Mittwoch, 19. Februar 2014

Kiliansmännle, 17.01.1996



Stasi-Kandidat
Neckarwestheim hat es schon schwer. erst der Bürgermeister mit den verschwundenen vierzig Millionen. Jetzt ein Bürgermeister-Wahlkampf, bei dem Verschlossenheit, Ängstlichkeit und Mißtrauen vorherrschen. Und nun auch noch ein Kandidat, der von seiner DDR- und Nachwende-Vergangenheit eingeholt wird. Bürgermeister im thüringischen Plaue war er gewesen - bis 1994. Und dort soll er bei Nacht und Nebel die Koffer gepackt haben - und ab ging es ins Unterland. Warum? Viele Vorwürfe stehen im Raum. Die Staatsanwaltschaft im thüringischen Mühlhausen ermittelt seit fast einem Jahr gegen Uwe Beck wegen Untreue. Stadträte von CDU und SPD hatten ihn angezeigt. „Kreditbetrug, Manipulation von Bilanzen, ungenehmigte Ausgaben von rund 300.000 Mark, Verstoß gegen das GmbH-Gesetz wegen zu spät angemeldeten Konkurses stehen im Raum - so Staatsanwalt Dirk Germerodt. Der Schaden belaufe sich etwa auf eine Million Mark. Der Exhauptmann der Nationalen Volksarmee will im März 1995 wegen der Bildung einer Verwaltungsgemeinschaft in Plaue zurückgetreten sein. Die kommunale Zusammenarbeit wurde aber erst am 1. Januar 1996 wirksam. Ungeklärt ist auch Becks Verhältnis zur Staatssicherheit. 1994 war er vom Plauer Wahlausschuß abgelehnt worden, nachdem seine Stasi-Akte aufgetaucht war.  Jetzt spricht Uwe Beck davon, daß er ein sehr reines Gewissen habe. Trotzdem wolle er den Bürgern von Neckarwestheim eine Kandidatur für den zweiten Wahlgang „nicht mehr zumuten“. IM der Stasi will er nie gewesen sein. Außerdem war er - trotz Stasi-Vorwürfe und obwohl sein Name nicht auf der Kandidatenliste stand - 1994 als Bürgermeister in Plaue wiedergewählt worden: fast 80 Prozent sprachen ihm ihr Vertrauen aus. Die armen Bürger Neckarwestheims: Nicht nur Horst Armbrust hat der Gemeinde heftig geschadet, jetzt bringt auch noch ein BM-Kandidat das Dorf wieder ins Gerede. 
Karneval im Insel
Ihre Lieblichkeit, die Prinzessin Susanne II von  Travel Agenzia, wurde am vergangenen Samstag im Heilbronner Inselhotel von der Carnevalgesellschaft Heilbronn inthronisiert. Das heißt, in der nicht gerade als Karnevalshochburg bekannten Stadt am Neckar wurde der jungen Dame ein frisch glänzendes Zepter in die Hand gelegt (hergestellt vom Heilbronner Star-Juwelier Luithle), es wurden ein paar nette Worte gesprochen, Küßchen gegeben und schon hielt Prinzessin Susanne ihre „Regierungserklärung“. Ein wenig kritisch ging sie da mit der Stadt ins Gericht, spöttelte über die Sperrung der Kaiserstraße für den Individualverkehr, die lange Bauzeit der Friedrich-Ebert-Brücke und kleidete ihre Stichelei in zarten närrischen Humor. Deftiger langte da schon der „Ehrenbürgermeister“ Bernhard Winkler hin, der im Namen des Oberbürgermeisters den goldenen Schlüssel der Stadt an die Narren übergab. Ein kleines Geplänkel mit CGH-Präsident Dieter Popp übers Küssen rutschte ab  (Stichworte: Männerküssen, Schwul, etc.) - und landete beim heftig-deftigen Karneval-Sexualkundeunterricht, an dessen ironischem Schluß der Narrenpräsident versicherte: „Ich bin lesbisch und steh auf Frauen“. Aber davon erholte sich der Abend schnell. Denn die CGH-Tanzmaiden  waren von Marlies Weinhöpl so gut trainiert, daß sie die Gesellschaft des Ordensabends restlos begeisterte. Auch Zauberkünstler  „Fredericus“ und die Erdmannshauser Spitzbuben unterhielten munter. Ordenssegen und Senator-Würden rundeten einen Abend ab, der  kein Höhepunkt im karnevalistischen Treiben war, aber in bewährter Heilbronner Narren-Tradition stand. Bei einem solchen Narrentreiben frage ich mich immer: Sind wir in Heilbronn neben der Kapp oder unter der Kapp? Ich jedenfalls trage die steinerne Kapp - und schreibe meine Sätz mit der Lanze. Hier oben gibt es halt nix anders. Und so ist die Schreibe manchmal grob und manchmal feiner - grad so wie hier oben der Wind weht. Jetzt soll sie närrisch sein. So isch halt auch widder. Bis der Gigger heiser kräht.
 
Auf Glatteis gelegt
Musical im Theater - das scheint immer  eine Garantie für große Erfolge zu sein. Aber Musical ist eben nicht gleich Musical. Genausowenig wie Oper gleich Oper ist. Es gibt halt immer gute und schlechte Stücke, gute und schlechte Inszenierungen, gute und schlechte Aufführungen. „City of Angels“ ist da so ein Beispiel. Es gibt Theater in Deutschland, die sich bisher an dieses Musical einfach nicht rangewagt hatten. Es fehlten die Schauspieler mit guten Stimmen, die Tänzer für die grandiosen Tanzszenen. Was in Amerika seit der Premiere 1989 in Perfektion in Privattheatern auf die Bühne gestellt wurde, konnte von subventionierten Häusern in Deutschland nicht geleistet werden. Und in den privaten Musical-Theatern, die es sich hätten leisten können, spielen derzeit andere Stücke. Das Heilbronner Stadttheater jedoch ging das Wagnis ein. Die Kritiken für die Aufführung waren nicht gerade berauschend. Regisseur Franz Winter zog wütend vondannen, weil Intendant Klaus Wagner das Stück nach der Premiere kürzte. Und so fiel auch gleich die geplante Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ ins Wasser, die Franz Winter mit Klaus Wagner in der Titelrolle inszenieren sollte. Man war an den Scheideweg gekommen „als der Hauptdarsteller über die Grundlinien des Charakters, den er zu spielen hatte, anders dachte als der Regisseur“ - sprich: Klaus Wagner dachte anders als Franz Winter.  Geplant war zudem noch, mit dem Musical „City of Angels“ auf Tournee zu gehen - von München aus. Aber als die Münchner nach Heilbronn kamen und den Rest der Winter-Inszenierung inspizierten, kamen sie zu dem Schluß: Das wollen wir nicht. Und so fiel ins Wasser, was einst so toll angekündigt und geplant war.  Aber das soll ja öfter vorkommen, nicht nur in der Kunst, auch in der Politik - und sogar im Leben.
Neckarwestheim
„Wer schmeißt denn da mit Lehm? Der sollte sich was schäm!“ – Mancher Neckarwestheimer wird so oder ähnlich gedacht haben, als er von der Bezahlung der Gemeinderäte-Reisekosten zum Stuttgarter Armbrust-Prozeß gehört hat. Selbstbedienung aus der Neckarwestheimer Gemeindekasse? Obwohl von einer Ausfallsentschädigung bei der Gemeinderatssitzung am 7. November noch gar keine Rede war, sollten Gemeinderäte beim Stuttgarter Landgericht anwesend sein, weil befürchtet wurde, daß die Atom-Gemeinde im Gerichtssaal unterrepräsentiert sei. Ein Gemeinderat stellte den Antrag auf Entschädigung für die Stunden im Gerichtssaal – und die Verwaltung hat brav gezahlt. Und weder Martin Hofelich, der momentan die Amtsgeschäfte für den einsitzenden Horst Armbrust führt, noch sein Vize Hans Wiedemann wurden davon in Kenntnis gesetzt. Muß ein Bürgermeister über solche Kleckerlesbeträge informiert werden? In Neckarwestheim schon - und vor allem jetzt. Naja, am Bettelstab geht die Gemeinde trotz der verlorenen 40 Millionen noch nicht: Neckarwestheim ist schuldenlos, die Gewerbesteuer fließt und eine Rücklage gibt es auch noch.  Der Schaden für die Gemeinde ist kein finanzieller. Aber beim derzeitigen Klima zwischen Bürgern und Rathaus darf sich kein Gemeinderat wundern, wenn bei jeglichem Tun das Armbrust-Syndrom sichtbar wird. Wenn der Neckarwestheimer „Otto Normalverbraucher“ nach Stuttgart fährt ist das Privatsache. Wenn ein Gemeinderat fährt gibt‘s Ausfallzahlung. Was Zeus darf, des darf der Ochs noch lang net. Hieß es bei den alten Griechen. Hätte doch der Gemeinderat eine Sitzung in den Stuttgarter Gerichtssaal verlegt. Des wär net weiters ufgfalle.

Abfall
Hausmüll muß laut einer „Technischen Anleitung“ mit der typisch deutschen Abkürzung TA vom Jahr 2005 an verbrannt werden. Kommunen dürfen dann nur noch die Reste aus der Müllverbrennung deponieren. Einige Kommunen aber, wie Heilbronn zum Beispiel, wollen mit biologischen Methoden den Müll vorbehandeln - etwa mit dem Rotte-Verfahren, bei dem der Abfall einem natürlichen Abbauprozeß überlassen wird. Das bringt erhebliche Probleme mit sich. Denn bei biologisch behandeltem Müll weiß man nicht so recht, welche chemischen Reaktionen auf einer Deponie entstehen können. Man kennt halt die Zusammensetzung des Hausmülls nicht. Die Zeit drängt. Und deshalb sucht man auch im Raum Heilbronn nach einem akzeptablen Standort für eine Müllverbrennungsanlage. Die Energie-Versorgung-Schwaben in Stuttgart steht bereit, mit ihrem Wissen dabei unterstützend tätig zu werden. Ein günstiger Standort könnte zum Beispiel in Heilbronn beim Kohlekraftwerk liegen. Wenn ich mir vorstelle, was so alles in den Gemeinden des Landkreises an Altmüll unter der Erde lagert, dann ist Eile geboten. Nach und vor dem Krieg wurde ja ohne Bedenken Müll irgendwo in der Landschaft entsorgt. Da lagern nun die Reste der Malerabfälle, Batterien, gefährlicher Bauschutt – eben alles, was man damals so unbedarft einfach wegwarf. Stille Atombomben nennen Experten das Zeug. Auch das alles muß demnächst mal ausgebuddelt werden, um die Zukunft für die Kinder und Kindeskinder sicher zu machen. An der Müllverbrennung kommt also niemand vorbei. Nur Naive, die glauben daß man Müll einfach abschaffen kann, meinen immer noch, man müsse nur ordentlich sammeln, trennen und verwerten, dann sei alles in Butter. Leider: nur Käse.
Deutscher Film
Eine Zeit lang wurde vom Kinosterben in Deutschland gesprochen. Dann kam der deutsche Film an die Reihe, der zu wenige Zuschauer in die Filmtheater lockte. Nachdem die Verkleinerung der Kinosäle wenig gebracht hatte, werden jetzt wieder große Säle in prächtigen Kinocentern gebaut, auf deren Leinwänden die Filme auch mit Genuß angeschaut werden können. Deutsche Kinofilme, die ein Erfolg werden könnten, die soll es in diesem Jahr mehr als genug geben. Denn der Deutsche Film hat den Zuschauer wiederentdeckt. Und selbst in deutschen Kulturredaktionen haben sich viele vom „Experimentier-Film“ für Minderheiten verabschiedet. Was nutzt es der Kinoindustrie, wenn ihre Regisseure in Zeitungen gefeiert werden – und im Kino dann eine Handvoll Sozialarbeiter und Lehrer sitzt. Die können sich ihre Undergroundfilme heutzutage auch auf Video daheim reinziehen. Selbst Heilbronn hat die neue Kinowelle schon teilweise erreicht. Und jetzt wäre es bitter notwendig, wenn neue Kinosäle auf der grünen Wiese vor der Stadt oder in dem geplanten Theateranbau auf dem Berliner Platz entstünden. Damit der deutsche Film über zehn Prozent Marktanteil hinauskommt, so ein Experte vom Verleih Buena Vista, benötigt man in Deutschland noch 1.000 neue Leinwände – mit schönen Kinosälen und moderner Technik. Sonst würden nämlich gutgehende deutsche Filme verdrängt sobald ein Kassenschlager aus Hollywood startet. Denn nur unter dem Mangel an Kinos würden die deutschen Filme am meisten leiden. Mehr schöne Kinos nach Heilbronn, um die Stadtqualität zu verbessern.
Stauraum Bus
Sind Sie schon einmal zur Rush-hour im Bus gefahren? Dann, wenn beispielsweise die Schule in Heilbronn beginnt, morgens in der Zeit zwischen 6.45 und acht Uhr? Oder mittags, wenn die Schule vorbei ist? Nein? Da kann ich Sie nur beglückwünschen. Eine Fahrt per Bus ist zu dieser Zeit auch nicht sehr empfehlenswert. Man kommt sich vor wie eine Ölsardine in der Blechdose. Die Busse sind so überfüllt, daß es den Passagieren nahezu unmöglich ist umzufallen. ,,Na prima“, werden Sie sagen. Geht es Ihnen allerdings so wie unlängst einer zwölfjährigen Gymnasiastin, denken Sie sicherlich auch anders über die drangvolle Enge im Bus. Dem Mädchen wurde wegen der miserablen Luft im Bus übel – Kreislaufkollaps. Das Kind erbrach sich. Und da es im Bus so eng ist, kam das Erbrochene nicht einmal bis zum Boden des Busses. Die Jacke der Schülerin und einige Mitreisende wurden verschmutzt. ,,Sauerei!“, schimpfen sie jetzt. Richtig! Auch mir stinkt es gewaltig, daß der Bus zum Stauraum für Schülerinnen und Schüler wird. Mein Tip: Zur Rush-hour einen Bus mehr einsetzen!
Innenstadt
Wenn man derzeit durch die Heilbronner City, wie man die Innenstadt ja auf Neudeutsch nennt, schlendert, dann muß man doch feststellen: Der Winterschlußverkauf hat in jedem Geschäft schon kräftig begonnen. Und das übrigens nicht nur in Heilbronn. Wer vor Weihnachten gekauft hat, der kann jetzt feststellen, daß viele der teuer erstandenen Waren kräftig im Preis herabgesetzt sind. So ist das halt in der freien Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage bestimmen das Geschäft. Mich freut’s. Denn ich habe vor Weihnachten nur das Nötigste erstanden. Die Geschenke waren klein, denn die Zeiten sind nicht rosig – und werden laut Expertenmeinung auch nicht rosiger. Was mich allerdings erstaunt, das sind die Verminderungen der Preise in allen Bereichen, ob nun Haushaltwaren, Elektroartikel, Computerzubehör, Bettwäsche oder Gartenartikel. Es scheint, als ob die Geschäfte zu stark eingekauft hatten und jetzt ihre Lager räumen müssen für die neue Ware. Und gleichzeitig muß ich feststellen, daß an Samstagen oder langen Donnerstagen die Straßen und Läden in Heilbronns Innenstadt reichlich leer sind. Die Leute scheinen sparen zu müssen. Ist ja auch verständlich: Derzeit rauschen die Rechnungen für Versicherungen, die Jahresabrechnungen für Heizung, Wasser, Gas und Müll ins Haus. Da heißt es, die Spar-Polster angreifen, wenn man nicht vorher extra Konten für diese zu erwartenden Ausgaben angelegt hat. Aber jede gute Hausfrau oder jeder gute Hausmann denkt ja akribisch an die Vorsorge. Und jene, die es nicht getan haben, müssen jetzt eisern sparen.

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