Füße einen Boden berühren, der mit Fliesenarbeiten von rund 300.000 Mark erneuert wurde. Aber es wurde in diesem Sommer einiges renoviert. Statt der rumpelnden und ratternden Sonnenduschen älterer Bauart soll jetzt ein 40.000 Mark teures Solarium die Badegäste nach ihrem sonnendurchfluteten Urlaub im regenfreudigen Unterland erfreuen. Hoffentlich werden diese „Duschen“ dann regelmäßig gewartet, nicht nur mittels Geldentnahme. Allerdings war der von den Einnahmen her gesehen lukrativste Bereich des Bades, die Sauna- und Dampfbadabteilung, noch nicht in die Sommer-Sanierungskampagne einbezogen worden. Das soll später einmal geschehen. Und so überläßt die Heilbronner Bäderverwaltung diese Klientel weiter dem Aquatoll in Neckarsulm oder privaten Saunabetreibern in Fitneßstudios oder Tennishallen. Geschäftspolitik? Oder nur normale Heilbronner Verwaltungsarbeit? Sparen ist angesagt. Und deshalb sind die Öffnungszeiten des Bades auch ein wenig verkürzt worden. Zum Ärger einiger Badegäste, die auf ihr Schwimmerlebnis in den frühen Morgenstunden nicht verzichten wollen. Aber der Gemeinderat hat’s beschlossen, was jetzt im Herbst zur Tatsache wird. Das werden auch die wenigen Frühaufsteher nicht mehr ändern können. Dafür kann jetzt sonntags gebadet werden. Mir wäre es allerdings lieber, wenn die Hygiene im Hallenbad demnächst einen noch höheren Stellenwert erhielte. Zum Beispiel bei der Bodenreinigung, beim Entstauben von Heizkörpern, der Reinigung der Sonnenduschen, et cetera, et cetera. Das ist nämlich das A und O in einem öffentlichen Bad. Vor allem heute – in der Zeit der Pilze, Bakterien und Viren.

Maßnahmen
Unser schönes Heilbronn ist bekanntermaßen eine sehr kunstfreundliche und kunstsinnige Stadt. Daran gibt es keinen Zweifel, haben wir doch ein Museum, und ein historisches dazu, und eine Festhalle, und ein Theater, und ein Kammerorchester, und was der kulturellen Aktivitäten mehr sind. Und jetzt haben wir auch fast beinahe so etwas wie eine Kunstmeile. Skulpturen des russischen Bildhauers Jannis Avramidis zieren den Eingang zum Marktplatz direkt bei den Bushaltestellen. Und zwar auf Initiative der Heilbronner Kaufleute e.V. - Sehr lobenswert, muß ich sagen. Und wer da noch von einer Stadt der Krämerseelen zu sprechen wagt, ist ein böser Banause. Allerdings hat mich eines dabei gestört: Daß sich das Ganze eine „Skulpturenmaßnahme im öffentlichen Bereich“ nennt. Das hat der Künstler, der diese Plastiken schuf, nun wahrlich nicht verdient. Doch wer, um Himmels Willen, ist eigentlich für derlei Wortschöpfung verantwortlich? Das Amt für Öffentliche Ordnung? Die Städtischen Museen? Oder die Polizei? Es gibt, wie wir wissen, eine Vielzahl von Maßnahmen – erzieherische, vorbeugende, Vorsichts-, Sicherheits- und Gegenmaßnahmen zu Maßnahmen aller Art, aber bitte was sind „Skulpturenmaßnahmen“? Solchermaßen gemaßregelt bleibt mir als Betrachter nur maßloses Befremden. Es gibt schon eine Menge scheußlicher Worthülsen in unserer Zeit. Addieren wir diese also mit der gebührenden Gänsehaut hinzu.

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