Samstag, 22. Februar 2014

Kiliansmännle, 11.09.1996




Nackt und bloß
Was vor dem Eingang des Brackenheimer Kreiskrankenhauses eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, führte in Friedrichshafen am Bodensee zum kleinen Volksaufstand. Der Unterschied: Im Süden des Landes hat der nackte Mann einen Namen. Der heilige Franz von Assisi wird dargestellt als überlebensgroße Bronzeplastik – mit Schniedelwutz zwischen den Beinen. Auch der Herr vor dem Brackenheimer Krankenhaus zeigt seine Männlichkeit ungeniert. Bisher ist aber noch niemand im Landkreis auf die Idee gekommen, das Ding nachzumessen. Am Bodensee schlagen die Wellen der Erregung hoch. Angefangen hatte alles damit, daß ein kirchlicher Würdenträger dem Künstler einen Brief geschrieben hatte, in dem er darlegte, daß die Nacktheit deutlicher ausgefallen sei als im Modell. Und auch der Rostschutz müsse noch angebracht werden. Erst dann gäbe es das Honorar. Deshalb wurden 40.000 von den 100.000 Mark zurückbehalten. „Dringend“ solle sich der Künstler Gedanken machen, die Beanstandungen in Ordnung zu bringen. und das war ein gefundenes Fressen für die Journaille im Sommerloch. Nun sieht der Nackte des Strümpfelbacher Künstlers Karl-Ulrich Nuß nicht so proper aus wie der Heilige Franziskus am Bodensee. Ein wenig verformt und flachbrüstig schreitet er einher. Und mit Models oder gutgestylten Herren, die sich in Striptease-Shows den Damen zeigen wie der Herr sie schuf, kann er nicht im entferntesten konkurrieren. Auch sein Gehänge ist keiner öffentlichen Erregung wert. Da haben wir Landsknechte im Mittelalter mehr in der Hose zur Schau gestellt.  

Ja, nein - oder jein?
Erst sollte die Kaiserstraße Fußgängerzone werden. Sie wurde es. Dann gingen die Geschäfte schlechter. Dann sollte die Kaiserstraße in Heilbronn aus diesem unwürdigen Zustand des Übergangs, Fußgängerzone mit starkem Bus- und Taxiverkehr, wieder herausgeführt werden in eine Lösung, die die Kunden anlockt. Aber wie die aussehen soll, das ist der Stadt und den Kaufleuten in Heilbronn nicht ganz klar. Und geheuer schon gar nicht. Also – irgendwie sollen die Leute mit ihren wertvollen Automobilen nicht verschreckt werden. Denn sonst kaufen sie auf der grünen Wiese vor den Toren der Stadt ein. Aber ganz reinfahren in die Kaiserstraße bis zum Rathaus sollen sie auch nicht. Dazwischen sollten Parkmöglichkeiten sein. Das Chaos ist komplett. Die Damen und Herren im Gemeinderat sollen im September entscheiden. Denn  die haben uns die Suppe eingebrockt, sagt jetzt die Stadtverwaltung. Schließlich haben die Stadträte mit Mehrheit der jetzigen Regelung zugestimmt. Die Verwaltung hat nur brav ausgeführt, was der Gemeinderat wollte – und der hat nur umgesetzt, was die Mehrheit der Geschäftsleute wünschte. Eine Argumentation, meine ich, die zu nichts als dümmlichem Streit führt. War zuerst das Huhn – oder etwa zuerst das Ei? Es war zunächst eine besonders dumme Politik, die zu solch aberwitzigen Ergebnissen führte. Jetzt ist die Kuh auf dem Eis, sprich galoppiert die Kaiserstraße auf und ab. Und irgendjemand muß die verfahrene Situation wieder flottmachen. Die Zeit riecht nicht nach Drückebergern, sondern nach mutigen, entscheidungsfreudigen Männern im Rathaus.  

Kalte Rotte ade?
20 Millionen Mark. Mit mehr Geld will der neue Umweltminister Hermann Schaufler (CDU) das Pilotprojekt „Kalte Rotte“, mit der der Müll verrottet statt verbrannt werden sollte, nicht fördern. Auch wenn die Kosten für die Stadt Heilbronn die bisher kalkulierten 60 Millionen Mark überschreiten würden. Gestartet wurde das Projekt 1993 unter dem damaligen Umweltminister Harald Schäfer (SPD). Die Kosten sollten zu der Zeit noch bei 41 Millionen Mark liegen, von denen das Land Baden-Württemberg 14 Millionen plus 6 Millionen Mark für wissenschaftliche Begleitung bezuschußt hätte.  Inzwischen ist die Zahl der Befürworter der „Kalten Rotte“ gesunken. Die Heilbronner Verwaltung plädiert für eine billigere Lösung. Denn ab 2005 muß laut den Umweltauflagen der TASI Restmüll ohnehin verbrannt werden. Ein weiteres Festhalten an der „Kalten Rotte“, die ab 2005 also nicht mehr der  Technischen Anleitung für Siedlungsabfall (TASI) entsprechen würde, wäre nur ein Kostentreiber. Längerfristig, so eine von der Stadt in Auftrag gegebene Berechnung der Wirtschaftlichkeit der „Kalten Rotte“, würde man mit einer Verbrennungsanlage besser fahren. Denn der Preis, um eine Tonne Restmüll zu verbrennen, hat sich in den letzten drei Jahren halbiert. In Hinblick auf die Gebührenbelastung der Heilbronner Bürger hat sich Erster Bürgermeister Werner Grau nicht mehr für die „Kalte Rotte“, sondern für die „kostengünstigste Entsorgungsalternative, die den strengen Umweltauflagen der TASI entspricht“, ausgesprochen. Nach der Sommerpause soll im Gemeinderat die Entscheidung über den Heilbronner Müll anstehen. Dann müssen aber Nägel mit Köpfen gemacht werden, denn mit Ruhm bekleckert hat sich die Heilbronner Kommunalpolitik bei wichtigen Entscheidungen bisher wahrlich nicht. Ich denke nur an das endlose Gezerre um die Bebauung des Berliner Platzes. Dringend ist das Problem „Restmüll“ noch nicht. Aber wenn die Kommunalpolitik zuviel Zeit verbummelt, dann könnte der Abfall zu einem akuten Problem werden.

Weindorf ’96
Einst wurde der alte Heilbronner Wein im Herbst zwischen den Rebhängen unterhalb des  Wartbergs getrunken, damit der neue Platz in den Fässern hatte. Dann gab es den Heilbronner Herbst auf der Theresienwiese. Und jetzt wird der Rebensaft aus vielen Weingärtnergenossenschaften des Unterlands auf dem Weindorf rund um das Heilbronner Rathaus getrunken – teilweise gleich flaschenweise. Was dann des einen Freude ist, das sind für die Stadtreinigung am Morgen danach die Scherben auf dem Pflaster. Krampfhaft wird seit Jahren überlegt, wie man diesem Problem Herr werden könnte. Ich hätte da eine Lösung, die gar nicht so neu ist: Pfand! Und zwar zehn Mark pro Flasche. Ich garantiere, die potentiellen Flaschenwerfer würden es sich mehr als einmal überlegen, das braune oder grüne Gefäß auf den Boden zu werfen. Und wenn, dann spüren sie es am eigenen Geldbeutel. Hinzu kommt, daß Zeitgenossen, die zu tief ins Glas geschaut haben und ihre leere Flasche einfach stehen lassen, jenen Mitbürgern eine Freude bereiten, die brav die herumliegenden oder -stehenden Weinflaschen zur Sammelstelle bringen und ordentlich kassieren. So wär’s mir recht.  Manche sehen ja darin ein Problem. Denn kurz nach zehn Uhr schließen die WGs ihre Stände. Aber was macht’s? Dann richtet man halt eine zentrale Sammelstelle ein, die von den Weindorf-Gästen auch noch zu späterer Stunde die Flaschen entgegennimmt. Wo ein Wille ist, das bahnt sich auch ein Weg. Und weniger getrunken wird wegen des Flaschenpfands auch nicht. Aber den Rabauken auf dem Heilbronner Weindorf werden deutlich die Grenzen gezeigt. Wenn´s in diesem Jahr nicht klappt mit dem Pfand, dann vielleicht im nächsten. Gut Ding will Weile haben – und viele Scherben.

Rathaus-Skandal
Erinnern Sie sich noch an den Rathaus-Skandal in Heilbronn? Knapp sechs Millionen Mark sind da verschleudert worden, ohne daß einer der Chefs im Hohen Hause – sprich Bürgermeister – es bemerkt hätte, geschweige denn die Damen und Herren im vierzigköpfigen Gemeinderat. Ein Teil der Summe soll ja wieder reingeholt worden sein. Aber der andere bleibt verschwunden. Ende Juli hatte die Heilbronner Staatsanwaltschaft Anklage erhoben: Wegen Untreue, Anstiftung zur Untreue, gemeinschaftlichen Betrugs, Bestechung und Bestechlichkeit. Jetzt wurde von der Dritten Großen Strafkammer des Landgerichts Heilbronn diese Anklage zugelassen. Verhandelt werden soll ab 5. November 1996 – sieben Tage lang bis zum 19. November. Vor Gericht stehen ein 53jähriger Sachbearbeiter aus dem Rathaus Heilbronn und fünf weitere Angeklagte aus dem Raum Düsseldorf. Die Staatsanwaltschaft hat bisher 18 Zeugen benannt – darunter auch den Heilbronner Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann. Aber der ist bekanntlich zunächst im Urlaub, dann unterzieht er sich einer Operation und soll, so ist aus dem Rathaus zu hören, seine Amtgeschäfte erst wieder Mitte Dezember 1996 aufnehmen können. Schon sprießen die seltsamsten Gerüchte. Wie immer, wenn die Sachlage ist wie sie ist. Denn daß der Prozeß kommt – und zwar noch in diesem Jahr – das wußten die Verantwortlichen an der Verwaltungsspitze der Stadt Heilbronn sehr genau. Wer darf, wer kann, wer muß vor Gericht aussagen? Wer fällt wegen Krankeit aus? Es wird immer kurioser im Durcheinander der rund 5.000 Mitarbeiter starken Stadtverwaltung. In knapp zwei Monaten wissen wir mehr. Oder schon zuvor.

Grantschener Rebensaft
Neulich hatte ich Ihnen von einem Besuch des Ludwigsburger Weinfest erzählt. „Weniger Weingärtnergenossenschaften schenken dort schlechtere Weine aus. Nehmen wir beispielsweise einmal Grantschen. Die sind in Heilbronn und in Ludwigsburg vertreten.“ Hatte ich behauptet. Und hinzu noch: „Doch in der Unterländer Metropole würden sich die Grantschener nicht erlauben, solch mittelmäßige Weine für soviel Geld zum Verkosten anzubieten.“ Das ist nicht ganz richtig, denn es wurden in Ludwigsburg zwar die weniger berühmten Grantschener Weine an die Viertelesschlotzer gebracht, aber eben nicht von der Weingärtnergenossenschaft Grantschen. Die war nämlich dort nicht vertreten. Nur ein Teil ihrer Weine wurde angeboten – an Ständen von jenen, die eben auf den Markennamen „Grantschen“ setzten. Klar, daß die Mannen um Geschäftsführer Bruno Bolsinger und Kellermeister Fritz Herold heftig protestieren. Denn die Grantschener sind nun einmal berühmt für ihre erstklassigen Rebensäfte. Daran kann und möchte auch ich nicht rütteln. Die WG Grantschen wäre zu einem Auswärtsspiel garantiert nicht mit mittelmäßigen Weinen angetreten. Denn perfektes Marketing genießt in Grantschen einen hohen Stellenwert. Immer noch ein Tropfen der ersten Güteklasse ist beispielsweise der Gran Dor, ein Roter der seinen Namen in Deutschland und selbst im benachbarten Weinland Frankreich hat. Nichtsdestotrotz: Jede Flasche kann mal korkeln. Der Kenner läßt sie einfach zurückgehen. Ich frage mich in diesem Zusammenhang immer wieder, warum in Oulu/Finnland von unseren Wirtschaftsförderern bei ihrer großangelegten Propagandareise nicht auch all die anderen guten Weine aus dem Unterland zum Verkosten angeboten wurden. Sozusagen von einer Arbeitsgemeinschaft der regionalen Weinerzeuger. Aber das ist Schnee von gestern.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen