Post
und Marken
Wer
sich ordentlich ärgern möchte, der muß nur versuchen, an einem Sonntag die
Dienste unserer Post in Anspruch zu nehmen. Da fahre ich doch sonntags in
Heilbronn zur neuen Hauptpost beim Bahnhof, will dort Briefmarken aus einem
Automaten für meine sehr dringende Korrespondenz ziehen. Fehlanzeige: Der
Apparat meldet „Außer Betrieb“. Der Kasten daneben hat nur eine stark
beschränkte Auswahl, die zudem auch noch die richtigen Münzen erfordert. Also
geht die Suche los: a) nach einem freundlichen Zeitgenossen, der Geld wechselt
oder b) nach einem Automaten, der die passenden Wertzeichen ausspuckt. Das ist
nicht einfach. Etliche Möchtegern-Postkunden kurven kreuz und quer durch die
Stadt – am letzten Sonntag, 2. Juni 1996. Erreichbar ist bei dem bürgerfernen
Unternehmen Post ohnehin niemand. Ein
ebenso schlauer wie wißbegieriger Unterländer postiert sich deshalb einfach am
Briefkasten, um seine Frage nach Beförderung und notwendiger Frankierung als
„Eilzustellung“ direkt jenem Postler zu stellen, der den Briefkasten leert.
Schließlich kann die Kenntnis um die diversen Zuschläge nicht der
Allgemeinbildung zugerechnet werden. Aber weit gefehlt: Um 12 Uhr kam gar
niemand, obwohl ausweislich der Angabe am Briefkasten eine Leerung stattfinden
sollte. Wer in der Nähe der gelben Box einige Zeit verweilt, kann Flüche und
Schimpfworte hören, die deftiger nicht sein könnten. Da stimmt er doch wieder,
der Spruch aus dem Lied der Christl: „Ja, bei der Post, da geht’s nicht so schnell.“
Geheimnisvoller
Keim
Hausärzte
und andere Mediziner wissen ein Liedchen davon zu singen: Gegen bestimmte
Krankheitserreger ist oft kein Kraut mehr gewachsen. Das Wundermittel
Antibioticum wirkt nur noch in hohen Dosen und immer neuen Varianten. Resistenzen
und Allergien gegen die weiterentwickelten Mittelchen des Penicillins kommen
immer häufiger vor. Die Folge: Gefährliche Infektionen können sich breitmachen.
Besonders in Krankenhäusern ist dies ein Problem. Wehe dem Patienten, der
beispielsweise durch eine Operation geschwächt auch noch Keime in die frische
Wunde bekommt. Und wehe, wenn dann die Antibiotica nicht wirken. Das Thema Krankenhaushygiene stand deshalb
ganz obenan bei einer Fortbildugsveranstaltung im Kreiskrankenhaus am
Plattenwald. So hatten Ärzte und Wissenschaftler einen Keim entdeckt, gegen
den gerade noch ein Antibioticum wirksam ist. Und dieser Keim ist dann
angeblich auch im Kreiskrankenhaus aufgetaucht. Die Folge: Patienten wurden
isoliert, Ärzte konsultierten die Kranken nur noch mit Mundschutz und unter
schärfsten Hygienebestimmungen. Dabei richtet der Krankheitserreger keinen
Schaden an, landet er nicht in einer Wunde oder Verletzung. Für die Besucher
der Patienten war das ganze Brimborium in der Klinik natürlich erschreckend.
Bald machte das Gerücht die Runde, am Plattenwald gebe es die ersten Fälle von
„Rinderwahnsinn“. Alles Quatsch: Die Ärzte dachten eben nur: Vorsicht ist die
Mutter der Porzellankiste.
Bubis
und Mädels
Da
gab es doch mal die Beatles - heute schon tot oder Großväter. Irgendwann zu
Beginn der Sechziger kreischten deswegen in England völlig ungeniert und
hysterisch die Girls wie zwanzig Jahre zuvor die deutschen Maiden beim Anblick
ihres heißgeliebten Führers. Heftiges Kopfschütteln bei den Erwachsenen war die
Folge. Nicht beim deutschen Führer, sondern bei den britischen Beatles. Viele
fragten sich: Was haben wir in der Erziehung falsch gemacht? Andere beruhigten
sich damit, daß diese eigentümliche Verhalten ja nur die Kinder der proletarischen
Schichten betrifft. Die waren ja seit eh und je versaut. Einerseits durch das
kritiklose Mitmarschieren bei den faschistischen Führern und Duces,
andererseits durch das Bejubeln der kommunistischen Menschenschlächter. Kultur,
kritischen Beäugen der Lieblinge und Idole, war von denen eh nicht zu erwarten.
Und nun das: Seit einigen Jahren schon flippen Mädchen aus allen Schichten beim
Anblick von hopsenden Bubi-Bands mit dünnlichen Stimmen aus, ob sie nun „Take
That“ oder „Caught in the Act“ heißen. Industriemäßig
hergestellte Lieder werden von jeweils vier gestylten Herren, Mischung
Dressman/Sängerknabe, unter die lechzende Kid- und Teenie-Masse vornehmlich
weiblichen Geschlechts gebracht, die in der Realität selten kriegen, was sie da
oben auf der Bühne mit Teddybären, rosa Herzchen und Blümchen bewerfen. Die
Kinder der lauten Frauenemanzipation sehnen sich offenbar nach echt schönen
Männern. Die Barbie-Puppen-Generation formuliert lautstark ihre Wünsche – und
die Musikindustrie befriedigt sie mit all der ihr zur Verfügung stehenden
Kraft. Schöne neue Welt, kann ich da nur flüstern. Die Menschheit ist offenbar
so geblieben, wie sie immer war. Was früher auf Jahrmärkten den naiven
Hausmädchen an schönen Prinzen und unglücklichen Aschenputtels singend
vorgeführt wurde, was in Lore- und Arztromanen viele Erwachsene heute noch zum
Träumen bringt, das sind die großen Sänger-Knaben für viele unserer Mädchen
zwischen zehn und zwanzig. In Heilbronn am vergangenen Wochenende hautnah
mitzuerleben – beim Konzert von „Caught in the Act“ im Eisstadion. Und
demnächst gibt’s was ähnliches für die ganze Familie, als Nachklapp zur
Umweltbewegung, wenn die zotteligen und rosagesichtigen Kellys zum Konzert ins
Frankenstadion bitten.
OB-Kandidaten
Manche
spekulieren, andere wissen es schon - viele vermuten einiges. Aber niemand weiß
nichts Genaues. Nach dem Rathaus-Skandal in Heilbronn war in einigen
Presseorganen schon zu lesen, daß Manfred Weinmann als Heilbronner OB demnächst
seinen Hut nehmen müßte. Auf welche Art auch immer dies geschehen mag. Politische Kenner der Szene meinen jedoch,
daß davor die Christdemokratische Partei ist, die allerdings in entscheidenden
Momenten der vergangenen Monate, vor allem zu Zeiten des Landtagswahlkampfes,
ihrem Parteifreund Weinmann, der sich allzu eng an den Wirtschaftsminister und
SPD-Abgeordneten aus Heilbronn Dieter Spöri angelehnt hatte, den Schutz versagt
hatte. Jetzt aber, wo es zur Sache geht, ist man auch in Stuttgart nicht
gerade glücklich über die Heilbronner OB-Diskussion. Lieber eine schwarze Taube
in der Hand, als eventuell einen roten Elefanten auf dem Dach, sagen sich so
manche Parteistrategen. Da muß der Manfred halt durch. Und so wird sorgsam
abgecheckt, wie die Chancen stehen. Die Nähe zur Partei hatte Manfred Weinmann
immer, allein durch seine Funktionen in der CDU. Jetzt geht es darum, daß seine
Freunde ihm keine Knüppel mehr in den Weg werfen. Die Flucht nach vorn scheint
dabei der beste Ausweg aus der reichlich verfahrenen Situation zu sein. Und die
Mithaftung jener, die sich derzeit tief geduckt haben, weil die Kugeln allzu
tief fliegen. Man könnte ja getroffen werden. Kurz vor der Aufklärung, die
eigentlich schon für die Woche nach Pfingsten angekündigt worden war, sind
viele im Rathaus im Urlaub: zum Beispiel der Erste Bürgermeister Werner Grau,
die Persönliche Referentin des OBs und der Leiter des Rechnungsamtes. Wenn das
Haus brennt, muß von allen gelöscht werden. In Heilbronn aber scheint es, als
ob der Oberbürgermeister für den Skandal allein geradezustehen hat. Die Spekulationen, daß Thomas Strobl
(Heilbronner CDU-Kreisvorsitzender), Harry Mergel (designierter
SPD-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat) oder der Werner Grau (Erster
Bürgermeister) schon in den Startlöchern für einen OB-Wahlkampf stehen, das
dürfte reichlich weit hergeholt sein. Zunächst muß der Bär erlegt sein, ehe das
Fell verteilt wird.
Ladenschluß
Die
Anhörung von Vertretern der Wirtschaft, Gewerkschaften und Verbraucherverbänden
vor dem Sozialausschuß des deutschen Bundestages zur Änderung der deutschen
Ladenschlußzeiten hat wenig gebracht. Die Argumente sind seit Monaten auf dem
Tisch, die Fronten verhärtet – nichts bewegt sich mehr. Einen seltsam faulen
Kompromiß hat die Koalition in Bonn zustandegebracht, der am Pfingstwochenende
von einigen Unionsabgeordneten wieder in Frage gestellt wurde. Vorgesehen war
ja darin eine Verlängerung der Öffnungszeiten werktags auf 20 Uhr, an Samstagen
auf 16 Uhr und eine Lockerung des Sonntagsbackverbots. Wie erwartet hatten sich
der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels in seltsamem Einklang mit den
Gewerkschaften gegen jegliche Änderung der bestehenden Ladenschlußzeiten
gewandt. Andere Vertreter des Handels, die Verbraucherverbände und
Spitzenorganisationen der Wirtschaft plädieren nach wie vor für eine
Liberalisierung, die weiter geht als jene von der Bundesregierung geplante.
Jetzt können die Liberalen mal zeigen, ob sie Durchhaltevermögen besitzen oder
nur ihr Mäulchen in Wahlkämpfen spitzen, ohne später auch zu pfeifen. Und die
Sozis müssen klar machen, ob sie nur einer Gewerkschaft hinterherrennen oder
sich für die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung einzusetzen gedenken. Gefreut
hat mich, daß der Hotel- und Gaststättenverband kundtat, daß längere
Ladenöffnungszeiten eine Revitalisierung der Innenstädte nach sich zöge. Dazu
sei es notwendig, daß die Läden bis 21 Uhr geöffnet hätten, damit die Kunden
gleich einen Besuch in der Gastronomie anschließen könnten. Wie dem auch sei:
Es gibt offensichtlich immer noch zu viele Abgeordnete, die nicht wissen, was
freie Marktwirtschaft heißt. Sie werden es lernen müssen. Der Markt wird sie
über kurz oder lang dazu zwingen.
Junggesellen-Besen
Vom
Turm aus habe ich mir das Junggesellen-Kehren auf dem Heilbronner Marktplatz am
letzten Samstag angeschaut. Stapfte da doch wirklich eine Imitation von mir
stolz über den Marktplatz – und die Tageszeitung glaubte dem Mann auch noch.
Und was mußte ich sehen? Zunächst einmal: Brav hatten sie den Dreck
zusammengekehrt, die Jungmänner. Schöne Häufchen mit dem üblichen Dreck:
Kaugummi-Reste, Zigaretten-Stummel und -schachteln, Verpackungsreste, viel
Staub, etc. Eine praktische Übung für
die emanzipierte Ehe: der Mann saugt, kehrt, wäscht, versorgt die Kinder, die
Frau geht zum Weiber-Stammtisch, kümmert sich um die Politik und den Broterwerb
für die Familie. Oder umgekehrt. Hauptsache emanzipiert. Beste Feger auf
dem Marktplatz, die auch noch in anderen Disziplinen glänzten: Thomas Lischke
(Flein), Jürgen Dudt
(Heilbronn-Böckingen) und Hans Schmitt (Heilbronn). Siegprämie für die drei:
ein Candlelight-Dinner (festliches Essen bei Kerzenlicht) mit Herzdame im
Heilbronner Ratskeller. 66 kehrende Junggesellen sollen auf dem Marktplatz
gesehen worden sein. Aber auf der Liste standen schlußendlich nur 54 plus das
als Männle kostümierte Wesen. Dreihundert Straßenkehrer-Urkunden hatte
Heilbronns Oberbürgermeister Manfred Weinmann vorsorglich unterzeichnet. Nicht
klar war auch, ob nun der eine oder andere Junggeselle unter den zuschauenden
Damen sein Herzblatt entdeckt und gefunden hatte, oder ob eine der äugenden
Maiden das Mannsbild ihrer Träume unter den Saubermännern sich ausgeguckt
hatte. ‘S wär halt scho a Sach, wenn im Ländle der Kehrwoche die Liebe beim
Fegen keimt.
Ulrike
und Adolf
Hier
oben auf dem Turm ist der Radioempfang wunderbar. Im Gegensatz zu manchen
Straßen in und um Heilbronn, wo man die Hörfunk-Programme
des Südfunks gar nicht oder nur schlecht empfangen kann. Das ist halt die
Grundversorgung, für die wir monatlich viel Geld zahlen. Was ich aber am
Freitag letzter Woche und diesen Montag von Südfunk 2, dem Kulturkanal, auf die
Ohren bekam, das hat mich doch staunen lassen. Zum zwanzigsten Todestag der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof wurde an
beiden Tagen jeweils zwischen 17 und 18 Uhr ein Mitschnitt einer
Gedenkveranstaltung in Berlin ausgestrahlt. Nun kann man sicher darüber
diskutieren, welche Motive junge Menschen aus bürgerlichen Häusern hatten, um
sich dem kriminellen Linksterrorismus zu verschreiben. Das ist genauso
sinnvoll, wie man sich fragen kann, warum viele Proletarier-Jugendliche sich
den Neonazis anschließen. Aber daß die Apologeten der RAF-Bewegung im
öffentlich-rechtlichen Rundfunk Propaganda für sich und ihre derzeit ohne
Gewalt angestrebten Ziele machen dürfen, ohne ein Wort des Bedauerns für die schrecklichen
Taten, das ist für mich neu. Ich verstehe durchaus, wenn journalistisch
aufbereitet über diese Vergangenheit der Bundesrepublik aus Anlaß des 20.
Todestages der Ulrike Meinhof umfassend recherchiert berichtet wird. Aber
unkommentierte Selbstdarstellungen, bei der die Moderatorin auch noch aus dem
Milieu stammt, das habe ich bisher noch nicht kennengelernt. Aber vielleicht
ist das Programm beim Südfunk. In dieser Folge dürfte demnächst der Herausgeber
der Nationalzeitung uns in einer Diskussionssendung gegenübertreten, bei der
aus Anlaß des Todestages von Rudolf Hess mehr oder minder junge
Rechtsterroristen über ihren vergeblichen Kampf berichten. Dann können sie auch
über ihren Adolf, Rudolf, Heinrich oder Josef schwadronieren, so wie jene im
Südfunk mit Tränen in der Stimme über Ulrike, Gudrun, Jan-Carl und Andreas.
Geldverschwender
Wir
haben es ja. Zwar sind die öffentlichen Kassen leer und alle Welt jammert übers
Waigel‘sche Sparpaket, doch davon hat die Kawag noch nichts gehört. Denn wie
wäre wohl sonst folgender Fall möglich? Da wird im Abstatter Teilort Happenbach
eine Ortsstraße mit Pflastersteinen für teures Geld saniert. Und gerade jetzt,
da der letzte Stein gesetzt ist, steht die Kawag da und möchte das Pflaster
wieder aufreißen, da sich die Mehrheit der Bevölkerung für eine Erdverkabelung
entschieden habe. Dabei hatte der
Abstatter Gemeinderat schriftlich bei der Kawag in Ludwigsburg angefragt, ob
man Erdverkabelung und Pflasterarbeiten nicht in einem Rutsch abwickeln könne.
Aus Ludwigsburg kam der Bescheid: Nein! In solchen Fällen müßten bei der Kawag
sofort die Verantwortlichen für diese Geldverschwendung der Gebührenzahler
zusammengestaucht werden. Würde ein Angestellter in einem mittelständischen
Betrieb solch einen organisatorischen Bockmist bauen, er wäre sehr bald seinen
Arbeitsplatz los. Und da redet man immer wieder von schlagkräftiger und
effektiver Arbeit öffentlicher Verwaltung oder öffentlicher Unternehmen.
Pustekuchen!
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