Die deutschen Gefängnisse sind das Spiegelbild der
Gesellschaft im neuen, internationalen Europa. Hier leben auf engstem Raum ganz
multikulturell vor allem Menschen aus dem Südosten Europas, aber auch aus dem Mittelmeerraum
– vor allem den arabischen Ländern – zusammen. Ihre Haftbedingungen in
deutschen Landen sind weitaus besser als in ihren Heimatländern. Aber die
Knast-Konflikte sind vorprogrammiert: Nicht nur wegen der Enge in den deutschen
Gefängnissen, der chronischen Überbelegung, sondern vor allem, weil die
Kulturen, aus denen die Häftlinge kommen, zu unterschiedlich sind. Es gibt
sogar eine Rangordnung, die sich nach dem internen Stellenwert der
verschiedenen Nationen richtet. Besser: eine Hackordnung. Die Würde des
Menschen ist unantastbar, heißt es lapidar. Vor allem, wenn deutsche
Gefängnisverwaltungen wegen offensichtlicher Mängel in den Anstalten
angegriffen werden. Aber zunächst haben
die Häftlinge die Würde ihrer Mitmenschen angegriffen – durch die Taten, die
sie ins Gefängnis brachten: Zum Beispiel Diebstahl, Raub, Totschlag, Mord,
Vergewaltigung, Drogenhandel, etc., etc. Und darüber hinaus ist im
Gefängnis keine Achtung vor der Würde des Menschen feststellbar, weil Häftlinge
ihre Mithäftlinge nicht dementsprechend behandeln. Experten sagen: In deutschen
Gefängnissen herrscht die freie Wildbahn, das Recht des Stärkeren. Die Randale
am Silvesterabend in der Heilbronner Strafvollzugsanstalt, über die man
zunächst nur aus überregionalen Medien informiert wurde, war kein Aufstand,
sondern eine Provokation. Gefangene wollten testen, wie weit sie den Staat
herausfordern können. Kriminelle Energie wurde hier brutal freigesetzt. Die
Gefängnisverwaltung und der Staat müssen sich fragen lassen, wie sie ihre Beamten
demnächst vor Gefangenen besser schützen.
Eisrundfahrt
Im Süden Heilbronns - in der Nähe der
Fachhochschule - haben einige prominente Familien ihre Häuser. Nachbarn sind
dort zum Beispiel der Kulturbürgermeister
der Stadt Reiner Casse (CDU-Mitglied) und der Vorsitzende der IG-Metall in Deutschland Klaus Zwickel. Letzterer
war ja, bevor er zur großen Karriere startete, IG-Metall-Chef in
Neckarsulm/Heilbronn und SPD-Kreisvorsitzender. Als um die Jahreswende 1995/96
das große Eis über Heilbronn hereinbrach, verschworen sich die beiden Herren
Zwickel und Casse zur Großen Eis-Koalition. Sie mobiliserten in ihrem Wohnviertel die Nachbarn und veranlaßten
alle, mit ihren Autos im Korso um‘s Karree herumzugondeln, damit das gestreute
Salz und andere Streumittel in die Eisdecke eingedrückt werden. Wenn die
Stadt schon nicht hilft, dann ist Bürgerinitiative gefragt. Und so waren binnen
kurzer Zeit die Straßen, deren Namen ich hier nicht nenne, wieder befahr- und
auch begehbar. Ich habe an diesen Tagen wieder dasselbe feststellen müssen, wie
beim ersten Schneefall im vergangenen Jahr: An Silvester waren die vereisten
Gehwege nur teilweise gestreut. Vor allem dort, wo viele Menschen wohnen, hatte
man sich redlich bemüht, den Fußgängern sichere Wege zu schaffen. Aber vor so
manchem prächtigen Einfamilienhaus lag die Eisdecke dick und fest, und ich
mußte mich am Zaun entlanghangeln, um vorwärtszukommen. So mancher Fluch kam
mir und anderen Fußgängern dabei über die Lippen. Hoffentlich haben sie es so
gegen 11 Uhr gehört, die nichtstreuenden Langschläfer.
Badefreuden
Schön, daß das Unterland ein so gut besuchtes
Erlebnis- und Spaßbad hat: Das Aquatoll in Neckarsulm. Gut erinnere ich mich
noch an die Querelen, die es seinerzeit in Gemeinderat und Bevölkerung vor dem Bau
des Badetempels gegeben hatte. Da fiel nicht selten das Wort „Größenwahn“.
Heute muß man, glaube ich, schon sagen, der ehemalige Neckarsulmer Oberbürgermeister Dr. Erhard Klotz hat gut daran
getan, sich so nachhaltig und vehement für den Bau des Aquatolls einzusetzen.
Das Schwimmbad mit Badebecken, Rutschen, Dampfbad und Sauna ist ein nicht mehr
wegzudenkendes Erlebnis für alle geworden. Immer wieder wird freilich an den
Eintrittpreisen herumgemeckert. Zugegeben – verbringt man als Familie einen
ganzen Tag im Aquatoll – kann man gut und gerne hundert Mark ausgeben, denn
ganz billig sind die Caféteria-Preise nicht. Ein teurer Badespaß? Das muß wohl
so sein, denn nur so kommen die Träger des Pools finanziell einigermaßen über
die Runden. Anderen geht es anders, beispielsweise den Financiers des
fürstlichen Erlebnisbades Palais Thermal in Bad Wildbad. Hier verlieren sich
wochentags auf zwei riesigen großzügig ausgebauten und toll restaurierten
Badeebenen zwanzig Leute und nur selten mehr. Allerdings haben die Verantwortlichen hier bewußt auf Schnickschnack
wie Wildwasser-Rutschen oder Pommes-frites-Geruch im Badebereich verzichtet.
Auch von schmuddeligen Duschen kann keine Rede sein. Im Gegensatz zum lauten
Spaßbad geht es im Palais Thermal ruhig-beschaulich zu. Dort beträgt der
Eintrittspreis 28 Mark und damit mehr als in Neckarsulm. Aber dafür ist Baden
in Wildbad ein besonderes Erlebnis mit großzügigen Umkleidekabinen, geräumigen
Kleidungsschränken und ohne Gedränge an der Kasse.
Böller und Brot
Kurz vor 24 Uhr begann das Spektakel am 31.
Dezember 1995. Ein Getöse wie selten zuvor. Mir flogen die Knallkörper und
Raketen nur so um die Ohren. Und erst gegen 0.30 Uhr am 1. Januar 1996 ließ der
Krach langsam nach. Dabei hieß es im Vorfeld wie immer zu dieser Zeit: Brot
statt Böller. Aber laut Statistik wurde 1995 mehr für Knallkörper als je zuvor
ausgegeben. Es macht an der Jahreswende offenbar mehr Spaß, ganz traditionell
in heidnischen Bräuchen die bösen Geister des alten Jahres mit Krachern und
Böllern zu vertreiben, als brav das Geld für fromme Spenden auszugeben. Bei meinem Spaziergang durch die vereisten
Straßen der Stadt mußte ich dann am Montag, dem ersten Tag des Jahres 1996,
feststellen: In den dicht bebauten Gebieten, dort wo Menschen in Wohnblocks eng
auf eng wohnen, lagen besonders viele Knallkörperhülsen. Und in den
vornehmeren Wohngebieten, dort wo Eigentumswohnungen und Villen vorherrschen,
lag nahezu kein Knallmüll auf der Straße. Die feuern halt ihre Raketen aus den
eigenen Gärten ab, sagte mir vorwurfsvoll ein Zeitgenosse. Aber dem kann ich
nicht so ganz zustimmen. Denn vom Turm aus sehe ich genau, wo die Raketen
aufsteigen. Übrigens: In diesem Jahr waren die Waldränder rund um Heilbronn
nicht – wie sonst – mit Feuerwerkskörperresten übersät. Die Straßen dorthin
waren war halt noch nicht gestreut. Und so mußten viele heuer auf den schönen
Ausblick beim Jahreswechsel verzichten.
Essen und Trinken
Wie haben Sie eigentlich Ihren ganz privaten
Jahreswechsel erlebt? Ganz traditionell mit Karpfen aus dem Ofen? Und als
Nachtisch ein paar Berliner? Hauptsache, es hat geschmeckt. Ich bin am
Silvesterabend runter vom Turm, um mir auf den eisglatten und leeren Straßen
Heilbronns die steinernen Beine zu vertreten. Und bei diesem Rundgang hab ich
auch so manchen Blick in die Restaurants der Innenstadt geworfen, um zu sehen,
wie das letzte Mahl des Jahres eingenommen wird – und was den illustren Gästen
so serviert wurde. Da wurde teilweise aufgetischt, was Keller und Küche zu
bieten haben. Und die Preise für die Menues waren dem festlichen Tage
angemessen. Allerdings mußte ich
feststellen, daß es kaum Unterschiede zwischen Nobelrestaurants und der weniger
ausgereiften Küche gab – was den Preis angeht. Wenn man 90 bis 120 Mark für
ein Essen (ohne Getränke) hinblättert, dann sind die Unterschiede doch riesig.
Beim einen bekommt man ein Gourmet-Essen, beim andern eine schnell
zusammengeschusterte Abfolge von Speisen, die eben nach Schnell-schnell
schmecken. Und viele Restaurants zeigen an einem Silvesterabend, daß sie halt
schlicht, was Küche und Bedienung anbetrifft, überfordert sind. Da sind die
Pasteten eiskalt und können ihren Eigengeschmack nicht entfalten, die Weine
nicht richtig temperiert und bei den Hauptgerichten sieht man, daß sie schnell
noch aufgewärmt wurden. Fürs gleiche Geld bekommt man in einem 16- oder
19-Punkte-Restaurant der Region Spitzenprodukte von Meisterhand zubereitet. Es
kommt halt nicht nur auf den Preis an, sondern auch die Qualität muß stimmen.
Sprich: das Preis-Leistungsverhältnis.
Rutsch-Wechsel
Am Samstagabend begann es mit dem Eisregen. Und am
Sonntag ging dann gar nichts mehr. Oder kaum etwas. 300.000 Mark Sachschaden.
Rund fünfzig Verkehrsunfälle mit drei
Leicht- und einer Schwerverletzten. Salz war das Allheilmittel für die
bewegungsfreudige Heilbronner Bevölkerung. Aber auch das ging zur Neige: Der
Salzvorrat schrumpfte von 400 auf 50 Tonnen. Gestreut wurde nur dort, wo auch
die Stadtbusse fuhren. Bis zum Dienstag zum Beispiel waren Straßen in Heilbronn
noch immer vereist, vor allem jene an Hängen – wie die Armsünder- oder Katzensteige. Bewohner
aus dieser Gegend Heilbronns, die bei Polizei oder Straßenmeisterei in
Heilbronn besorgt anriefen, wurden vertröstet. Am Sonntag sagte man ihnen, es
werde gleich gestreut. Am Montag: Die
Streufahrzeuge kommen den Berg nicht rauf. Man sehe deshalb von einer Streuung
ab, weil die Streufahrzeuge beschädigt werden könnten. Auf die Idee, mit
der Hand zu streuen, kam anscheinend in dieser Notsituation niemand. Was wäre
geschehen, wenn in diesen Straßen Notfälle entstanden wären. Ein Krankenwagen
oder ein Feuerwehrfahrzeug wären die ungestreute Katzensteige nicht
hinaufgekommen. Erboste Zeitgenossen sagten mir, an diesem Eis-Notfall zeige
sich, daß in der Heilbronner Stadtverwaltung die Öko-Fundis auf dem Vormarsch
seien. Die Interessen der Bevölkerung werden links liegengelassen. Mit
selbstgefälliger Belehrung werden die Bürger obrigkeitsstaatlich in ihre
Schranken gewiesen. Ich meine: Es hat sich halt das Unvermögen einiger Beamter
in ihrer Feiertagsruhe an diesem Notfall gezeigt. Vielleicht sind sie jetzt
aufgewacht. Es ist 1996.
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