Sektenkrieg
Wer
keiner dieser vielen religiösen Gemeinschaften in Deutschland angehört, reibt
sich verwundert die Augen. Ein kleiner Religionskrieg ist da in Deutschland mal
wieder in Gange. Und der Auslöser ist nur ein Spielfilm aus Hollywood, in dem
das bekennnende Scientology-Mitglied
Tom Cruise Hauptdarsteller und Produzent ist. Die Junge Union protestiert und
fordert zum Boykott des Films auf. Weil sie die Gemeinschaft der Scientologen
für keine Kirche, sondern ein kriminelles Wirtschaftsunternehmen hält, das bestrebt
ist, die freiheitliche Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland zu
zerstören. Nun ist das nicht neu, was
die CDU-Nachwuchsorganisation da gebetsmühlenartig gegen die Scientologen
vorbringt. Neu sind die Irritationen, die diese Kampagne im Verhältnis
zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland auslöst. Die USA haben eine
lange Tradition, in der Bewahrung der Grundrechte. Dazu gehören unveräußerlich
zum Beispiel die Versammlungsfreiheit, die Religionsfreiheit oder die
Pressefreiheit. Einige amerikanische Politiker sehen jetzt in der deutschen
Kampagne gegen die Scientologen einen „Verstoß gegen die Grundrechte“. Deutsche Politiker meinen, daß man den
Feinden der Freiheit die Freiheit schon ein bißchen beschneiden dürfe. Ich
meine: auf dem Teppich bleiben. Wer etwas gegen die Scientologen vorzubringen
hat, sollte die deutschen Gerichte bemühen und Stafanzeige stellen. Nur dort
wird entschieden, ob sich jemand verfassungsfeindlich verhält oder als
kriminell anzusehen ist. Verständlich auch, daß jetzt die anderen kleinen
Religionsgemeinschaften Angst kriegen, in diesen Sog der wütenden
Auseinandersetzung zu geraten. Eines hat die Junge Union aber schon erreicht:
So bekannt wie heute waren die Scientologen in Deutschland noch nie. Und
irgendwann kann so eine Holzhammermethode
bei Unbedarften auch in Mitleid umschlagen. Das wäre dann noch
gefährlicher.
Neues
Licht
Männer
umschwirrn mich wie Motten das Licht – hieß es einst in einem deutschen
Schlager. Das mit den Männern soll bleiben, wenn es nach dem Willen
fundamentalistischer Umweltschützer geht. Aber das mit den Motten und Mücken
soll endlich aufhören. Schluß soll sein mit dem alljährlichen Sommer-Massenmord
an deutschen Insekten. Denn die deutschen Killerlampen an Straßen, Häusern und
in Autoscheinwerfern locken das Getier an und damit in die tödliche Falle. Die
Tierchen stehen nun mal auf weißes Licht, gelbes Licht dagegen verschmähen sie.
Also umrüsten, liebe Naturfreunde. Früher gab es das nämlich nicht. Da lebten die geflügelten Nachtschwärmer
noch im Einklang mit der natürlichen Umwelt. Die Menschen hatten in ihren
Häusern nur Kerzenlicht oder Petroleumlampen, auf den Straßen war angenehme
schwarze Nacht. Ein Paradies für Insekten. Aber mit der Technisierung
begann der Lichtterror, machte der Mensch die Nacht zum Tag und verwirrte
unsere Freunde, die Insekten. Die Lichtverschmutzung zurückdrängen, heißt also
das Gebot der Stunde. Ein erster Schritt könnte sein, daß in den Außenbezirken
der Städte und Gemeinden das weiße Licht in den Straßenlaternen gegen gelbes
ausgetauscht wird. Manche bayrischen Gemeinden lehnen das ab, weil die Menschen
dann nächtens aussehen wie Chinesen. Und Bayern sind ja schließlich auch
Deutsche und keine Asiaten. Aber ich finde, bei uns Schwaben macht das nichts
aus. Uns erkennt man auch im gelben Licht. Dem Umweltschutz zuliebe. Und der
nächste Schritt hieße, daß die Automobile endlich gelbes Licht in ihren
Scheinwerfern eingebaut bekommen. Wie bei den Franzosen. Und überhaupt: In den
kleinen Dörfern kann man doch ganz auf die Straßenbeleuchtung verzichten, so ab
Sieben. Da läuft doch eh der Fernseher.
Neuer
Sender
Was
lange währt, wird endlich gut. Manchmal – nicht immer. Der Anachronismus bei
uns im Südwesten, daß wir zwei öffentlich-rechtliche Sender im Lande beherbergen
und bezahlen. Damit soll jetzt bald Schluß sein. Lothar Späth hatte einst als
wegweisender Landesvater den Zusammenschluß von Süddeutschem Rundfunk in
Stuttgart und Südwestfunk in Baden-Baden auf den Weg bringen wollen, war aber
kläglich an den Erbhöfen kleinkarierter Medienpolitik gescheitert. Was einst in
der Nachkriegszeit von den Besatzungsmächten provisorisch eingerichtet worden
war, hatte mit den Jahren ein zähes Eigenleben entfacht. Die willkürliche
Sendergrenze war die Autobahn zwischen Ulm und Karlsruhe. Erst
die Erfolge der privaten Sender in Rundfunk und Fernsehen beschleunigten die
Notwendigkeit eines Zusammenschlusses von SDR und SWF. Jetzt haben die
beiden Intendanten ein Papier vorgelegt, das demnächst von den
Landesregierungen in Mainz und Stuttgart als Grundlage für die
Verhandlungen über eine Senderfusion
benutzt werden soll. Laut diesem Papier sollen die drei Standorte Stuttgart,
Baden-Baden und Mainz erhalten bleiben. Das zweite Hörfunkprogramm soll seinen
Sitz in Baden-Baden haben, ebenso soll die Popwelle SDR 3 zugunsten von SWF 3
verschwinden. Beide Länder erhalten einen Landeshörfunksender, in
Baden-Württemberg wird dabei auf Südfunk
1 aufgebaut. Die Regionalisierung dagegen wird verstärkt, sprich S4 bleibt als
erfolgreiches Mantelprogramm für die Regionalstudios erhalten. Beim
Intendanten-Sitz des Senders ist man sich allerdings noch uneinig – wie in
vielen anderen Bereichen auch. Mir wäre es ja am liebsten, wir hätten einen
eigenen Landessender in Stuttgart. Die Rheinland-Pfälzer sollen sich mit Hessen
und dem Saarland zusammenschließen. Das paßt eher.
Beutelschneiderei?
Freiwillig
geht wohl kaum jemand ins Krankenhaus, außer er macht ein Besüchle. Und daß man
als Patient oder Besucher auch einmal Lust auf ein Tässchen Kaffee hat, ist nur
zu verständlich. Nehmen wir mal das Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn. Da
gibt es neben immer noch happigen Parkhauspreisen auch eine schmucke Cafeteria.
Der Pächter wird sogar sicher „Restaurant“ dazu sagen. Da werden Wurstbrötchen, Käsweckle, warme Speisen und - wie sich das
für eine Cafeteria gehört - auch Kaffee offeriert. Wie in einer Kantine
steht man da an, schiebt sein Tablett hinter dem des Vormannes her, bis man
selber zum Zug kommt. Den Kaffee gibt es aus der großen Maschine. Er schmeckt
nicht schlecht. Aber die Tasse kostet mehr als zwei Mark. Keine Kantine in
Deutschland könnte es sich leisten, solch horrende Preise zu verlangen. Im
Gesundbrunnen ist das möglich. Spricht einer den Kaffeehaus-Pächter darauf an,
daß dies doch ein stolzer Preis für ein Tässchen Kaffee ist, wird
zurückgeblufft: „Zeigen Sie mir ein Café in Heilbronn, in dem Sie den Kaffee
billiger bekommen.“ Der gute Mann hat vermutlich recht. Solch ein Café gibt es
nicht. Aber in welchem Café muß der Gast seinen Kaffee selber holen und dann
auch noch das gebrauchte Geschirr zurücktragen? Das ist nur in dem am
Gesundbrunnen möglich. Hier ist der Kunde nicht König.
Nicht
besenrein
Bei
Vierteles-Schlotzerinnen und Vierteles-Trinkern sind sie allseits beliebt: Besen.
Gell, nicht die, mit denen ein pflichtbewußter Schwabe die Kehrwoche erledigt,
sondern die Lokalitäten, in denen sich manch einfacher, aber ehrlicher Tropfen
verkosten läßt. Auch zur Sommerzeit und nicht nur im Winter, wenn es frostig
kalt ist, läßt sich gut und gerne in den Besen einkehren. Im Unterland finden
wir sie bald in jeder Ortschaft. Doch die Besenkultur hat kräftige Kratzer
bekommen. Wo früher vom Besenwirt die
gute Stube für die Gäste ausgeräumt, Tische, Bänke und Stühle aufgestellt
wurden, herrscht heute gekachelte kalte Atmosphäre vor. Gut abwaschbar muß der
Besen sein. Nur noch ganz wenige waschechte Weinausschänke gibt es.
Verständlich, die Arbeit im Besen muß sich für die Wirtsleute lohnen. Sie
möchten und sollen etwas damit verdienen. Was
aber zum Ehrenkodex der Besenwirte gehört, sind entweder die rote Laterne oder
eben ein schrubbiger Reisigbesen als Zeichen dafür, daß die Lokalität geöffnet
ist. Daran hält sich eigentlich jeder Besenwirt. Jeder? Pustekuchen!
Wanderer, kommst du zum Stocksberg, die höchste Erhebung hier in der Nähe von
Heilbronn, dann wirst du gelackmeiert. Da hängt rechts der Straße ein solcher
Reisigbesen als untrügliches Zeichen für lockenden Weinausschank und ein
deftiges Vesper. Wer losgeht, merkt nach zwei Kilometern durch reizvolle
Landschaft, daß er hier wohl einem Besen-Gauner aufgesessen ist. Von einer
Weinschänke keine Spur. Peinlich wird das ganze für Wanderer, die ihren
Freunden aus dem hohen Norden diese württembergische Besonderheit zeigen
wollten. Denn für die Nordlichter steht nach dieser nicht ganz besenreinen
Werbung fest: Die Schwaben sind halt doch kleine Voralpen-Mafiosi. Also Wirte,
haltet eure Besen rein!
Neue
Kaiserstraße
Da
haben wir nun den Salat. Erst wollten viele die Kaiserstraße als Fußgängerzone.
Kaufleute, Gemeinderäte, und Stadtverwaltung. Jetzt ist sie provisorisch als
solche hergerichtet. Der Versuch läuft noch – und hat sich als Fehlschlag
herausgestellt. Sagen die meisten, die ihre Geschäfte in der Kaiserstraße
haben. Horrende Umsatzrückgänge werden beklagt. Heilbronns Baubürgermeister Ulrich Frey will offenbar das
Provisorium „Fußgängerzone Kaiserstraße“ zementieren. Denn der Umbau hatte rund
100.000 Mark gekostet. Für eine Teilöffnung, damit die Autos wieder reinfahren
können, müßten laut seiner Rechnung nochmals weit über 100.000 Mark
hingeblättert werden. Also dann lieber gleich den kompletten Ausbau der Straße
zur Fußgängerzone? Ein herumgeisternder Lösungsvorschlag: Die Autos haben freie Zufahrt von der Allee in die Kaiserstraße,
entweder bis zum Rathaus oder bis vor zur Friedrich-Ebert-Brücke. Ob so, oder anders. Die Ost-West-Achse
Heilbronns ist durchschnitten. Wer heute in die Bahnhofsvorstadt Heilbronns
will, muß seltsame Reisen unternehmen. Vor allem, wenn er die Heilbronner
Hauptpost aufsuchen will. Außer er kommt
aus dem Vorort Böckingen. Ich frage mich immer mehr, welche Planung hinter all
dem Gewürge steckt.Oder ist es nur die typische Heilbronner Salamitaktik, wie
bei der (Nicht-)Bebauung des Berliner Platzes seit mehr als einem Jahrzehnt
sichtbar? Erst ein Stück, dann Pläne, dann Versprechungen, dann Hoffnungen – danach die Öde. Korinthenkacker-Politik
nenn´ ich das. Bemängelt hat diese
seltsame Heilbronner Lustlosigkeit vor Jahren schon der damalige Neckarsulmer
OB Erhard Klotz. Wer weiß, vielleicht muß es in Heilbronn noch dicker kommen,
ehe Nägel mit Köpfen gemacht werden. Aber bis dahin haben andere Städte sich
schon dreimalmal bewegt. Denn auch sie sind krisengeschüttelt und müssen neue
Wege beschreiten.
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