Stasi-Kandidat
Neckarwestheim
hat es schon schwer. erst der Bürgermeister mit den verschwundenen vierzig
Millionen. Jetzt ein Bürgermeister-Wahlkampf, bei dem Verschlossenheit,
Ängstlichkeit und Mißtrauen vorherrschen. Und nun auch noch ein Kandidat, der
von seiner DDR- und Nachwende-Vergangenheit eingeholt wird. Bürgermeister im
thüringischen Plaue war er gewesen - bis 1994. Und dort soll er bei Nacht und
Nebel die Koffer gepackt haben - und ab ging es ins Unterland. Warum? Viele
Vorwürfe stehen im Raum. Die Staatsanwaltschaft im thüringischen Mühlhausen
ermittelt seit fast einem Jahr gegen Uwe Beck wegen Untreue. Stadträte
von CDU und SPD hatten ihn angezeigt. „Kreditbetrug, Manipulation von Bilanzen,
ungenehmigte Ausgaben von rund 300.000 Mark, Verstoß gegen das GmbH-Gesetz
wegen zu spät angemeldeten Konkurses stehen im Raum - so Staatsanwalt Dirk
Germerodt. Der Schaden belaufe sich etwa auf eine Million Mark. Der
Exhauptmann der Nationalen Volksarmee will im März 1995 wegen der Bildung einer
Verwaltungsgemeinschaft in Plaue zurückgetreten sein. Die kommunale
Zusammenarbeit wurde aber erst am 1. Januar 1996 wirksam. Ungeklärt ist auch
Becks Verhältnis zur Staatssicherheit. 1994 war er vom Plauer Wahlausschuß
abgelehnt worden, nachdem seine Stasi-Akte aufgetaucht war. Jetzt spricht
Uwe Beck davon, daß er ein sehr reines Gewissen habe. Trotzdem wolle er den
Bürgern von Neckarwestheim eine Kandidatur für den zweiten Wahlgang „nicht mehr
zumuten“. IM der Stasi will er nie gewesen sein. Außerdem war er - trotz
Stasi-Vorwürfe und obwohl sein Name nicht auf der Kandidatenliste stand - 1994
als Bürgermeister in Plaue wiedergewählt worden: fast 80 Prozent sprachen ihm
ihr Vertrauen aus. Die armen Bürger Neckarwestheims: Nicht nur Horst Armbrust
hat der Gemeinde heftig geschadet, jetzt bringt auch noch ein BM-Kandidat das
Dorf wieder ins Gerede.
Karneval im Insel
Ihre
Lieblichkeit, die Prinzessin Susanne II von Travel Agenzia, wurde
am vergangenen Samstag im Heilbronner Inselhotel von der Carnevalgesellschaft
Heilbronn inthronisiert. Das heißt, in der nicht gerade als Karnevalshochburg
bekannten Stadt am Neckar wurde der jungen Dame ein frisch glänzendes Zepter in
die Hand gelegt (hergestellt vom Heilbronner Star-Juwelier Luithle), es wurden
ein paar nette Worte gesprochen, Küßchen gegeben und schon hielt Prinzessin
Susanne ihre „Regierungserklärung“. Ein wenig kritisch ging sie da mit der
Stadt ins Gericht, spöttelte über die Sperrung der Kaiserstraße für den
Individualverkehr, die lange Bauzeit der Friedrich-Ebert-Brücke und kleidete
ihre Stichelei in zarten närrischen Humor. Deftiger langte da schon der
„Ehrenbürgermeister“ Bernhard Winkler hin, der im Namen des Oberbürgermeisters
den goldenen Schlüssel der Stadt an die Narren übergab. Ein kleines Geplänkel
mit CGH-Präsident Dieter Popp übers Küssen rutschte ab (Stichworte:
Männerküssen, Schwul, etc.) - und landete beim heftig-deftigen
Karneval-Sexualkundeunterricht, an dessen ironischem Schluß der Narrenpräsident
versicherte: „Ich bin lesbisch und steh auf Frauen“. Aber davon erholte sich
der Abend schnell. Denn die CGH-Tanzmaiden waren von Marlies Weinhöpl so
gut trainiert, daß sie die Gesellschaft des Ordensabends restlos begeisterte.
Auch Zauberkünstler „Fredericus“ und die Erdmannshauser Spitzbuben
unterhielten munter. Ordenssegen und Senator-Würden rundeten einen Abend ab,
der kein Höhepunkt im karnevalistischen Treiben war, aber in bewährter
Heilbronner Narren-Tradition stand. Bei einem solchen Narrentreiben frage ich
mich immer: Sind wir in Heilbronn neben der Kapp oder unter der Kapp?
Ich jedenfalls trage die steinerne Kapp - und schreibe meine Sätz mit der
Lanze. Hier oben gibt es halt nix anders. Und so ist die Schreibe manchmal grob
und manchmal feiner - grad so wie hier oben der Wind weht. Jetzt soll sie
närrisch sein. So isch halt auch widder. Bis der Gigger heiser kräht.
Auf Glatteis gelegt
Musical
im Theater - das scheint immer eine Garantie für große Erfolge zu sein.
Aber Musical ist eben nicht gleich Musical. Genausowenig wie Oper gleich Oper
ist. Es gibt halt immer gute und schlechte Stücke, gute und schlechte
Inszenierungen, gute und schlechte Aufführungen. „City of Angels“ ist da so ein
Beispiel. Es gibt Theater in Deutschland, die sich bisher an dieses Musical
einfach nicht rangewagt hatten. Es fehlten die Schauspieler mit guten Stimmen,
die Tänzer für die grandiosen Tanzszenen. Was in Amerika seit der Premiere 1989
in Perfektion in Privattheatern auf die Bühne gestellt wurde, konnte von
subventionierten Häusern in Deutschland nicht geleistet werden. Und in den
privaten Musical-Theatern, die es sich hätten leisten können, spielen derzeit
andere Stücke. Das Heilbronner Stadttheater jedoch ging das Wagnis ein. Die
Kritiken für die Aufführung waren nicht gerade berauschend. Regisseur Franz
Winter zog wütend vondannen, weil Intendant Klaus Wagner das Stück nach der
Premiere kürzte. Und so fiel auch gleich die geplante Inszenierung von
Shakespeares „König Lear“ ins Wasser, die Franz Winter mit Klaus Wagner in der
Titelrolle inszenieren sollte. Man war an den Scheideweg gekommen „als der
Hauptdarsteller über die Grundlinien des Charakters, den er zu spielen hatte,
anders dachte als der Regisseur“ - sprich: Klaus Wagner dachte anders als Franz
Winter. Geplant war zudem noch, mit dem Musical „City of Angels“ auf
Tournee zu gehen - von München aus. Aber als die Münchner nach Heilbronn kamen
und den Rest der Winter-Inszenierung inspizierten, kamen sie zu dem Schluß: Das
wollen wir nicht. Und so fiel ins Wasser, was einst so toll angekündigt und
geplant war. Aber das soll ja öfter vorkommen, nicht nur in der Kunst,
auch in der Politik - und sogar im Leben.
Neckarwestheim
„Wer
schmeißt denn da mit Lehm? Der sollte sich was schäm!“ – Mancher
Neckarwestheimer wird so oder ähnlich gedacht haben, als er von der Bezahlung
der Gemeinderäte-Reisekosten zum Stuttgarter Armbrust-Prozeß gehört hat.
Selbstbedienung aus der Neckarwestheimer Gemeindekasse? Obwohl von einer
Ausfallsentschädigung bei der Gemeinderatssitzung am 7. November noch gar keine
Rede war, sollten Gemeinderäte beim Stuttgarter Landgericht anwesend sein, weil
befürchtet wurde, daß die Atom-Gemeinde im Gerichtssaal unterrepräsentiert sei.
Ein Gemeinderat stellte den Antrag auf Entschädigung für die Stunden im
Gerichtssaal – und die Verwaltung hat brav gezahlt. Und weder Martin Hofelich,
der momentan die Amtsgeschäfte für den einsitzenden Horst Armbrust führt, noch
sein Vize Hans Wiedemann wurden davon in Kenntnis gesetzt. Muß ein
Bürgermeister über solche Kleckerlesbeträge informiert werden? In
Neckarwestheim schon - und vor allem jetzt. Naja, am Bettelstab geht die
Gemeinde trotz der verlorenen 40 Millionen noch nicht: Neckarwestheim ist
schuldenlos, die Gewerbesteuer fließt und eine Rücklage gibt es auch
noch. Der Schaden für die Gemeinde ist kein finanzieller. Aber beim
derzeitigen Klima zwischen Bürgern und Rathaus darf sich kein Gemeinderat
wundern, wenn bei jeglichem Tun das Armbrust-Syndrom sichtbar wird. Wenn der Neckarwestheimer
„Otto Normalverbraucher“ nach Stuttgart fährt ist das Privatsache. Wenn ein
Gemeinderat fährt gibt‘s Ausfallzahlung. Was Zeus darf, des darf der Ochs noch
lang net. Hieß es bei den alten Griechen. Hätte doch der Gemeinderat eine
Sitzung in den Stuttgarter Gerichtssaal verlegt. Des wär net weiters ufgfalle.
Abfall
Hausmüll
muß laut einer „Technischen Anleitung“ mit der typisch deutschen Abkürzung TA
vom Jahr 2005 an verbrannt werden. Kommunen dürfen dann nur noch die Reste aus
der Müllverbrennung deponieren. Einige Kommunen aber, wie Heilbronn zum
Beispiel, wollen mit biologischen Methoden den Müll vorbehandeln - etwa mit dem
Rotte-Verfahren, bei dem der Abfall einem natürlichen Abbauprozeß überlassen
wird. Das bringt erhebliche Probleme mit sich. Denn bei biologisch behandeltem
Müll weiß man nicht so recht, welche chemischen Reaktionen auf einer Deponie
entstehen können. Man kennt halt die Zusammensetzung des Hausmülls nicht. Die
Zeit drängt. Und deshalb sucht man auch im Raum Heilbronn nach einem akzeptablen
Standort für eine Müllverbrennungsanlage. Die Energie-Versorgung-Schwaben in
Stuttgart steht bereit, mit ihrem Wissen dabei unterstützend tätig zu werden. Ein
günstiger Standort könnte zum Beispiel in Heilbronn beim Kohlekraftwerk liegen.
Wenn ich mir vorstelle, was so alles in den Gemeinden des Landkreises an
Altmüll unter der Erde lagert, dann ist Eile geboten. Nach und vor dem Krieg
wurde ja ohne Bedenken Müll irgendwo in der Landschaft entsorgt. Da lagern nun
die Reste der Malerabfälle, Batterien, gefährlicher Bauschutt – eben alles, was
man damals so unbedarft einfach wegwarf. Stille Atombomben nennen Experten das
Zeug. Auch das alles muß demnächst mal ausgebuddelt werden, um die Zukunft für
die Kinder und Kindeskinder sicher zu machen. An der Müllverbrennung kommt also
niemand vorbei. Nur Naive, die glauben daß man Müll einfach abschaffen kann,
meinen immer noch, man müsse nur ordentlich sammeln, trennen und verwerten,
dann sei alles in Butter. Leider: nur Käse.
Deutscher Film
Eine
Zeit lang wurde vom Kinosterben in Deutschland gesprochen. Dann kam der
deutsche Film an die Reihe, der zu wenige Zuschauer in die Filmtheater lockte.
Nachdem die Verkleinerung der Kinosäle wenig gebracht hatte, werden jetzt
wieder große Säle in prächtigen Kinocentern gebaut, auf deren Leinwänden die
Filme auch mit Genuß angeschaut werden können. Deutsche Kinofilme, die ein
Erfolg werden könnten, die soll es in diesem Jahr mehr als genug geben. Denn
der Deutsche Film hat den Zuschauer wiederentdeckt. Und selbst in deutschen
Kulturredaktionen haben sich viele vom „Experimentier-Film“ für Minderheiten
verabschiedet. Was nutzt es der Kinoindustrie, wenn ihre Regisseure in
Zeitungen gefeiert werden – und im Kino dann eine Handvoll Sozialarbeiter und
Lehrer sitzt. Die können sich ihre Undergroundfilme heutzutage auch auf
Video daheim reinziehen. Selbst Heilbronn hat die neue Kinowelle schon
teilweise erreicht. Und jetzt wäre es bitter notwendig, wenn neue Kinosäle auf
der grünen Wiese vor der Stadt oder in dem geplanten Theateranbau auf dem
Berliner Platz entstünden. Damit der deutsche Film über zehn Prozent
Marktanteil hinauskommt, so ein Experte vom Verleih Buena Vista, benötigt man
in Deutschland noch 1.000 neue Leinwände – mit schönen Kinosälen und moderner
Technik. Sonst würden nämlich gutgehende deutsche Filme verdrängt sobald ein
Kassenschlager aus Hollywood startet. Denn nur unter dem Mangel an Kinos würden
die deutschen Filme am meisten leiden. Mehr schöne Kinos nach Heilbronn, um die
Stadtqualität zu verbessern.
Stauraum Bus
Sind
Sie schon einmal zur Rush-hour im Bus gefahren? Dann, wenn beispielsweise die
Schule in Heilbronn beginnt, morgens in der Zeit zwischen 6.45 und acht Uhr?
Oder mittags, wenn die Schule vorbei ist? Nein? Da kann ich Sie nur
beglückwünschen. Eine Fahrt per Bus ist zu dieser Zeit auch nicht sehr
empfehlenswert. Man kommt sich vor wie eine Ölsardine in der Blechdose. Die
Busse sind so überfüllt, daß es den Passagieren nahezu unmöglich ist
umzufallen. ,,Na prima“, werden Sie sagen. Geht es Ihnen allerdings so wie
unlängst einer zwölfjährigen Gymnasiastin, denken Sie sicherlich auch anders
über die drangvolle Enge im Bus. Dem Mädchen wurde wegen der miserablen Luft im
Bus übel – Kreislaufkollaps. Das Kind erbrach sich. Und da es im Bus so eng
ist, kam das Erbrochene nicht einmal bis zum Boden des Busses. Die Jacke der
Schülerin und einige Mitreisende wurden verschmutzt. ,,Sauerei!“, schimpfen sie
jetzt. Richtig! Auch mir stinkt es gewaltig, daß der Bus zum Stauraum für
Schülerinnen und Schüler wird. Mein Tip: Zur Rush-hour einen Bus mehr
einsetzen!
Innenstadt
Wenn
man derzeit durch die Heilbronner City, wie man die Innenstadt ja auf
Neudeutsch nennt, schlendert, dann muß man doch feststellen: Der
Winterschlußverkauf hat in jedem Geschäft schon kräftig begonnen. Und das
übrigens nicht nur in Heilbronn. Wer vor Weihnachten gekauft hat, der kann
jetzt feststellen, daß viele der teuer erstandenen Waren kräftig im Preis
herabgesetzt sind. So ist das halt in der freien Marktwirtschaft. Angebot
und Nachfrage bestimmen das Geschäft. Mich freut’s. Denn ich habe vor
Weihnachten nur das Nötigste erstanden. Die Geschenke waren klein, denn die
Zeiten sind nicht rosig – und werden laut Expertenmeinung auch nicht rosiger.
Was mich allerdings erstaunt, das sind die Verminderungen der Preise in allen
Bereichen, ob nun Haushaltwaren, Elektroartikel, Computerzubehör, Bettwäsche
oder Gartenartikel. Es scheint, als ob die Geschäfte zu stark eingekauft hatten
und jetzt ihre Lager räumen müssen für die neue Ware. Und gleichzeitig muß ich
feststellen, daß an Samstagen oder langen Donnerstagen die Straßen und Läden in
Heilbronns Innenstadt reichlich leer sind. Die Leute scheinen sparen zu müssen.
Ist ja auch verständlich: Derzeit rauschen die Rechnungen für Versicherungen,
die Jahresabrechnungen für Heizung, Wasser, Gas und Müll ins Haus. Da heißt es,
die Spar-Polster angreifen, wenn man nicht vorher extra Konten für diese zu
erwartenden Ausgaben angelegt hat. Aber jede gute Hausfrau oder jeder gute
Hausmann denkt ja akribisch an die Vorsorge. Und jene, die es nicht getan
haben, müssen jetzt eisern sparen.
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