Nackt und bloß
Was vor dem Eingang des Brackenheimer
Kreiskrankenhauses eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, führte in
Friedrichshafen am Bodensee zum kleinen Volksaufstand. Der Unterschied: Im
Süden des Landes hat der nackte Mann einen Namen. Der heilige Franz von Assisi wird dargestellt als überlebensgroße
Bronzeplastik – mit Schniedelwutz zwischen den Beinen. Auch der Herr vor
dem Brackenheimer Krankenhaus zeigt seine Männlichkeit ungeniert. Bisher ist
aber noch niemand im Landkreis auf die Idee gekommen, das Ding nachzumessen. Am
Bodensee schlagen die Wellen der Erregung hoch. Angefangen hatte alles damit,
daß ein kirchlicher Würdenträger dem Künstler einen Brief geschrieben hatte, in
dem er darlegte, daß die Nacktheit deutlicher ausgefallen sei als im Modell.
Und auch der Rostschutz müsse noch angebracht werden. Erst dann gäbe es das
Honorar. Deshalb wurden 40.000 von den 100.000 Mark zurückbehalten. „Dringend“
solle sich der Künstler Gedanken machen, die Beanstandungen in Ordnung zu
bringen. und das war ein gefundenes Fressen für die Journaille im Sommerloch.
Nun sieht der Nackte des Strümpfelbacher Künstlers Karl-Ulrich Nuß nicht so
proper aus wie der Heilige Franziskus am Bodensee. Ein wenig verformt und
flachbrüstig schreitet er einher. Und mit Models oder gutgestylten Herren, die
sich in Striptease-Shows den Damen zeigen wie der Herr sie schuf, kann er nicht
im entferntesten konkurrieren. Auch sein Gehänge ist keiner öffentlichen
Erregung wert. Da haben wir Landsknechte im Mittelalter mehr in der Hose zur
Schau gestellt.
Ja, nein - oder jein?
Erst sollte die Kaiserstraße Fußgängerzone werden. Sie
wurde es. Dann gingen die Geschäfte schlechter. Dann sollte die Kaiserstraße in
Heilbronn aus diesem unwürdigen Zustand des Übergangs, Fußgängerzone mit
starkem Bus- und Taxiverkehr, wieder herausgeführt werden in eine Lösung, die
die Kunden anlockt. Aber wie die aussehen soll, das ist der Stadt und den
Kaufleuten in Heilbronn nicht ganz klar. Und geheuer schon gar nicht. Also –
irgendwie sollen die Leute mit ihren wertvollen Automobilen nicht verschreckt
werden. Denn sonst kaufen sie auf der grünen Wiese vor den Toren der Stadt ein.
Aber ganz reinfahren in die Kaiserstraße bis zum Rathaus sollen sie auch nicht.
Dazwischen sollten Parkmöglichkeiten
sein. Das Chaos ist komplett. Die Damen und Herren im Gemeinderat sollen im
September entscheiden. Denn die
haben uns die Suppe eingebrockt, sagt jetzt die Stadtverwaltung. Schließlich
haben die Stadträte mit Mehrheit der jetzigen Regelung zugestimmt. Die
Verwaltung hat nur brav ausgeführt, was der Gemeinderat wollte – und der hat
nur umgesetzt, was die Mehrheit der Geschäftsleute wünschte. Eine
Argumentation, meine ich, die zu nichts als dümmlichem Streit führt. War zuerst
das Huhn – oder etwa zuerst das Ei? Es war zunächst eine besonders dumme Politik,
die zu solch aberwitzigen Ergebnissen führte. Jetzt ist die Kuh auf dem Eis,
sprich galoppiert die Kaiserstraße auf und ab. Und irgendjemand muß die
verfahrene Situation wieder flottmachen. Die Zeit riecht nicht nach
Drückebergern, sondern nach mutigen, entscheidungsfreudigen Männern im Rathaus.
Kalte Rotte ade?
20 Millionen Mark. Mit mehr Geld will der neue
Umweltminister Hermann Schaufler (CDU) das Pilotprojekt „Kalte Rotte“, mit der
der Müll verrottet statt verbrannt werden sollte, nicht fördern. Auch wenn die
Kosten für die Stadt Heilbronn die bisher kalkulierten 60 Millionen Mark
überschreiten würden. Gestartet wurde das Projekt 1993 unter dem damaligen
Umweltminister Harald Schäfer (SPD). Die
Kosten sollten zu der Zeit noch bei 41 Millionen Mark liegen, von denen das
Land Baden-Württemberg 14 Millionen plus 6 Millionen Mark für wissenschaftliche
Begleitung bezuschußt hätte.
Inzwischen ist die Zahl der Befürworter der „Kalten Rotte“ gesunken. Die
Heilbronner Verwaltung plädiert für eine billigere Lösung. Denn ab 2005 muß
laut den Umweltauflagen der TASI Restmüll ohnehin verbrannt werden. Ein
weiteres Festhalten an der „Kalten Rotte“, die ab 2005 also nicht mehr der Technischen Anleitung für Siedlungsabfall
(TASI) entsprechen würde, wäre nur ein Kostentreiber. Längerfristig, so eine
von der Stadt in Auftrag gegebene Berechnung der Wirtschaftlichkeit der „Kalten
Rotte“, würde man mit einer Verbrennungsanlage besser fahren. Denn der Preis,
um eine Tonne Restmüll zu verbrennen, hat sich in den letzten drei Jahren
halbiert. In Hinblick auf die Gebührenbelastung der Heilbronner Bürger hat sich
Erster Bürgermeister Werner Grau nicht mehr für die „Kalte Rotte“, sondern für
die „kostengünstigste Entsorgungsalternative, die den strengen Umweltauflagen
der TASI entspricht“, ausgesprochen. Nach der Sommerpause soll im Gemeinderat
die Entscheidung über den Heilbronner Müll anstehen. Dann müssen aber Nägel mit
Köpfen gemacht werden, denn mit Ruhm bekleckert hat sich die Heilbronner
Kommunalpolitik bei wichtigen Entscheidungen bisher wahrlich nicht. Ich denke
nur an das endlose Gezerre um die Bebauung des Berliner Platzes. Dringend ist
das Problem „Restmüll“ noch nicht. Aber wenn die Kommunalpolitik zuviel Zeit
verbummelt, dann könnte der Abfall zu einem akuten Problem werden.
Weindorf ’96
Einst wurde der alte Heilbronner Wein im Herbst
zwischen den Rebhängen unterhalb des
Wartbergs getrunken, damit der neue Platz in den Fässern hatte. Dann gab
es den Heilbronner Herbst auf der Theresienwiese. Und jetzt wird der Rebensaft
aus vielen Weingärtnergenossenschaften des Unterlands auf dem Weindorf rund um
das Heilbronner Rathaus getrunken – teilweise gleich flaschenweise. Was dann
des einen Freude ist, das sind für die Stadtreinigung am Morgen danach die Scherben
auf dem Pflaster. Krampfhaft wird seit Jahren überlegt, wie man diesem Problem
Herr werden könnte. Ich hätte da eine Lösung, die gar nicht so neu ist: Pfand! Und zwar zehn Mark pro Flasche. Ich
garantiere, die potentiellen Flaschenwerfer würden es sich mehr als einmal
überlegen, das braune oder grüne Gefäß auf den Boden zu werfen. Und wenn,
dann spüren sie es am eigenen Geldbeutel. Hinzu kommt, daß Zeitgenossen, die zu
tief ins Glas geschaut haben und ihre leere Flasche einfach stehen lassen,
jenen Mitbürgern eine Freude bereiten, die brav die herumliegenden oder
-stehenden Weinflaschen zur Sammelstelle bringen und ordentlich kassieren. So
wär’s mir recht. Manche sehen ja darin
ein Problem. Denn kurz nach zehn Uhr schließen die WGs ihre Stände. Aber was
macht’s? Dann richtet man halt eine zentrale Sammelstelle ein, die von den
Weindorf-Gästen auch noch zu späterer Stunde die Flaschen entgegennimmt. Wo ein
Wille ist, das bahnt sich auch ein Weg. Und weniger getrunken wird wegen des
Flaschenpfands auch nicht. Aber den Rabauken auf dem Heilbronner Weindorf
werden deutlich die Grenzen gezeigt. Wenn´s in diesem Jahr nicht klappt mit dem
Pfand, dann vielleicht im nächsten. Gut Ding will Weile haben – und viele
Scherben.
Rathaus-Skandal
Erinnern Sie sich noch an den Rathaus-Skandal in
Heilbronn? Knapp sechs Millionen Mark sind da verschleudert worden, ohne daß
einer der Chefs im Hohen Hause – sprich Bürgermeister – es bemerkt hätte,
geschweige denn die Damen und Herren im vierzigköpfigen Gemeinderat. Ein Teil
der Summe soll ja wieder reingeholt worden sein. Aber der andere bleibt
verschwunden. Ende Juli hatte die Heilbronner Staatsanwaltschaft Anklage
erhoben: Wegen Untreue, Anstiftung zur Untreue, gemeinschaftlichen Betrugs,
Bestechung und Bestechlichkeit. Jetzt wurde von der Dritten Großen Strafkammer
des Landgerichts Heilbronn diese Anklage zugelassen. Verhandelt werden soll ab
5. November 1996 – sieben Tage lang bis zum 19. November. Vor Gericht stehen ein 53jähriger Sachbearbeiter aus dem Rathaus
Heilbronn und fünf weitere Angeklagte aus dem Raum Düsseldorf. Die
Staatsanwaltschaft hat bisher 18 Zeugen benannt – darunter auch den Heilbronner
Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann.
Aber der ist bekanntlich zunächst im Urlaub, dann unterzieht er sich einer
Operation und soll, so ist aus dem Rathaus zu hören, seine Amtgeschäfte erst
wieder Mitte Dezember 1996 aufnehmen können. Schon sprießen die seltsamsten
Gerüchte. Wie immer, wenn die Sachlage ist wie sie ist. Denn daß der Prozeß
kommt – und zwar noch in diesem Jahr – das wußten die Verantwortlichen an der
Verwaltungsspitze der Stadt Heilbronn sehr genau. Wer darf, wer kann, wer muß
vor Gericht aussagen? Wer fällt wegen Krankeit aus? Es wird immer kurioser im
Durcheinander der rund 5.000 Mitarbeiter starken Stadtverwaltung. In knapp zwei
Monaten wissen wir mehr. Oder schon zuvor.
Grantschener Rebensaft
Neulich hatte ich Ihnen von einem Besuch des
Ludwigsburger Weinfest erzählt. „Weniger Weingärtnergenossenschaften schenken
dort schlechtere Weine aus. Nehmen wir beispielsweise einmal Grantschen. Die
sind in Heilbronn und in Ludwigsburg vertreten.“ Hatte ich behauptet. Und hinzu
noch: „Doch in der Unterländer Metropole
würden sich die Grantschener nicht erlauben, solch mittelmäßige Weine für soviel
Geld zum Verkosten anzubieten.“ Das ist nicht ganz richtig, denn es wurden
in Ludwigsburg zwar die weniger berühmten Grantschener Weine an die
Viertelesschlotzer gebracht, aber eben nicht von der Weingärtnergenossenschaft
Grantschen. Die war nämlich dort nicht vertreten. Nur ein Teil ihrer Weine
wurde angeboten – an Ständen von jenen, die eben auf den Markennamen
„Grantschen“ setzten. Klar, daß die Mannen um Geschäftsführer Bruno Bolsinger
und Kellermeister Fritz Herold heftig protestieren. Denn die Grantschener sind
nun einmal berühmt für ihre erstklassigen Rebensäfte. Daran kann und möchte
auch ich nicht rütteln. Die WG Grantschen wäre zu einem Auswärtsspiel
garantiert nicht mit mittelmäßigen Weinen angetreten. Denn perfektes Marketing
genießt in Grantschen einen hohen Stellenwert. Immer noch ein Tropfen der
ersten Güteklasse ist beispielsweise der Gran Dor, ein Roter der seinen Namen
in Deutschland und selbst im benachbarten Weinland Frankreich hat.
Nichtsdestotrotz: Jede Flasche kann mal korkeln. Der Kenner läßt sie einfach
zurückgehen. Ich frage mich in diesem Zusammenhang immer wieder, warum in
Oulu/Finnland von unseren Wirtschaftsförderern bei ihrer großangelegten
Propagandareise nicht auch all die anderen guten Weine aus dem Unterland zum
Verkosten angeboten wurden. Sozusagen von einer Arbeitsgemeinschaft der
regionalen Weinerzeuger. Aber das ist
Schnee von gestern.
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