Kelly
Family in Heilbronn
Standardfrage,
wenn Jugendliche sich kennenlernen:
„Bist Du ein Kelly-Fan, oder nicht?“ Die Antwort teilt oder verbindet. Das
Medienphänomen Kelly Family einfach erklärt: neun Geschwister, die zusammenhalten
wie Pech und Schwefel und einfach Freude an der Musik haben – wenn man den
Teenie-Zeitschriften glauben darf. Dazu noch etwas Aussteiger-Romantik, das
ganze familienfreundlich gewürzt und mit viel Schmelz gesungen. Fertig ist das
Identifikationsbild für die ganze Familie. Darauf muß man erstmal kommen. Über
die sogenannte „Hetzkampagne“ von einigen Presseorganen sehen echte Kelly-Fans
hinweg. Im Stern wurde Papa Kelly als prügelnder und geldgeiler Familientyrann
dargestellt. Lüge. Die miesen Tricks von
Politikern, die sich darüber mokieren, daß ein paar von den Kelly-Kindern auf
einem Campingplatz in den Neuen Bundesländern gemeldet seien. Neid. Die Kellys sind eben keine normalen Bürger,
sondern würden ihre Freiheit lieben, verteidigte ein Fan seine Family in einem
Leserbrief an Deutschlands führende Jugendzeitschrift. Da nutzt es auch
nichts, wenn Kritiker schimpfen, daß jene Zeitschrift beim Thema Kelly Family
jeglichen kritischen Ansatz verloren habe und zum Kelly-Propagandablatt,
verkommen sei. So war’s immer. Bei jenem Image, daß die Kellys bei ihren Fans
genießen, freuen sich Einzelhandel und Gastronomie auf den 10. Juli, wenn die
singende Großfamilie im Heilbronner Frankenstadion auftritt, wenn Tausende von
Kelly-Fans von Nah und Fern ins Käthchenstädtchen strömen und das Konzert
vielleicht mit einem Einkaufsbummel verbinden. Die besten Karten dürfte das
Landhaus, auch Food Court genannt, direkt am Frankenstadion haben: Da können
die Fans, die keine Karte mehr bekommen haben, ihren Frust bei einem
Apfelsaft-Schorle hinunterspülen und ihre Stars auch noch hören. Und wer weiß,
vielleicht kommen Paddy, Angelo und Co. ja nach dem Konzert ebenfalls auf einen
Schluck vorbei.
Zum
Gelde drängt
Sparen
muß das Land Baden-Württemberg – bei den Milliardendefiziten. Alle nicken
beifällig, wenn Politiker darauf verweisen. Aber wenn der Rotstift konkret
angesetzt wird, dann herrscht das Sankt-Florians-Prinzip. Roland Halter, Jagsthausens Bürgermeister und Geschäftsführer der
Burgfestspiele ist sauer und zornig. Keine faire Partnerschaft biete das Land.
Schließlich sei Jagsthausen hochwertiger Kulturträger wie andere Theater auch.
Heftige Sorgen bereiten dem Schultes und der Chefin der Festspiele Alexandra
Freifrau von Berlichingen die angekündigten Kürzungen bei den
Kultur-Subventionen. Denn ob der Jagsthäuser Theater-Haushalt in Höhe von 2,7
Millionen Mark am Saisonende ausgeglichen ist, das steht noch in den
Stuttgarter Sternen. Denn von dort geht die Kunde ins Ländle, daß der Zuschuß
für Jagsthausen in Höhe von 387.000 Mark (70.000 Mark weniger als 1995) für
1996 noch nicht sicher sei. In der Landeshauptstadt sprechen eingeweihte Kreise
von einer Kürzung um 15 Prozent. Und das wären dann nochmal 58.000 Mark
weniger. Man spare schon überall. Aber nachdem in diesem Jahr schon für rund
100.000 Mark investiert worden sei – in die Erneuerung der Bühnentechnik und
der Sitzplätze auf der Tribüne – habe man keinen finanziellen Spielraum mehr. Dabei hat man in der Burg immer
wirtschaftlich gedacht und gehandelt: 75 Prozent der Ausgaben werden durch den
Kartenverkauf gedeckt. Hinzukommen 150.000 Mark durch Werbeeinnahmen und 90.000
Mark von den Sponsoren. Bei rund 73.000 Besuchern pro Spielzeit legt Vater
Staat lediglich 5,30 Mark unter den Sitzplatz, im Heilbronner Theater, einem
der wirtschaftlich am erfolgreichsten in Deutschland arbeitenden Stadttheater,
sind es schon 70,91 Mark. Aber wenn ich die Lage richtig sehe, dann müssen die
Jagsthäuser ihr Geld halt woanders herholen. Wenn allein zehn Firmen in der Region
je 5.000 Mark spenden würden, wäre der Haushalt wieder ausgeglichen. Das wäre
doch machbar, Herr Nachbar?!
Blick
nach vorn
In
der letzten Woche würdigte die Heilbronner SPD-Gemeinderatsfraktion ihren
langjährigen Vorsitzenden Friedrich
Niethammer, der aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus seinem Amt
schied. Nicht nur, daß er den Vorsitz der Fraktion abgab, auch sein
Stadtratsmandat legte er nieder. Nachfolgerin ist Dr. Claudia Heyd. 21 Jahre hindurch hatte sich Niethammer als
Nachfolger des Heilbronner Ehrenbürgers Albert
Großhans um die richtige Darstellung sozialdemokratischer Politik im
Heilbronner Rathaus bemüht. Mit ihm seien die Sozialdemokraten zur stärksten
politischen Kraft im Heilbronner Rathaus geworden. Diesen Platz gelte es zu
verteidigen, meinte Paul Mack,
Stadtrat aus Böckingen. Und der Nachfolger als Fraktionsvorsitzender, Harry Mergel, hob lobend hervor, Niethammer sei es gelungen „die Entwicklung
der Stadt entscheidend zu prägen.“ Diese Worte sind verständlich und wahr bei
einem Abschied. Aber Friedrich Niethammer hat auch durchaus nüchtern erkannt,
daß seine Partei in den vergangenen Jahrzehnten in Heilbronn nicht mehr so
recht auf die Beine kam. Nach dem Verlust des Direktmandats für den Bundestag,
den zwei verlorenen OB-Wahlen, der
katastrophalen Niederlage bei der letzten Landtagswahl, sah er die
Möglichkeiten sozialdemokratischer Politik in Heilbronn als sehr begrenzt an.
Und er litt darunter, daß seine Vorstellungen, die in anderen Städten
durchgesetzt wurden – nicht unbedingt von sozialdemokratischen Bürgermeistern –
in Heilbronn nicht auf fruchtbaren Boden fielen. Er liebte die Geselligkeit,
aber bloße Festles-Seligkeit war ihm zuwider. Arbeit für die Zukunft wollte er
gestalten. Dabei unterstützten ihn die Heilbronner Bürger immer wieder mit
beachtlichen Wahlergebnissen. Aber zum
machtvollen Durchbruch verhalfen sie ihm nicht. Vielleicht hätte es
gelangt, wenn er einen Schuß Populismus zugelassen hätte. Ein erfolgreicher
Kulturdezernent dieser Stadt zu sein – das hätte ich mir bei ihm sehr gut
vorstellen können. Sein Ausstieg aus der Politik, das ist der wahre Verlust für
Heilbronn.
Der
Kilian-Oscar
Nicht
alle Theaterbesucher wählen jene Schauspieler, die mit dem Heilbronner Oscar
Samstag, den 6. Juli 1996 ausgezeichnet werden. Nur die rund 180 Mitglieder des
Heilbronner Theatervereins dürfen bestimmen, wer der beste Schauspieler oder
die beste Schauspielerin jeweils in Haupt- und Nebenrolle aus der zu Ende
gehenden Spielzeit sind. Heilbronner Kritiker preisen und loben dann – wie in den vergangenen zwei Jahren auch
schon – die zu Ehrenden mittels einer
kleinen Rede. Aber in diesem Jahr wird diese Verleihung ein wenig festlicher
und publikumsfreundlicher gestaltet. In den Kammerspielen hagelt es zwischen 18
und 19 Uhr die Kilian-Oscars für die Auserwählten – samt Schecks, Urkunden und Trophäe. Im
Großen Haus des Heilbronner Theaters am Berliner Platz wird im Rahmen einer
„Theater-Gala“ (Eintritt für Erwachsene 12, 11, 8 oder 5 Mark, für Schüler 6,
5, oder 4 Mark) dann die abgelaufene Spielzeit 1995/96 in Erinnerung gerufen. „Lassen Sie sich durch Szenen, Texte und
viel Musik aus einer aufregenden Theatersaison faszinieren!“, heißt es im
Faltblatt. Wer aber an diesen gesellschaftlichen Theaterereignissen weniger
Interesse hat, dafür aber bei freiem Eintritt am Nachmittag von 17 Uhr an sich
über die Aktivitäten des Stadttheaters informieren will, der kann rund um den
Theaterbrunnen und in den Foyers Info- und Aktionsstände besuchen,
Programmhefte und Plakate preiswert erstehen, sich über das Abonnement-System
informieren, bei Salonmusik im Kaffeehaus sitzen, eine Kostümausstellung
besuchen, Videos anschauen oder einfach nur essen und trinken. Und für die
Unermüdlichen: Ab 21.30 Uhr werden heiße Rhythmen von „Nico Kemmer & Band“
im Unteren Foyer Großes Haus sowie eine Disco im Foyer der Kammerspiele
serviert. Theater mit allem Drum und Dran, wo man hinschaut und -hört.
Fort-
und Rückschritt
Das
war denkbar knapp: Mit 327 gegen 321 Stimmen wurde im Bundestag die Änderung
des Ladenschlußgesetzes beschlossen. Künftig sollen die Läden bis 20 Uhr
werktags und 16 Uhr an Samstagen geöffnet bleiben dürfen – so die Inhaber
wollen. Jetzt schießen die Sozialdemokraten massiv dagegen. Das Gesetz
„beschleunigt nur die Verlagerung des Geschäftsbetriebs auf die grünen Wiese“,
behauptet Peter Struck, der Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Als
wenn dieser Prozeß nicht auch schon seit langem mit dem alten Ladenschlußgesetz
munter voranschritt. Normale Einzelhandelsgeschäfte, insbesondere in kleinen
Städten, könnten es sich überhaupt nicht erlauben, so lange offenzuhalten, weil
sie zusätzliches Personal nicht verkraften könnten. Sagt die SPD. Und will das neue Gesetz über den Bundesrat zu Fall
bringen – mit frommen Lügen? Die schlichte Denkart, daß es dem Einzelhandel
und den dort Beschäftigten künftig besser ginge, ändere sich beim Ladenschluß
gar nichts, wird seit Jahren durch harte Tatsachen widerlegt. Im Gegenteil: Dem
Einzelhandel geht es mit dem Jetzt-Zustand immer schlechter. Die großen, scharf
kalkulierenden Märkte auf der grünen Wiese nehmen zu. In den Innenstädten
verschwinden immer mehr kleine Geschäfte – siehe Heilbronn. Manchmal verstehe
ich durchaus, warum die SPD in Baden-Württemberg vom Wähler zur
25-Prozent-Partei geschrumpft wurde. Sie verschließt sich vielen Neuerungen,
obwohl die Wirtschaftskrise dazu aufruft, andere Wege als bisher mutig zu
beschreiten, wenn man erhalten will, was erhaltenswert ist. Es ist
offensichtlich noch ein langer Prozeß, den die SPD von der Reglementierungspartei der alten
Bundesrepublik zu einer modernen Partei im geeinten Deutschland gehen muß. Eine
Partei der Arbeitnehmer sollte auch auf die Einkaufsgewohnheiten dieser
Menschen Rücksicht nehmen. Komisch eigentlich nur, daß unser mit Hängen und
Würgen gewählter CDU-Landesvater Erwin Teufel jetzt forsch auch SPD-Positionen
vertritt.
Es
sommert
Mit
dem Frühling war’s ja so eine Sache. Erst kam er gar nicht. Dann reichlich und
heftig. Und dann verschwand er ebenso schnell wie er gekommen war. Aber der
Sommer ist jetzt schon da - am Ende des Frühlings. Und jetzt, beim offiziellem
Sommeranfang, da war er wieder weg. Dabei konnten wir die letzten Wochen nicht
klagen. Selbst die vielbeschworenen Ozonwerte kamen trotz der Hitze nicht so
recht an ihre gefährlichen Spitzen heran. Eine richtige Feschtles-Zeit war das.
Wenn ich die Berichte in den Blättern las, dann wußte ich erst, was alles im
Ländle und unserem Gäu so los war. Gefeiert wurde, was das Zeug hielt. Aber jetzt am Wochenende kam beim Heilbronner
Traubenblütenfest die Festlesmaschine ins Stottern. Wegen des naßkalten
Wetters. Trotzdem sollen es noch um die 60.000 gewesen sein, die sich durch den
Regen nicht verdrießen ließen. Ich muß mich da immer fragen, wie die Leut das
im Unterland bei uns schaffen – mit all den vielen Festivitäten an Wochenenden.
Es soll ja welche geben, die machen sich schon Tage und Wochen im voraus einen
Plan, wann sie an welchen Orten sein werden. Freitags nach dort, samstags in
die Gegenrichtung und sonntags (zum Ausklang sozusagen) in die Heimatgemeinde
(sofern dort gefeschdelt wird). Aber ich schätze, diese verhetzten
Feiersüchtigen sind die Ausnahme. Gemütlichkeit
sollte Trumpf bei unseren Wein- und Dorffesten sein. Herumhocken, mit
Bekannten und Freunden schwätzen, das eine oder andere Viertele schlotzen,
einen Zwiebel- oder Kartoffelkuchen runterdrücken, der Blasmusik zuhören – und
schon ist der Nachmittag oder Abend
gelaufen. So isch halt bei ons im Ländle. Was will man mehr? Auch wenn
der Sommer mal a Päusle macht.
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