Samstag, 22. Februar 2014

Kiliansmännle, 21.08.1996




 Sektenkrieg
Wer keiner dieser vielen religiösen Gemeinschaften in Deutschland angehört, reibt sich verwundert die Augen. Ein kleiner Religionskrieg ist da in Deutschland mal wieder in Gange. Und der Auslöser ist nur ein Spielfilm aus Hollywood, in dem das bekennnende Scientology-Mitglied Tom Cruise Hauptdarsteller und Produzent ist. Die Junge Union protestiert und fordert zum Boykott des Films auf. Weil sie die Gemeinschaft der Scientologen für keine Kirche, sondern ein kriminelles Wirtschaftsunternehmen hält, das bestrebt ist, die freiheitliche Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland zu zerstören. Nun ist das nicht neu, was die CDU-Nachwuchsorganisation da gebetsmühlenartig gegen die Scientologen vorbringt. Neu sind die Irritationen, die diese Kampagne im Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland auslöst. Die USA haben eine lange Tradition, in der Bewahrung der Grundrechte. Dazu gehören unveräußerlich zum Beispiel die Versammlungsfreiheit, die Religionsfreiheit oder die Pressefreiheit. Einige amerikanische Politiker sehen jetzt in der deutschen Kampagne gegen die Scientologen einen „Verstoß gegen die Grundrechte“. Deutsche Politiker meinen, daß man den Feinden der Freiheit die Freiheit schon ein bißchen beschneiden dürfe. Ich meine: auf dem Teppich bleiben. Wer etwas gegen die Scientologen vorzubringen hat, sollte die deutschen Gerichte bemühen und Stafanzeige stellen. Nur dort wird entschieden, ob sich jemand verfassungsfeindlich verhält oder als kriminell anzusehen ist. Verständlich auch, daß jetzt die anderen kleinen Religionsgemeinschaften Angst kriegen, in diesen Sog der wütenden Auseinandersetzung zu geraten. Eines hat die Junge Union aber schon erreicht: So bekannt wie heute waren die Scientologen in Deutschland noch nie. Und irgendwann kann so eine Holzhammermethode  bei Unbedarften auch in Mitleid umschlagen. Das wäre dann noch gefährlicher.

Neues Licht
Männer umschwirrn mich wie Motten das Licht – hieß es einst in einem deutschen Schlager. Das mit den Männern soll bleiben, wenn es nach dem Willen fundamentalistischer Umweltschützer geht. Aber das mit den Motten und Mücken soll endlich aufhören. Schluß soll sein mit dem alljährlichen Sommer-Massenmord an deutschen Insekten. Denn die deutschen Killerlampen an Straßen, Häusern und in Autoscheinwerfern locken das Getier an und damit in die tödliche Falle. Die Tierchen stehen nun mal auf weißes Licht, gelbes Licht dagegen verschmähen sie. Also umrüsten, liebe Naturfreunde. Früher gab es das nämlich nicht. Da lebten die geflügelten Nachtschwärmer noch im Einklang mit der natürlichen Umwelt. Die Menschen hatten in ihren Häusern nur Kerzenlicht oder Petroleumlampen, auf den Straßen war angenehme schwarze Nacht. Ein Paradies für Insekten. Aber mit der Technisierung begann der Lichtterror, machte der Mensch die Nacht zum Tag und verwirrte unsere Freunde, die Insekten. Die Lichtverschmutzung zurückdrängen, heißt also das Gebot der Stunde. Ein erster Schritt könnte sein, daß in den Außenbezirken der Städte und Gemeinden das weiße Licht in den Straßenlaternen gegen gelbes ausgetauscht wird. Manche bayrischen Gemeinden lehnen das ab, weil die Menschen dann nächtens aussehen wie Chinesen. Und Bayern sind ja schließlich auch Deutsche und keine Asiaten. Aber ich finde, bei uns Schwaben macht das nichts aus. Uns erkennt man auch im gelben Licht. Dem Umweltschutz zuliebe. Und der nächste Schritt hieße, daß die Automobile endlich gelbes Licht in ihren Scheinwerfern eingebaut bekommen. Wie bei den Franzosen. Und überhaupt: In den kleinen Dörfern kann man doch ganz auf die Straßenbeleuchtung verzichten, so ab Sieben. Da läuft doch eh der Fernseher.

Neuer Sender
Was lange währt, wird endlich gut. Manchmal – nicht immer. Der Anachronismus bei uns im Südwesten, daß wir zwei öffentlich-rechtliche Sender im Lande beherbergen und bezahlen. Damit soll jetzt bald Schluß sein. Lothar Späth hatte einst als wegweisender Landesvater den Zusammenschluß von Süddeutschem Rundfunk in Stuttgart und Südwestfunk in Baden-Baden auf den Weg bringen wollen, war aber kläglich an den Erbhöfen kleinkarierter Medienpolitik gescheitert. Was einst in der Nachkriegszeit von den Besatzungsmächten provisorisch eingerichtet worden war, hatte mit den Jahren ein zähes Eigenleben entfacht. Die willkürliche Sendergrenze war die Autobahn zwischen Ulm und Karlsruhe.  Erst die Erfolge der privaten Sender in Rundfunk und Fernsehen beschleunigten die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses von SDR und SWF. Jetzt haben die beiden Intendanten ein Papier vorgelegt, das demnächst von den Landesregierungen in Mainz und Stuttgart als Grundlage für die Verhandlungen  über eine Senderfusion benutzt werden soll. Laut diesem Papier sollen die drei Standorte Stuttgart, Baden-Baden und Mainz erhalten bleiben. Das zweite Hörfunkprogramm soll seinen Sitz in Baden-Baden haben, ebenso soll die Popwelle SDR 3 zugunsten von SWF 3 verschwinden. Beide Länder erhalten einen Landeshörfunksender, in Baden-Württemberg wird dabei auf  Südfunk 1 aufgebaut. Die Regionalisierung dagegen wird verstärkt, sprich S4 bleibt als erfolgreiches Mantelprogramm für die Regionalstudios erhalten. Beim Intendanten-Sitz des Senders ist man sich allerdings noch uneinig – wie in vielen anderen Bereichen auch. Mir wäre es ja am liebsten, wir hätten einen eigenen Landessender in Stuttgart. Die Rheinland-Pfälzer sollen sich mit Hessen und dem Saarland zusammenschließen. Das paßt eher.

Beutelschneiderei?
Freiwillig geht wohl kaum jemand ins Krankenhaus, außer er macht ein Besüchle. Und daß man als Patient oder Besucher auch einmal Lust auf ein Tässchen Kaffee hat, ist nur zu verständlich. Nehmen wir mal das Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn. Da gibt es neben immer noch happigen Parkhauspreisen auch eine schmucke Cafeteria. Der Pächter wird sogar sicher „Restaurant“ dazu sagen. Da werden Wurstbrötchen, Käsweckle, warme Speisen und - wie sich das für eine Cafeteria gehört - auch Kaffee offeriert. Wie in einer Kantine steht man da an, schiebt sein Tablett hinter dem des Vormannes her, bis man selber zum Zug kommt. Den Kaffee gibt es aus der großen Maschine. Er schmeckt nicht schlecht. Aber die Tasse kostet mehr als zwei Mark. Keine Kantine in Deutschland könnte es sich leisten, solch horrende Preise zu verlangen. Im Gesundbrunnen ist das möglich. Spricht einer den Kaffeehaus-Pächter darauf an, daß dies doch ein stolzer Preis für ein Tässchen Kaffee ist, wird zurückgeblufft: „Zeigen Sie mir ein Café in Heilbronn, in dem Sie den Kaffee billiger bekommen.“ Der gute Mann hat vermutlich recht. Solch ein Café gibt es nicht. Aber in welchem Café muß der Gast seinen Kaffee selber holen und dann auch noch das gebrauchte Geschirr zurücktragen? Das ist nur in dem am Gesundbrunnen möglich. Hier ist der Kunde nicht König.

Nicht besenrein
Bei Vierteles-Schlotzerinnen und Vierteles-Trinkern sind sie allseits beliebt: Besen. Gell, nicht die, mit denen ein pflichtbewußter Schwabe die Kehrwoche erledigt, sondern die Lokalitäten, in denen sich manch einfacher, aber ehrlicher Tropfen verkosten läßt. Auch zur Sommerzeit und nicht nur im Winter, wenn es frostig kalt ist, läßt sich gut und gerne in den Besen einkehren. Im Unterland finden wir sie bald in jeder Ortschaft. Doch die Besenkultur hat kräftige Kratzer bekommen. Wo früher vom Besenwirt die gute Stube für die Gäste ausgeräumt, Tische, Bänke und Stühle aufgestellt wurden, herrscht heute gekachelte kalte Atmosphäre vor. Gut abwaschbar muß der Besen sein. Nur noch ganz wenige waschechte Weinausschänke gibt es. Verständlich, die Arbeit im Besen muß sich für die Wirtsleute lohnen. Sie möchten und sollen etwas damit verdienen. Was aber zum Ehrenkodex der Besenwirte gehört, sind entweder die rote Laterne oder eben ein schrubbiger Reisigbesen als Zeichen dafür, daß die Lokalität geöffnet ist. Daran hält sich eigentlich jeder Besenwirt. Jeder? Pustekuchen! Wanderer, kommst du zum Stocksberg, die höchste Erhebung hier in der Nähe von Heilbronn, dann wirst du gelackmeiert. Da hängt rechts der Straße ein solcher Reisigbesen als untrügliches Zeichen für lockenden Weinausschank und ein deftiges Vesper. Wer losgeht, merkt nach zwei Kilometern durch reizvolle Landschaft, daß er hier wohl einem Besen-Gauner aufgesessen ist. Von einer Weinschänke keine Spur. Peinlich wird das ganze für Wanderer, die ihren Freunden aus dem hohen Norden diese württembergische Besonderheit zeigen wollten. Denn für die Nordlichter steht nach dieser nicht ganz besenreinen Werbung fest: Die Schwaben sind halt doch kleine Voralpen-Mafiosi. Also Wirte, haltet eure Besen rein!

Neue Kaiserstraße
Da haben wir nun den Salat. Erst wollten viele die Kaiserstraße als Fußgängerzone. Kaufleute, Gemeinderäte, und Stadtverwaltung. Jetzt ist sie provisorisch als solche hergerichtet. Der Versuch läuft noch – und hat sich als Fehlschlag herausgestellt. Sagen die meisten, die ihre Geschäfte in der Kaiserstraße haben. Horrende Umsatzrückgänge werden beklagt. Heilbronns Baubürgermeister Ulrich Frey will offenbar das Provisorium „Fußgängerzone Kaiserstraße“ zementieren. Denn der Umbau hatte rund 100.000 Mark gekostet. Für eine Teilöffnung, damit die Autos wieder reinfahren können, müßten laut seiner Rechnung nochmals weit über 100.000 Mark hingeblättert werden. Also dann lieber gleich den kompletten Ausbau der Straße zur Fußgängerzone? Ein herumgeisternder Lösungsvorschlag: Die Autos haben freie Zufahrt von der Allee in die Kaiserstraße, entweder bis zum Rathaus oder bis vor zur Friedrich-Ebert-Brücke.  Ob so, oder anders. Die Ost-West-Achse Heilbronns ist durchschnitten. Wer heute in die Bahnhofsvorstadt Heilbronns will, muß seltsame Reisen unternehmen. Vor allem, wenn er die Heilbronner Hauptpost aufsuchen will.  Außer er kommt aus dem Vorort Böckingen. Ich frage mich immer mehr, welche Planung hinter all dem Gewürge steckt.Oder ist es nur die typische Heilbronner Salamitaktik, wie bei der (Nicht-)Bebauung des Berliner Platzes seit mehr als einem Jahrzehnt sichtbar? Erst ein Stück, dann Pläne, dann Versprechungen, dann Hoffnungen  – danach die Öde. Korinthenkacker-Politik nenn´ ich das.  Bemängelt hat diese seltsame Heilbronner Lustlosigkeit vor Jahren schon der damalige Neckarsulmer OB Erhard Klotz. Wer weiß, vielleicht muß es in Heilbronn noch dicker kommen, ehe Nägel mit Köpfen gemacht werden. Aber bis dahin haben andere Städte sich schon dreimalmal bewegt. Denn auch sie sind krisengeschüttelt und müssen neue Wege beschreiten.

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