Freitag, 21. Februar 2014

Kiliansmännle, 10.07.1996




Oh, Kilian-Watzke
Er hatte ja grundsätzlich gesehen recht, der Heilbronner Stadttheater-Schauspieler Frank Watzke, als er am Samstag in den Kammerspielen seinen Kilian-Preis für die beste Leistung in der Hauptrolle (Männer) ablehnte. Denn damit würde die Arbeit der anderen Kollegen abgewertet. Aber dank nettem und charmantem Süßholzgeraspel der Laudatorin Maria Soulas (Südfunk) nahm er Geld, Statue und Urkunde dann doch entgegen. Es wäre ja auch eine Beleidigung für die Wähler aus dem Theaterverein und die Festgesellschaft gewesen, wäre er bei seiner unverbindlichen Ablehnung geblieben. Vielleicht ist dieser kleine Eklat Anregung für die Verantwortlichen beim Theaterverein, darüber nachzudenken, ob man die Preise weniger nach dem Schulnotenprinzip durch die Wahl von Vereinsmitgliedern vergibt, sondern sich eher an einer Auszeichnung für die Leistung zweier Schauspieler (weiblich und männlich) in der gesamten Spielzeit orientiert. Und da könnte dann eine fachkundige Jury gleichberechtigt neben den Vereinsmitgliedern ihr Urteil in die Waagschale werfen. Der einzelne Schauspieler hätte mehr Preisgeld in der Tasche und der Kilianpreis erhielte eine stärkere Wirkungskraft. Geschmälert hat die Kilian-Preisverleihung auch der Streit zwischen Feuilleton der Tageszeitung und Theaterleitung, der vom Vorsitzenden Uwe Jacobi angesprochen wurde. Folge: Unter den Laudatoren war kein Kritiker aus der Heilbronner Stimme zu finden. Einigen mißfällt, daß Freilichttheater-Aufführungen alljährlich enthusiastisch gefeiert werden, obwohl die künstlerische Qualität dieser Inszenierungen oft zu wünschen übrig läßt, während das Heilbronner Stadttheater in seinen Leistungen mit der Bundesliga-Elle gemessen und reichlich lieblos beurteilt werde. Verständlich, daß sich Intendant Klaus Wagner seine erfolgreiche und vielfach bewunderte Lebensleistung für Heilbronn nicht kleinreden lassen will. Mir wäre ein offen ausgetragener Streit um die Sache allerdings lieber als das seltsame wortarme Gezerre.

Jugendgemeinderat
18 Sitze sind im Eppinger Jugendgemeinderat zu vergeben – 30 Kandidaten, alle zwischen 15 und 18 Jahren, haben sich um die Plätze beworben und stellten sich im Eppinger Gemeindehaus vor. Die Vorstellungsrunde soll  aber – so ist mir aus gut unterrichteten Kreisen gesagt worden  – eine recht linkische Angelegenheit gewesen sein. Da seien die Kandidaten etwas schüchtern dagestanden und hätten ein paar wenige Sätze über das verloren, was sie schließlich und endlich anders machen wollen. Denn dem Jugendgemeinderat steht ein Etat von 10.000 Mark zur Verfügung. Die Verbesserungsvorschläge konzentrierten sich im Großen und Ganzen auf Feschtle. Ein eigener Platz zum Feiern, an dem man von niemand gestört wird und an dem man auch niemand stört, der Disco-Bus solle öfter und nicht nur Heilbronn anfahren. Politische Motive für eine Kandidatur gab’s weniger: Zwei Hauptschüler wollen gewählt werden, damit ihre Schulkameraden „nicht immer so schlecht gemacht werden.“ Verdenken kann man’s den Jugendlichen nicht, daß sie sich vor allem für das einsetzen, was ihnen unter den Nägeln brennt – und das sind nun mal Partys und andere Festivitäten. Schließlich feiern „die Großen“ auch gerne: Weindorf, Traubenblütenfest allein in Heilbronn. Und in der restlichen Region sagt auch keiner nein, wenn Weingott Bacchus gehuldigt werden soll. Schließlich zählt die (Fest-)Kultur ja zu den sogenannten weichen Standortfaktoren und hebt die Lebensqualität. Ich meine, warten wir’s ab. Wenn die jungen Leut erst mal in der Ratstätigkeit drinstecken, dann werden sicherlich auch andere Themen diskutiert. Über die ureigensten Belange in einem Quasi-Parlament zu diskutieren und entscheiden, das könnte bei einigen Jugendlichen Verständnis für die langwierigen Entscheidungsprozesse in der Demokratie fördern. Unsere Staatsform mag manchmal langweilig und öd sein, die Diktatur aber ist tödlich für freie Bürger.

Knall-Ohrfeigen
Der Gemeinderat hat das Gutachten seines Akteneinsichtsausschusses zur Kenntnis genommen – und verbale Ohrfeigen ausgeteilt. Ein miserables Zeugnis wurde vor allem dem Oberbürgermeister Manfred Weinmann ausgestellt, auch wenn zum Schluß drunterstand „versetzt“. Detailliert wurde dem Verwaltungsfachmann von den einzelnen Fraktionsvorsitzenden unter die Nase gerieben, wo er überall ansetzen solle, um die Arbeit im Rathaus effizienter, strenger überprüfbar, weniger schlampig und zum Vorteil der Bevölkerung verbessern sollte. Jetzt hat der Regierungspräsident Udo Andriof unserem OB mitgeteilt, daß er mit dessen Antworten auf die noch ausstehenden Fragen zufrieden sei und keine Veranlassung sehe, „dienstrechtliche Maßnahmen“ gegen den Heilbronner OB einzuleiten. Weil er den Mißständen „infolge unterbliebener Information nicht entgegenwirken“ konnte. Allerdings werde das Regierungspräsidium ein besonders wachsames Auge auf die Stadt Heilbronn werfen –  „kritisch und aufmerksam“. Besonders bei der Aufarbeitung des Teilprüfungsberichtes der Gemeindeprüfanstalt durch den OB, die Bürgermeister und die Amtsleiter, was ja zu erheblichen organisatorischen Umstrukturierungen der Heilbronner Verwaltung führen werde. Vielleicht setzt man dabei auch mal beim 480.000 Mark teuren und drei Jahre alten EDV-Gutachten an. Obwohl das ja schon ein Treppenwitz ist.  Denn was vor drei Jahren in der EDV-Branche modern schien, das ist heute ein reichlich alter Hut. Das ist jedem Kleinstbetrieb klar, der mit Computern arbeitet. Ich wundere mich ohnehin: Was in der Privatwirtschaft nicht mehr wegdenkbar ist, die EDV-Vernetzung des Betriebes, das ist in der Stadtverwaltung erst angedacht – mit einem Gutachten, das längst überholt ist. Wiehert da nicht ein Amtsschimmel aus Schilda?

Sommer-Töne
Es ist doch jedes Jahr dasselbe. Der Sommer bricht über uns herein. Mal wärmere, mal kühlere Tage. Aber an den heißen ist’s besonders schön. Und wenn es dann gelegentlich auch noch schwül wird im Städtle, dann fangen wir Menschen an zu schwitzen und zu stöhnen. Was Wunder also, wenn der hitzegeplagte Zeitgenosse nichts sehnlicher erwartet als den Abend, wenn die Sonne untergeht und die Temperaturen wenigstens um ein paar Grad fallen. Dann reißt er in seiner Stadt-Wohnung die Fenster auf und hofft auf einen kühlen Durchzug. Was er aber dabei manchmal übersieht oder besser überhört, das ist der Umstand, daß die frische Luft nunmehr zwar hereingelangt, die Töne, die er in seinen vier Wänden erzeugt, auf umgekehrtem Wege aber ungehindert nach außen entweichen. So kann sich an so manchem lauen Sommerabend bereits ein einfaches Türenschlagen zu einem mittleren Revolverschuß entwickeln, und auch so manches vertraulich geführte Gespräch auf der Veranda hat bisweilen mehr unfreiwillige Zuhörer, als einem lieb sein mag. Ist es nämlich erst einmal richtig still und ruhig geworden ringsum, wird das Ohr wach, und die ganze Welt scheint nur noch aus Geräuschen zu bestehen. Da klappern Messer und Gabeln, da dudelt ein Radio, da reitet zu mitternächtlicher Stunde der Westernheld seinem Showdown entgegen, und die Beziehungskiste von schräg gegenüber erreicht allmählich ihren Höhepunkt (oder war es doch nur ein Pornovideo?). Was uns im Winter nicht sonderlich berührt, das macht uns im Sommer zu Mithörern und -wissern. Wir merken plötzlich, daß wir Nachbarn haben – und selbst welche sind. Bleibt nur ein Trost: der nächste Winter kommt bestimmt.

Flughafen
Der Heilbronner Oberbürgermeister Manfred Weinmann hat sich entschieden (beim Heilbronner-Stimme-Forum) für einen Flughafen-Bau irgendwo um Heilbronn herum ausgesprochen, ebenso wie die beiden Vertreter der Wirtschaft Hans-Peter Stihl und Reinhold Würth. Im Planungsausschuß des Regionalverbandes Franken wird heute entschieden. Freie Wähler und CDU, die eine Mehrheit besitzen, wollen dabei in einem Antrag „die zugrundeliegenden Kriterien“, die vom Verband erarbeitet wurden, anerkennen. Außerdem beantragen diese beiden Gruppierungen, daß jetzt ein Arbeitskreis gebildet werden soll, in dem die Industrie- und Handelskammer, der Regionalverband sowie der Stadt- und Landkreis Heilbronn und die Wirtschaftsförderungsgesellschaft vertreten sein sollen. In diesem Gremium soll dann nochmals „geklärt“ werden, ob ein Regionalflughafen im Unterland überhaupt möglich ist. „Wenn dann eine bedarfsgerechte Verbesserung der regionalen Verkehrsinfrastruktur durch einen Regionalflugplatz im Wirtschaftsraum Heilbronn für erforderlich gehalten wird, sollen die potentiellen Standortbereiche einer näheren Betrachtung unterzogen werden.“ Damit wird der schwarze Peter an jene zurückgegeben, die wohl vehement einen Flughafen forderten, aber in der Öffentlichkeit die Wogen der Diskussion gern auf Politiker umleiteten. Allerdings schrieb IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Horst Schmalz erst vor wenigen Tagen: „Jetzt müssen sich die gesellschaftlich relevanten Gruppen entscheiden, ob wir das Land in die Pflicht nehmen oder das Risko des Verzichts auf eine solche Option tragen.“ Momentan steht die IHK mit dieser Postion recht einsam in der Landschaft. Bauernverband, die Mehrheit der Parteien und Gemeinden kämpfen gegen die Flughafenpläne. Überzeugungsarbeit? Wer leistet sie?

Sauwetter
Ein Sommer soll das sein?!? Die schönste Zeit für die Freilichtspiele bei uns in der Region?!? Aber sicher. Denn dem Sauwetter haben die Jagsthäuser Festspieler jetzt sogar trotzig ein Götz’sches „Leck mich ...“ entgegengeschmettert. Selbst wenn es noch so stark regnet, soll keine Aufführung abgesagt werden. Obwohl die Geschäftsbedingungen von einer Absage bei „ungünstiger Witterung“ ausgehen, war die Festivalleitung am Montag dieser Woche nicht bereit, vor dem Auftritt von „Schneewittchen“ das Handtuch zu werfen. Bei strömendem Regen mußten Schulkinder des Ortes als bemitleidenswerte Zwerge agieren. Das sei Kinderarbeit unter sehr merkwürdigen Bedingungen, sagte mir ein zorniger Zeitgenosse. Das vorwiegend aus Kindern bestehende Publikum hatte auf nassen Bänken auszuharren, bis der Prinz die holde Braut endlich heiratet. Dick eingepackt war unter den Plastik-Kapuzen nur wenig von dem zu verstehen, was auf der Burg-Bühne vor sich ging. Auch erwachsene Begleiter, die sich die Festspiel-Frischhalte-Folie als Nässeschutz überstülpten, bekamen wegen des Trommelfeuers der Regentropfen nur allzu wenig mit. Das Verhalten der Theaterleitung verfolge doch nur einen Zweck, sagte mir ein erzürnter Vater eines schwäbischen Dreikäsehochs: Kein  Geld zurück wegen der eigentlich unumgänglichen Absage der Vorstellung. Immerhin zahlten Kinder 15 und Erwachsene 21 Mark Eintritt. Vom denkwürdigen Ausflug nach Jagsthausen hätten die Kleinen vor allem eins mit nach Hause gebracht: Erkältung, Schnupfen, Husten. Wenn unter solchen Umständen aus finanziellen Gründen Freilichttheater gemacht werden muß, wenn also schnöder Mammon offenbar wichtiger als die Gesundheit der Kinder sei, dann sollten die Jagsthäuser vielleicht doch lieber aufhören. Nicht nur weil die Subventionen vom Land weniger üppig fließen als einst erhofft. Brüllten mir zornige Eltern ins steinerne Ohr.

Theater-Gala
Die zu Ende gehende Spielzeit 1995/96 des Heilbronner Stadttheaters im Schnelldurchlauf. Highlights aus „Wartesaal Deutschland“, „Der Drang“ und natürlich „Hello Dolly“ erlebte das Heilbronner Gala-Publikum am Samstag beim Theaterfest. Es wurde gefeiert – vor nicht ausverkauftem Haus. Das tat der Stimmung jedoch keinen Abbruch. Dafür sorgte vor allem Nico Kemmer und sein Orchester. Allen voran Mihai Bulfinski. Mit seinem Geigensolo zauberte er Zigeuner-Romantik ins Große Haus am Berliner Platz. Aus den Zuschauer-Reihen vernahm ich so manches „Ahh“ und viele „Ohhs“. Vor allem beim Minifeuerwerk zum Schluß. Auf der Bühne tönt es immer wieder A, B, O. Gekonnt witzig werben Sabine Martin (Kilian-Preisträgerin) und Thomas Braus als schwäbisches Ehepaar in eigener Sache: Für das „Abonemäng“. Denn das Abo-System am Heilbronner Theater gleicht offenbar einer Wundertüte. Es ist alles drin. Ob mit Ballett und ohne Oper, ob Landmiete mit Bus oder Landfrauenmiete ohne Bus. Es ist sein Geld wert, meinen die vom Theater. Wenn’s dann anschließend im Restaurant noch das kleine Abendessen zum Abo-Preis gäbe, wäre der schwäbische Theaterbesuch perfekt. Das wackere Ehepaar auf Theatertrip könnte den spießigen und äußerst vermufften Fleischles von der Neuen Museumsgesellschaft künftig echt Konkurrenz machen. King Klaus kann sich’s ja überlegen, ob er im Spielplan 1996/97 noch Luft hat. Aber wie ich den kenne, weiß der heute fast auf den Tag genau, was 96/97 läuft.

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