Mittwoch, 19. Februar 2014

Kiliansmännle, 03.01.1996

Revolte im Knast
Die deutschen Gefängnisse sind das Spiegelbild der Gesellschaft im neuen, internationalen Europa. Hier leben auf engstem Raum ganz multikulturell vor allem Menschen aus dem Südosten Europas, aber auch aus dem Mittelmeerraum – vor allem den arabischen Ländern – zusammen. Ihre Haftbedingungen in deutschen Landen sind weitaus besser als in ihren Heimatländern. Aber die Knast-Konflikte sind vorprogrammiert: Nicht nur wegen der Enge in den deutschen Gefängnissen, der chronischen Überbelegung, sondern vor allem, weil die Kulturen, aus denen die Häftlinge kommen, zu unterschiedlich sind. Es gibt sogar eine Rangordnung, die sich nach dem internen Stellenwert der verschiedenen Nationen richtet. Besser: eine Hackordnung. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es lapidar. Vor allem, wenn deutsche Gefängnisverwaltungen wegen offensichtlicher Mängel in den Anstalten angegriffen werden. Aber zunächst haben die Häftlinge die Würde ihrer Mitmenschen angegriffen – durch die Taten, die sie ins Gefängnis brachten: Zum Beispiel Diebstahl, Raub, Totschlag, Mord, Vergewaltigung, Drogenhandel, etc., etc. Und darüber hinaus ist im Gefängnis keine Achtung vor der Würde des Menschen feststellbar, weil Häftlinge ihre Mithäftlinge nicht dementsprechend behandeln. Experten sagen: In deutschen Gefängnissen herrscht die freie Wildbahn, das Recht des Stärkeren. Die Randale am Silvesterabend in der Heilbronner Strafvollzugsanstalt, über die man zunächst nur aus überregionalen Medien informiert wurde, war kein Aufstand, sondern eine Provokation. Gefangene wollten testen, wie weit sie den Staat herausfordern können. Kriminelle Energie wurde hier brutal freigesetzt. Die Gefängnisverwaltung und der Staat müssen sich fragen lassen, wie sie ihre Beamten demnächst vor Gefangenen besser schützen.


Eisrundfahrt

Im Süden Heilbronns - in der Nähe der Fachhochschule - haben einige prominente Familien ihre Häuser. Nachbarn sind dort zum Beispiel der Kulturbürgermeister der Stadt Reiner Casse (CDU-Mitglied) und der Vorsitzende der IG-Metall in Deutschland Klaus Zwickel. Letzterer war ja, bevor er zur großen Karriere startete, IG-Metall-Chef in Neckarsulm/Heilbronn und SPD-Kreisvorsitzender. Als um die Jahreswende 1995/96 das große Eis über Heilbronn hereinbrach, verschworen sich die beiden Herren Zwickel und Casse zur Großen Eis-Koalition. Sie mobiliserten in ihrem Wohnviertel die Nachbarn und veranlaßten alle, mit ihren Autos im Korso um‘s Karree herumzugondeln, damit das gestreute Salz und andere Streumittel in die Eisdecke eingedrückt werden. Wenn die Stadt schon nicht hilft, dann ist Bürgerinitiative gefragt. Und so waren binnen kurzer Zeit die Straßen, deren Namen ich hier nicht nenne, wieder befahr- und auch begehbar. Ich habe an diesen Tagen wieder dasselbe feststellen müssen, wie beim ersten Schneefall im vergangenen Jahr: An Silvester waren die vereisten Gehwege nur teilweise gestreut. Vor allem dort, wo viele Menschen wohnen, hatte man sich redlich bemüht, den Fußgängern sichere Wege zu schaffen. Aber vor so manchem prächtigen Einfamilienhaus lag die Eisdecke dick und fest, und ich mußte mich am Zaun entlanghangeln, um vorwärtszukommen. So mancher Fluch kam mir und anderen Fußgängern dabei über die Lippen. Hoffentlich haben sie es so gegen 11 Uhr gehört, die nichtstreuenden Langschläfer.



Badefreuden

Schön, daß das Unterland ein so gut besuchtes Erlebnis- und Spaßbad hat: Das Aquatoll in Neckarsulm. Gut erinnere ich mich noch an die Querelen, die es seinerzeit in Gemeinderat und Bevölkerung vor dem Bau des Badetempels gegeben hatte. Da fiel nicht selten das Wort „Größenwahn“. Heute muß man, glaube ich, schon sagen, der ehemalige Neckarsulmer Oberbürgermeister Dr. Erhard Klotz hat gut daran getan, sich so nachhaltig und vehement für den Bau des Aquatolls einzusetzen. Das Schwimmbad mit Badebecken, Rutschen, Dampfbad und Sauna ist ein nicht mehr wegzudenkendes Erlebnis für alle geworden. Immer wieder wird freilich an den Eintrittpreisen herumgemeckert. Zugegeben – verbringt man als Familie einen ganzen Tag im Aquatoll – kann man gut und gerne hundert Mark ausgeben, denn ganz billig sind die Caféteria-Preise nicht. Ein teurer Badespaß? Das muß wohl so sein, denn nur so kommen die Träger des Pools finanziell einigermaßen über die Runden. Anderen geht es anders, beispielsweise den Financiers des fürstlichen Erlebnisbades Palais Thermal in Bad Wildbad. Hier verlieren sich wochentags auf zwei riesigen großzügig ausgebauten und toll restaurierten Badeebenen zwanzig Leute und nur selten mehr. Allerdings haben die Verantwortlichen hier bewußt auf Schnickschnack wie Wildwasser-Rutschen oder Pommes-frites-Geruch im Badebereich verzichtet. Auch von schmuddeligen Duschen kann keine Rede sein. Im Gegensatz zum lauten Spaßbad geht es im Palais Thermal ruhig-beschaulich zu. Dort beträgt der Eintrittspreis 28 Mark und damit mehr als in Neckarsulm. Aber dafür ist Baden in Wildbad ein besonderes Erlebnis mit großzügigen Umkleidekabinen, geräumigen Kleidungsschränken und ohne Gedränge an der Kasse.



Böller und Brot

Kurz vor 24 Uhr begann das Spektakel am 31. Dezember 1995. Ein Getöse wie selten zuvor. Mir flogen die Knallkörper und Raketen nur so um die Ohren. Und erst gegen 0.30 Uhr am 1. Januar 1996 ließ der Krach langsam nach. Dabei hieß es im Vorfeld wie immer zu dieser Zeit: Brot statt Böller. Aber laut Statistik wurde 1995 mehr für Knallkörper als je zuvor ausgegeben. Es macht an der Jahreswende offenbar mehr Spaß, ganz traditionell in heidnischen Bräuchen die bösen Geister des alten Jahres mit Krachern und Böllern zu vertreiben, als brav das Geld für fromme Spenden auszugeben. Bei meinem Spaziergang durch die vereisten Straßen der Stadt mußte ich dann am Montag, dem ersten Tag des Jahres 1996, feststellen: In den dicht bebauten Gebieten, dort wo Menschen in Wohnblocks eng auf eng wohnen, lagen besonders viele Knallkörperhülsen. Und in den vornehmeren Wohngebieten, dort wo Eigentumswohnungen und Villen vorherrschen, lag nahezu kein Knallmüll auf der Straße. Die feuern halt ihre Raketen aus den eigenen Gärten ab, sagte mir vorwurfsvoll ein Zeitgenosse. Aber dem kann ich nicht so ganz zustimmen. Denn vom Turm aus sehe ich genau, wo die Raketen aufsteigen. Übrigens: In diesem Jahr waren die Waldränder rund um Heilbronn nicht – wie sonst – mit Feuerwerkskörperresten übersät. Die Straßen dorthin waren war halt noch nicht gestreut. Und so mußten viele heuer auf den schönen Ausblick beim Jahreswechsel verzichten.



Essen und Trinken

Wie haben Sie eigentlich Ihren ganz privaten Jahreswechsel erlebt? Ganz traditionell mit Karpfen aus dem Ofen? Und als Nachtisch ein paar Berliner? Hauptsache, es hat geschmeckt. Ich bin am Silvesterabend runter vom Turm, um mir auf den eisglatten und leeren Straßen Heilbronns die steinernen Beine zu vertreten. Und bei diesem Rundgang hab ich auch so manchen Blick in die Restaurants der Innenstadt geworfen, um zu sehen, wie das letzte Mahl des Jahres eingenommen wird – und was den illustren Gästen so serviert wurde. Da wurde teilweise aufgetischt, was Keller und Küche zu bieten haben. Und die Preise für die Menues waren dem festlichen Tage angemessen. Allerdings mußte ich feststellen, daß es kaum Unterschiede zwischen Nobelrestaurants und der weniger ausgereiften Küche gab – was den Preis angeht. Wenn man 90 bis 120 Mark für ein Essen (ohne Getränke) hinblättert, dann sind die Unterschiede doch riesig. Beim einen bekommt man ein Gourmet-Essen, beim andern eine schnell zusammengeschusterte Abfolge von Speisen, die eben nach Schnell-schnell schmecken. Und viele Restaurants zeigen an einem Silvesterabend, daß sie halt schlicht, was Küche und Bedienung anbetrifft, überfordert sind. Da sind die Pasteten eiskalt und können ihren Eigengeschmack nicht entfalten, die Weine nicht richtig temperiert und bei den Hauptgerichten sieht man, daß sie schnell noch aufgewärmt wurden. Fürs gleiche Geld bekommt man in einem 16- oder 19-Punkte-Restaurant der Region Spitzenprodukte von Meisterhand zubereitet. Es kommt halt nicht nur auf den Preis an, sondern auch die Qualität muß stimmen. Sprich: das Preis-Leistungsverhältnis.



Rutsch-Wechsel

Am Samstagabend begann es mit dem Eisregen. Und am Sonntag ging dann gar nichts mehr. Oder kaum etwas. 300.000 Mark Sachschaden. Rund  fünfzig Verkehrsunfälle mit drei Leicht- und einer Schwerverletzten. Salz war das Allheilmittel für die bewegungsfreudige Heilbronner Bevölkerung. Aber auch das ging zur Neige: Der Salzvorrat schrumpfte von 400 auf 50 Tonnen. Gestreut wurde nur dort, wo auch die Stadtbusse fuhren. Bis zum Dienstag zum Beispiel waren Straßen in Heilbronn noch immer vereist, vor allem jene an Hängen – wie  die Armsünder- oder Katzensteige. Bewohner aus dieser Gegend Heilbronns, die bei Polizei oder Straßenmeisterei in Heilbronn besorgt anriefen, wurden vertröstet. Am Sonntag sagte man ihnen, es werde gleich gestreut. Am Montag: Die Streufahrzeuge kommen den Berg nicht rauf. Man sehe deshalb von einer Streuung ab, weil die Streufahrzeuge beschädigt werden könnten. Auf die Idee, mit der Hand zu streuen, kam anscheinend in dieser Notsituation niemand. Was wäre geschehen, wenn in diesen Straßen Notfälle entstanden wären. Ein Krankenwagen oder ein Feuerwehrfahrzeug wären die ungestreute Katzensteige nicht hinaufgekommen. Erboste Zeitgenossen sagten mir, an diesem Eis-Notfall zeige sich, daß in der Heilbronner Stadtverwaltung die Öko-Fundis auf dem Vormarsch seien. Die Interessen der Bevölkerung werden links liegengelassen. Mit selbstgefälliger Belehrung werden die Bürger obrigkeitsstaatlich in ihre Schranken gewiesen. Ich meine: Es hat sich halt das Unvermögen einiger Beamter in ihrer Feiertagsruhe an diesem Notfall gezeigt. Vielleicht sind sie jetzt aufgewacht. Es ist 1996.

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