Sonntag, 23. Februar 2014

Kiliansmännle, 23.10.1996




Rebellen
Möckmühl ist eine schöne Stadt im nördlichen Teil des Landkreises Heilbronn. Und Möckmühl hat einen Stadtteil mit Namen Züttlingen. Dort sind Rebellen am Werk, die eigentlich selbständig bleiben wollten. Ihren Unmut über die Beherrschung durch das Möckmühler Rathaus machen sie gelegentlich heftig-deftig deutlich. Zum Ärger des Möckmühler Bürgermeisters Joachim Ehrmann. Derzeit geht es um die Züttlinger Mehrzweckhalle. Nachdem von vielen Züttlingern schon der Standort mitten in einem Wohngebiet als verfehlt gerügt wurde, erregt sich jetzt in den Reihen des Ortschaftsrats und einigen Vereinen Unmut über die Art und Weise, wie Bürgermeister und Gemeinderat in Möckmühl  die Planung und Durchführung des Hallenbaus handhaben. Vorwurf: Man habe über ihre Köpfe hinweg entschieden, sie nicht in Entscheidungsprozesse eingebunden. Vor allem bei der Küchenausschreibung. Denn diese wurde an den günstigsten Bieter mit der Auflage vergeben, einige Einrichtungsgegenstände herauszunehmen und günstiger zu planen. Mittlerweile aber liege nun ein Ausführungsplan vor, der nach Auskunft eines Mitbieters mit der ursprünglichen Planung nicht mehr vergleichbar sei. Auch das Nachtragsangebot sei im Verhältnis teurer geworden und entspreche nicht mehr den Grundsätzen öffentlicher Ausschreibungen. Der unterlegene Mitbewerber hat nun Beschwerde bei der Stadt Möckmühl eingelegt. Diesem Mann teilte die Stadt mit, daß  die Züttlinger Halle planmäßig weitergebaut werde, gegebenenfalls dann ohne Küche fertiggestellt, bis feststehe, ob der zornige Mitbewerber ein Verfahren gegen die Stadt anstrenge. Derzeit befaßt sich die Oberfinanzdirektion Stuttgart mit dieser Angelegenheit. Und viele Züttlinger sind voller Zorn, weil die ihnen durch Vertrag zugestandene Halle eventuell keine Küche hat. Vereinsfeiern in Züttlingen ohne Küche, das sei doch mehr als ein schlechter Witz. Ich kann’s nicht glauben.

25 Jahre GKN-Strom
Manche meiner Geschlechtsgenossinnen glauben ja auch, daß der Strom aus der Steckdose kommt. Mannsbilder übrigens auch. Und das war’s dann. Dabei kommt der Strom aus dem GKN in Neckarwestheim, unserem Atomkraftwerk im Unterland. Wenn ich diese Frauen darauf anspreche, dann werden manche von denen fuchsteufelswild. Vor allem jene mit den hennagefärbten Haaren, den Birkenstockschuhen und in Schlabberkeidern. Aber auch so manche Dame, die nur in teuren Boutiquen einkauft, will partout ihren Strom von Windkraft oder Sonnenkollektoren. Aber dieser Edelstrom ist doch ein wenig zu teuer für uns Normalverbraucher. Ich meine, recht hat er, der scheidende Stuttgarter OB Manfred Manfred Rommel, als er in Neckarwestheim den Festgästen ins Stammbuch schrieb: „Selten ist so etwas, was so nützlich ist wie die Kernkraft, so beschimpft worden. Mich wundert auch immer, daß jene auf der linken Ecke des Politlebens unsere Kernkraftwerke, die sichersten der Welt, als Teufelszeug verunglimpften, während über den gefährlichen Schrott in den Ostblockländern kein Wort verloren wurde. Erst Tschernobyl öffnete ihnen die Augen. Und schon waren einige, schwuppdiwupp,  weg auf der vermeintlichen Gefahrenzone Deutschland – ab auf die Kanaren. Wegen der radioaktiven Verseuchung. Verwunderlich auch immer wieder das undemokratische und chaotische Verhalten der Kernkraftgegner. So hoffe ich mit Manfred Rommel, daß auch in Deutschland wieder ein rationales Verhältnis zur Kernenergie künftig möglich ist. Und ich freue mich mit der motivierten GKN-Mannschaft um die beiden Geschäftsführer Hans Wiedemann und Werner Zaiss über den nahezu reibungslosen Betrieb im letzten Vierteljahrhundert. Die Neckarwestheimer können stolz sein, dieses Kraftwerk in ihrer Gemeinde zu haben. Hat es sie doch wohlhabend und bedeutend gemacht. Auch wenn die kriminellen Machenschaften ihres ehemaligen Bürgermeisters sie um einen Teil ihres Vermögens gebracht haben, so ist das GKN doch ein Garant für den künftigen Wohlstand in dieser kleinen Gemeinde.

Lumpenball
Der 11.11. naht auch heuer wieder mit schnellen Schritten. Ab diesem Datum sind närrische Zeiten angesagt (Advent und Weihnachten ausgenommen). Auch in Heilbronn, in dem es in den zurückliegenden Monaten ja besonders närrisch zuging. Ich denke nur an die vielen närrischen Skandale. Aber die eigentlich hohe närrische Zeit, die beginnt erst im zweiten Monat des nächsten Jahres. Und dann ist auch schnell wieder der Faschingsdienstag da. Einen Tag später, am Aschermittwoch, ist alles vorbei – und die Narren  schleichen gesenkten Hauptes (voller Asche) zum Beichten, wenn sie rechte Narren sind. Heilbronn – eine Karnevalshochburg? Das wird niemand, außer er ist ein Narr, ernsthaft behaupten. Aber da gab es mal etwas, das ausgelassen und wirklich närrisch war. Bis hinein in die siebziger Jahre. Am letzten Abend der Narrenzeit wurde in der Heilbronner Harmonie in allen Sälen ausgelassen getanzt, gelacht, gefeiert, getrunken, gegessen, daß es nur so eine Freud war. Ich erinnere mich noch gut. Von fern und nah kamen die Gäste und feierten einen der ungewöhnlichsten Narren-Bälle Heilbronns, ohne formale Narren-Riten. Und dieses Fest der besonderen Heilbronner Art soll – wie ich hörte  – 1997 wieder aufleben. Am Faschingsdienstag ist Lumpenball angesagt. Veranstaltet von der Heilbronner Carneval-Gesellschaft CGH, präsentiert vom Heilbronner Verkehrsverein und dem Neckar Express. Mit dabei auch Radio Ton, das im kleinen Saal der Harmonie mit einer Disco aufwartet. Und die Karten im Vorverkauf, die gibt es ab dem 11.11.1996. Das ist doch endlich mal eine frohe Botschaft für alle, die die närrische Zeit im Unterland ganz faschingsmäßig-ungezwungen ausklingen lassen wollen. Aus purem Spaß an der Freud.

Erste Runde
Die erste Runde zur Stuttgarter OB-Wahl ist gelaufen. Auch wenn die Berichterstattung im Landessender S3 dürftig war, wenn schon das zweitwichtigste politische Amt im Lande (wie Polit-Kenner meinen) durch den Wahl-Bürger neu besetzt werden soll, so war die Information über das altbewährte Dampfradio doch ausreichend. 35,2 Prozent für den CDU-Mann Wolfgang Schuster, 30,6 Prozent für den Grünen Rezzo Schlauch und nur 22,6 Prozent für die Sozialdemokraten Rainer Brechtken, in der Großen Koalition bis zum März Staatssekretär im Wirtschaftsministerium von Dieter Spöri. Die Sozis können einem ja fast leid tun. Jetzt liegen sie in der Landeshauptstadt auch noch acht Prozentpunkte hinter den Grünen. Wenn das keine Schlappe für den Landeschef Ulrich Maurer ist, der nicht nur die Landtagswahl haushoch verloren, sondern jetzt auch noch das Ergebnis seines OB-Kandidaten in Stuttgart mitzuverantworten hat, dann weiß ich nicht, was eine Schlappe in der Politik ist. Der Pforzheimer OB Dr. Joachim Becker, der von seinen Genossen wegen Rechtsabweichung nicht wohlgelitten ist, hat jetzt seinen Hut in die zweite Runde geworfen. Jetzt könnte es noch was werden mit einem SPD-OB in Stuttgart. Das Rennen wird jetzt wohl zwischen Becker, dem grünen Bundestagsabgeordneten Rezzo Schlauch und dem Stuttgarter CDU-Kulturbürgermeister und Rommel-Ziehsohn Wolfgang Schuster laufen – die SPD-Wähler müssen sich entscheiden, wem sie ihre Stimme geben – ob Becker oder Brechtken. Denn Schlauch und Schuster sind für diese Klientel wohl kaum wählbar. In zweieinhalb Wochen wissen wir mehr. Sinnvoller wäre es allerdings, wenn die baden-württembergische Wahlordnung bei Bürgermeisterwahlen in der zweiten Runde eine Stichwahl zwischen dem ersten und dem zweiten Sieger aus dem ersten Wahlgang vorsähe. Jetzt aber kann, wer immer will, auch in den zweiten Wahlgang neu einsteigen – wie Herr Becker.

Betrüger?
Die einen umschreiben es vornehm und zurückhaltend. Die anderen sind direkt. Zum Thema „Steuern“ schreibt diese Woche  das Magazin  Focus unter der Überschrift Chaos-Tage in Bonn vom Steuerstreit, bei dem die Union sich durchsetzt, die FDP verliert und Oskar Lafontaine seinen ersten Sieg feiert. Um den Solidaritätszuschlag geht’s, dessen Absenkung die FDP im Frühjahr zum Wahlschlager erhoben hatte. Die Bild am Sonntag titelt da sehr direkt: Die Betrüger von Bonn. Und veröffentlicht mit Zitaten zum Thema geschmückt („1997 kommt der  Einstieg – dann werden wir mit dem Abbau des Solidaritätszuschlages beginnen.“) die Bilder von Wolfgang Gerhardt (FDP-Bundesvorsitzender), Guido Westerwelle (FDP-Generalsekretär) und Hermann Otto Solms (FDP-Fraktionschef in Bonn). Denn die FDP hätte „es versprochen, beschlossen und in der Koalition durchgesetzt: die Senkung des Solidaritätszuschlags! Jetzt haben sie ihr Versprechen gebrochen und die Wähler betrogen.“ Berichtet das Boulevardblatt. Wie wahr, wie wahr. Jetzt stehen die Damen und Herren Liberalen als Umfaller da. Über sie schlägt eine Welle von Empörung und Spott zusammen. Viel geschmäht werden sie jetzt durch den politischen Kakao gezogen. Und das zu Recht. Denn mit diesem Wahlversprechen hatten die Freien Demokraten sich im März überraschend von den Wählern in die Landtage von Kiel, Mainz und Stuttgart hieven lassen. Aber so ist das halt in der Politik. Wie gewonnen, so zerronnen. Noch ein paar solcher Aktionen, und das Frühlingslüftchen für die FDP entwickelt sich zu einem Sturm gegen sie. Und der könnte tödlich sein. Die Stuttgarter FDP-OB-Kandidatin mit dem Doppelnamen hat ihn am Sonntag schon verspürt.

Fußball – Wahnsinn
Sie waren nicht in Gefahr, nicht am Verhungern, kein Feuer drohte sie zu vernichten. Sie wollten „nur“ ein Fußballspiel sehen. Trotzdem rasteten die 8.000 Fans aus, als die Tore des Mateo-Flores-Stadions in Guatemala-City geschlossen wurden. Als ob Leben und Glückseligkeit davon abhingen, drängten sie wie die Irren in das schon übervolle Stadion. Eine Menschenlawine erdrückt andere wartende Zuschauer buchstäblich zu Tode. Das Spiel mit dem runden Leder auf dem grünen Rasen hat einen hohen Stellenwert in Lateinamerika. Es ist Volkssport Nummer eins. Opium für die Armen. Die 22 Akteure, sprich Nationalspieler, werden gefeiert wie die Helden, verehrt wie Heilige. Das WM-Qualifikationsspiel zwischen Guatemala und Costa Rica sollte ein großes Fest werden. Die 8.000 Ausgeschlossenen wollten auch dabei sein. Sind sie für die Tragödie verantwortlich? Über 80 Menschen wurden auf dem Altar des Fußballgottes geopfert. Wer hat Schuld? Sicher die gewissenlosen Geschäftemacher mit ihren getürkten Tickets. Sicher die unzureichenden Absperrungen der Security. Ganz sicher aber auch Massenhysterie und blinde Ich–Bezogenheit fanatischer Fußball-Fans. Mit Schaudern werden wir an Brüssel erinnert. Wo sich vor einigen Jahren Ähnliches ereignete. Manchmal bin ich froh, hoch oben auf meinem Turm zu sein. Weit weg von den Menschen.

Heilbronner Menschen
Wissen sie eigentlich, wie viele Menschen derzeit rund um meinen Turm in Heilbronn leben? Sie wissen es nicht? Die Stadt weiß es. Sagt sie – treu glotzend. Und teilte die neu-esten Zahlen mit Datum vom 2. Oktober mit (Stand der Zählung: 31. August 1996). Demnach leben 119.091 Menschen in der Stadt Heilbronn, darunter 23.366 Ausländer. Das entspricht einem Anteil von 19,6 Prozent. Im Stadtteil Heilbronn leben 56.298 Menschen, in Böckingen 21.870, in Neckargartach 9.894, in Sontheim 10.932, in Klingenberg 2.018, in Frankenbach 5.857, in Kirchhausen 3.499, in Biberach 4.663 und in Horkheim 4.060. Im Monat August wurden 108 Menschen in Heilbronn geboren und 101 starben. Nach Adam Riese ein Geburten-Überschuß von sieben Menschen. 760 Menschen zogen im August nach Heilbronn, 764 zogen weg. Innerhalb der Stadt zogen 791 Leute um.  Insgesamt sind in Heilbronn 78.298 Kraftfahrzeuge registriert, davon 68.722 Pkw, 3.868 Lkw, 146 Omnibusse, 1.306 Zugmaschinen, 879 Sonderfahrzeuge, 48 Krankenwagen und 3.329 Krafträder. Auf tausend Einwohner kommen also 657 Kraftfahrzeuge. Und was lernen wir daraus? Heilbronn ist und bleibt, was es war:  eine kleine Großstadt, der es ohne Ausländer noch nicht mal dazu langen würde. Und die tragen auch in erheblichem Maße zu den Geburten bei. Damit unsere Renten einst sicher sind.

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