Donnerstag, 20. Februar 2014

Kiliansmännle, 05.06.1996





Post und Marken
Wer sich ordentlich ärgern möchte, der muß nur versuchen, an einem Sonntag die Dienste unserer Post in Anspruch zu nehmen. Da fahre ich doch sonntags in Heilbronn zur neuen Hauptpost beim Bahnhof, will dort Briefmarken aus einem Automaten für meine sehr dringende Korrespondenz ziehen. Fehlanzeige: Der Apparat meldet „Außer Betrieb“. Der Kasten daneben hat nur eine stark beschränkte Auswahl, die zudem auch noch die richtigen Münzen erfordert. Also geht die Suche los: a) nach einem freundlichen Zeitgenossen, der Geld wechselt oder b) nach einem Automaten, der die passenden Wertzeichen ausspuckt. Das ist nicht einfach. Etliche Möchtegern-Postkunden kurven kreuz und quer durch die Stadt – am letzten Sonntag, 2. Juni 1996. Erreichbar ist bei dem bürgerfernen Unternehmen Post ohnehin niemand. Ein ebenso schlauer wie wißbegieriger Unterländer postiert sich deshalb einfach am Briefkasten, um seine Frage nach Beförderung und notwendiger Frankierung als „Eilzustellung“ direkt jenem Postler zu stellen, der den Briefkasten leert. Schließlich kann die Kenntnis um die diversen Zuschläge nicht der Allgemeinbildung zugerechnet werden. Aber weit gefehlt: Um 12 Uhr kam gar niemand, obwohl ausweislich der Angabe am Briefkasten eine Leerung stattfinden sollte. Wer in der Nähe der gelben Box einige Zeit verweilt, kann Flüche und Schimpfworte hören, die deftiger nicht sein könnten. Da stimmt er doch wieder, der Spruch aus dem Lied der Christl: „Ja, bei der Post, da geht’s nicht so schnell.“



Geheimnisvoller Keim

Hausärzte und andere Mediziner wissen ein Liedchen davon zu singen: Gegen bestimmte Krankheitserreger ist oft kein Kraut mehr gewachsen. Das Wundermittel Antibioticum wirkt nur noch in hohen Dosen und immer neuen Varianten. Resistenzen und Allergien gegen die weiterentwickelten Mittelchen des Penicillins kommen immer häufiger vor. Die Folge: Gefährliche Infektionen können sich breitmachen. Besonders in Krankenhäusern ist dies ein Problem. Wehe dem Patienten, der beispielsweise durch eine Operation geschwächt auch noch Keime in die frische Wunde bekommt. Und wehe, wenn dann die Antibiotica nicht wirken. Das Thema Krankenhaushygiene stand deshalb ganz obenan bei einer Fortbildugsveranstaltung im Kreiskrankenhaus am Plattenwald. So hatten Ärzte und Wissenschaftler einen Keim entdeckt, gegen den gerade noch ein Antibioticum wirksam ist. Und dieser Keim ist dann angeblich auch im Kreiskrankenhaus aufgetaucht. Die Folge: Patienten wurden isoliert, Ärzte konsultierten die Kranken nur noch mit Mundschutz und unter schärfsten Hygienebestimmungen. Dabei richtet der Krankheitserreger keinen Schaden an, landet er nicht in einer Wunde oder Verletzung. Für die Besucher der Patienten war das ganze Brimborium in der Klinik natürlich erschreckend. Bald machte das Gerücht die Runde, am Plattenwald gebe es die ersten Fälle von „Rinderwahnsinn“. Alles Quatsch: Die Ärzte dachten eben nur: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.



Bubis und Mädels

Da gab es doch mal die Beatles - heute schon tot oder Großväter. Irgendwann zu Beginn der Sechziger kreischten deswegen in England völlig ungeniert und hysterisch die Girls wie zwanzig Jahre zuvor die deutschen Maiden beim Anblick ihres heißgeliebten Führers. Heftiges Kopfschütteln bei den Erwachsenen war die Folge. Nicht beim deutschen Führer, sondern bei den britischen Beatles. Viele fragten sich: Was haben wir in der Erziehung falsch gemacht? Andere beruhigten sich damit, daß diese eigentümliche Verhalten ja nur die Kinder der proletarischen Schichten betrifft. Die waren ja seit eh und je versaut. Einerseits durch das kritiklose Mitmarschieren bei den faschistischen Führern und Duces, andererseits durch das Bejubeln der kommunistischen Menschenschlächter. Kultur, kritischen Beäugen der Lieblinge und Idole, war von denen eh nicht zu erwarten. Und nun das: Seit einigen Jahren schon flippen Mädchen aus allen Schichten beim Anblick von hopsenden Bubi-Bands mit dünnlichen Stimmen aus, ob sie nun „Take That“ oder „Caught in the Act“ heißen. Industriemäßig hergestellte Lieder werden von jeweils vier gestylten Herren, Mischung Dressman/Sängerknabe, unter die lechzende Kid- und Teenie-Masse vornehmlich weiblichen Geschlechts gebracht, die in der Realität selten kriegen, was sie da oben auf der Bühne mit Teddybären, rosa Herzchen und Blümchen bewerfen. Die Kinder der lauten Frauenemanzipation sehnen sich offenbar nach echt schönen Männern. Die Barbie-Puppen-Generation formuliert lautstark ihre Wünsche – und die Musikindustrie befriedigt sie mit all der ihr zur Verfügung stehenden Kraft. Schöne neue Welt, kann ich da nur flüstern. Die Menschheit ist offenbar so geblieben, wie sie immer war. Was früher auf Jahrmärkten den naiven Hausmädchen an schönen Prinzen und unglücklichen Aschenputtels singend vorgeführt wurde, was in Lore- und Arztromanen viele Erwachsene heute noch zum Träumen bringt, das sind die großen Sänger-Knaben für viele unserer Mädchen zwischen zehn und zwanzig. In Heilbronn am vergangenen Wochenende hautnah mitzuerleben – beim Konzert von „Caught in the Act“ im Eisstadion. Und demnächst gibt’s was ähnliches für die ganze Familie, als Nachklapp zur Umweltbewegung, wenn die zotteligen und rosagesichtigen Kellys zum Konzert ins Frankenstadion bitten.



OB-Kandidaten

Manche spekulieren, andere wissen es schon - viele vermuten einiges. Aber niemand weiß nichts Genaues. Nach dem Rathaus-Skandal in Heilbronn war in einigen Presseorganen schon zu lesen, daß Manfred Weinmann als Heilbronner OB demnächst seinen Hut nehmen müßte. Auf welche Art auch immer dies geschehen mag. Politische Kenner der Szene meinen jedoch, daß davor die Christdemokratische Partei ist, die allerdings in entscheidenden Momenten der vergangenen Monate, vor allem zu Zeiten des Landtagswahlkampfes, ihrem Parteifreund Weinmann, der sich allzu eng an den Wirtschaftsminister und SPD-Abgeordneten aus Heilbronn Dieter Spöri angelehnt hatte, den Schutz versagt hatte. Jetzt aber, wo es zur Sache geht, ist man auch in Stuttgart nicht gerade glücklich über die Heilbronner OB-Diskussion. Lieber eine schwarze Taube in der Hand, als eventuell einen roten Elefanten auf dem Dach, sagen sich so manche Parteistrategen. Da muß der Manfred halt durch. Und so wird sorgsam abgecheckt, wie die Chancen stehen. Die Nähe zur Partei hatte Manfred Weinmann immer, allein durch seine Funktionen in der CDU. Jetzt geht es darum, daß seine Freunde ihm keine Knüppel mehr in den Weg werfen. Die Flucht nach vorn scheint dabei der beste Ausweg aus der reichlich verfahrenen Situation zu sein. Und die Mithaftung jener, die sich derzeit tief geduckt haben, weil die Kugeln allzu tief fliegen. Man könnte ja getroffen werden. Kurz vor der Aufklärung, die eigentlich schon für die Woche nach Pfingsten angekündigt worden war, sind viele im Rathaus im Urlaub: zum Beispiel der Erste Bürgermeister Werner Grau, die Persönliche Referentin des OBs und der Leiter des Rechnungsamtes. Wenn das Haus brennt, muß von allen gelöscht werden. In Heilbronn aber scheint es, als ob der Oberbürgermeister für den Skandal allein geradezustehen hat.  Die Spekulationen, daß Thomas Strobl (Heilbronner CDU-Kreisvorsitzender), Harry Mergel (designierter SPD-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat) oder der Werner Grau (Erster Bürgermeister) schon in den Startlöchern für einen OB-Wahlkampf stehen, das dürfte reichlich weit hergeholt sein. Zunächst muß der Bär erlegt sein, ehe das Fell verteilt wird.



Ladenschluß

Die Anhörung von Vertretern der Wirtschaft, Gewerkschaften und Verbraucherverbänden vor dem Sozialausschuß des deutschen Bundestages zur Änderung der deutschen Ladenschlußzeiten hat wenig gebracht. Die Argumente sind seit Monaten auf dem Tisch, die Fronten verhärtet – nichts bewegt sich mehr. Einen seltsam faulen Kompromiß hat die Koalition in Bonn zustandegebracht, der am Pfingstwochenende von einigen Unionsabgeordneten wieder in Frage gestellt wurde. Vorgesehen war ja darin eine Verlängerung der Öffnungszeiten werktags auf 20 Uhr, an Samstagen auf 16 Uhr und eine Lockerung des Sonntagsbackverbots. Wie erwartet hatten sich der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels in seltsamem Einklang mit den Gewerkschaften gegen jegliche Änderung der bestehenden Ladenschlußzeiten gewandt. Andere Vertreter des Handels, die Verbraucherverbände und Spitzenorganisationen der Wirtschaft plädieren nach wie vor für eine Liberalisierung, die weiter geht als jene von der Bundesregierung geplante. Jetzt können die Liberalen mal zeigen, ob sie Durchhaltevermögen besitzen oder nur ihr Mäulchen in Wahlkämpfen spitzen, ohne später auch zu pfeifen. Und die Sozis müssen klar machen, ob sie nur einer Gewerkschaft hinterherrennen oder sich für die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung einzusetzen gedenken. Gefreut hat mich, daß der Hotel- und Gaststättenverband kundtat, daß längere Ladenöffnungszeiten eine Revitalisierung der Innenstädte nach sich zöge. Dazu sei es notwendig, daß die Läden bis 21 Uhr geöffnet hätten, damit die Kunden gleich einen Besuch in der Gastronomie anschließen könnten. Wie dem auch sei: Es gibt offensichtlich immer noch zu viele Abgeordnete, die nicht wissen, was freie Marktwirtschaft heißt. Sie werden es lernen müssen. Der Markt wird sie über kurz oder lang dazu zwingen.



Junggesellen-Besen

Vom Turm aus habe ich mir das Junggesellen-Kehren auf dem Heilbronner Marktplatz am letzten Samstag angeschaut. Stapfte da doch wirklich eine Imitation von mir stolz über den Marktplatz – und die Tageszeitung glaubte dem Mann auch noch. Und was mußte ich sehen? Zunächst einmal: Brav hatten sie den Dreck zusammengekehrt, die Jungmänner. Schöne Häufchen mit dem üblichen Dreck: Kaugummi-Reste, Zigaretten-Stummel und -schachteln, Verpackungsreste, viel Staub, etc. Eine praktische Übung für die emanzipierte Ehe: der Mann saugt, kehrt, wäscht, versorgt die Kinder, die Frau geht zum Weiber-Stammtisch, kümmert sich um die Politik und den Broterwerb für die Familie. Oder umgekehrt. Hauptsache emanzipiert. Beste Feger auf dem Marktplatz, die auch noch in anderen Disziplinen glänzten: Thomas Lischke (Flein),  Jürgen Dudt (Heilbronn-Böckingen) und Hans Schmitt (Heilbronn). Siegprämie für die drei: ein Candlelight-Dinner (festliches Essen bei Kerzenlicht) mit Herzdame im Heilbronner Ratskeller. 66 kehrende Junggesellen sollen auf dem Marktplatz gesehen worden sein. Aber auf der Liste standen schlußendlich nur 54 plus das als Männle kostümierte Wesen. Dreihundert Straßenkehrer-Urkunden hatte Heilbronns Oberbürgermeister Manfred Weinmann vorsorglich unterzeichnet. Nicht klar war auch, ob nun der eine oder andere Junggeselle unter den zuschauenden Damen sein Herzblatt entdeckt und gefunden hatte, oder ob eine der äugenden Maiden das Mannsbild ihrer Träume unter den Saubermännern sich ausgeguckt hatte. ‘S wär halt scho a Sach, wenn im Ländle der Kehrwoche die Liebe beim Fegen keimt.



Ulrike und Adolf

Hier oben auf dem Turm ist der Radioempfang wunderbar. Im Gegensatz zu manchen Straßen in und um Heilbronn, wo man die Hörfunk-Programme des Südfunks gar nicht oder nur schlecht empfangen kann. Das ist halt die Grundversorgung, für die wir monatlich viel Geld zahlen. Was ich aber am Freitag letzter Woche und diesen Montag von Südfunk 2, dem Kulturkanal, auf die Ohren bekam, das hat mich doch staunen lassen. Zum zwanzigsten Todestag der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof wurde an beiden Tagen jeweils zwischen 17 und 18 Uhr ein Mitschnitt einer Gedenkveranstaltung in Berlin ausgestrahlt. Nun kann man sicher darüber diskutieren, welche Motive junge Menschen aus bürgerlichen Häusern hatten, um sich dem kriminellen Linksterrorismus zu verschreiben. Das ist genauso sinnvoll, wie man sich fragen kann, warum viele Proletarier-Jugendliche sich den Neonazis anschließen. Aber daß die Apologeten der RAF-Bewegung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Propaganda für sich und ihre derzeit ohne Gewalt angestrebten Ziele machen dürfen, ohne ein Wort des Bedauerns für die schrecklichen Taten, das ist für mich neu. Ich verstehe durchaus, wenn journalistisch aufbereitet über diese Vergangenheit der Bundesrepublik aus Anlaß des 20. Todestages der Ulrike Meinhof umfassend recherchiert berichtet wird. Aber unkommentierte Selbstdarstellungen, bei der die Moderatorin auch noch aus dem Milieu stammt, das habe ich bisher noch nicht kennengelernt. Aber vielleicht ist das Programm beim Südfunk. In dieser Folge dürfte demnächst der Herausgeber der Nationalzeitung uns in einer Diskussionssendung gegenübertreten, bei der aus Anlaß des Todestages von Rudolf Hess mehr oder minder junge Rechtsterroristen über ihren vergeblichen Kampf berichten. Dann können sie auch über ihren Adolf, Rudolf, Heinrich oder Josef schwadronieren, so wie jene im Südfunk mit Tränen in der Stimme über Ulrike, Gudrun, Jan-Carl und Andreas.



Geldverschwender

Wir haben es ja. Zwar sind die öffentlichen Kassen leer und alle Welt jammert übers Waigel‘sche Sparpaket, doch davon hat die Kawag noch nichts gehört. Denn wie wäre wohl sonst folgender Fall möglich? Da wird im Abstatter Teilort Happenbach eine Ortsstraße mit Pflastersteinen für teures Geld saniert. Und gerade jetzt, da der letzte Stein gesetzt ist, steht die Kawag da und möchte das Pflaster wieder aufreißen, da sich die Mehrheit der Bevölkerung für eine Erdverkabelung entschieden habe. Dabei hatte der Abstatter Gemeinderat schriftlich bei der Kawag in Ludwigsburg angefragt, ob man Erdverkabelung und Pflasterarbeiten nicht in einem Rutsch abwickeln könne. Aus Ludwigsburg kam der Bescheid: Nein! In solchen Fällen müßten bei der Kawag sofort die Verantwortlichen für diese Geldverschwendung der Gebührenzahler zusammengestaucht werden. Würde ein Angestellter in einem mittelständischen Betrieb solch einen organisatorischen Bockmist bauen, er wäre sehr bald seinen Arbeitsplatz los. Und da redet man immer wieder von schlagkräftiger und effektiver Arbeit öffentlicher Verwaltung oder öffentlicher Unternehmen. Pustekuchen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen