Sonntag, 23. Februar 2014

Kiliansmännle, 04.12. 1996




Jugend vor
Jugend vor, noch ein Tor. Scheint der Spruch der Sozis zu werden. Denn so langsam aber sicher haben die Damen und Herren aus der „GenossInnen-Partei“ entdeckt, daß mit den Karrieristen aus der Vor- und Nach-Achtundsechziger-Generation allein kein Staat zu machen ist, geschweige denn Wahlen zu gewinnen sind. Siehe Baden-Württemberg und Stuttgart. Das waren doch grandiose Eigentore. Und auf diesem Wege wird kraftvoll dahingetrampelt, nach dem alten Motto: „Wenn wir schreiten Seit an Seit ...“ Und währenddessen mobilisieren die Konservativen oder Grünen mehr Jugend als die alte Tante SPD. Auf einem Parteitag in Köln sollte speziell die Youngsters angesprochen werden – unter dem einfallsreichen Motto: „Der Vertrag mit der Zukunft – neue Chancen für die Jugend“. Jetzt gehe es nicht mehr um Rot-Grün oder eine andere  Farbenlehre, jetzt gehe es um das Wahlalter ab 16 Jahren, um den staatlich garantierten Ausbildungsplatz für jeden Jugendlichen –  und um viele andere schöne Parteiversprechen. „Wer nicht ausbildet, wird umgelegt!“ Mit diesem Spruch drohte die dynamische Juso-Bundesvorsitzende den deutschen Arbeitgebern. Diese Aussage ernstgenommen, so sind wir verbal ganz schnell in der Nähe gewisser Terroristen-Debatten der Siebziger Jahre. Und wer will dahin zurück?! Flott formuliert ist noch lange nicht human gedacht. Aber darauf kommt es bei einer Parteijugend wohl nicht mehr an, deren Verankerung in der Jugend unter Fernerliefen rangiert. Erschreckend ist eine solch brutale Wortwahl allzumal. Auch wenn einige Parteivordere dezent dagegenhalten. Eine neue Abgabenverordnung  bringe überhaupt nichts, nur eine weitere Verteuerung des Faktors Arbeit in Deutschland. Aber warum sollten Jungsozialisten auch etwas von Wirtschaft verstehen. Sie sind Gutmenschen, die einst selbst die DDR für reformfähig gehalten hatten. Sozialismus pur, also den Gottesstaat auf Erden. Und dafür lohnt es sich schon „umzulegen“, die nicht ausbilden wollen. Was immer damit auch gemeint sein mag. Oh Herr, bewahre uns vor solchen Wiedertäufern.

Skandal-Region?
Zunächst war Neckarwestheim an der Reihe. Millionenbeträge aus der Gemeindekasse flossen ungeprüft durch des Bürgermeisters Hände auf Konten irgendeines Staates im Pazifik. Als die Aufsichtsbehörde Horst Armbrust auf die Schliche kam, war das Geld schon versickert, wie das Wasser am Strand. Die kleine Gemeinde, bekannt durch das Atomkraftwerk, war bundesweit dank negativer Schlagzeilen in aller Munde. Aber Heilbronn ließ sich nicht lumpen. Ein kleiner Angestellter aus dem Hauptamt bestellte und bestellte – Büroartikel. Nachgerechnet wurde später, daß mehr als fünf Millionen dabei veruntreut wurden. Luftbuchungen gab’s, überteuerte Hüllen, etc. Staatsanwalt und Richter konnten beim ersten Prozeß die Schlamperei im Rathaus nur staunend zur Kenntnis nehmen. Der Skandal ist noch nicht ausgestanden. Der Hauptangeklagte ist krank. Gegen ihn wird später verhandelt. Dann kam Güglingen an die Reihe. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Bürgermeister Klaus Dieterich wegen des Verdachts der Untreue, Bestechung und Urkundenunterdrückung. Hat er nun einer Baufirma Vorteile verschafft oder nicht. Akten wurden beschlagnahmt – im Rathaus, im Privathaus des Bürgermeisters und in der Baufirma. Schlammschlacht ist jetzt angesagt, bis hin zur Aufdeckung von Liebesverhältnissen im Güglinger Rathaus. Und dazu noch die heftigen Anschuldigungen der Evangelischen Kirche gegen den ehemaligen Vorstand der Beschützenden Werkstätte in Heilbronn Pfarrer im Ruhestand Hans-Dieter Bechtstein. Wenn ich mir den Verlauf all dieser Skandale so vor Augen führe, dann scheint das nur die Spitze des Eisberges zu sein. Denn jetzt schwirren die Gerüchte auch um andere Vorkommnisse, jetzt sind jene ermutigt, die schon lange Zeit viel wußten, sich aber nichts zu sagen trauten. Die Wirtschaftsregion Heilbronn, die sich schwer tut mit ihrem Standort, bekommt landesweit langsam aber sicher den Ruf, eine Skandal-Region zu sein. Das ermutigt nicht, das läßt potentielle Investoren zögern.

Wer ist die Schönste?
Um Schönheitsköniginnen geht es momentan bei uns im Unterland nicht. Der Karneval ist ausgebrochen: Prinzessinnen und Prinzen bevölkern derzeit Bühnen und Rathäuser. Und in einem Ilsfelder Tanztempel wird der Mister Heilbronn gekürt – ein 25jähriger Jungmann namens David Palasie aus Oppenau im Schwarzwald. Ich warte jetzt nur noch darauf, daß sich Männergruppen zusammenfinden, die Misterwahlen als Angriff auf die Mannesehre ansehen, und dafür kämpfen, daß solche Lustshows verboten werden. Wie vor wenigen Tagen in Indien bei der Wahl zur schönsten Miss der Welt. Indische Frauengruppen kämpften verbissen gegen diese Miss-World-Wahl – mit Protestkundgebungen und den heißen Drohungen, daß sich ganze Frauengruppen selbst verbrennen werden. Aber dazu kam es nicht. „Nur“ ein junger indischer Fanatiker setzte sein Fanal, indem er sich anzündete und verstarb. Indische Behinderte, die einen Teil des Erlöses aus dem Spektakel als Spende erhalten sollten, protestierten in Rollstühlen gegen eine solch infame Beleidigung durch die Miß-World-Veranstalter. „Frauen nur als Sexobjekte“ zu betrachten, das sei gegen das Selbstverständnis der indischen Kultur. Wir kennen diese Argumente aus deutschen Landen zur Genüge. Nur bei uns werden sie bisher noch nicht so radikal und fundamentalistisch vorgetragen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wenn sich unsere christlichen Kirchenfundis einmal mit den Fundis der anderen beiden monotheistischen Religionen (Juden und Moslems) verbünden, dann ist es aus mit Miss- und Mister-Wahlen in deutschen Discos – und die Ehre von Mann und Frau wieder hergestellt. Harte Zeiten kommen auf uns zu. Und das mit der Ehre, auch das kennen wir schon.

Beschützte Werkstätte
Wer etwas für Behinderte tun wollte, der spendete bisher reinen Gewissens den Beschützenden Werkstätten. Bis in den September diesen Jahres hinein regierte Pfarrer Hans-Dieter Bechstein dieses Behindertenunternehmen der Evangelischen Kirche. Nachdem der 69jährige sein Amt als Vorstand an Pfarrer Rainer Hinzen (37) übergeben hatte, schien alles in bester Ordnung. Bis zur letzten Woche. Schwere Vorwürfe prasselten aus Kreisen der Kirche auf den Vater der Werkstätten, Pfarrer im Ruhestand Bechstein ein. Nicht ein recherchierender Journalist, sondern ganz offiziell das Informationsamt der Evangelischen Landeskirche Württemberg tat kund, was dem Herrn Pfarrer vorgeworfen wird. Schon im Oktober soll der Heilbronner Prälat Hans Kümmel die möglichen Verstöße gegen kirchliches Recht mitgeteilt haben. Nun ist es öffentlich, daß Pfarrer Bechstein seit seiner Pensionierung im Januar 1995 für 21 Monate ein Beraterhonorar in Höhe von 200.000 Mark erhalten hatte – neben seiner Pension. Das macht rund 9.523,81 Mark monatlich. Außerdem sollen seit 1977 Behinderte aus seinen Werkstätten  regelmäßig für Garten- und Malerarbeiten im Bechstein-Privathaus eingesetzt worden sein. Damit seien der Firma 250.000 Mark verlorengegangen. Bechstein rechnet dagegen seine unbezahlten Überstunden und Urlaubsverzicht mit einem Gegenwert von 1,7 Millionen Mark in den vergangenen 17 Jahren – somit 100.000 Mark pro Jahr. Bei Kirchens ist man bekanntlicherweise mit Vorwürfen zurückhaltend, vor allem, wenn sie nicht ausreichend begründet werden können. Jetzt sollen auch noch die Beziehungsgeflechte der Familie Bechstein und der Beschützenden Werkstätte durch eine Wirtschaftsprüfungsfirma geklärt werden, um die Rechtmäßigkeit der Einkünfte zu überprüfen. Wenn die Kirche, so sagen Kenner der Materie, so hart und unerbittlich rangeht, dann muß da einiges im Busche sein. Denn wäre es anders, hätte sie ihre Sorgfaltspflicht gegenüber Pfarrer Bechstein aufs Gröbste verletzt. Was bislang auf den Tisch kam, ist schon Schaden genug. Um weiteren abzuwenden, muß alles auf den Tisch – oder die Kirche steht blamiert da.

Grüner Pfeil
In den neuen Bundesländern findet der Verkehrsteilnehmer ihn an fast jeder Straßenecke. Nun soll er auch bald an 38 Kreuzungen im Stadtgebiet Heilbronn das Rechtsabbiegen bei rotem Ampellicht ermöglichen. Die Rede ist vom sogenannten grünen Pfeil. Mit seiner Hilfe wollen das Regierungspräsidium Stuttgart und die Stadt Heilbronn verkehrsbedingte Abgasausstöße verringern. Und das natürlich ohne großen Kostenaufwand, denn 38 Verkehrsschilder – die einen grünen Pfeil auf schwarzem Grund zeigen – anzubringen, ist so teuer nicht. Eine gute Idee, aber leider hat die Sache einen kleinen Haken. Im Schwabenländle ist der Autofahrer nicht mit dem grünen Pfeil aufgewachsen wie in Ostdeutschland. So bleibt die Abbieg-Möglichkeit trotz Rotlicht, die seit Jahresanfang ein Testpfeil an der Kreuzung Urbanstraße/Südstraße gewährleistet, doch weitestgehend unbeachtet und -genutzt. Wenn Stadt und Land also wirklich etwas für einen besseren Verkehrsfluß und weniger Schadstoffemissionen tun wollen, sollten sie doch ein bißchen tiefer ins Säckel greifen und Informationsbroschüren zum grünen Pfeil drucken lassen. Freund Biotonne läßt grüßen.

s'Käthchen
Wo ist der Nikolaus?
Am Donnerstagabend werde ich den Schuh vor die Tür stellen, um zu sehen, was der Nikolaus in der Nacht zum Freitag da hineinsteckt. Einen Brillantring, ein Paar schöne Ohrringe mit Diamanten besetzt, einen goldenen Armreif, ein Paar Strümpfe, ein Halstuch, Dominosteine, Nüsse, Marzipankartoffeln oder nur sein Abbild in Schokolade. Wer weiß, wer weiß. Er wird sich wieder so verhalten wie im vergangenen Jahr. Erst guckt er in den Geldbeutel meines Mannes, dann greift er nach jenem Gegenstand in seinem Sack, der den Verhältnissen angemessen scheint. Das ist bei Ihnen doch ähnlich, oder? Auch wenn Nikolaus bei uns mehr auf die Kinder abonniert ist, Erwachsene freuen sich ebenso, wenn am 6. Dezember für sie etwas im Strumpf, in den Hausschlappen oder im Stiefel steckt. Nicht auf die Größe, den finanziellen Wert des Geschenkes kommt es an, sondern nur darauf, daß es etwas drinsteckt. Wer will schon die großen Geschenkkartons, die wertvollen Dinge des Lebens am Nikolaustag auspacken. Weihnachten steht vor der Tür. Am 24. oder 25. Dezember werden die entscheidenden Präsente des Jahres verteilt. Krawatten für den Hausherrn, Küchengeräte für die Hausfrau, Computerspiele für die Kleinen, Schuhe, Mäntel, Hemden für die großen Kinder. Oder langt es diesmal doch für ein neues Auto, den Computer für die ganze Familie, das neue Fernsehgerät, den Hifi-Turm oder gar die Eigentumswohnung? Viele werden sich jetzt die Köpfe zerbrechen, was sie ihren Lieben schenken können, wozu das Geld reicht - und wozu nicht. Wohlmeinende Zeitgenossen erzählen ja immer, daß es darauf gar nicht ankommt. Auch die kleinen Aufmerksamkeiten würden die große Freude bringen. Und die Riesen-Aufmerksamkeiten? Sie bringen auch Freude, wenn man sie sich leisten kann. Lieber einen häßlichen Ehemann haben - aber dafür reich, als einen schönen, armen Akademiker... sagte die doofe Mannequins unter dem Weihnachtsbaum.

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