Mittwoch, 19. Februar 2014

Kiliansmännle, 31.01.1996



Harter Winter
Die Vögel sind schon da. Obwohl es noch eiskalt ist. In den Parks und Wäldern picken sie im Laub herum, um etwas für den Schnabel zu erhaschen. Auf den Gehwegen in Heilbronn, die ja zum Teil mit Grünstreifen zur Straße hin begrenzt sind, ist die Erde noch bockelhart. Die armen Waldis und Bellos verfrieren sich fast den Po, wenn sie von Frauchen oder Herrchen beim Gassi-Gehen zum Drücken angehalten werden. Die niedlichen, kleinen braunen oder gelben Häufchen frieren sogleich hart an und zieren die Heilbronner Gehwege auf eine so kunstvolle Art, daß Dr. Andreas Pfeiffer vom Museum oder die Damen bzw. Herren vom Kunstverein eine helle Freude haben müßten an dieser von der Natur so herrlich klar, direkt und unverbildet kreierten Kunst. Hinzu kommt, daß der Geruch dieses Gesamtkunstwerkes sich erst später einstellen wird. In der sogenannten Auftauphase. Das wird ein Schnüffeln und Schnuppern geben. Und dem Boden tut der Dünger gut. Können doch Brennesseln und andere Pflanzen hier bestens gedeihen. Ich freue mich immer wieder, wenn unsere vierbeinigen Freunde auch in der Stadt ihrem natürlichen Drange entsprechend sich entfalten können. Wer hier nörgelt, der sollte immer daran denken: Nicht die armen Tiere sind ja freiwillig zu uns in die Wohnungen gekommen. Wir haben sie schließlich geholt. Erfreuen uns an ihrem Gebell. Und somit sind wir auch für ihren Dreck voll verantwortlich zu machen.



Bruckmann-Villa

Wenn die Stadt saniert, dann ordentlich. Als der Gemeinderat die Kosten für die Renovierung der Bruckmann-Villa in der Cäcilienstraße Heilbronns genehmigte,  schien die Welt noch eingermaßen in Ordnung. Das superteure technische Rathaus mit seiner üppigen und prachtvollen Ausstattung, vielfach wegen der immensen Kosten gerügt, war gerade erst eingeweiht, da wollte der Baudezernent Ulrich Frey von der SPD auch noch das Schmuckstück Bruckmann-Villa dazu haben. 2,85 Millionen Mark sollte die Renovierung kosten. Die Stadträte stimmten zu, denn schöne Bauten gibt’s wenige in Heilbronn. Wer damals annahm, die Summe würde sich nicht erhöhen, der kennt unsere Stadt als Bauherr schlecht. In Heilbronn wird es immer teurer als geplant. Nach dem alten Metzger-Motto. Darf’s ein bißchen mehr sein? Selbstverständlich, der brave Steuer-Bürger zahlt es ja, und wird garnicht erst gefragt. Schließlich haben die Fürsten das Volk ja auch nie gefragt, ob dieses oder jenes Schloß teuerer werden darf. Und heute freuen sich alle darüber. Und so wurden nochmals 800.000 Mark draufgesattelt – damit die 3,7-Millionen-Villa als Dienstsitz für den Heilbronner Baubürgermeister auch in schönstem Glanz erstrahlt. Ich kann’s dem Ulrich Frey nicht verdenken. Schließlich haben die Sozis es sich ja zum Ziel gesetzt, daß es allen Bürgern einmal besser gehen soll. Und einer muß damit ja mal anfangen. Also Vorbild sein. Vor allem in Zeiten, in denen Schmalhans durch die Gassen der Stadt schleicht. Und so können die Bauwilligen beim Besuch des Baubürgermeisters sehen, was es heißt,  gut und anständig zu renovieren. Es war ja immer etwas teurer, einen guten Geschmack zu haben. Vor allem bei Sozis.



Neckarwestheim

Jetzt hat Neckarwestheim es geschafft. Eindeutig. Mario Dürr aus Cleebronn heimste im zweiten Wahlgang satte 81,43 Prozent der Bürgerstimmen ein - und das bei 66,55 Prozent Wahlbeteiligung. Jubel brandete im Atomdörfchen am Rande des Landkreises Heilbronn auf. Schließlich hatte man auch allen Grund dazu. In der vergangenen Woche war der alte Bürgermeister Horst Armbrust in Stuttgart vom Landgericht zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, weildie Gemeinde um 40 Millionen Mark betrogen hatten. Hinzu kamen in den letzten Wochen die dubiosen Abrechnungen von Gemeinderäten, die sich in Stuttgart im Gerichtsaal kundig machen wollten. Der Amtverweser des Bürgermeisters trat daraufhin zornentbrannt zurück und legte auch gleich sein Gemeinderatsmandat nieder. Der zweite Schlag erreichte die Neckarwestheimer, als sich herausstellte, daß einer der BM-Kandidaten sich als ein windiger Ossi entpuppte, gegen den die Staatsanwaltschaft immer noch wegen dubioser Geschäfte zu seiner Thüringer Bürgermeister-Zeit ermittelt. Dabei hatte der schneidige Ex-Hauptmann der DDR-Volksarmee so einen dynamischen Eindruck vermittelt. Neckarwestheim hat wahrlich allen Grund, jetzt erst einmal richtig tief durchzuatmen. Raus aus den Schlagzeilen der überregionalen Presse, zurück in die Idylle anständiger Dörflichkeit. Wenn ich einmal reich wär – ohne die verschwundenen 40 Millionen.



Ausländer

Gegen Ausländer vorzugehen, scheint in Notzeiten ein beliebter Sport zu sein. Nicht nur Deutschland. In Algerien ist der Mitteleuropäer sich seines Lebens nicht sicher. In gewissen Urlaubsländern werden Touristen von terroristischen Minderheiten entführt, um Geld und Genossen freizupressen. Wie eine Seuche scheint Fremdenfeindlichkeit den Erdball zu überziehen. Erst kürzlich rief mich ein Mann an, der mit einer Asiatin verheiratet ist. Einen Brief habe er bekommen, unterzeichnet von der „DSV“, der „Deutschen Skinhead-Vereinigung“. Anonym natürlich. In Kauderwelsch-Deutsch stand da zu lesen: „Du dreckiger Ausländer. Verpiß Dich aus Deutschland. Das ist die erste Warnung. Verpißt Euch in Euer Scheißland. Sonst wird es für Euch sehr ungesund.“ Wenn Sie sich jetzt noch in jedem Satz vier Rechtschreibfehler hinzudenken, dann können Sie sich das Original gut vor Augen führen. Es ist nur recht und billig, daß der deutsche Bürger, der dieses Gesudel erhalten hat, sich vertrauensvoll an die Kriminalpolizei wandte. Hoffentlich ermitteln unsere Beamten so, daß diese Schreiberlinge gefaßt werden, die versuchen, ihre Mitbürger mit der übelsten Jauche aus ihrem verdreckten Gedankengut zu überschütten. Dumme-Jungen-Streiche? Ich sage nur, wehret den Anfängen. Mit unflätigen Briefen fängt viel an. Wo es endet, das wissen wir in Deutschland dank zweier Diktaturen zur Genüge. Wie sagte einst Kurt Schumacher, der große SPD-Vorsitzende, der Nachkriegszeit? Die Nazis hätten es verstanden, die Dummheit in Deutschland vollständig zu mobilisieren. Dumme gibt es immer noch. Im Moment fehlt es nur an politischen Rattenfängern.



Wahl in Weinsberg

Die Bürgermeister-Wahl in Weinsberg war am letzten Sonntag das Top-Ereignis im Unterland. Schließlich ging es die Nachfolge des amtierendes Schultes Jürgen Klatte, über dessen Gründe, sich aus dem Schultes-Geschäft zurückzuziehen, heute noch in der Weibertreu-Stadt heftig gerätselt wird. Eine Frau und vier Männer standen im ersten Wahlgang zum Kreuzles-Machen zur Auswahl, abgesehen von den Dauerbewerbern. Als Favoriten galten die beiden Bürgermeister Rudi Kübler (Kirchardt) und Karl Alber (Erelnbach) aus dem Unterland. Die promovierte Anneliese Kowalczyk-Schaarschmidt aus Künzelsau hatte sich schon im Vorfeld nicht gerade als mehrheitsfähig erwiesen. Ihr Resultat im ersten Wahlgang mit knapp zehn Prozent war erwartet worden. Daß aber der gebürtige Weinsberger, der Gruibinger Bürgermeister Walter Kuhn mit 48,16 Prozent an der absoluten Mehrheit vorbeischrammte, war dann doch überraschend. Nur 91 Stimmen fehlten für den Sieg im ersten Wahlgang. Weit abgeschlagen die beiden Schultes Kübler (21,76 Prozent) und Alber (17,58 Prozent). Nun hat die Künzelsauer Dame schon verzichtet, im zweiten Wahlgang am 11. Februar anzutreten – und ihren Wählern empfohlen, Herrn Kuhn die Stimme zu geben. Allerdings läßt die Wahlbeteiligung mit 61,27 Prozent nicht die Vermutung zu, die Weinsberger befänden sich derzeit im Wahlfieber. Aber vielleicht wird der zweite Wahlgang spannender, wenn Kübler gegen Kuhn antritt, der 47jährige Jungdynamiker gegen den bodenständischen 48jährigen. Wenn die Zahlen fortgeschrieben werden, Weinsberg wieder einen Schultes zum Anfassen möchte, dann kenne ich heute schon den Sieger.



Eppingen BM-Wahl

Was hatte ich da nicht alles im Vorfeld der Eppinger Wahl mir anhören müssen. Wenn der alte Schultes wieder antritt, dann hatt der Pretz keine Chance. Flüsterte man mir zu. Aber der „alte Schultes“, der Unternehmer Rüdiger Peuckert, zögerte lange – und lehnte dann doch ab, in den Ring zu steigen. Zum Verdruß vieler Eppinger. Bei den letzten Gemeinderatswahlen hatte er ja ordentlich abgesahnt, was so manchen verdrossenen Bürger zur Ermunterung Peuckerts veranlaßte, nochmal den Hut in den Ring zu werfen. Gegen den CDU-Partreifreund Erich Pretz. Bis in den Januar hinein hatte Peuckert gezögert. Dann war die Sache gelaufen. Allerdings einen großen Sieg konnte sein kommunaler Kontrahent nicht verbuchen. Bei Bürgermeisterwahlen ohne ernsthaften Gegenkandidaten zählt die Wahlbeteiligung. In Eppingen sah die am Sonntag reichlich mies aus: Von 12.988 Wahlberechtigten gingen nur 5.889 an die Urne. Das entspricht einer wahlbeteiligung von 45,3 Prozent. Hinzu kamen noch 5,7 Prozent ungültige Stimmen. Nur 4.630 Eppinger gaben also Erich Pretz ihre Stimme. Gemessen an der Wahlbevölkerung sind das 35,65 Prozent. Aber nach ordentlicher Zählung hat der 55jährige Verwaltungschef eben 83,4 Prozent der Stimmen erhalten. Ich meine, es wäre langsam Zeit, daß bei Bürgermeisterwahlen im ersten Wahlgang 50 Prozent Wahlbeteiligung vorgeschrieben werden müßte, damit jemand mit der absoluten Stimmenanzahl gewählt ist. Wenn diese Wahlbeteiligung nicht erreicht wird, dann muß er halt in den zweiten Wahlgang. Aber ich glaube mein Vorschlag stößt auf taube Ohren. Denn potente Kandidaten sind mittlerweile auch bei Bürgermeisterwahlen Mangelware.



Hasenmahl in Heilbronn

Im letzten Jahr war das traditionelle Heilbronner Hasenmahl im Ratskeller der prekären Finanzlage der Stadt zum Opfer gefallen. Aber in diesem Jahr wurde die über 500 Jahre alte Tradition munter fortgesetzt – als ob nichts gewesen wäre. Heilbronns OB war putzmunter als er den frohgelaunten Gästen mitteilte, daß man im Gegensatz zu den Gelagen der Perser, Griechen, Römer und Germanen in Heilbronn einen goldenen Mittelweg gefunden habe: „Bei uns würzen schmackhaftes Wildbret und beste Weine das geistvolle Gespräch.“ Und Hasenmahlredner Siegfried Schilling (stellvertretender Chefredakteur der Heilbronner Stimme) erinnerte an die „knapp vier Dutzend Männer und eine Frau“, denen als Hasenmahl-Redner der Neuzeit „einfach nicht so richtig klar war, ob sie nun denen im Rathaus da droben die Leviten verlesen oder ob sie ganz schlicht eine Büttenrede halten sollen“. Da der Hase nicht mehr serviert wird, sondern die Sau, war der Vergleich zur Politik schnell gezogen. Denn „Tatsache ist vielmehr, daß in Heilbronn zuletzt immer mehr Schweine ihr Unwesen treiben“.  Und schon war der kommunalpolitische Beobachter im Rathaus, „denn nach wie vor gibt es Unterschiede zwischen einer Saujagd und einer Gemeinderatssitzung. Keine Sau stellt im Wald Anträge zur Tagesordnung oder gibt gar persönliche Erklärungen ab“. Das alles war vom Sigger Schilling sehr freundlich vorgetragen und schelmisch gemeint. Auch das Lob über den Optimismus unserer Unterländer Stadtbahn-Politiker : „Er ähnelt in etwa dem der Pioniere der Union Pacific, die einst im Wilden Westen von Amerika mitten durch die Prärie Gleise verlegten und Feuerrösser laufen ließen. Die Indianer freundeten sich zunächst aber nur ganz zögernd mit der Bahn an. So können wir alle nur hoffen, daß künftig nicht nur ein paar Häuptlinge in die Stadtbahn einsteigen, sondern auch die Indianer kommen.“ Welche Indianer? Die Gelbfuß-Indianer?



Wo sind sie geblieben?

Im gesamten Gäu wird heftigst darüber diskutiert und spekuliert: Wo sind sie geblieben – die 1,13 Millionen Mark  von der Volksbank Heilbronn, die Geldkuriere aus einem gepanzerten Fahrzeug verloren haben. Viele hätten das Geld gern – auf der Straße, möglichst im Gebüsch oder anderswo – ganz heimlich gefunden. Aber die Tasche mit den Millionen scheint spurlos vom Boden verschwunden zu sein. Die Polizei weiß nix, die Volksbank Heilbronn erst recht nicht, und die beiden Geldkuriere reiben sich immer noch verwundert die Äuglein. Sie beteuern weiterhin vehement ihre Unschuld. Was also kann geschehen sein? Ist der Koffer schon auf dem Gelände der Volksbank gestohlen worden? Oder ist er jemandem direkt aus dem Geldtransporter vor die Füße gefallen, irgendwo  in der Moltke-, Gymnasium- oder Urbanstraße? Ein Kriminalfall der besonderen Art. Staatsanwaltschaft und Polizei sehen dabei reichlich ratlos aus der der Wäsche. Mehr als Spekulation sind derzeit offenbar nicht drin. Und die treiben große, dicke Blüten – vor allem an den Stammtischen. Nach so langer Zeit vermutet kaum noch jemand, daß ein Finder des Geldkoffers sich freiwillig melden würde. Allerdings: Wenn der Koffer nicht gestohlen, sondern nur gefunden worden wäre, auch dann macht sich der Aufsammler strafbar. Denn beim Öffnen dürfte ihm klar werden, daß diese „fremde bewegliche Sache“ nicht sein Eigentum ist oder werden kann. Aber wo kein Kläger ist, da findet sich auch kein Richter. Für die Ordnungshüter ein „nur schwer erträglicher Zustand“. Sie hoffen weiterhin tapfer, daß ein glücklicher Zufall ihnen den Koffer samt Geld zuspielt. Aber wenn ich mich so umhöre, von dr Leut glaubt kaum jemand dran. Wer soviel Geld so lässig verliert – naja, der hat wohl auch ein wenig schlampert transportiert. Experten werden es genau herausfinden. Und die Volksbank, seit Jahren ist sie schon von Plagen dieser Art betroffen. Sie scheint eine magnetische Auswirkung auf Geldräuber zu besitzen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen