Donnerstag, 20. Februar 2014

Kiliansmännle, 07.02.1996



Wasser weg
Heilbronn ist mittlerweile stolz auf sein Theaterschiff, das neben dem Hagenbucher ankert. Ausverkaufte Vorstellungen auf Monate hinaus, Gäste von weither, die sich auf dem Theaterschiff einen schönen Abend machen. Nun aber soll das Theaterschiff für eine geraume Zeit seinen Anlegeplatz neben dem Insel-Hotel verlassen. Der Grund: Das Wasser des Neckar-Arms soll abgelassen werden, um Reinigungsarbeiten im Flußbett durchzuführen. Die Theatermacher sind verwirrt. Die städtischen Ämter bleiben gelassen. Denn diese Reinigung sei ja schon seit Monaten bekannt. Nun ist die Frage, wo kann das Schiff ankern, solange der Neckar geputzt wird. Alternativplätze wurden von verschiedenen Seiten angeboten. Allerdings nicht im Neckarkanal, denn dort befindet sich ein fließendes Gewässer. Und damit wären ganz andere versicherungstechnische Gegebenheiten vorhanden. Hinzu käme das Schwanken des Kahns, das ja jetzt schon bei einigen Besuchern seltsame Gefühle hervorruft. Aber wahrscheinlich bleibt alles wie es ist. Mir ist zu Ohren gekommen, daß soviel Wasser im Seitenkanal des Neckars bleiben soll, daß im Theaterschiff weiterhin munter gegaukelt werden kann.



Wind für Liberale?

Die Freien Demokraten im Unterland  veranstalten irgendwann im Januar ganz traditionell ihr Neujahrs-Pressegespräch – seit Jahren schon im Haus des Handwerks. Im laufenden Landtagswahlkampf mußte natürlich „Butter bei die Fische“. Dr. Walter Döring, Fraktionsvorsitzender in Stuttgart und FDP-Landesvorsitzender, gab die Zielrichtung an: Sparen. Zum Beispiel bei den Aussiedlern. Die Quote von derzeit rund 220.000 pro Jahr sollte halbiert werden. Denn in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit sei das ein Gebot der Stunde. Vor allem griff er dabei den baden-württembergischen Finanzminister Mayer-Vorfelder an, der gesagt haben soll: Das Tor stehe auch weiterhin für Aussiedler offen. Außerdem sind Döring die Rentenzahlungen an Aussiedler ein Dorn im Auge. Eine dreistufige Leistungsrente für Menschen, die nie in die Rentenkasse eingezahlt haben, das ist für den FDP-Mann ein Skandal.  Eine nivellierte Einheitsrente befürwortet er. Weitere Themen für den FDP-Wahlkampf. Reduzierung des Solidaritätszuschlags, massive Steuersenkungen, Einführung eines Pensionsfonds für Beamte. Aber bisher dümpeln die Liberalen mit ihren Themen ohne Resonanz im beginnenden Wahlkampf dahin. Im Unterland will man die Strukturkrise mit den Themen Stadtbahn, Hubschrauber-Landeplatz statt Regionalflughafen und Ausstieg aus der Kalten Rotte angehen. Döring rät seiner Partei, deutlich zu machen, was sie will, und nicht immer danach zu schauen, wie kommt es an. Ob damit die Liberalen im Unterland am 24. März endlich über die fünf Prozent springen oder wie beim letzten Mal kräftig darunter bleiben, das ist die große Frage der Auguren. Denn in den einst wohlbetuchten, mehr konservativen Wahlgebieten hat sich mittlerweile herausgestellt, daß neben der CDU die Grünen das Rennen machen. Trotzdem ist die FDP-Spitze zuversichtlich: Sie verspürt seit dem Dreikönigsparteitag Rückenwind. Wie heißt der noch schwäbische Wunsch: Auf daß der Wind in Deinem Rücken nie Dein eigener sei.



Computerkurse

Ohne Computer sind viele heutzutage in ihrem Berufsleben aufgeschmissen. Da heißt es ran – an die Chips, die Disketten, die Bildschirme, die Festplatten und Hautspeicher. Arbeitslose ohne Computerkenntnisse haben es allerdings besonders schwer, vor allem einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Das wissen die Arbeitsämter auch. Und deshalb finanzieren sie Arbeitslosen Ausbildungskurse am Computer – sogenannte Computerführerscheine. Ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Denn in diesen Kursen lernen die Teilnehmer das gesamte Büro-Softwareangebot des Branchenriesen Microsoft kennen, sowie Grundschritte im Betriebssystem MS-DOS und der Benutzeroberfläche Windows, beide ebenfalls von Microsoft. Angeboten werden diese Computerführerschein-Kurse von Firmen, die darin manchmal auch eine Möglichkeit sehen, preiswert ihre Kapazitäten zu nutzen. Das ist ja an sich  nicht schlecht. Aber da gibt es auch Kurse, die mit zu vielen Teilnehmern besetzt und in denen die Dozenten überfordert sind. Zum Beispiel, wenn am ersten Tag auf mehreren Rechnern zunächst einmal das Betriebssystem installiert werden muß, weil zuvor jemand an den Computern herumgespielt hat. Und parallel zu dieser Reparatur muß der Dozent auch noch seinen Unterricht abhalten. Geübt wird auf alten Rechnern, die aus dem normalen Büroalltag wegen Altersschwäche herausgenommen wurden. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, wenn nicht so manches Gerät während des Kurses seinen Geist aufgibt und Ersatzrechner auf sich warten lassen. Oder einer der altersschwachen Computer die Sicherung rausschmeißt und die Elektriker mit der Reparatur auf sich warten lassen. Aber für rund 3.000 Mark Kurskosten kann man auch nicht viel mehr erwarten. Und was meinen Sie?



Winterschlußverkauf

Schnäppchenjäger-Zeit ist noch bis zum Wochenende angesagt. Der Handel in und um Heilbronn, ja im gesamten Bundesgebiet klagte am vergangenen Wochenende über die Zurückhaltung der Kunden im Winterschlußverkauf. Für mich ist dieses Zögern, trotz der niedrigen Preise, durchaus verständlich. Wer mal als normaler Arbeitnehmer in seine Januar-Lohntüte geschaut hat, weiß ganz genau, wer an der Kaufzurückhaltung in erster Linie Schuld trägt. Schon klar: Alle haben es gewußt, daß Gebühren, Abgaben und Steuern zum Jahresbeginn in die Höhe gehen werden. Daß es nun aber gleich so dick kommen wird, das hatte kaum jemand geahnt. Außer den Profis, die den ganzen lieben langen Tag nichts anderes zu tun haben, als über diese Dinge nachzudenken, nachzurechnen und im System Lücken zu finden. Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher müssen derweil arbeiten. Und die Politik, die uns das Kuckucksei  ins Nest gelegt hat, spielt die naive Unschuld. Das politische Geschäft wird nach den Erfahrungen von Hans Apel, einst Finanzminister in der alten Bundesrepublik, derzeit nicht von „interessanten, lebhaften und dynamischen Querdenkern“, sondern von „anpassungsfähigen, pflegeleichten und nicht durchsetzungsfähigen Parteisoldaten“ dominiert. Gelingt es nicht bald, diesen Zustand zu ändern, „dann geht das Elend so weiter wie bisher“. Lang genug hat sich der Handel in Heilbronn von einer innenstadtfeindlichen Politik gängeln lassen. Was dabei herauskam? Die Leute kaufen woanders ein. Denn auch in Neckarsulm, Ludwigsburg, Öhringen, Karlsruhe oder Stuttgart ist man dankbar für Kundschaft aus den umliegenden Land- und Stadtkreisen. Konsequenz: Ideologie sollte auch in der Heilbronner Verkehrspolitik keine Rolle mehr spielen. Kluge Entscheidungen sind gefragt.



Krankenhaus-GmbH

Das Städtische Krankenhaus Heilbronn wird ab 1. Januar 1997 als Gesellschaft mit beschränkter Haftung – kurz GmbH geführt. Viereinhalb Jahre hatte der Heilbronner Gemeinderat sich darüber den  Kopf zerbrochen. Eigenbetrieb oder GmbH, das war hier die Frage. Der zuständige Dezernent, der SPD-Bürgermeister Harald Friese, plädierte vehement für den Eigenbetrieb. Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann war ganz anderer Ansicht und zog die Zuständigkeit vom Friese-Dezernat ab. Bei der Entscheidung im Gemeinderat zeigte sich eine seltsame Koalition: SPD, Grüne und Republikaner stimmten für den Eigenbetrieb, CDU, FDP und Freie Wähler für die GmbH. Die OB-Stimme gab den Ausschlag – eine äußerst knappe Entscheidung für die Gesellschaft mbH: 21 zu 20 Stimmen. Im Laufe der Diskussion machten die Sozialdemokraten deutlich, daß sie die Zuständigkeiten für einen künftigen Geschäftsführer in ein enges Korsett zwängen wollten. Das ist ein Signal, das den OB bestimmt zweimal überlegen läßt, ob er die Zuständigkeiten für das Krankenhaus wieder an Harald Friese zurückgeben oder weiter in seinem Entscheidungsbereich belassen wird. Denn den vehementen GmbH-Gegner mit der Ausgestaltung der neuen Gesellschaft zu betrauen, hieße nach menschlichem Ermessen wieder Sand ins Getriebe zu werfen. Wenn die Krankenhaus-GmbH mal steht, dann benötigt die Stadt einen Dezernenten weniger. In Zeiten der Sparsamkeit ist es nur recht und billig, auch mal bei der Verwaltungsspitze den Rotstift anzusetzen. Aber Verwaltungen haben bekanntlich ein zähes Eigenleben. Und 1999 scheiden OB Weinmann und Bürgermeister Reiner Casse aus ihrem Amt. Dann kann auch neu verteilt werden – je nach Lage der Stadtkasse. Aber wie es heute ausschaut, wird das Geld bis dahin genauso wenig sprudeln wie derzeit.



Stobl-Credo

Für den Kreisvorsitzenden der CDU Thomas Strobl war es der erste Neujahrsempfang, bei dem er seine Partei repräsentativ vertreten mußte. Neben ihm saß der Ehrenvorsitzende der Unterländer CDU, der Bundestagsabgeordnete Egon Susset, der wohlwollend die klaren Worte seines Nachfolgers begleitete. Was Thomas Strobl am vergangenen Freitag mitzuteilen hatte, glich einer Regierungserklärung, einerseits für seine Partei, andererseits für die Region (er ist CDU-Fraktionsvorsitzender in der Regionalversammlung) und für die Stadt Heilbronn (als CDU-Stadtrat und stellvertretender Fraktionsvorsitzender). Auch beim Neujahrsempfang lautete die Botschaft im Politik-Kern: Sparen, sprich Staatsausgaben kürzen. Wie und wo die von ihm geforderte Großveranstaltungshalle gebaut werden soll, die Heilbronn „zu einem klareren Image“ verhelfen soll, das wurde nicht deutlich. Aber daß sie nicht in der Stadt stehen muß, war Konsens bei allen anwesenden CDU-Politikern. Von einer engeren Anlehung an den Stuttgarter Raum jedoch wollte Strobl nichts wissen. Die Chancen für den ländlichen Raum nutzen, so lautet sein Credo: Hauptverkehrsadern der Kommunikationstechnik dürfen an der Region nicht vorbeiführen, Bio- und Gentechnik-Projekte sollten hier angesiedelt werden – kurz die vorhandene Struktur mit neuen Techniken verknüpfen. Natürlich konnte es Strobl sich nicht verkneifen, die CDU-Mandatsträger gegen den SPD-Wirtschaftsminiter Spöri ins Feld zu führen. „Sie sind nicht nur hier, wenn ein roter Teppich ausgerollt wird. Sie schreiben auch nicht Böckingen auf den Wahlzettel und wohnen in Wahrheit in Backnang oder sonstwo. Sie haben ihr Mandat auch nicht als Absicherung für den Sprung ins Stuttgarter Rathaus. Sondern sie arbeiten für die Menschen und leben unter den Menschen in der Region.“ Damit dürfte der Landtagswahlkampf im Unterland eröffnet sein. Und Dieter Spöri muß sich mit dem Argument weiter herumschlagen, daß er sich in seinem Heilbronner Wahlkreis zu selten hat sehen lassen.



Euro-Dieter?
Die Sozialdemokraten sind mit Dieter Spöri als Spitzenkandidaten im vergangenen Jahr ganz gut gestartet – meinen sie. Hatte doch der Dieter alle Konkurrenten munter aus dem Rennen gedrängt. Nun aber macht ihm Uli Maurer, der SPD-Obergenosse im Lande Schwierigkeiten. Der SPD-Landesvorsitzende wurde mit einem Plakat zur Landtagswahl durch den SPD-Bundesvorsitzenden Oskar Lafontaine gestoppt. „So nicht CDU! Stabile Währung statt noch mehr Arbeitslose: 1999 kein Euro.“ Jetzt steht auf den geänderten Plakaten zu lesen: „Spöri: Währungsunion verschieben.“ Die Republikaner in Baden-Württemberg sind über die Lafontaine-Proteste glücklich. Denn ihr Chef Rolf Schlierer hatte schon befürchtet, daß „Maurer und Spöri uns europapolitisch rechts überholen“ würden. Für Walter Döring von der FDP macht die SPD mit diesem Slogan eine „europapolitische Geisterfahrt“. Und für CDU-Fraktionsvorsitzender Günther Oettinger treiben die Sozialdemokraten „das Geschäft der Radikalen“. Dieter Spöri jedoch will weiterhin bei seinem Konzept bleiben: „Ich werde die Notwendigkeit eines realistischen Zeitplans für die Europäische Währungsunion und damit die Verschiebung der für 1999 vorgesehenen dritten Stufe aus Sorge um unsere industriellen Arbeitsplätze zu einem zentralen Wahlkampfinhalt machen.“ Beim Neujahrsempfang  der SPD im Unterland wies Spöri vor allem auf die Chancen der momentanen Wirtschaftskrise hin: Jetzt müsse man zusammenstehen, Unternehmer, Gewerkschaften, Industrie, Handel, Kommunen und Land, um die Zukunft zu meistern. Denn es könne nur noch aufwärts gehen. Dabei sei das Unterland weit besser dran als die Region um Stuttgart. Man solle also nicht immer angstvoll auf die Landeshauptstadt schauen, sondern selber kraftvoll beginnen. Gut gebrüllt, Löwe – heißt es bei Shakespeare. Und bei uns? Dieter, gang Du voran, Du hast größere Stiefel an. Flüstern die Genoss(inn)en - laut und leise.

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