Donnerstag, 20. Februar 2014

Kiliansmännle, 26.06.1996




Kelly Family in Heilbronn
Standardfrage, wenn Jugendliche sich  kennenlernen: „Bist Du ein Kelly-Fan, oder nicht?“ Die Antwort teilt oder verbindet. Das Medienphänomen Kelly Family einfach erklärt: neun Geschwister, die zusammenhalten wie Pech und Schwefel und einfach Freude an der Musik haben – wenn man den Teenie-Zeitschriften glauben darf. Dazu noch etwas Aussteiger-Romantik, das ganze familienfreundlich gewürzt und mit viel Schmelz gesungen. Fertig ist das Identifikationsbild für die ganze Familie. Darauf muß man erstmal kommen. Über die sogenannte „Hetzkampagne“ von einigen Presseorganen sehen echte Kelly-Fans hinweg. Im Stern wurde Papa Kelly als prügelnder und geldgeiler Familientyrann dargestellt. Lüge.  Die miesen Tricks von Politikern, die sich darüber mokieren, daß ein paar von den Kelly-Kindern auf einem Campingplatz in den Neuen Bundesländern gemeldet seien. Neid. Die Kellys sind eben keine normalen Bürger, sondern würden ihre Freiheit lieben, verteidigte ein Fan seine Family in einem Leserbrief an Deutschlands führende Jugendzeitschrift. Da nutzt es auch nichts, wenn Kritiker schimpfen, daß jene Zeitschrift beim Thema Kelly Family jeglichen kritischen Ansatz verloren habe und zum Kelly-Propagandablatt, verkommen sei. So war’s immer. Bei jenem Image, daß die Kellys bei ihren Fans genießen, freuen sich Einzelhandel und Gastronomie auf den 10. Juli, wenn die singende Großfamilie im Heilbronner Frankenstadion auftritt, wenn Tausende von Kelly-Fans von Nah und Fern ins Käthchenstädtchen strömen und das Konzert vielleicht mit einem Einkaufsbummel verbinden. Die besten Karten dürfte das Landhaus, auch Food Court genannt, direkt am Frankenstadion haben: Da können die Fans, die keine Karte mehr bekommen haben, ihren Frust bei einem Apfelsaft-Schorle hinunterspülen und ihre Stars auch noch hören. Und wer weiß, vielleicht kommen Paddy, Angelo und Co. ja nach dem Konzert ebenfalls auf einen Schluck vorbei.

Zum Gelde drängt
Sparen muß das Land Baden-Württemberg – bei den Milliardendefiziten. Alle nicken beifällig, wenn Politiker darauf verweisen. Aber wenn der Rotstift konkret angesetzt wird, dann herrscht das Sankt-Florians-Prinzip. Roland Halter, Jagsthausens Bürgermeister und Geschäftsführer der Burgfestspiele ist sauer und zornig. Keine faire Partnerschaft biete das Land. Schließlich sei Jagsthausen hochwertiger Kulturträger wie andere Theater auch. Heftige Sorgen bereiten dem Schultes und der Chefin der Festspiele Alexandra Freifrau von Berlichingen die angekündigten Kürzungen bei den Kultur-Subventionen. Denn ob der Jagsthäuser Theater-Haushalt in Höhe von 2,7 Millionen Mark am Saisonende ausgeglichen ist, das steht noch in den Stuttgarter Sternen. Denn von dort geht die Kunde ins Ländle, daß der Zuschuß für Jagsthausen in Höhe von 387.000 Mark (70.000 Mark weniger als 1995) für 1996 noch nicht sicher sei. In der Landeshauptstadt sprechen eingeweihte Kreise von einer Kürzung um 15 Prozent. Und das wären dann nochmal 58.000 Mark weniger. Man spare schon überall. Aber nachdem in diesem Jahr schon für rund 100.000 Mark investiert worden sei – in die Erneuerung der Bühnentechnik und der Sitzplätze auf der Tribüne – habe man keinen finanziellen Spielraum mehr. Dabei hat man in der Burg immer wirtschaftlich gedacht und gehandelt: 75 Prozent der Ausgaben werden durch den Kartenverkauf gedeckt. Hinzukommen 150.000 Mark durch Werbeeinnahmen und 90.000 Mark von den Sponsoren. Bei rund 73.000 Besuchern pro Spielzeit legt Vater Staat lediglich 5,30 Mark unter den Sitzplatz, im Heilbronner Theater, einem der wirtschaftlich am erfolgreichsten in Deutschland arbeitenden Stadttheater, sind es schon 70,91 Mark. Aber wenn ich die Lage richtig sehe, dann müssen die Jagsthäuser ihr Geld halt woanders herholen. Wenn allein zehn Firmen in der Region je 5.000 Mark spenden würden, wäre der Haushalt wieder ausgeglichen. Das wäre doch machbar, Herr Nachbar?!

Blick nach vorn
In der letzten Woche würdigte die Heilbronner SPD-Gemeinderatsfraktion ihren langjährigen Vorsitzenden Friedrich Niethammer, der aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus seinem Amt schied. Nicht nur, daß er den Vorsitz der Fraktion abgab, auch sein Stadtratsmandat legte er nieder. Nachfolgerin ist Dr. Claudia Heyd. 21 Jahre hindurch hatte sich Niethammer als Nachfolger des Heilbronner Ehrenbürgers Albert Großhans um die richtige Darstellung sozialdemokratischer Politik im Heilbronner Rathaus bemüht. Mit ihm seien die Sozialdemokraten zur stärksten politischen Kraft im Heilbronner Rathaus geworden. Diesen Platz gelte es zu verteidigen, meinte Paul Mack, Stadtrat aus Böckingen. Und der Nachfolger als Fraktionsvorsitzender, Harry Mergel, hob lobend hervor,  Niethammer sei es gelungen „die Entwicklung der Stadt entscheidend zu prägen.“ Diese Worte sind verständlich und wahr bei einem Abschied. Aber Friedrich Niethammer hat auch durchaus nüchtern erkannt, daß seine Partei in den vergangenen Jahrzehnten in Heilbronn nicht mehr so recht auf die Beine kam. Nach dem Verlust des Direktmandats für den Bundestag, den zwei verlorenen OB-Wahlen, der katastrophalen Niederlage bei der letzten Landtagswahl, sah er die Möglichkeiten sozialdemokratischer Politik in Heilbronn als sehr begrenzt an. Und er litt darunter, daß seine Vorstellungen, die in anderen Städten durchgesetzt wurden – nicht unbedingt von sozialdemokratischen Bürgermeistern – in Heilbronn nicht auf fruchtbaren Boden fielen. Er liebte die Geselligkeit, aber bloße Festles-Seligkeit war ihm zuwider. Arbeit für die Zukunft wollte er gestalten. Dabei unterstützten ihn die Heilbronner Bürger immer wieder mit beachtlichen Wahlergebnissen. Aber zum machtvollen Durchbruch verhalfen sie ihm nicht. Vielleicht hätte es gelangt, wenn er einen Schuß Populismus zugelassen hätte. Ein erfolgreicher Kulturdezernent dieser Stadt zu sein – das hätte ich mir bei ihm sehr gut vorstellen können. Sein Ausstieg aus der Politik, das ist der wahre Verlust für Heilbronn.

Der Kilian-Oscar
Nicht alle Theaterbesucher wählen jene Schauspieler, die mit dem Heilbronner Oscar Samstag, den 6. Juli 1996 ausgezeichnet werden. Nur die rund 180 Mitglieder des Heilbronner Theatervereins dürfen bestimmen, wer der beste Schauspieler oder die beste Schauspielerin jeweils in Haupt- und Nebenrolle aus der zu Ende gehenden Spielzeit sind. Heilbronner Kritiker preisen und loben dann  – wie in den vergangenen zwei Jahren auch schon –  die zu Ehrenden mittels einer kleinen Rede. Aber in diesem Jahr wird diese Verleihung ein wenig festlicher und publikumsfreundlicher gestaltet. In den Kammerspielen hagelt es zwischen 18 und 19 Uhr die Kilian-Oscars für die Auserwählten  – samt Schecks, Urkunden und Trophäe. Im Großen Haus des Heilbronner Theaters am Berliner Platz wird im Rahmen einer „Theater-Gala“ (Eintritt für Erwachsene 12, 11, 8 oder 5 Mark, für Schüler 6, 5, oder 4 Mark) dann die abgelaufene Spielzeit 1995/96 in Erinnerung gerufen. „Lassen Sie sich durch Szenen, Texte und viel Musik aus einer aufregenden Theatersaison faszinieren!“, heißt es im Faltblatt. Wer aber an diesen gesellschaftlichen Theaterereignissen weniger Interesse hat, dafür aber bei freiem Eintritt am Nachmittag von 17 Uhr an sich über die Aktivitäten des Stadttheaters informieren will, der kann rund um den Theaterbrunnen und in den Foyers Info- und Aktionsstände besuchen, Programmhefte und Plakate preiswert erstehen, sich über das Abonnement-System informieren, bei Salonmusik im Kaffeehaus sitzen, eine Kostümausstellung besuchen, Videos anschauen oder einfach nur essen und trinken. Und für die Unermüdlichen: Ab 21.30 Uhr werden heiße Rhythmen von „Nico Kemmer & Band“ im Unteren Foyer Großes Haus sowie eine Disco im Foyer der Kammerspiele serviert. Theater mit allem Drum und Dran, wo man hinschaut und -hört.

Fort- und Rückschritt
Das war denkbar knapp: Mit 327 gegen 321 Stimmen wurde im Bundestag die Änderung des Ladenschlußgesetzes beschlossen. Künftig sollen die Läden bis 20 Uhr werktags und 16 Uhr an Samstagen geöffnet bleiben dürfen – so die Inhaber wollen. Jetzt schießen die Sozialdemokraten massiv dagegen. Das Gesetz „beschleunigt nur die Verlagerung des Geschäftsbetriebs auf die grünen Wiese“, behauptet Peter Struck, der Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Als wenn dieser Prozeß nicht auch schon seit langem mit dem alten Ladenschlußgesetz munter voranschritt. Normale Einzelhandelsgeschäfte, insbesondere in kleinen Städten, könnten es sich überhaupt nicht erlauben, so lange offenzuhalten, weil sie zusätzliches Personal nicht verkraften könnten. Sagt die SPD. Und will das neue Gesetz über den Bundesrat zu Fall bringen – mit frommen Lügen? Die schlichte Denkart, daß es dem Einzelhandel und den dort Beschäftigten künftig besser ginge, ändere sich beim Ladenschluß gar nichts, wird seit Jahren durch harte Tatsachen widerlegt. Im Gegenteil: Dem Einzelhandel geht es mit dem Jetzt-Zustand immer schlechter. Die großen, scharf kalkulierenden Märkte auf der grünen Wiese nehmen zu. In den Innenstädten verschwinden immer mehr kleine Geschäfte – siehe Heilbronn. Manchmal verstehe ich durchaus, warum die SPD in Baden-Württemberg vom Wähler zur 25-Prozent-Partei geschrumpft wurde. Sie verschließt sich vielen Neuerungen, obwohl die Wirtschaftskrise dazu aufruft, andere Wege als bisher mutig zu beschreiten, wenn man erhalten will, was erhaltenswert ist. Es ist offensichtlich noch ein langer Prozeß, den die SPD  von der Reglementierungspartei der alten Bundesrepublik zu einer modernen Partei im geeinten Deutschland gehen muß. Eine Partei der Arbeitnehmer sollte auch auf die Einkaufsgewohnheiten dieser Menschen Rücksicht nehmen. Komisch eigentlich nur, daß unser mit Hängen und Würgen gewählter CDU-Landesvater Erwin Teufel jetzt forsch auch SPD-Positionen vertritt.

Es sommert
Mit dem Frühling war’s ja so eine Sache. Erst kam er gar nicht. Dann reichlich und heftig. Und dann verschwand er ebenso schnell wie er gekommen war. Aber der Sommer ist jetzt schon da - am Ende des Frühlings. Und jetzt, beim offiziellem Sommeranfang, da war er wieder weg. Dabei konnten wir die letzten Wochen nicht klagen. Selbst die vielbeschworenen Ozonwerte kamen trotz der Hitze nicht so recht an ihre gefährlichen Spitzen heran. Eine richtige Feschtles-Zeit war das. Wenn ich die Berichte in den Blättern las, dann wußte ich erst, was alles im Ländle und unserem Gäu so los war. Gefeiert wurde, was das Zeug hielt. Aber jetzt am Wochenende kam beim Heilbronner Traubenblütenfest die Festlesmaschine ins Stottern. Wegen des naßkalten Wetters. Trotzdem sollen es noch um die 60.000 gewesen sein, die sich durch den Regen nicht verdrießen ließen. Ich muß mich da immer fragen, wie die Leut das im Unterland bei uns schaffen – mit all den vielen Festivitäten an Wochenenden. Es soll ja welche geben, die machen sich schon Tage und Wochen im voraus einen Plan, wann sie an welchen Orten sein werden. Freitags nach dort, samstags in die Gegenrichtung und sonntags (zum Ausklang sozusagen) in die Heimatgemeinde (sofern dort gefeschdelt wird). Aber ich schätze, diese verhetzten Feiersüchtigen sind die Ausnahme. Gemütlichkeit sollte Trumpf bei unseren Wein- und Dorffesten sein. Herumhocken, mit Bekannten und Freunden schwätzen, das eine oder andere Viertele schlotzen, einen Zwiebel- oder Kartoffelkuchen runterdrücken, der Blasmusik zuhören – und schon ist der Nachmittag oder Abend  gelaufen. So isch halt bei ons im Ländle. Was will man mehr? Auch wenn der Sommer mal a Päusle macht.

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