Samstag, 22. Februar 2014

Kiliansmännle, 18.09.1996




Neue Medien
Neue Medien braucht das Land. Aber die alten boomen auch ganz schön. Obwohl es für die Zeitschriftenauslage am Kiosk heute sehr eng geworden ist. Aber in keinem anderen Land der Welt gibt es ein derart vielfältiges Angebot an Zeitungen, Illustrierten, Fachzeitschriften oder Special-Interest-Magazinen. Mehr als 1.700 auflagengeprüfte Titel sind im Angebot. Jeder Haushalt nutzt mehrere Zeitschriften. Die verkaufte Auflage aller Zeitschriften stieg in den letzten Jahren um mehr als 40 Prozent auf 143 Millionen Exemplare. Ein erheblicher Anteil davon geht auf die erfolgreiche Markteinführung neuer Titel vor allem bei Programm- und Frauenmagazinen zurück. Allerdings hat der Slogan von der „Abstimmung am Kiosk“ für die Gattung der Publikumszeitschriften unverändert seine Berechtigung: Zwei Drittel der verkauften Auflage werden im Einzelverkauf vertrieben. Der immer schärfer werdende Wettbewerb um das Zeitbudget des Konsumenten ist voll entbrannt. Hier konkurrieren Fernsehen, Kino und Hörfunk mit den gedruckten Angeboten von Zeitschriften, Zeitungen und Büchern um das knappste Gut des Menschen, seine verfügbare Zeit. Es wird also geworben, was das Zeug hält. Der Kunde, der Leser, der Hörer, der Zuschauer ist der Maßstab allen Medienwirtschaftens. Und wer an ihm vorbeiproduziert, der ist schnell weg vom Fenster. Wenn ich mir vor Augen führe, was ich alles an Geschenken erhalte, wenn ich mich zu einem Tageszeitungsabonnenment einer überregionalen Zeitung entschließe, dann komme ich mir vor wie in einem Kaufhaus. Ob Fahrrrad, Koffer- oder Töpfe-Set, Küchengeräte aller Art, elektrische Schreibmaschine,  Zelt, Stereoanlage oder Hometrainer – eines dieser schönen Sachen bekomme ich, wenn ich eine Zeitung abonniere. Und nicht nur das. Bei manchen Zeitungen kann ich meine Verbundenheit durch den Kauf einer Krawatte, von Manschettenknöpfen, Tischuhr, Kleiderbürste, Schlüsselring, Schirm, Kaffeetasse, Armbanduhr, Schreibset oder Thermoskanne bekunden. Alles edel, alles teuer, alles gut – denn dahinter steckt bekanntlich ein kluger Kopf. So der Zeitungswerbespruch.  

Weinkönigin gesucht!
Na, Ihr leidenschaftlichen Vierteles-Trinkerinnen und -schlotzer, die ich euch mit Wohlwollen vom Kiliansturm beim Verkosten beobachte, schmeckt es Euch? Na klar, sonst kämen nicht so viele trotz schlechten Wetters aufs Heilbronner Weindorf. Und wißt Ihr, was ich dort vernommen habe, es wird wieder eine neue Weinkönigin für Württemberg gesucht. Also auf, Ihr hübschen, charmanten und allgemeingebildeten Wengerterstöchter, macht Euch auf zur Bewerbung. Falsch, die meisten von Euch werden sich schon beworben haben. Pünktlich zum 8. November ist es wieder soweit. Die jungen Damen müssen vor einem 30köpfigen Gremium von Weinfachleuten und Journalisten Rede und Antwort stehen. Im Klartext heißt das, es sind sach- und fachgerechte Fragen, aber auch aktuelle Wissenfragen zu beantworten. Weiter wird erwartet, daß eine kurze Vorstellungsrede gehalten wird. Wer die Krone von der amtierenden Königin Anja entgegennehmen wird, ist völlig offen. Und die Sorge mancher Eltern, daß die Tochter durch die vielseitigen Repräsentationspflichten vielleicht Probleme in der Ausbildung oder im Beruf bekommen könnte, ist weitgehendst unbegründet. Ich muß es wissen, habe ich doch selbst den besten Kontakt zu einigen Ex-Weinköniginnen. Die Bewerbungsunterlagen sind bis spätestens 15. Oktober an den Weinbauverband Württemberg, Hirschbergstr. 2, Postfach 1148, 74183 Weinsberg zu richten. Ich werde bei der Inthronisierung ein Wörtchen mitzureden haben. Also, auf geht’s.

Schoko-Droge
Amerikanische Wissenschaftler haben etwas entdeckt, was Kalorien-Gegner schon lange vermutet haben. Schokolade enthält geringe Mengen dreier Substanzen, die ähnlich wie Haschisch  die Psyche beeinflussen können. Diese zur Gruppe der Anandamide zählenden psychoaktiven Stoffe sollen auf die sogenannten Cannabinoidrezeptoren im Gehirn wirken. Nun, daß unsere amerikanischen Freunde sehr viele tolle Dinge (siehe Leben auf dem Mars) erforschen, ist ja hinlänglich bekannt, aber daß sie nun Naschkater und -katzen indirekt als potentielle Rauschmittelkonsumenten bezeichnen wollen, ist ziemlich dreist. Wo fängt denn die Sucht an, wo hört sie auf? Bin ich nach dem Genuß einer Tasse Kakao schon ein Schokojunkie? Ist es möglich, daß ich nach der Einstiegsdroge Vollmilchschokolade zu immer härteren Rauschmitteln wie Zartbitter- oder Nußnougatschokolade greife? Fragen über Fragen, die – sollten sich weitere Forschungen bestätigen – durchaus weitere Probleme, zum Beispiel den Genuß von diversen Süßigkeiten im Straßenverkehr, Bestrafung von Schoko-Dealern undsoweiter, nachziehen werden. Aber Gottseidank ist es noch nicht soweit. Es mag ja etwas dran sein: Daß die Kakao-Pflanze aus Amerika kommt, ist hinreichend bekannt. Daß der Genuß dieses Pulvers nur Königen und Priestern im alten Indianerland vorbehalten war, das sagen uns die Historiker. Und daß Kakao uns nach seinem Genuß in einen Gefühlszustand versetzt, der ans Verliebtsein erinnert, wie uns Chemiker und Biologen weismachen wollen, auch das mag seine Bewandtnis haben. Aber solange sich die amerikanischen Forschungen und die damit verbundenen Rauschgift-Verdachtsmomente nicht erhärten, kann der Genußmensch weiterhin unbedarft und unbelangt soviel der zuckersüßen braunen Masse in seinem trauten Heim bunkern wie er will. Ob für den Eigenbedarf oder nicht, ob in Form von Tafeln, Herzen, Osterhasen oder Weihnachtsmännern.

Betrügerisch
Unlängst in einem Unterländer Besen: Am Tisch sitzen einige Zecher, die sich fröhlich darüber unterhalten, wie sie immer mal wieder ihre Haftpflichtversicherung betrügen. Der eine gab beispielsweise an, den nagelneuen Fotoapparat eines Freundes in einen Bach fallen gelassen zu haben. Freilich alles unwahr. Der Bekannte hatte sich eine neue Kamera geleistet, wollte die aber nicht bezahlen – also Versicherungsbetrug. Daß dies die Allgemeinheit und damit den Besenzecher Geld kostet, hat er nicht bedacht. Laut Statistik hat jeder vierte Deutsche schon einmal seine Versicherung betrogen. Das Wirtschaftmagazin „Capital“ meldete das unlängst. Demnach gaben die Hälfte der von einem Meinungsforschungsinstitut befragten Versicherungsnehmer an, den Schaden gegenüber der Versicherung anders dargestellt zu haben. 40 Prozent erhöhten die Schadenssumme zu ihren Gunsten. Am stärksten betroffen sei die die Privat-Haftpflicht, wo 40 Prozent „Schadensmeldungen“ frisiert seien. Und das ist genau die Versicherung, die unser Zecher betrogen hat.      

Hagenbucher-Biergarten
In Heilbronn grassiert das Kneipensterben. Stellt der Hotel- und Gaststättenverband schon seit längerem fest. Jetzt soll auch noch im Hagenbucher neben dem Inselhotel eine Hausbrauerei entstehen, verbunden mit dem Namen Cluss. Tradition soll damit gewahrt werden. Aber in Heilbronn ist es kein Geheimnis mehr, daß einige Stadträte dagegen sind. Trotz der versprochenen knapp vier Millionen (jetzt 3,5 Millionen), die als Investition in die Hausbrauerei im Hagenbucher versprochen wurden, scheuen Gemeinderäte die Folgekosten und sehen das Cluss-Angebot als „nicht besonders seriös“ an. Man will – wenn überhaupt – eine öffentliche Ausschreibung. Und ein neuer Gedanke ist hinzugekommen. Der Standort Hagenbucher wäre ideal für  eine Weinstube. Das stünde der Weinstadt Heilbronn gut zu Gesicht. Ein „Haus des Württembergers“, meint ein CDU-Stadtrat. Auch Weinbaupräsident Hermann Hohl ist diesem Gedanken nicht abgeneigt. Außerdem könnte man im Hagenbucher eine „Vinothek“ einrichten, in der Räume für die Gastronomie, für Seminare und den Verkauf von guten Unterländer Weinen untergebracht wären. Es stünde der Stadt Heilbronn gut an, diesen ureigenen Wirtschaftszweig stärker herauszustellen, als sich in Konkurrenz zu den vorhandenen Biergärten und -kneipen zu setzen – und das auch noch hochsubventioniert. Heilbronn und das Unterland sind eine Weingegend und keine Bierhochburg.

Coffein = Doping?
Was im alltäglichen Berufsleben gang und gebe ist, wird im Leistungssport mit Konsequenzen geahndet. Die Rede  ist von überhöhtem Kaffeegenuß. In jeder Firma, in jedem Betrieb werden Tag für Tag mehrere Tassen des „Aufputschmittels“ konsumiert, um wacher arbeiten zu können. Eine Leichtathletin hingegen, die bei einer Meisterschaft drei Tassen Kaffee gegen die Kälte geschlürft hatte, wurde aber infolge ihres erhöhten Koffeinspiegels vom Deutschen Leichtathletik Verband  für drei Monate gesperrt. Zum Schutz der Athleten sollen diese Kontrollen dienen. So, so, und wer schützt Arbeitgeber und -nehmer vor erhöhtem Kaffeegenuß? Ich meine, gleiches Recht für alle. Ein Athlet, der seinen Sport als Beruf ausübt und zudem noch alt genug ist, selber entscheiden zu können, wieviel Coffein gut für seinen Körper ist, braucht nicht vor sich selber geschützt werden. Zumal erhöhter Kaffeegenuß nicht unbedingt zu höherer sportlicher Leistung führt, sondern meistens zu größerer Unkonzentriertheit. Also, sehr geehrte Dopingbeauftragte in aller Welt, laßt Leistungssportler weiterhin ein paar Tässchen Kaffee trinken und kümmert Euch lieber um den Nachweis anderer leistungssteigernder Mittel. Wenn eine nigerianische Weitspringerin, die, nachdem sie eine  vierjährige Dopingsperre abgebüßt hat und erst vor ein paar Monaten das Training wieder aufgenommen hat, Olympiasiegerin wird, dann hat sie nicht nur Kaffee getrunken.

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