Freitag, 21. Februar 2014

Kiliansmännle, 03.07.1996




Feschtleskönig
Wenn Weindorf und Karneval vereint grüßen und ein Feuerwerk so farbenprächtig glitzert, daß selbst Volksfestwirtin Josefine Maier beim Vergleich zu ihrem Lichterzauber vor Neid erblassen würde, dann ist die Heilbronner High-Society aus dem Häusle. Weg von daheim, im Hof der Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg. Auserwählte 250 durften dem Geschäftsführer August Muhler zum 50. Geburtstag zuprosten. Die Heilbronner Bürgermeister-Riege gehörte nicht dazu. Entweder glänzte sie durch Abwesenheit, oder sie war von „Gustl“ erst gar nicht eingeladen. Das hat dem Abend wenig geschadet. Bevor der Cleebronner Feuerwerks-Guru Walter Zink die Raketen aus dem Wengert feuerte, ging’s im Hof heiß her. Kanevalsvereine aus Heilbronn und Ellhofen, langbeinige Tanzgirls von Sigrid Lipp, Sänger und Musiker, Bauchtänzerin und Jaghornbläser heizten an diesem lauen Sommerabend nicht nur dem „Programmdirektor“ Lutz Wagner (SDR) mächtig ein. Auch spanisch war die Nacht, und rot der Württemberger. Günter Erlewein ließ die Flamenco-Mädchen antanzen, die alle Jahre wieder beim Heilbronner Europafest in Carmens Fußstapfen treten. An Speis und Trank hat’s auch nicht gemangelt. Der Knochenschinken war mager, die Spanferkel-Fülle exzellent und das Reh-Gulasch aus eigenem Abschuß des Geburtstagskindes. Weingenossen, die sonst im Heilbronner Weindorf einschenken (wo waren eigentlich deren Chefs?), ließen sich nicht lumpen. Gleich kistenweise kamen die Musterflaschen an, und der Sekt aus dem Keller der WG floß in Strömen. Auffallend auch hier: Wenn’s nix koscht, dann langen auch die Promis kräftig zu. Der Wunsch des Geburtstagskindes ging auf jeden Fall in Erfüllung: Er bekam den Gewehrschrank und einen Abend, von dem in gewissen Unterländer Kreisen noch lange gesprochen wird. Für so manchen kommenden Jubilar wird’s wohl schwierig werden, den Feschtles-König August Muhler in den Schatten zu stellen. Aber wie ich meine Mitbürger hier im Gäu kenne, wird jetzt von Jubiläumsfest zu Jubiläumsfest die Phantasie neue Kreationen liefern. Nur preiswert muß es sein.

Entsorgung
Das Salzgeschäft der Südwestdeutschen Salzwerke in Heilbronn boomt. Eine Dividende von 22 Prozent ist den Aktionären sicher. Heute bei der 25. ordentlichen SWS-Hauptversammlung können die beiden Vorstände Ekkehard Schneider und Heinz Heckmann stolz auf das florierende Salz- und Entsorgungsgeschäft in Heilbronn und Kochendorf verweisen.  Um die 50 Millionen hat man dazuhin noch auf der hohen Kante. Vielleicht wird das Geld benötigt, um Teile der vom Land zur Privatisierung anstehenden „Sonderabfallentsorgung Baden-Württemberg GmbH“ zu erstehen (Sitz der SBW ist Fellbach; mit knapp einhundert Mitarbeitern wird  ein Umsatz von 40 Millionen im Jahr erwirtschaftet; in Billigheim betreibt die SWB eine Übertage-Sonderabfalldeponie).  Nachdem sich der Wunschpartner des Landes, die beiden großen baden-württembergischen  Energieversorgungsunternehmen EVS und Badenwerk samt ihrer Entsorgungstöchter Evas und Useg bisher für eine Übernahme nicht begeistern konnten, blieben nur noch die Unterländer Salzwerke. Und dem Land könnte es recht sein, wenn die SWS zugreift. Hält es doch zusammen mit der Stadt Heilbronn neunzig Prozent der Salzwerke-Aktien. Wie las ich kürzlich: Das im Entsorgungsgeschäft sehr engagierte Unternehmen SWS könnte damit seine Möglichkeiten arrondieren. Aber was soll da abgerundet, vervollständigt werden? Mit den Salzstöcken verfügt die SWS über gewaltige Kapazitäten in der Untertage-Deponie in Heilbronn und Kochendorf. Mit der hinzukommenden Billigheimer Deponie hätte die SWS dann eine Übertage-Deponie. Aber wieviel ist die dem Heilbronner Unternehmen wert? In Stuttgart heißt es, wenn der Finanzminister beim Verkauf fünf Millionen Mark sieht, dann könne er sich glücklich schätzen. Andere meinen, es ginge auch für den symbolischen Wert von einer Mark. Mal sehen, wie geschickt die Heilbronner Vorstände die Wünsche des Landes zum Vorteil ihres Unternehmens ummünzen. Und so ist halt das Leben: Davon partizipieren die Eigentümer - Heilbronn und Baden-Württemberg – dann auch wieder kräftig. Honi soit qui mal i pense. Ein Schelm ...

Rot-Grün?
Eine rotgrüne Koalition sollte es nach den Landtagswahlen in Stuttgart geben, ein Bündnis für den sogenannten Fortschritt bei uns in Baden-Württemberg. Wurde aber nichts draus. Der Wähler machte den Politikern mit dieser Absicht einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Dieter Spöri, Heilbronner SPD-Landtagsabgeordneter, war als Ministerpräsident für eine derart farbenschillernde Koalition ausersehen. Ihn straften die Wähler mit 25 Prozent für seine Partei nicht nur im Lande ab, er verlor darüber hinaus auch noch sein Heilbronner Direktmandat. Und jetzt wird spekuliert, wann er sein über die Zweitauszählung erlangten Sitz im Stuttgarter Landtag aufgibt. Da Friedrich Niethammer als Zweikandidat aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten kann, würde das Heilbronner Mandat dann nach Schwäbisch Gmünd abgegeben. In der Käthchenstadt hat sich Spöri seit der Wahl nicht mehr blicken lassen. Und darob sind die Heilbronner Genossen strutsauer. Auch beim Treffen der SPD-Ortsvereinsvorsitzenden aus dem Ländle in Wernau wurde er nicht gesichtet. Dort hatte man sogar den einstigen politischen Lieblingspartner zum Lieblingsgegner erklärt. Munter wurde auf die Grünen eingeprügelt, daß es nur so rauchte im sozialdemokratischen Karton. Selbst Oskar Lafontaine geißelte die Sonnenblümler als eine „Partei des Zeitgeistes“. Und auch Ulrich Maurer, der Sozi-Landeschef, sah im Wunschpartner a. D. nur noch den Gegner pur. Mehr als die Hälfte der SPD-Wähler, teilte er den Funktionären mit, würde eine Koalition mit den Grünen ohnehin ablehnen. Selbstkritisch stellte er fest: Die SPD habe den Grünen „zuviel Platz gelassen“. Das habe die SPD-Wahlchancen erheblich gemindert. Aber nicht die Grünen haben bei der März-Landtagswahl verloren, sondern die SPD. Fehler müssen die Genossen also zuerst bei sich selbst suchen, nicht bei anderen Parteien. Billige Entschuldigungen ersetzen noch lange keine gute Politik, sind höchstens Pflaster für die noch offenen Partei-Wunden.

Standort-Fragen
Die Region Stuttgart soll Vorbild für andere Regionen bei uns in Baden-Württemberg sein. Sagt der Unternehmer Hans Peter Stihl aus Waiblingen, der hart für diesen Zusammenschluß des Ballungsraumes um die Landeshauptstadt gekämpft hatte. Deshalb ist der Rat des Unternehmers für die Region Franken, das heißt den „Wirtschaftsraum Heilbronn“, nicht zu warten, bis sich irgendwann mal die Landräte und Oberbürgermeister aus der Region mit ihrem Interessengeklüngel geeinigt haben. Vielmehr sollte diesen Herren „Feuer unter den Hintern“ gemacht werden.  Aber wer spielt den Zündler?  Es gäbe ja genügend Interessengruppen: Unternehmer, Gewerkschafter, Kommunal- und Kreisparlamente. Denn es ist höchste Zeit. Die Region um Heilbronn steht zu vielen anderen im Lande in Konkurrenz. Und darüberhinaus auch zu den Regionen im den benachbarten Ländern der Europäischen Gemeinschaft. Zentrum des Landes aber solle der Stuttgarter Raum bleiben. Das stellte der IHK-Präsident aus Stuttgart Hans Peter Stihl auch klar. Er habe diese läppischen Streitereien in Baden und Württemberg um die Landeshauptstadt satt. Das schade uns allen im ganzen Ländle. Wer diese Hauptstadt nicht haben wolle, der solle sie doch verlegen. Nach Westen oder Osten. Beeindruckt von diesen und anderen Worten schlug der Neckarsulmer IG-Metall-Chef Frank Stroh vor, man solle wie in Stuttgart ein „Forum Heilbronn“ gründen. Schraubenmilliardär Reinhold Würth aus Künzelsau war gleich Feuer und Flamme.  „Machen Sie mit. Ich mach auch mit“, schlug er dem Gewerkschafter vor. Denn für Reinhold Würth muß sich jetzt etwas bewegen, weil sonst die Region in 10 bis 15 Jahren weg vom Fenster ist. Deutliche Worte beim Heilbronner-Stimme-Forum in der Kreissparkasse, die ansonsten hier in der Provinz kaum zu hören sind. Warum wohl?

Rotlicht
Der Mann hat Heilbronn saubergehalten. So wurde mir aus dem „Milieu“ mitgeteilt. Wäre er nicht gewesen, hätte irgendeine Mafia, ob aus Rußland, Polen, Italien, dem ehemaligen Jugoslawien oder Rumänien schon längst den Heilbronner Markt brutalisert. Heilbronn habe dem jetzt als „Zuhälterkönig“ beschriebenen 44jährigen Mann viel zu verdanken. Neben der Trauer um den auf tragische Weise tödlich Verunglückten war auch Zorn zu hören: Über einen Satz in der Berichterstattung. Er sei „dank des Regens“ beim Klettern von einem Balkon zum anderen in der Oststraße abgestürzt, hatte es geheißen. Genugtuung und klammheimliche Freude über den Tod war dem Berichterstatter wegen dieser Wortwahl unterstellt worden. Dem ist garantiert nicht so. Der Verunglückte war natürlich „wegen des Regens“ ausgerutscht.  Und ob er eine tragische Figur in der Szene gewesen war, das kann eigentlich nur das „Milieu“ selbst, die Kenner und die Polizei beurteilen. Wenn er ein Beherrscher, der für „anständige Zustände“ in Heilbronn gesorgt hatte, gewesen war, dann stellt sich ja jetzt die Frage: Wie geht es weiter? Anständig oder Unanständig? Wer nimmt seinen Platz ein? Wer hat die Autorität dazu? Bei der Berichterstattung hier im Blatte waren für mich die Folgen bemerkenswert. Auf dem Redaktionsanrufbeantworter waren Sätze zu hören wie diese: „Seien Sie froh, daß wir das Jahr 1996 schreiben. Vor zehn Jahren hätten sie damit viel Ärger bekommen – und ihr Redakteur auch.“ Von den üblichen Beschimpfungen mal abgesehen, ist für mich feststellbar: Jetzt ist Unruhe im „Milieu“. Niemand weiß so recht, wie es weitergeht. Aber die Frage lautet auch: Interessiert es jemanden? Die Polizei vielleicht, das Milieu sehr stark, den Normalbürger erst dann, wenn es Auseinandersetzungen gibt, die wie in anderen Städten Deutschlands zu beobachten, blutige und tödliche Kämpfe beinhalten. Niemand will das in Heilbronn.

Lottoglück
Bei einer staatlichen Lotterie haben die Gewinner nach Artikel 763 BGB einen Anspruch auf ihre Preise. Behauptet die Juristin der Verbraucherverbände Sabrina Ziebur-Kühn. Denkste. Bei Sonderauslosungen im deutschen Lotto- und Toto-Block verfallen immer mehr große Gewinne. Von 50 Reisen, die ausgespielt wurden, bekamen 17 Gewinner, die mit dem Online-System (also per Computer) gespielt hatten, ihre Preise nicht.  Laut einer Statistik aus Hessen, wo die Spieler seit 1994 in allen Annahmestellen nur noch per Computer spielen können, stieg die Zahl der nichtabgeholten Gewinne (1994: 16,7 Millionen Mark) seit Einführung von Online um acht Prozent, zum Jahr 1995 noch einmal um 9,6 Prozent. Vor der Online-Einführung wurden Gewinner von 1000 Mark an automatisch informiert. Online-Spieler bekommen jetzt eine Computer-Quittung mit einer eigenen 27stelligen Identifikationsnnummer. Gewinne gibt es nur, wenn sich die Inhaber dieser Quittung melden. Nach Schätzungen verfallen dadurch in diesem Jahr inklusive Geld- und Sachpreise im Wert von 200 Millionen Mark. Abhilfe soll demnächst eine Lotto-Card für die einmalige Gebühr von zehn Mark bringen. Wer gewinnt, der bekommt dann sein Geld automatisch überwiesen. Bei uns im Ländle sind wir momentan noch nicht soweit. Lottoscheine tragen weiterhin die volle Anschrift des Spielers. Aber über kurz oder lang müssen wir uns dank Automatisierung diesem Spieler-Problem stellen. Da bleibt den Lotto-Entusiasten wohl nicht anderes übrig, als sich die Card zu holen. Beim Glücksspiel verdient halt immer nur einer. Und den kennen wir alle.

Amadeus
Schwäbisch Hall hat eine 54stufige Treppe vor der Kirche Sankt Michael, auf der alljährlich zur Sommerszeit Theater gespielt wird. Und das jetzt schon im 71. Spieljahr. Saisoneröffnung war mit dem Schauspiel „Amadeus“, das vielen ja schon aus dem Fernsehen bekannt sein dürfte. Denn nachdem der Film vor Jahren erfolgreich im Kino gelaufen war, hatten öffentlich-rechtliche und private Fernsehsender den sehenswerten Streifen regelrecht durchgenudelt. Es ist also hinlänglich bekannt, was uns da in Hall auf der Treppe über das Leben des großen Wolfgang Amadeus Mozart geboten wird. Und warum nicht mal die abenteuerliche Geschichte, die ja auch von Tourneetheatern immer wieder aufbereitet wird, unter freiem Himmel an einem Sommerabend genießen. Bei der Premiere allerdings blieben viele Stühle leer. Das Spiel Deutschland-Italien bei der Fußball-Europameisterschaft in Großbritannien dürfte auch potentielle Freilichttheaterfans in den Bann geschlagen haben. Damit kann ein Amadeus publikumsmäßig eben nicht konkurrieren. Und so mancher Fan, den die Holde ins Theater schleppte, hatte im Ohr einen kleinen Stöpsel, über den er akustisch das Spiel, optisch die müden Theaterszenen verfolgen konnte. Multimedial sozusagen. Aber das Fußballspiel dürfte begeisternder gewesen sein. Denn Mozart-Musik aus dumpfklingenden Lautsprechern, ein action-armes Erzählstück, das wirkte erst eindringlicher, als die Nacht hereingebrochen war und eine geschickte Licht-Choreografie das Dunkel aufteilte. Aber wer’s noch nicht kennt, der lernt viel über Mozart. Auch wenn historisch kaum etwas von dem, was im Stück gesagt wird, zu halten ist. Es ist halt nur Theater. Wenn auch reichlich langweiliges.

Ausschuß-Ergebnis
Wenn ein Untersuchungsausschuß tagt, ob im Bonner Bundestag, im Stuttgarter Landtag oder im Heilbronner Rathaus, dann ist beim Ergebnis das Ringen um parteiliche Positionen entscheidend. Beim Heilbronner „Akteneinsichtsausschuß“ (welch ein Wortungetüm, der Erfinder sollte wegen Vergewaltigung der deutschen Sprache angeklagt werden) sollen sich die beiden großen Parteien CDU und SPD kein Gerangel geliefert haben. Harmonie war angesagt. Dabei zeigten sich die Sozialdemokraten mehr als Behüter und Beschützer der ach so armen Rathausangestellten, die Christdemokraten wollten volle Aufklärung, trotz ihres OB-Parteifreundes Manfred Weinmann. Am Ende des 70-Seiten-Berichts hofft der Heilbronner OB für seine Stadtverwaltung flehentlich, „daß wir bald wieder eine leistungsfähige Verwaltung sind“. Schuld an der Misere hat ja auch die Presse, denn: „Es tut weh, wie alle über 5.000 Mitarbeiter der Stadt von der Presse diffamiert werden.“ Nicht deutlich zu lesen ist in diesem Bericht, daß es weh tut, wie im Heilbronner Rathaus die Bürger der Stadt Heilbronn jahrelang betrogen wurden, obwohl man den Kriminellen hätte leicht auf die Schliche kommen können. Ansätze, Hinweise – auch das zeigt der Bericht – hatte es in Hülle und Fülle gegeben. Im Ausschußbericht schimmert oft durch, daß alle im Rathaus sich korrekt verhalten hätten, nur ein paar wenige seien große Schlamper gewesen. Mit scheint aber, daß es zuviele Paragraphenreiter in der Stadtverwaltung gibt. Wenn ein Mitarbeiter auf die Frage von Artur Kübler (CDU-Stadtrat), ob er auch eine Rechnung für die chinesische Mauer begleichen würde, sollte eine ordnungsgemäße Zahlungsanweisung (mit zwei Unterschriften) vorliegen, und dieser Mann mit „Ja“ antwortet , dann ist eigentlich schon viel gschwätzt. Der Heilbronner OB muß jetzt deutlich machen, daß er in den vergangenen Jahren von seinen Mitarbeitern nicht zum Frühstücksdirektor degradiert worden ist. Man kann ja auch durch zuviel Delegation von Aufgaben (ohne ausreichende Kontrolle) zur einer tragischen Gestalt werden. Mal sehen, was die Fraktionen am Donnerstag im Gemeinderat an Bewertungs-Munition aus dem Bericht gesammelt haben.

Wo bleibt der Sommer?
Die Bäuche der Flugzeuge gen Süden sind prall gefüllt. Wer immer kann, entflieht dem kühlen Sommer bei uns im Ländle in wärmere Gefilde. Ob am Mittelmeer, in Übersee oder auf den Kanaren. Dorthin halt, wo es um diese Tage und Wochen angenehm sommerlich warm ist, die Sonne tagtäglich scheint und man einen netten Badespaß haben kann. Wir aber bleiben im Lande (ich auf dem Turm ohnehin) und nähren uns redlich. Ich verstehe schon, daß die alten Römer keinen allzugroßen Gefallen an diesen Gefilden gefunden hatten. Was soll auch in den angeblich so schönen Sommerwochen der dauernde Regen, die kühle Witterung und die damit einhergehende miese Stimmung. Mag schon sein, daß sich darüber unsere Landwirte freuen oder andere, die Hitze weniger mögen.  Die Sehnsucht der meisten Menschen – auch in unseren Breitengraden - ist gen Süden gerichtet, weil es dort so ist, wie man sich es bei uns gelegentlich wünscht. Bisher war ja der Sommer 96 nichts als ein grünangestrichener Herbst. Aber einen Trost habe ich: Die Meteorologen behaupten derzeit, zum Wochenende würde es besser werden. Wir dürften mal wieder auf dem Balkon oder der Terrasse grillen, die Kinder könnten nur mit Höschen bekleidet im Garten spielen. Aber was haben die Wetterfrösche uns nicht alles schon erzählt. Glauben tu ich’s erst, wenn die Sonne so richtig prall vom Himmel brennt.

Wir sind Meister
Das war schon eine tolle Europameisterschaft, die uns von den Fußballern da im Fernsehen geboten wurde. Das Spiel gegen England - ein Krimi. Das Endspiel gegen die Tschechen fast genauso spannend. Und dann die Entladung: Hupende Autos auch in Heilbronn bis spät in die verregnete Nacht hinein. Sieger sind wir jetzt alle. Gespielt und den Sieg errungen haben nur wenige. Nämlich jene hochdotierten Männer, die als Gladiatoren mehr als zwei Stunden dem Leder nachjagten, um es im Tor des Gegners ordnungsgemäß zu plazieren. So ist das nun mal im Fußball-Leben. Gefreut haben wir uns wie die Schneekönige, als die seltsam grün-weiß-berockte Königin (der Wembley-Rasen sah weitaus weniger leuchtend aus) den Berti-Buben den Pokal aushändigte, jedem brav die Hand entgegenstreckte und mit süßsaurem Lächeln huldvoll gratulierte. Unser gelernter Bäcker Klinsi dankte formvollendet. Schließlich hat er ja seine britischen Lehrjahre schon hinter sich, der schwäbische Bayern-Mann. Die Feier in London bei den deutschen Tretern war feuchtfröhlich, wie zu hören war – und in der Unterlandmetropole legten währenddessen die Fans den Verkehr in der Innenstadt lahm. Was mich immer so verwundert: Da gewinnen elf Mannen ein Spiel mit dem Ball – und Hunderttausende tun nachher so, als hätten sie mitgespielt und müßten sich danach von der Anstrengung ausgiebig feiernd erholen. Allerdings ist es immer noch die beste Form und Austragung von Krieg und Sieg (oder Niederlage). Sport hat ja oft sehr viel mit Kräftemessen zu tun. Der eine ist stärker und siegt – oder hat nur das Glück auf seiner Seite, und der andere ist der Looser. Wie im richtigen Leben.

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