Sonntag, 23. Februar 2014

Kiliansmännle, 11.12.1996




Nachrechnen ohne Sinn
Es soll ja heute noch Menschen in so manchen Parteien geben, die bei Fernseh- und Hörfunksendern nachrechnen, wie oft die Leute der eigenen Gruppierung zu Wort kommen. Ein schwieriges Unterfangen. Früher, als es noch keine Privatsender gab, war das einfach. Die politisch interessanten Programme begannen erst nach 18 Uhr. Heute, bei mehr als dreißig Fernsehprogrammen (per Schüssel sogar noch mehr), bei kaum mehr nachzählbaren Hörfunksendern ist diese Zählarbeit nur noch äußerst beschränkten Personen zuzumuten. Teilweise haben Computer das Zählen übernommen. Aber die Mühsal des Interpretierens bleibt. Und so hört man wenig von den Erbenszählern. Politiker sind froh, wenn sie in kurzen Statements überhaupt noch zu Wort kommen. Orientierung ist die Tendenz. Die ARD-Sender sind mehr links-grün-liberal, das ZDF ein wenig konservativer, RTL ist populär und linksgestrickt, Sat 1 weniger populär und liberal-konservativ. Aber auch das hilft nicht mehr. Denn jeder Sender will hohe Einschaltquoten und orientiert sich letztlich an jenem Geschmack, der Masse bringt (56 Prozent bei Gottschalk am Sonntag im ZDF). Aber wer kennt diesen schon so genau. Also bleibt den Erbsenzählern die Zeitung. Da ist die Sache leicht. Buchstaben, Wörter, Zeilen können nachgezählt und zugeordnet werden. Bilder ebenso. Und da die Parteien genug damit zu tun haben, möglichst über zehn oder dreißig Prozent zu rutschen, mehr ist ja kaum noch für die einzelne drin, beginnen die Klugscheißer unter den Interessengruppen nachzuzählen. Ob nun im eigenen oder im Auftrag irgendeiner Organisation. Ich weiß von einer Redaktion, in der Briefe eintrafen, in denen die Bildauswahl dahingehend bemängelt wurde, daß zu wenige Frauen im Blatt erscheinen. Mindestens eins zu eins müsse das Verhältnis der Geschlechter sein. Egal wie die Nachrichtenlage ausschaut. Emanzipation ist eine Sache, dummes Geschwätz und Gegacker eine ganz andere. Und hier war es die andere. Wie einst bei besagten Parteien. Naja, es soll ja auch Hausfrauen bei uns im Ländle geben, die bei der Kehrwoche die Bundesstraße naß aufwischen.

Brutalrealität
Heilbronn und seine Freiluft-Cafés. Ein Thema der ganz besonderen Art. Eigentlich nichts für den Winter. Aber durchaus ein Thema für Interessierte und Betreiber. So mancher wünscht sich ein Café an der Inselspitze bei der Friedrich-Ebert-Brücke. Ganz moderne Kunst wird derzeit dort ausgestellt. Rund 600.000 Mark hat die Stadt in die Galerie investiert. Nur 1.700 Mark Miete muß der Galerist pro Monat berappen. So mancher Café-Betreiber in der Innenstadt Heilbronn bekommt da ganz feuchte und traurige Augen, wenn er an den Unterschied bei den Mietpreisen denkt. Und wer möchte nicht gern im Frühjahr, Sommer oder Herbst am Neckarwasser sitzen, einen Kaffee, Tee oder Kaltgetränk schlürfen. Geht aber nicht. Hehre Kunst ist an diesem beschaulichen Ort, dieser Inselspitze angesagt. Romantik und stählerne oder steinerne Brutalrealität kämpfen hier miteinander. Die Kunstmeile am Neckar, die ist so ein Drama für sich. Versteckt liegt das Theaterschiff hinterm Inselhotel neben dem Hagenbucher. Würde es beim Kaufhaus C&A ankern, da hätte es den ihm gebührenden Stellenwert. Und vielleicht wären dann (würde es mit der Werbung besser funktionieren) die Vorstellungen allabendlich bei nur 99 Plätzen ausverkauft . Ein wenig mehr Popularität im Programm, weniger verschrobene Intellektualität, und schon könnte das Theaterschiff wieder zum Kulturereignis werden, so wie es zu Beginn seiner Heilbronner Verankerung einst war. Man muß sich schon was einfallen lassen in unseren Zeiten, in denen der Geldbeutel allenthalben nicht so locker gezogen wird. Selbst die Wirte haben das gemerkt. Ist doch die Anzahl der Gaststätten in Heilbronn seit zwei Jahren um mehr als acht Prozent gesunken.

Kirche & Skandal
Unterhalb meines Turmes, auf dem Heilbronner Kiliansplatz weihnachtet es ganz schön laut und geschäftstüchtig. Und es wird für allerlei mildtätige Zwecke getrommelt. Der Lionsclub zum Beispiel sammelte am vergangenen Wochenende für die Beschützende Werkstätte in Heilbronn – und tat sich schwerer als die Jahre zuvor. Für behinderte Mitmenschen zu sammeln, das galt ja bisher als edel und gut. Seit den Auseinandersetzungen um das Beraterhonorar und kostenlosen Arbeiten von  Behinderten aus den Werkstätten im Privathaus des ehemaligen Pfarrers und Geschäftsführers Hans-Dieter Bechstein werden am Verkaufsstand der Beschützenden Werkstätte auf dem Weihnachtsmarkt viele Fragen gestellt. Und auch der Umsatz der Waren läuft nicht mehr so geschmiert wie einst. Auswirkungen einer Auseinandersetzung, in der noch viele Fragen beantwortet werden müssen. Wenn die evangelische Kirche jetzt so vehement prüft, dann muß sie bisher zu wenig geprüft haben. Die Beschützenden Werkstätten sind wohl eine diakonische Einrichtung, aber keine Einrichtung des Diakonischen Werkes. Wenn ein Werkstattleiter auf Anforderung über Jahre hinweg Behinderte fraglos zur Arbeit ins Bechstein-Privathaus  schickte, diese Tätigkeit auch ordentlich auflistete, dann müßte das der Kirche, den Prüfungsgremien doch bekannt gewesen sein. Wenn ein Pfarrer in seiner Funktion als Geschäftsführer nach A 16 bezahlt wird (wie der Direktor eines Finanzamtes), dann sind in seinem Entgelt Überstunden beinhaltet. Es gibt also keine Möglichkeit, nach Gutsherrenart sich noch Dienste der Werkstätte zugutekommen zu lassen. Hat hier mal wieder die Aufsicht wie bei so manchem Firmen-Aufsichtsrat versagt? Oder steckt nur dahinter, daß Kirche und Diakonie die üppigen Vermögenswerte der Beschützenden Werkstätte dem eleganten Zugriff durch einen Förderverein mit Vorsitzendem Bechstein entziehen wollte? Wenn ich die Unkenrufe richtig verstehe, dann wird sich noch so manche Hölle im Fall Bechstein auftun.

Model goes Movie
Wußten Sie's schon? Deutschlands Barbie-Puppe Nummer eins und Herzfrequenz-Beschleuniger vieler Männer, Top-Model Claudia Schiffer, versucht sich jetzt als Schauspielerin. Und zwar im Psychothriller "Blackout" von US-Regisseur Abel Ferrara, der demnächst in Deutschlands Kinos anläuft. Nun, das Schauspielern nicht das gleiche ist wie den Laufsteg hoch und runter zu stolzieren, diese Erfahrung mußte ja schon Kollegin Cindy Crawford erfahren. Aber unsere Claudia scheint auf den richtigen Dampfer gesprungen zu sein, denn Ferraras Filme – ob nun "Miss 45", "Driller Killer", "King of New York" oder das Meisterwerk "Bad Lieutnant" – haben Kultstatus. Doch damit dürfte Claudia aber auch ihr Saubermann-Image verloren haben – verstärkt durch Deutschlands führende Tageszeitung –, denn wie fast alle Ferrara-Filme handelt "Blackout" von Drogen, Sex und Gewalt und die Schiffer ist mittendrin. Aber solange der Rubel für Claudia rollt und Magier David Copperfield sie noch liebt, ist ja alles in Butter. Ich für meinen Teil werde Frau Schiffer auf jeden Fall mit strengem Auge beobachten, wenn sie auf Heilbronns Zelluloidwand schauspielert. Das heißt, wenn sie dort überhaupt im Kino zusehen ist. Aber das ist eine andere Geschichte

Löwen-Frauen
Serviceclubs, in denen sich Männer zum geselligen Beisammensein treffen, um zu besprechen, wie man später Gutes tun kann, gibt es ja einige bei uns im Unterland. Rotary, Lions oder Kiwanis. Wir  Frauen haben auch Zutritt zu diesen Clubs – wenn unsere Ehemänner Mitglied sind und Veranstaltungen der allgemeinen Art anstehen, zum Beispiel schöne und informative Vorträge gehalten werden. Jetzt aber wurde in Heilbronn der „Lions Club Heilbronn-Wartberg“ aus der Taufe gehoben, der dritte Lionsclub im Unterland. Der Unterschied zu den beiden anderen, „Lions Club Heilbronn“ und „Lions Club Heilbronn-Franken“, ist gravierend. Dem neuen Club gehören mittlerweile nämlich rund 23 Personen an, zu Zweidrittel männlichen Geschlechts und – man höre und staune – zu einem Drittel weiblichen. Und das sind nicht die Ehefrauen der einen Hälfte. Das ist die revolutionäre Meldung aus dem Bereich der Serviceclubs.  Allerdings bei der Wahl des Gründungspräsidenten waren die „Löwen“ noch nicht so mutig. Dr. Helmut Schulte-Frankenfeld wurde in dieses Amt berufen. Und auch bei der Gründungsfeier im Heilbronner Insel-Hotel gaben männliche Löwen den Ton an: Dr. Lothar Stuber (Präsident vom Lionsclub Heilbronn-Franken) erläuterte die Hintergründe der Neugründung; den Gründungsakt vollzog der „Past-Vorsitzende“ des Governorsrats in Deutschland und Clubgründungsbeauftragte Dr. Otto Wurst aus Stuttgart; und weitere Grußadressen gab es von Dr. Gerhard Haag (Regionalchairman aus Backnang) und Dr. Manfred Schatz (Zonenchairman aus Bad Wimpfen). Aber ich garantiere: Über kurz oder lang wird es noch mehr Frauen als nur eine Vizepräsidentin Eva Benke (Goldschmiedin)in der Lionsführung geben. Denn wir kommen langsam, aber dafür mit gewaltigem Charme.

Gedenkfeiern
Es gibt schöne Überschriften, die sind so wohlfeil wie Romane an Zeitungskiosken. Zum Beispiel :„Kriegsgräber als Mahnmale für den Frieden gegen Gleichgültigkeit und Vergessen“. Die Toten zu ehren – das ist und bleibt in unseren Gefilden hoffentlich noch recht lange Menschenpflicht und gehört zum Anstand. Selbstverständlich ist es nicht. Wenn an Gedenktagen  daran erinnert wird, daß die Vergangenheit sich einfach nicht zu den Akten legen lasse, daß alle Generationen dazu aufgerufen seien, die Toten als Opfer von Gewalt und Krieg, von Terror und Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung nicht zu vergessen, dann soll das erschütternd und aufrüttelnd klingen. Aber es klingt eben nur so – und es ist zum hohlen Ritual erstarrt. Selbst die Toten der Kriege aus den vergangenen zehn Jahre bewegen uns nicht sonderlich im Alltag. Wo auch immer Kriege stattfinden oder stattgefunden haben: auf dem Balkan, im Irak oder Iran, in Asien oder Afrika. Nie wieder, wird bei den Gedenkfeiern gesagt, dürften Aggression und Völkermord tatenlos hingenommen werden. Schön gesagt. Aber wir nehmen die Völkermorde und Aggressionen unserer Tage zumeist tatenlos hin. Heucheln wir also in unseren wohlfeilen Reden an den schönen Feiertagen im November – oder sind uns nur die Hände gebunden? Es ist wohl eher so: wir denken an jene, die aus unseren Familien durch Gewalt, Terror und Krieg umkamen und schließen alle anderen mit ein. Mehr nicht. Auch beim Gedenken an den 4. Dezember 1944, an dem mehr als 7.000 Menschen in der brennenden Stadt Heilbronn ihr Leben lassen mußten. Und das in einer Zeit, als schon eindeutig war, daß die Deutschen den Krieg verlieren würden. Wenige Monate vor dem Kriegsende soviel Leid, so viele Schmerzen, ein so sinnloser Tod durch Bomben, deren grausame Vernichtungsarbeit für das Kriegsende keinen Beitrag leistete. Wäre Heilbronn nicht zerstört worden, der Zweite Weltkrieg wäre zum gleichen Zeitpunkt beendet gewesen.

Wer kauft die Aktien?
Die Stadt Heilbronn hält 45 Prozent der Aktien an den Südwestdeutschen Salzwerken. Mehrheitsaktionär, das wurde vor wenigen Wochen erst bekannt, ist aber das Land Baden-Württemberg. Bisher ging man in Heilbronn davon aus, daß Stadt und Land die gleichen Anteile  am Aktienkuchen besitzen würden. Jetzt will das Land seinen Anteil verkaufen. Und gutbetuchte Käufer stehen auch schon bereit:  zum Beispiel die Energieversorgung Schwaben EVS in Stuttgart, die in Heilbronn das Kohlekraftwerk betreibt. Würde sie den SWS-Anteil des Landes erstehen, dann hätten die Politiker der schwarzgelben Koalition in der Landeshauptstadt gut lachen und nicht zu verachtenden Geldsegen im Staatssäckel. Der Heilbronner Gemeinderat und die Stadt jedoch bestehen darauf, daß bei einem Verkauf des Landesanteils Heilbronn Mehrheitsaktionär werden muß. Was in den Stollen des Bergwerks demnächst an Sondermüll abgelagert wird, darüber will die Stadt mitentscheiden. Und so ist so mancher Kommunal- und Landespolitiker hoffnungsfroh, denn schließlich müsse der Landtag dem Verkauf ja auch zustimmen. Aber die Heilbronner Interessen sind nicht die Interessen der Mehrheit der Abgeordneten in Stuttgart. Dort will man ein anständiges Geld durch die Veräußerungen des Landesbesitzes in der Kasse sehen und das Entsorgungsproblem gleichzeitig elegant lösen. Der Wille der Stadt Heilbronn ist da von untergeordneter Bedeutung. Da nutzt es auch nicht, auf das ehemalige SWS-Vorstandsmitglied Heinz Heckmann einzuschlagen. Der hatte mit seinen Äußerungen offensichtlich nur kundgetan, was die Landesregierung zu tun beabsichtigt.  Aber es ist ja uralte Menschheitstradition: Man erschlägt den Boten der unangenehmen Nachricht. Nur ist damit nichts gewonnen.

Rebellen im Sport
Was war das früher doch einfach: Matte wachsen lassen bis auf die Schultern, silbergrauer Jaguar vor der Tür, Discos Nacht für Nacht – und fertig war der Rebell. Immer motzig, Stänkerer wo es nur geht. Hat zwar nichts bewirkt, fördert aber das medienwirksame Image des „Rebellen“. Wenigstens durch Äußerlichkeiten haben sich einige von anderen abgehoben, haben durch Betonung der Eigenständigkeit den Horizont ihres Berufsstandes als Sportler erweitern können. Aber wer einen Bums im Fuß beziehungsweise im Arm hat, oder über andere besondere Eigenschaften verfügt, der muß nicht zwangsläufig einen Bums im Kopf haben. Muß nicht – kann aber! Mit den vermeintlichen Rebellen der Neuzeit verhält es sich nämlich so, daß sie im Grunde nur ihre Sehnsucht erfüllen wollen. Gerade der Sport, moralversessen, traditionalistisch, konservativ auf seine Regeln beharrend, schreit förmlich nach den Aufmüpfigen, den Widerborstigen, den Querdenkern. Nach denen, die alle Autorität in Frage stellen, die alles Unzweifelhafte anzweifeln, die alles Selbstverständliche kritisch unter die Lupe nehmen. Und die Sportschlagseiten werden nur von Krakeelern und Schreihälsen gefüllt, nicht aber von denen, die leise nachdenken. Dies kann auf keinen Fall Rebellion bedeuten. Aber zum Glück gibt es auch andere. Persönlichkeiten, deren Worte selten laut, weit mehr Gewicht im deutschen Sport haben, als das Gebrüll der Schreihälse. Selten aber vorhanden. Auch sollte noch gesagt werden: Nicht jeder Flegel ist ein Rebell.

Trickreich gedacht
Die Stadtsiedlung soll nun nach Meinung einiger SPD- und Grünen-Räte auf dem Heilbronner Rathaus den Neubau für die Volkshochschule realisieren. 81 Millionen soll das Projekt kosten, abgespeckt „nur“ 64 Millionen. Das kommunale Wohnungsunternehmen soll das 54 Ar große Gelände im Teilerbbaurecht pachten – und dann vermieten. Trickreich gedacht, denn die Miete  für die Volkshochschule muß ja wieder durch Subventionen von Stadt und Land erbracht werden. Und da Grüne und Sozialdemokraten in Stuttgart nicht mitregieren, so sagte mir ein Rathausbeobachter, meinen die wohl so die liberalkonservative Landesregierung durch die Hintertür einzubinden und anzuzapfen. Und durch die Vermietung und den Verkauf von Stellplätzen könnte dann auch noch ein Batzen Geld hereinkommen. Meinen die idealistischen „Wirtschaftsexperten“. Schön gedacht, bei den vielen leerstehenden Büroräumen Ladenflächen in Heilbronn. Vorläufig nun wird nichts aus diesen Plänen. Im Rathaus wird geprüft – und das kann dauern. Später wird dann vielleicht einmal entschieden. Bei der anhaltenden Geldknappheit der Kommunen, die 1997 sich nicht zum Besseren wenden wird, müssen Prioritäten gesetzt werden. Und so sind den Stadtvätern derzeit die Pläne auf dem Berliner Platz weitaus näher als die VHS-Wolken-Kuckucksheime. Der Wettlauf mit Neckarsulm und seinem Kinocenter ist in vollem Gange. Und auch die Umlandgemeinden bauen kräftig. Mal sehen, wer letztendlich der Hase, wer der Igel bei diesem Wettlauf sein wird. 

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