Sonntag, 23. Februar 2014

Kiliansmännle, 18.12.1996




Sie drohen, zu bleiben
Die Verurteilung von Theatermanagern in Stuttgart, die mit den üppigen Subventionen aus dem Steuersäckel so maßlos umsprangen, so daß Schuldenberge in schwindelnder Höhe aufgetürmt wurden, die wiederum vom Steuerzahler beglichen werden mußten, hat viele befriedigt. Endlich mal wurden Leute aus dem Öffentlichen Dienst für ihre Verschwendungssucht zur Verantwortung gezogen. Das sollte Schule machen. Einige Direktoren am Staatstheater haben dann auch gleich Rückzieher gemacht, nachdem sie zunächst wilde Klagen gegen die neuen Sparpläne der Landesregierung, die auch in ihre Etats kleine Löcher schnitten, angehoben hatten. Mir sagte ein Kenner der Kultur- und Theaterszene, zunächst drohen die Herren Intendanten bei allzuharten finanziellen Einschnitten mit ihrem Rücktritt. Führt man die Verhandlungen eloquent und bleibt bei den notwendigen Sparmaßnahmen, dann führen sie eine viel schlimmere Drohung ins Feld: Sie wollen bleiben. Ist ja auch verständlich. Bei den Gehältern, die unsere Theaterdirektoren aus Steuergeldern erhalten, überlegen sie sich das nicht zwei- oder dreimal. Denn Posten als Theaterleiter in Staats- oder Stadttheatern sind nicht wie Sand am Meer vorhanden. Wenn ein Stadttheater-Direktor so um die 200.000 Mark pro Jahr verdient, was erst verdienen die Herren an den Staatstheatern? Man spricht von 500.000 und mehr. Und wenn die Herren dazu noch aus dem  Ausland kommen, dann wissen sie erst recht, die üppigen deutschen Theaterdirektoren-Gehälter zu schätzen. Gute Theaterarbeit hängt bekanntlich nicht vom Geld, sondern vom lebendigen Geist ab, der aus den Köpfen der Theatermacher sprudelt. Satte und wehleidige Theaterleute machen eben nur sattes und wehleidiges Theater – und meinen, das müsse auch noch als große Kunst anerkannt werden. Theaterkunst wird aber nur dort geboren, wo es ums Überleben, wo Unterhaltung Ausruhen vom Alltag und kein Ersatz für das Leben ist. Die Erfolge der großen Musical-Bühnen in Deutschland und aller Welt sind Beleg dafür. Unsere Staats- und Stadttheater dagegen machen mehrheitlich Theater für „Kenner“.


Wer wird was?
Im Jahre 1999 wird in Heilbronn ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Manche zerbrechen sich jetzt schon den Kopf darüber, wer es werden könnte. Andere wollen wissen, wer eventuell als Kandidat antritt. Auch in Stuttgart munkelte man vor drei Jahren viel. Und dann kam alles ganz anders. In Heilbronn wird es 1999 ähnlich sein. Nachdem die SPD in Stuttgart mal wieder auf der Oppositionsbank sitzt, hält so mancher ihrer Landtagabgeordneten, der zuvor auf der warmen Regierungsbank saß, Ausschau nach einem schönen OB-Posten. Denn unsere schwäbischen Oberbürgermeister sind schon kleine Fürsten – oft viel mächtiger als mancher Staatssekretär oder Minister. Ob der 1983 gegen Manfred Weinmann knapp unterlegene Erhard Klotz, einst OB in Neckarsulm, dann Ministerialdirektor im Stuttgarter Innenministerium und jetzt Geschäftsführer des baden-württembergischen Städtetages, 1999 nochmals in Heilbronn als OB-Kandidat antreten wird, das ist für viele in der SPD die Frage. Andere wünschen ihn sich als nächsten SPD-Bundestagkandidaten im Wahlkreis Heilbronn. Aber auch weitere sozialdemokratische Namen werden hier gehandelt: Harald Friese, Bürgermeister in Heilbronn, oder Frank Stroh, IG-Metall-Bevollmächtigter in Neckarsulm. Daß die neuen Fraktionsvorsitzenden der beiden großen Parteien CDU und SPD auf dem Heilbronner Rathaus, Artur Kübler und Harry Mergel, gern Bürgermeister in ihrer Heimatstadt werden wollen, das pfeifen die Spatzen auf den Heilbronner Dächern schon seit langer Zeit. War doch Artur Kübler einst sogar gegen Reiner Casse angetreten. Und Harry Mergel dürfte seine Augen schon lange auf das Amt des Kulturbürgermeisters geworfen haben – als engagierter Kulturtage-Chef. Beide sind Beamte: Mergel Handelsschulrat in Heilbronn und Kübler Oberregierungsrat im Stuttgarter Staatsministerium. 1999 geht es ja nicht nur um den Posten des OBs, sondern auch einige Bürgermeister-Stellen müssen neu besetzt werden.

Weihnachtsempfang
Unter dem Motto „Neues Denken – neue Chancen“ stand der traditionelle Weihnachtsempfang des Verbandes der Metallindustrie (Bezirksgruppe Heilbronn/Region Franken) und des Arbeitgeberverbandes /(Region Franken e.V.) am Montag dieser Woche im plüschigen, mit überdimensionierten Sternen weihnachtlich geschmückten Foyer des Heilbronner Stadttheaters. Ein Vierteljahrhundert seien diese vorweihnachtlichen Empfänge jetzt alt, so der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Dr. Hans Wiedemann (Geschäftsführer beim GKN Neckarwestheim). Und im Foyer des Stadttheaters sei man schon seit 15 Jahren zu Gast. Und mit den anwesenden Landtags- und Bundestagsabgeordneten hatte der Vorsitzende auch gleich die richtigen Adressaten „seiner Kritik an der Politik – positive und weniger positive“. Und den Medien überließ er es großzügig, „solche Kritik der Verbände aufzunehmen, zu verstärken, abzumindern, zu verwerfen oder zu ignorieren“. Mit den Worten des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt rief Wiedemann der versammelten Gästeschar zum Jahreswechsel zu: Es wird höchste Zeit, daß wir Deutsche zu Nüchternheit und Realismus zurückfinden und solange wie es nicht Zuwachs, sondern Mangel zu verteilen gibt, auf alle Diskussionen verzichten, die bei der schweren Schlagseite unseres Sozialversicherungsystems und der Staatsfinanzen unser Schiff zum Kentern bringen. Nicht der Verzicht auf den Wohlstand in Deutschland sei damit gemeint, „sondern der Verzicht auf exzessive Nutzung unserer Soziallsysteme, mehr wirtschaftspolitische Redlichkeit, die Rückbesinnung auf Solidarität im Sozialkonsens und die Konzentration all unserer Kräfte, um unseren Sozialstaat zu sichern“. – Diesen Worten kann ja eigentlich nur jeder zustimmen. Aber niemand, weder Unternehmer noch Arbeitnehmer, dürfte eigentlich auf Kosten der Allgemeinheit leben – so er nicht bedürftig ist. Redlichkeit ist nicht teilbar. Die Schieflagen sind in allen Lagern zu finden. Und darin liegt das größte Dilemma.

Abgeordneter als Autor
Wir kennen ihn alle von den SPD-Wahlplakaten: Hans Martin Bury, ein junger Bundestagsabgeordneter aus Bietigheim-Bissingen. Nun macht der SPD-Mann nicht nur noch Politik. Zusammen mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Thomas Schmidt hat er sich das Banken-Kartell vorgeknöpft. Und genauso lautet der Titel seines eben erschienenen Buches. Bury geht darin in die Vollen. Er behauptet, ein Kartell aus Großbanken und Versicherungen beherrsche Deutschlands Wirtschaft. Mit ihren Aktienpaketen, dem Depotstimmrecht, ihren Aufsichtsratsmandaten, mit der Vergabe von Krediten und der Begleitung beim Börsengang entscheiden, so Bury, die Finanzinstitute über Wohl und Wehe einzelner Unternehmen – und zunehmend der ganzen Volkswirtschaft. Starker Tobak. Doch Bury packt die Diskussion um den Standort Deutschland mal ganz anders an. Er behauptet, und da wird ihm so manches Unterländer Unternehmen Recht geben, daß die Bankenmacht für Neuerungsdefizite und den Stillstand des Standortes Deutschland verantwortlich ist. In einem liegt er sicher richtig: Ob beispielsweise ein Mittelständler eine neue Maschine kaufen, die Familie ein Haus errichten oder auch ein Großunternehmen einen neue Produktionsstraße bauen kann, tatsächlich entscheidet das die Bank. Die Bezeichnung Kreditinstitut sagt alles.

Käthchen
Sind wir Frauen bessere Menschen?
Es gibt sodde. Und es gibt auch sodde. Sagt man im bei uns Schwäbischen. Manche von denen sind Machos, die uns Frauen nichts zutrauen. Andere sind Schleimer, die uns alles zutrauen und aus Angst uns gewaltig hochloben, um uns dann plotzen zu lassen. Elias Canetti, der große Schriftsteller, meinte einst, Antisemitismus und Philosemitismus, das seien die beiden Seiten ein- und derselben Medaille. Genauso ist es bei vielen Männern. Da werden wir Frauen als die neue kraftvolle Gruppierung in der Gesellschaft entdeckt, als besonders talentiert hingestellt – und wenn man dann genauer hinschaut, dann kommt das Lob von jenen Mannsbildern, die mächtig Angst vor ihren eigenen Geschlechtsgenossen haben. Es ist ja auch so einfach Frauen, zu beschäftigen, von denen man weiß, daß sie über kurz oder lang eh aus dem Berufsleben für geraume Zeit ausscheiden. Denn nach Schule, Berufsausbildung und ersten Jobs, kommt bei mehr als neunzig Prozent meiner Geschlechtsgenossinen die Heirat und das Kinderkriegen. Damit ist die Karriere erst mal unterbrochen. Die Kurve zum Wiedereinstieg in den Beruf  kommt oft erst dann, wenn die Kinder, wie man so sagt, aus dem gröbsten raus sind. Das dauert so seine zehn bis zwanzig Jahre. Und dann sind die hochdotierten Jobs schon lange vergeben. Und um keine Konkurrenz im eigenen Laden zu haben, suchen sich jene Männer, die sich mühsam auf eine Chefstelle hochgerangelt haben, vornehmlich junge Frauen als Mitarbeiter(innen. Nicht, weil die so viel besser sind, sie sind ja schließlich auch nur Menschen, sondern weil sie rein statistisch gesehen weniger Sitzfleisch aufweisen. Vorsicht also vor jenen Heuchlern aus der Herrenwelt, die Frauen nicht als gleichberechtigte Wesen ansehen, sondern als bessere Menschen.

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