Sonntag, 23. Februar 2014

Kiliansmännle, 27.11.1996




Advent, Advent
Und schon geht’s wieder los. Advent, Advent, ein Lichtlein brennt – am Sonntag, am 1. Dezember 1996. Also nichts wie hin und einen Adventskranz besorgt. Und dann noch vier Wochen Hektik bis der geschmückte Baum im Wohnzimmer leuchtend (in Wachs oder elektrisch) das Weihnachtsfest verkündet. Mir tun die Mütter leid, die in den kommenden Tagen den vorweihnachtlichen Launen ihrer Kinder und Ehemänner ausgesetzt sind. Da müssen die obligatorischen Weihnachtsbrötle gebacken werden. Und die von der Ehefrau des Arbeitskollegen oder jener der Freundin/des Freundes schmecken ja eh immer besser. Selbst die vom Bäcker sind zarter im Geschmack. Ich rate allen Müttern: drückt Euren Familienmitgliedern ein Backbuch und die Zutaten in die Hand. Sollen sie doch selber an irgendeinem Adventswochenende ihre Brötle backen. Aber wie ich meine schwäbischen Hausfrauen kenne, frißt sie der Ehrgeiz nahezu auf. Sie müssen in diesen Wettbewerb einsteigen, das ist ihre Natur - und eine Frage der Ehre. Und das ist gut so. Denn ich kenne viele Hausfrauen, die backen Weihnachtsbrötle, nach denen ich mir alljährlich die Finger schlecke. Dagegen kann man die vielen bunten Naschwaren aus Bäckereien oder Konditoreien einfach vergessen. Echte schwäbische Weihnachtsbrötle, mit Liebe und Schweiß von schwäbischen Hausfrauen gebacken, da laß‘ ich jedes Nürnberger Lebküchle glatt links liegen. Auch in diesem Jahr – wenn der Glühwein-Duft auf dem Heilbronner Weihnachtsmarkt meinen Turm in süße Nebel einhüllt. Dann schwankt die Lanze und der Hut sitzt schief. Gucken sie mal hoch!

Tiefgarage in Schwaigern
Parkplätze in der Innenstadt, das ist offenbar nicht nur eine Thema für die Großstadt Heilbronn. Auch in Schwaigern wird jetzt heftig um eine Tiefgarage auf dem Frizplatz gestritten, die im Zuge der Renovierung der Frizhalle geplant war. Freie Wähler und CDU haben jetzt im Gemeinderat einen Beschluß durchgebracht, der 500.000 Mark für das Projekt im nächsten Jahr bereitstellt – gegen den Willen des Bürgermeisters Horst Haug, die Räte von SPD und anderen Gruppierungen. Massive Gründe werden jetzt vorgebracht, um den Bau einer Schwaigerner Tiefgarage zu verhindern. Erstens sei kein Geld im Stadtsäckel. Zweitens sprechen die Bodenverhältnisse dagegen. Denn der Untergrund in der Nähe zum Leinbach sei schlammig und damit eine teure Grundwasserpfanne erforderlich. Bisher seien überhaupt nur Skizzen vorhanden, die noch nicht einmal als Vorentwurfsplanung taugten. Meint der Stadtbaumeister. 1,7 Millionen für 45 Stellplätze, wer soll das bezahlen? Wenn sich die benachbarte Volksbank Leingarten-Schwaigern und andere an den Kosten beteiligen würden, dann käme man schon hin. Versichern die Tiefgaragenbefürworter. Aber Gespräche mit den Anliegern wurden von der Stadt – offenbar wegen Sparmaßnahmen – schon vor langer Zeit eingestellt. Und die Gegner der Tiefgarage versichern jetzt vollmundig, es  gäbe überhaupt keine Parkplatznot in der Innenstadt von Schwaigern. Sinnvoller wäre es, die Parkdauer auf dem Frizplatz auf zwei Stunden zu begrenzen – sagt der Schultes.  Und er will auch gleich vom Heilbronner Landratsamt prüfen lassen, ob die Abstimmung in seinem Gemeinderat überhaupt rechtlich in Ordnung war. Vielleicht überlegt man sich die Sache in Schwaigern nochmal in stiller Stunde sehr genau – und prüft, ob alle, die in letzter Zeit gebaut haben, auch die notwendige Anzahl von Stellplätzen zur Verfügung stellen können. Da wäre ja auch noch einiges zu holen. Ansonsten sind die Gemeindeväter und -mütter ja auch nicht zimperlich, wenn es beim Bürger was zu holen gilt.

Lang oder kurz
Eine große deutsche Illustrierte ließ eine junge Redakteurin ran, um die Zierde des Mannes mal richtig auszuloten. Kurz und dick, der Frauen Glück – oder lang und schmal, der Frauen Qual. Oder umgekehrt: lang und dick, kurz und schmal. Den Variationen sind keine Grenzen gesetzt. Und was kam dabei heraus? Ein uraltes Thema, fortwährender Gesprächsstoff für aufgeklärte Stammtischrunden, für emanzipierte Kaffeekränzchen und pubertierende Möchtegernmachos, geistert durch die Medien. Harald Schmidt biegt sich das Thema zurecht, Zeitschriften erkennen, daß nicht nur nackte Busen und Pos, sondern auch das Gehänge so manchen Mannes die Umsatzzahlen nach oben treiben kann. Was die vielen Frauen aus den Männer-Striptease-Shows in diversen Discos und Festhallen des Unterlandes schon längst wissen, wird hier nochmals ausgewärmt: Mit der Schönheit der Körperteile hat es seine besondere Bewandtnis. Was viele entzückt, davon werden die wenigsten beglückt. Die Natur ist halt recht verschwenderisch mit ihrer Ungerechtigkeit – auch in diesem speziellen Fall. Bei RTL, unserem Info-Sender für alle Bereiche von Kopf bis Fuß,  hatten sich die „Expertinnen“ für das Mittelmaß entschieden: Im ausgefahrenen Zustand zwanzig Zentimeter. Und der Experte im Studio, ein echter Urologe, verkündete, daß alles um die zehn Zentimeter echt zu klein sei. Selbstbewußte Frauen verkünden ja schon lange, daß die Märchen der linken und pseudoliberalen Machos (nur das Gefühl entscheidet beim Orgasmus der Frau, nicht die Länge des männlichen Gliedes) nichts als ideologische Lügen zur Tyrannisierung der Frau seien. Aber wie sagt der Volksmund so schön. Jedes Töpfchen findet sein Deckelchen, und auch jeder Zuber. Oder: Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was ... findet.

Neue Fahr-Zeiten
Das ist schon ein völlig neues Gefühl. Fährt man an irgendeinem Tag der Woche – von montags bis freitags – in die Stadt, dann sind die Straßen noch voller Autos, die Straßen belebt und in den Geschäften wird man als Kunde freundlich bedient. Ein völlig neues Einkaufserlebnis, das auch für manche Leute Schattenseiten in sich trägt. Vor allem für jene, die dieses Erlebnis gar nicht anstreben. So erzählte mir doch neulich ein Bekannter, der mit seiner Frau an einem Freitag gen Stuttgart zum Landespresseball strebte, sich wie gewöhnlich aus der Käthchenstadt so gegen 18.45 Uhr mit dem Auto aufmachte, um rechtzeitig vor dem Beginn um 20 Uhr in der Liederhalle zu sein, daß es auf der Autobahn noch recht gut voranging, aber in Stuttgart benötigte er von der Autobahn bis zum Presseball dann eine geschlagene Stunde, so daß er erst ein wenig entnervt gegen 20.30 Uhr dort eintraf. Die Straßen in der Landeshauptstadt waren dicht, zumindest bis zum Hauptbahnhof. Da heißt es auch für alle Opernliebhaber und Menschen, die eine für sie wichtige Veranstaltung, deren Beginn zwischen 18 und 20 Uhr in Stuttgart angesetzt ist, sich frühzeitig auf den Weg zu machen. Denn der Feierabendverkehr hat sich seit den neuen Ladenschlußzeiten um mehr als zwei Stunden in den Abend hinein verlagert. Früher war man nach 18 Uhr doch relativ schnell über die Autobahn und die Einfallstraßen nach Stuttgart hineingefahren. Selbst nach Heilbronn. Aber all das hat sich jetzt radikal verändert. Die Gewohnheiten müssen also überprüft werden: Denn Pünktlichkeit ist eine Zierde der Könige. Und bekanntlich ist der Kunde König – nach wie vor. Auch in Heilbronn.

Tollitäten
Heilbronn ist keine Faschingshochburg. Das wissen wir nun langsam alle – in Heilbronn und um Heilbronn herum. Es wird uns ja auch immer wieder – von Jahr zu Jahr – deutlich gesagt. Aber die Carnevalgesellschaft Heilbronn gibt sich alle Mühe, aus dem festlesfreudigen Heilbronn auch eine karnevalistische Normalstadt zu machen. Der erste Bürgermeister der Stadt, Werner Grau, zitiert in seinem Grußwort zur „Saison 1996/97“ den alten Herrn Goethe (immer gut angebracht bei Grußworten)mit dem Satz: „Weißt du, worin der Spaß des Lebens liegt? Sei lustig! – Geht es nicht, so sei vergnügt.“ Also sind wir vergnügt. Denn der Spaß des Lebens wird uns ja durch tägliche Hiobsbotschaften aus der Politik in Bonn und Stuttgart madig gemacht. Ein weites Feld für Büttenreden – so man will. Unser Prinzenpaar Mirina I von Dermajetica und Michael I von Herbalivien (Marina und Andreas Schumann) hatten bei ihrer Inthronisierung am Ordensabend im Insel-Hotel am vergangenen Samstag ja schon einige kritische Töne in Richtung Rathaus anklingen lassen. Und auch der CGH-Ehrenbürgermeister Bernhard Winkler, Verkehrsdirektor der Stadt Heilbronn, ließ durchblicken, daß wegen des Rathausskandals das Geld im Heilbronner Stadtsäckel knapp geworden sei. Mit dem Motto „Das Narrenschiff der CGH fährt schunkelnd durch Amerika“ soll die laufende Saison angegangen werden. In den nächsten Jahren werden weitere Kontinente in Heilbronn närrisch erobert. Den Sinn hab ich noch nicht ganz verstanden. Aber wenn ich mich demnächst ins Narrentreiben werfe, vielleicht begreife ich dann, was die Heilbronner Karnevalisten schunkelnd durch die Welt treibt. Dem Lumpenball am Faschingsdienstag in der Harmonie, den werde ich mir auf jeden Fall nicht entgehen lassen. Denn diese schöne Heilbronner Tradition, die so lange unterbrochen war, das dürfte ein Karnevals-Höhepunkt werden.

Der gute Trollinger
Das war scho a Hetz – nachdem Weinexperten bei einer Anhörung der Grünen unseren Württemberger schlecht gemacht hatten. In seiner Qualität stelle er ein Schlußlicht in Deutschland dar. Und der preisgekrönte Sommelier des Stuttgarter Nobelrestaurants Wielandshöhe Bernd Kreis kritisierte gar den übermäßigen Trollinger-Anbau in Württemberg. Und damit stellte er sich fast auf die gleiche Stufe des Salman Rushdie. Nur mit einem Unterschied: Unsere Wengerter und ihre Verbandsfunktionäre sind keine Ayatollas, die Todesurteile aussprechen können. Die Trollinger-Rebe, anspruchsvoll und nur in Spitzenlagen anbaubar, die dann anderen Rebsorten nicht mehr zur Verfügung stehen. Und heraus käme nichts als ein „guter Schoppenwein“. Flankenschutz erhielt dieser Großstädter von der Nummer Eins unter den schwäbischen Wengertern Ernst Dautel aus Bönnigheim, für den der Trollinger einfach zu dünn sei. Burgunder in diese Lagen ergeben einfach einen besseren Wein. Nun bin ich ja nicht repräsentativ, gottseidank. Aber mir schmecken viele Weine besser als der Trollinger. Wenn ich die Wahl hab, lieber einen Burgunder oder einen guten Weißen. Aber da ist unser Weinbaupräsident Hermann Hohl aus Willsbach ganz anderer Ansicht. Für ihn ist der Württemberger qualitativ höher stehend als die Veranstaltung, auf der diese Angriffe gefahren wurden. Vermarktungsprobleme mit dem Württemberger und dem Trollinger habe man ohnehin nicht. Wäre der Trollinger so schlecht wie man ihn macht, dann wäre die Nachfrage nach diesem leichten Rotwein nicht so groß. Meint der Präsident. Daß er damit keine Aussage über die Qualität gemacht hat, das weiß er selbst. Aber daß man gleich die Kritik eines Sommeliers als dummes Geschwätz darstellen muß. I woiß net?! Schließlich ist der Weinmarkt nicht starr. Und unsere Wengerter und Genossenschaften haben sich ja in den letzten Jahren viel einfallen lassen, um am Marktgeschehen munter mithalten zu können. Denn aus vielen Landstrichen Europas kommen gute Weine in unsere Gläser. Dort – vor allem rund ums Mittelmeer – läßt der liebe Gott die Reben von der Sonne verwöhnen. Einfach so. Und das seit mehr als 2.000 Jahren.

Trauerspiel der Eintracht
Der Verdacht, daß die Frankfurter Eintracht wie die meisten Vereine der Fußball-Bundesliga mehr Zirkusunternehmen als Sportvereine sind, besteht seit langem. Nach dem Rücktritt von Eintracht Präsident Otto und dessen Schatzmeister Thate sollte ein gewisser Johnny Klinke als neuer Chef den Zweitligaclubs aus der Not retten. Klinke sei „begeisterter Fußballer“, außerdem „geübter Millionenjongleur“. Kurzum: Er ist der geborene Präsident der Eintracht. Mit diesen Eigenschaften kann man auch kaum widersprechen. Aber trotzdem wählte man den alten Vizepräsident Rolf Heller zum Oberhaupt im Frankfurter Fußballclub. Der letzte Präsident hieß Otto und kam aus der „Wirtschaft“. Er arbeitete ehrenamtlich, aber angeblich mit der Zusage, im Falle der Rückkehr in die erste Bundesliga ordentlich, Gerüchte besagen 350.000 Mark zu verdienen. Aber nur ehrenamtlich! Der Aufstieg scheint mittlerweile außer Reichweite zu sein, und nicht nur böse Zungen behaupten, daß Ottos Ehrenamt dadurch an Attraktivität verloren habe. Und so kam es, daß nach vierwöchiger Amtszeit Otto’s Zeit als Präsident schon wieder Vergangenheit war. Auch Geld hat sie keines mehr – und das einzige was die Eintracht derzeit bekommt ist Spott und Hohn. Cohn-Bendit, Gründer der Frankfurter Eintracht und Neu-Präsident Heller wären ein Team, das den Club einen Schritt weiter bringen könnte. Die Richtung ist zwar noch ungewiß, aber viel weiter kann man nicht mehr sinken, oder doch? Zur Steigerung der Attraktivität des Fußballs in Frankfurt könnte man, nichtsdestotrotz, Klinke als Varieté-Leiter  zum Beispiel in den Halbzeitpausen der Heimspiele mit ein paar Varieté-Nummern einsetzen, um das unvermeidbare Gekicke vor und danach einigermaßen erträglich zu gestalten. Dann wäre rund um das Waldstadion wenigstens für Unterhaltung gesorgt. Da alles leider nur ein Scherz ist, bleibt alles wie gehabt: das Trauerspiel der Eintracht geht weiter. Nur einer ist die Ruhe selbst, Trainer Stepanovic: „Lebbe geht weiter, solange noch elf Spieler da sind.“

Schulgeld
Was nix koscht, isch nix recht`s! Oder anders ausgedrückt: Dinge, die wir umsonst bekommen, schätzen wir weit weniger. Im Bildungswesen beispielsweise: Neue große Schulen, kleine Klassen. Ausreichende Lehrer – und Unterrichtsversorgung. Fahrkostenzuschuß. Lernmittelfreiheit sowieso. Früher für Eltern und Schüler selbstverständlich. Mittlerweile ist manches in weite Ferne gerückt. Oder in jedem Viertel ein Kindergarten. Mit Besuchsgarantie für den Nachwuchs. Möglichst noch mit Parkplätzen davor. Damit die jungen Mamis mit ihren flotten Flitzern bis vor die Schulpforte fahren können! Sie sind die Mütter der Schulkinder von morgen. Aber werden sie ihren Kindern sagen: „Sei froh, daß Du in die Schule gehen darfst!?“ Werden sie sagen: „Es ist keine Selbstverständlichkeit im trockenem, warmen Klassenzimmer lernen zu können. Nur für Dich, zum Nulltarif!“ Bis jetzt noch! Auch auf dem Schulsektor werden die Spar-Schrauben angezogen. So sollen zum Beispiel ab dem neuen Schuljahr die Förderklassen an den Grundschulen gebührenpflichtig werden. Im Schulamtsbezirk Heilbronn gibt es fünf solcher Fördereinrichtungen. Bis zu je 16 Minis werden dort aufgenommen. Wenn sie für die erste Klasse noch nicht geeignet sind. Ein ganzes Jahr lang unterrichtet – gratis. Vielleicht müssen ihre Mamis und Papis bald 80 Mark monatlich dafür hinlegen. Herzlich wenig im Vergleich zu englischen oder amerikanischen Familien. Bis zu tausend Mark Schulgeld ist dort keine Seltenheit. Mein Vorschlag: Ein paar Designer-Klamotten weniger für den Filius. Das reicht schon für zwei Monate Gebühr.

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