Donnerstag, 20. Februar 2014

Kiliansmännle, 12.06.1996




Radio-Einbruch
Im Herbst 1994 schlossen sich die privaten Radiosender der Region zusammen: Aus den beiden Regionalsendern Radio Ton in Bad Mergentheim und Radio Regional in Heilbronn wurde Radio Ton Regional – dank massiven Drucks der Landesanstalt für Kommunikation in Stuttgart. In Heilbronn bei Radio Regional schied der Geschäftsführer Frank Distelbarth aus und übergab sein Amt dem Interimsgeschäftsführer Christian Frietsch von Radio Ton. Wenige Monate später wiederum übergab dieser sein Amt an den von allen Gesellschaftern des neuen Senders auserkorenen Geschäftsführer Edwin Ferring aus Nürnberg. Der veränderte zunächst den Bandwurmnamen in ein schlichtes Radio Ton - da hören Sie’s. Aber seine zaghaften Reformen griffen nicht so recht - und bescherten dem Heilbronner Lokalsender bei der jetzt veröffentlichten Media-Umfrage ein Minus von rund 38 Prozent an Hörern im Vergleich zum Vorjahr. Konsequenz für Edwin Ferring: Er scheidet zum Monatsende Juni aus seinem Amte aus. Phillip von Martius, der Geschäftsführer des Stadtradios in Stuttgart, ist als Nachfolger vorgesehen. Allerdings soll der vierte Geschäftsführer in zwei Jahren beim Heilbronner Privatsender nicht nach Heilbronn wechseln, sondern in Personalunion beide Lokalsender auf  Vordermann bringen. Kooperation heißt das Stichwort der Stunde. In welchen Bereichen der beiden Sender zusammengearbeitet wird, das war bisher nicht zu erfahren. Aber Kenner der Rundfunk-Szene meinen, daß bei der Musik, in der Moderation, bei der Verwaltung und im Werbebereich durch Kooperation viel an unnötigen Kosten eingespart werden könne.

Jetzt ein Mann
Johanna Lichy und Paula Fuchs standen für die weibliche Macht in der Heilbronn CDU. Beide waren über Jahre hinweg Vorsitzende der CDU-Gemeinderatsfraktion im Heilbronner Rathaus. Als die 47jährige Johanna Lichy das Direktmandat bei der Landtagswahl im März in Heilbronn für die CDU eroberte und wenige Tage später auch noch zur Staatssekretärin ernannt wurde, da war sie sich noch nicht ganz sicher wie sie mit ihren Ämtern im Heilbronner Gemeinderat verfahren wird. Jetzt ist es raus: Die Staatssekretärin im Stuttgarter Sozialministerium wird alle ihre Ämter im Heilbronner Rathaus niederlegen, sowohl das der Stadträtin als auch das der Vorsitzenden der CDU-Gemeinderatsfraktion. Ihr Nachfolger in der Leitung der 13-köpfigen Fraktion ist auch schon gewählt: Artur Kübler (48), Diplomverwaltungswirt (tätig im Stuttgarter Staatsministerium in der Abteilung „Grundsatz und Planung“) und bisher Erster Stellvertreter von Johanna Lichy sowie Fraktionsgeschäftsführer. Bisher galt der neue Fraktionschef der CDU als harter und sachlicher Kärrner seiner Truppe. Er managte viele Wahlkämpfe für die CDU in Heilbronn und war schon Wochen vor der März-Wahl felsenfest davon überzeugt, daß seine Kollegin Dieter Spöri schlagen wird. Auch im Lichy-Wahlkampf setzte er sich mit allen zur Verfügung stehenden Kräften ein. Daß er ein Feuerwehrmann für seine Partei ist, einer, den man in der SPD zu den Kanalern rechnen würde, das hatte auch Kurt Biedenkopf, der sächsische Ministerpräsident, gewußt, als er ihn in seine Staatskanzlei nach Dresden holte. Bei den beiden großen Franktionen hat sich jetzt der Wechsel, ohne daß es sonderlich geplant war, vollzogen. Die Hauptkontrahenten im Heilbronner Ratssaal heißen nun Harry Mergel (SPD) und Artur Kübler (CDU). Das verspricht künftig spannende Gemeinderatssitzungen.

OB-Freispruch?
Regierungspräsidium und  Gemeindeprüfungsanstalt haben dem Heilbronner Oberbürgermeister Manfred Weinmann einen Persilschein ausgestellt. Beim Heilbronner Rathaus-Skandal sei er schuldlos. Regierungspräsident Udo Andriof ließ sich jedoch eine Hintertür offen: Sein veröffentlichter Fragenkatalog, den der OB bis Ende des Montas Juni beantworten soll, hat es in sich. Legen Andriof und seine Behörde doch ihre Finger genau in jene Wunde, die heftig schmerzt: Die Schludrigkeiten und Versäumnisse im Heilbronner Rathaus und vor allem im dem OB direkt unterstellten Hauptamt werden peinlich abgefragt. Sollten bei der Beantwortung der Andriof-Fragen wiederum Schlampigkeiten zutage treten, neue Erkenntnisse an die Oberfläche schwappen, dann wird die Luft in der Verwaltungsspitze Heilbronns noch eisiger. Die strafrechtlichen und disziplinarischen Ermittlungen sind ja längst noch nicht abgeschlossen. Nichts in den OB-Antworten der peinlichen Befragung darf also durch neue Erkenntnisse aus Zeugenaussagen bei den anstehenden Prozessen gegen die Rathaus-Gauner ins Wanken geraten. Jetzt muß im Heilbronner Rathaus sorgsam überlegt, was wie geantwortet wird. Die Stuttgarter Zeitung schrieb letzte Woche, daß auch die politischen Konsequenzen noch drohen. Denn in diesem Monat noch wird der Gemeinderat in einer Sondersitzung erste Schlüsse aus dem Skandal ziehen. Und dabei wird der Christdemokrat Weinmann nicht ungeschoren davonkommen. Denn auch Heilbronns Stadträte brauchen schließlich einen Sündenbock. Werden sie doch in der Bevölkerung für die Schlampereien mitverantwortlich gemacht. Fazit: Die Leidenszeit des Politikers Weinmann hat noch gar nicht richtig angefangen. Ich meine: Die Leidenszeit der Heilbronner Bürger, die dauert schon viel zu lange.

EC-Karte defekt
Ist Ihnen das auch schon passiert? Sie stehen an der Kasse eines Lebensmittel-Supermarktes, eines Baumarktes oder eines Gartencenters, der Einkaufswagen ist gut bepackt – endlich kommen Sie an die Reihe. Die Dame scannt oder tippt Ihre Waren ein, Sie zücken Ihre Euro-Scheckkarte, aber das Erfassungsgerät piept seltsam und die Dame an der Kasse meint lautstark, daß das Gerät Ihre Karte zurückweise. Warum, das wisse sie nicht. Dabei hatten Sie doch erst vor zwei Tagen Bargeld aus dem Geldautomaten Ihrer Bank rausgelassen. Sie protestieren deshalb zaghaft. Die anderen Kunden schauen indigniert – wissen nicht so recht, was sie von Ihren Aussagen halten sollen. Schließlich hat der Automat ja die Karte zurückgewiesen. Und wahrscheinlich hat der nix mehr auf dem Konto, die Bank hat die Geldausgabe gesperrt. Also lassen Sie entnervt und voller Wut den vollbepackten Wagen zurück. Das glauben Sie nicht? Mir ist es passiert – erst vor wenigen Tagen. Also, ab zur Bank und Geld aus dem Automaten gelassen. Hier klappt’s komischerweise. Und zum Trotz bin ich dann in die anderen Filiale des gleichen Unternehmens in Heilbronn gegangen, den Wagen nur mit wenigen Waren bepackt zur Kasse. Und welch ein Wunder! Der Scheckkarten-Automat  an dieser Kasse akzeptierte meine Karte. Ich werde jene Filiale natürlich nicht mehr aufsuchen, in der ich so schnöde behandelt wurde. Bei meiner Bank, die Dame am Beratungsschalter darauf angesprochen, erhielt ich auch nur achselzuckend Auskünfte: Manche Geräte seien halt sehr empfindlich, andere weniger. Vielleicht waren auch nur ein paar Staubpartikel auf der Scheckkarte. Damit müsse ich leben. Vielleicht liegt es auch nur am Scheckkartenhersteller. Wie dem auch immer sei: Seltsam, seltsam gehen Banken und Geschäfte mit meinem schwerverdienten Geld um.

Kampf der Korruption
Nein, nein, ich habe den Heilbronner Rathaus-Skandal und die veruntreuten knapp sechs Millionen nicht vergessen – und meine geneigten Leserinnen und Leser sicher auch noch nicht. Die Frage nach der Verantwortung der ersten Männer im Rathaus wird wohl weiter gestellt werden dürfen, auch wenn der Bericht der Gemeindeprüfanstalt einige Entlastung gebracht hat. Erinnern Sie sich auch noch an die vollmundigen Versprechungen aus der Rathaus-Pressestelle von einer Anti-Korruptions-Truppe, die bald ihre vorbeugende und strafende Arbeit tun werde. Da war mal die Rede davon, zwei Mann sollten für diese Aufgabe abgestellt werden. Sehr gut, sage ich. Es gibt übrigens ein Beispiel für solch eine Anti-Korruptions-Abteilung. Frankfurt am Main, die Bankenmetropole, hatte solch ein Dezernat nach den großen Bau-Skandalen der vergangenen Jahre eingerichtet. Mit Erfolg, die Gruppe hat große Teile von Korruption und Untreue im Amt mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Heilbronn täte gut daran, sich einmal mit den Frankfurtern zum Erfahrungsaustausch zusammenzutun. Aber wie ich aus den Amtsstuben unterm Kiliansturm gehört habe, gedenkt man bereits jetzt, sich die ganze Geschichte beruhigen zu lassen, auf die Vergeßlichkeit der Bürger zu setzen. Schließlich ist ja bald Sommerpause. Und da sind viele im Urlaub. Peinlich, peinlich.

Theater-Sommer in der Region
Am letzten Freitag jubelte das Publikum bei den Neuenstädter Freilichtspielen mal wieder seinen geliebten Laienspielern zu. Hatten sie doch zusammen mit ihrer Regisseurin Hanna Reiners mit dem Kostümstück „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“ den Nerv des Geschmacks breiter Schichten offenbar voll getroffen. Unbekannt ist die Geschichte ja nicht. Und die Melodien der Mozart-Oper gleichen Namens sind den halbwegs Musikinteressierten mit ein wenig europäischer Bildung in den Ohren. Auch wenn manche Damen, die schon einen Volkshochschulkurs in Emanzipation hinter sich gebracht haben, meinen, daß das Stück aktualisiert gehöre (vor allem auf Laienbühnen!), so hat der Beaumarchais-Stoff trotz alledem seit seinem Erscheinen kurz vor der Französischen Revolution zu allen Zeiten die Menschen angeregt, über die Liebe und ihre Verwicklungen nachzudenken. Und daß in heutiger Zeit manch kleines Mädchen aus der Unter- oder Mittelschicht sich sogar freiwillig einem großen Herrn (aus Politik, Wirtschaft, Gewerkschaft oder Verbänden) als Geliebte andient, weil eben nicht die Liebe, sondern der eigene Vorteil und die ausreichende Versorgung zählt. Das ist so platt wie wahr. Es gilt halt immer noch das schnöde Motto: Lieber reich und gesund als arm und krank, lieber einen häßlichen Reichen als einen schönen Armen. So sehr das auch der gängigen Romantik widersprechen mag. Dafür gibt’s ja als Entlastung die schöne Regenbogenpresse. Da findet sich das „Glück“ in vielen bunten Bildern und wohligen Texten. Und auch das Gegenteil davon. Für Lehrer, Journalisten und andere Aufgeklärte gibt‘s stattdessen die moderne Literatur mit all ihren psychischen Tiefen, Höhen und Breiten. Und wer es populär und als Fastfood haben will, geht ins Kino oder Theater. Vielleicht auch zu einer Freilichtbühne in der Region. Denn da wird auch die Welt in all ihren Facetten allsommerlich ausgebreitet - und das auch noch in frischer Luft.

V(fR)erwunderliches
„Von sportlichen Leistungen wird abgeraten“, empfahl vergangenen Donnerstag der Radiosprecher, als die Quecksilbersäule am Nachmittag 32 Hitzegrade anzeigte und die Ozonwerte auf Rekordhöhe gestiegen waren. Diese Empfehlung ignorieren mußten fünfzehn  A-Jugendfußballer des VfR Heilbronn, die sich um diese Zeit in Belsen auf der schwäbischen Alb den Württembergischen A-Jugendpokal erkämpften und  damit nach dem Aufstieg in die Bundesliga der Jugendfußballer den zweiten großen Erfolg innerhalb von 14 Tagen errangen. Die Sieges-und Freudengesänge der jungen Burschen drangen aus der Badstraße bis zu mir herauf, so daß ich mich auf den Weg machte und ein bißchen mitfeierte. Und dabei Überraschendes erlebte und erfuhr. Waren doch  die Sieger mit ihrem Trainer Otto Frey, den Betreuern  und einigen Eltern quasi  im kleinen Kreise  unter sich. Kein VfR-Vorstandsmitglied, der außer Landes weilende Vorsitzende Horst Eisele war entschuldigt, kein einziger Funktionär der Fußballabteilung fand es für nötig, den Burschen zum größten Erfolg in der Vereinsgeschichte wenigstens  zu gratulieren. Daß es aus der Führungsetage des Klubs niemand für nötig gefunden hatte, die Mannschaft zum Endspiel zu begleiten, paßte da ins Bild. Geradezu von der Biergarten-Bank haute es mich jedoch, als ich erfuhr, daß der Trainer der ersten VfR-Mannschaft, Gerd Störzer, in dieser Runde noch kein einziges Spiel dieser erfolgreichen Jugend angeschaut hat. Nun frage nicht nur ich mich, wie es denn mit dem Heilbronner Fußball wieder aufwärtsgehen soll, wenn man die Talente in den eigenen Reihen so  ignoriert und links liegen läßt. Dafür drücke ich den VfR-Jugendlichen jetzt bei den Spielen um die Deutsche Pokalmeisterschaft umso mehr die Daumen und werde auch in der neuen Saison öfters  mal   im Frankenstadion vorbeischauen, wenn es gegen Bayern München, Eintracht Frankfurt, Karlsruher SC und andere Großkopfete des deutschen  Fußballs  um Jugend-Bundesligapunkte geht. Und vielleicht habe ich Glück und treffe dabei mal  den Herrn Störzer und andere VfR-Funktionäre, die sich dann sicher im Glanze dieser Jugenderfolge sonnen werden

 Erdbeeren
Wenn ich samstags oder sonntags mit dem Auto tanken fahre, dann stehen an den verschiedenen Tankstellen Heilbronns die Erdbeer-Bauern aus dem Unterland und verkaufen unter großen Sonnenschirmen die Früchte ihrer Arbeit. Frisch vom Feld geerntet kommen die herrlich roten Früchte und werden pfundweise für 3,80 Mark angeboten. Wie man mir sagte, wäre es noch ein wenig billiger, wenn der Erdbeerfan selbst auf die Felder ginge und pflückte. Dann kostet das Kilo nur rund sechs Mark. Der große Unterschied ist halt zu schmecken: Ob die Beeren aus dem Kühlhaus kommen, die ich im Supermarkt erhalte, oder direkt vom Feld, die ich beim Bauern an der Tankstelle kaufe. Und wem die Luft an der Tankstelle zu stark mit den Benzindämpfen durchtränkt ist, der kann auch rings um Heilbronn an den Feldern sein Pappschälchen Erdbeeren erstehen. Allüberall stehen die Schilder, auf denen angezeigt wird, daß hier die roten Früchte gekauft werden können. Ich finde diese Art der Selbstvermarktung hervorragend. Der Verbraucher genießt frische Ware und der Erzeuger umgeht den mühevollen Weg des Zwischenhandels. Aber nicht nur für den Endverbraucher ist diese Praxis angenehm, auch die Hotels, Gaststätten, Konditoreien oder Bäckereien bekommen ihre Ware täglich pflückfrisch auf den Bearbeitungstisch. In den nächsten Tagen übrigens sollen die Preise fallen: Bis zu 2,50 Mark das Pfund herrlich roter Erdbeeren aus dem Unterland.


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