Samstag, 22. Februar 2014

Kiliansmännle, 07.08.1996




Spaziergang am Neckar
Also doch, Heilbronns Stadtväter haben begriffen, daß es künftig gilt, den Neckar mehr als Anziehungspunkt für Besucher und Einheimische zu nutzen. Bestes Beispiel ist das Fest an der Friedrich-Ebert-Brücke. Das war eine gut besuchte Veranstaltung, und ich habe einige Menschen getroffen, die sagten, „daß es hier so schön ist, wußten wir garnicht“. Aber was diesen Part der Städtebaupolitik angeht, haben Heilbronns Verantwortliche bislang gepennt. Da wurde einfach zu wenig Werbung betrieben. Es nützt nur wenig, wenn alle Cafés in der Fußgängerzone angesiedelt sind. Klar, es ist wichtig für unsere Gewerbetreibenden, daß ihre Kundschaft ein städtisches Flair vorfindet, doch ebenso nötig ist, daß der Kunde nach dem Einkauf ein gemütliches Plätzchen am Fluß findet. Die Ruhezone Neckar gilt es, mehr für den Publikumsverkehr auszubauen. Ein Neckarfest alle paar Jahre reicht da nicht aus.

Maß und Giggerle
Das war ein Auftakt nach Maß: Der Heilbronner Oberbürgermeister Manfred Weinmann setzte seinen Holzhammer an und nach wenigen Schlägen schoß das Bier aus dem Hahn in die Steinkrüge, ohne daß zuvor die Mannschaft auf der Bühne, Fotografen, Reporter und die Gäste in der ersten Tischreihe eine Bierdusche erhalten hatten. Siebzig Jahre Unterländer Volksfest, da hatte der OB offenbar ordentlich vorher geübt und die Cluss-Herren auf der Bühne den Zapfhahn gut präpariert. Ein paar besonders Begeisterte, die schon vor halb sechs am letzten Freitag im Göckelesmaier-Festzelt sich am köstlichen Volksfestbier gelabt hatten, die Kapelle mit heftig rudernden Armbewegungen in eine neue Taktlage bringen wollten und auch nicht geflohen waren, nachdem der OB den Holzhammer in die Hand genommen hatte, feuerten ihn dazuhin noch mit lautstarken und rhythmischen „Man-fred-Wein-mann“-Rufen an. Das irritierte unseren OB ein wenig, nach all den Vorkommnissen der letzten Monate. Und auch Hans Wilhelm Dietel von der jetzt in Stuttgart beheimateten Brauerei Cluss ließ sich durch das Hurra-Geschrei nicht beirren und bat die Gegner und Befürworter einer Hausbrauerei im Hagenbucher nochmals die Argumente sachlich zu gewichten. Aber es ist ja bekannt: Bei Nahrungsmitteln wie Brot, Bier, Milch oder Wein reagiert das Volk allergisch. Aber am Eröffnungsabend des Volksfestes waren die Argumente derer nicht präsent, die daran rummotzen, daß auf der Theresienwiese das Bier einer Brauerei ausgeschenkt wird, die ihre Betriebsstätte in Heilbronn geschlossen und damit Arbeitsplätze aus der Käthchenstadt abgezogen hat. Der Cluss-Vertrag für’s Volksfest läuft noch einige Jahre. Süffig und gut gekühlt mundete das Cluss-Bier - und schmeckte einfach nach mehr. Und ich meine, daß sich die Cluss-Brauer diesmal besonders viel Mühe gegeben haben. Mir schmeckte es jedenfalls noch besser als in den Jahren zuvor. Und auch da war’s schon von besonderer Güte.

Kein Geld für Kinder
Die öffentlichen Kassen sind leer. Alle Welt redet und diskutiert über Sparpakete. Wohl dem, der da noch ein paar Mark auf die hohe Kante gelegt hat. Besonders hart getroffen hat es den Gesundheitsbereich. Sparkommissar und Gesundheitsminister Horst Seehofer nimmt die Krankenhäuser ins Visier. In den Bundesländern, auch im einstmals so wohlhabenden Baden-Württemberg wird da um jede Mark für Kliniken gefeilscht. Für Neubauten oder Renovierungen bleibt nur wenig Geld. Diese bittere Erfahrung mußte auch die Kinderklinik Heilbronn am Gesundbrunnen machen. Wie in der Lokalpresse bereits berichtet, sind die baulichen Zustände im Krankenhaus für unseren Nachwuchs miserabel. Besenkammern sind da manchmal komfortabler. Wohlgemerkt, hier geht es nicht um ärztliche Qualifikation. Mit der sind die Eltern sehr zufrieden. Sonst würden sie ihre Kinder nicht in diese Bauruine von Kinderklinik bringen. Aber ist wirklich so wenig Geld da? Immerhin wurde das Klinikum am Gesundbrunnen für Millionengelder erweitert und mit modernster Gerätschaft ausgestattet. Warum nicht auch die Kinderklinik? Kinder haben eben keine Lobby. Ein dicker Hund ist allerdings, wenn dann für einen Medizinapparat in der Hautklinik, der besonders für die Entfernung von Tätowierungen angeschafft wird, Hunderttausende von Mark ausgegeben werden. Der therapeutische Nutzen solch einer Maschine geht gegen Null. Da wäre schon der Heilbronner Gemeinderat gefordert. Dieses Geld sollte nicht für Tätowierungsentfernung, sondern für unsere Kinder ausgegeben werden.

Frauen an die Front
Ist das nun das Thema für unser alljährliches Sommertheater? Frauen beim Militär – bisher nur im Sanitätswesen und in Musikkorps eingesetzt – sollen die gleichen Rechte genießen wie ihre Geschlechtskollegen. Teile der Freien Demokraten wollen das „letzte geschlechtsspezifische Berufsverbot“ in Deutschland beseitigen. Wenn eine Frau freiwillig Dienst in den Kampftruppen leistet, ob als Pilotin oder auf einem Schiff, das sollte ihr nicht verwehrt sein. Wenn sie nur will. In den USA ist das schon seit längerer Zeit Brauch. Aus Gefechtssituationen haben die Soldaten ihre Kampfgenossinnen jedoch weitestgehend herausgehalten. Sagen die Experten. Jetzt höre ich aber immer wieder das Argument, Frauen seien weitaus friedvoller als Männer, würden schon aus ihrer geschlechtlichen Rolle heraus weniger aggressiv mit der Macht umgehen. Dann gibt es eigentlich nur noch einen Ausweg: Wir schaffen in Deutschland die Wehrpflicht für Männer ab und führen den Wehrdienst für Frauen ein. Und möglichst nicht nur in Deutschland, sondern wenn möglich in Europa. Wenn alle mitmachen, sogar in der ganzen Welt. Binnen kürzester Zeit wären die Armeen abgeschafft, der Globus ein friedlicher Flecken im Universum. Und da am deutschen Wesen ja schon immer mal die Welt genesen sollte, fangen wir doch gleich bei uns an: Schaffen den Urquell alles Bösen per Gesetz ab. Staunend werden die Völker um uns herum sich die Augen reiben und dankbar unserem Ratschlag folgen. Aber solange diese Reform nicht durchgesetzt ist, gilt der alte Satz: Hinter jedem Mann steht seine Mutter, die ihn erzogen hat, auch hinter jedem Soldaten.

Kontrolle
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Sagte der russische Revolutionsführer Lenin. Kontrolle ist lukrativ, sagen sich viele Stadtväter. Und stellen Radarfallen auf, mit  denen sie die Geschwindigkeit der Autofahrer messen und bei Übertretung Geldbußen aussprechen. In Heilbronn werden mittels dieser Prüfgeräte jährlich fünf Millionen Mark den Autofahrern abgeknöpft. 46 Prozent davon entfallen auf die „Kontrolle des ruhenden Verkehrs durch den städtischen Vollzugsdienst“, 35 Prozent auf „städtische Geschwindigkeitsmessungen“, acht Prozent  auf „städtische Rotlichtüberwachung“ und elf Prozent auf „polizeiliche Verkehrsüberwachung“. Trotz Rückgang der Verkehrsübertretungen blieben die Einnahmen gleich. Grund: Die Regelverstöße wurden teurer. Kostete 1988/89 eine Übertretung bis zehn Stundenkilometer noch zehn Mark, kostet sie seit 1. April 1993 30 Mark. Wer einst für die Überschreitung von  21 bis 25 Stundenkilometer 60 Mark zahlte, muß heute einen Hundertmarkschein dafür hinlegen. Geschwindigkeitskontrollen, sagt die Stadt, würden „vorrangig an Unfallschwerpunkten und Gefahrenstellen (Schulen, Kindergärten, Seniorenwohnheimen, Querungen von Schulwegen) überwiegend in Tempo-30-Zonen“ durchgeführt werden. Dieser Tage wollte der Heilbronner CDU-Stadtrat Thomas Strobl wissen, ob es auch Überschüsse bei den Einnahmen durch die Verkehrskontrollen gibt. Antwort der Stadt: Bei Personalkosten in Höhe von 3,5 Millionen, Sachkosten von 1,14 Millionen, Investitionen von 150.000 und Zinsen von 50.000 Mark bleiben 160.000 Mark „Überdeckung“. Arbeitsbeschaffung nenne ich das. Denn das Geld der Bürger wird in einen schönen Kreislauf gebracht. Und übrigens: Ich sehe Überwachungsgeräte auch an Straßen, die nicht in die städtischen Kategorien einzuordnen sind.

Theaterschiff  Heilbronn
Um das Theaterschiff in Heilbronn, idyllisch gelegen zwischen dem Hagenbucher-Gebäude (das bald ein Museum sein soll) und dem Insel-Hotel, ist es in letzter Zeit ein wenig ruhig geworden. Der Lack des absolut Neuen ist schon angekratzt, obwohl viele aus dem Unterland und Heilbronn, noch nicht im Bauch des Schiffes Theater mal auf eine ganz andere Art erlebt haben. Die jedoch, die es gesehen haben, sind größtenteils begeistert und empfehlen es weiter. So kam zustande, daß  nahezu alle Vorstellungen der ersten Spielzeit ausverkauft waren. Dieser Tage wurde nun der neue Spielplan für die 99 Sitze umfassende Kleinkunstbühne vorgestellt. Den Auftakt bildet am 13. und 14. September der „echte Hollywood-Schauspieler“ James Mitchel Lear mit seiner One-Man-Show „Hemingway Reminisces“ (in englischer Sprache). „Der absolute Höhepunkt“ aber sollen die drei neuen Variationen über den Käthchen-Stoff sein, Titel „Kunigunde, Käthchen, Kaiser und Co.“ Drei Schauspieler und ein Pianist versuchen dabei der Figur, die Heilbronn bekannt gemacht hat, neue Sichtweisen, neue komische Verwicklungen und eben eine spezifische Theaterschiff-Kultur einzuhauchen. Sagen die Macher Heinz Kipfer (der Regisseur) und Alexander Bertsch (der Texter und Pianist). Man knüpft damit an die erfolgreiche Produktion der vergangenen Spielzeit an. Die Gefahr dabei ist wie bei erfolgreichen Filmen und ihrem Zweitaufguß. Aber  unser Theaterschiff ist ja kein Kino. Hier wird Heilbronner Kultur gemacht, da geht so manchem oh gar freudig der Hut hoch ... Nicht nur bei Insidern. Auch für Betriebsfeste und Firmenjubiläen geeignet. Vorverkauf und Programme fürs Theaterschiff im Heilbronner Verkehrsverein (Telefon 07131-563140).

Olympia-Aus
Da hatten doch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender geglaubt, mit der Olympiade in Atlanta könnten Ende Juli die Einschaltquoten ordentlich in die Höhe getrieben werden. Aber dank nachtschlafender Zeit bei den Übertragungen waren die Zuschauer in den erhofften Mengen kaum vorhanden – und jene die sich am Abend danach das Spektakel anschauen wollten wurden mit einem Durcheinander bedient, daß sie lieber gleich die schönen Sommerabende für die eigene Freizeitgestaltung nutzten. Mangelhafte Organisation, schlaffe Sicherheitsvorkehrungen machten aus den Jahrhundert-Spielen in Atlanta Jahrmarkt-Spiele. Jetzt gibt’s die heftigen Vorwürfe, daß die Amerikaner – vor allem die Fernsehgesellschaft NBC überschwenglich nur die eigenen Sportler als die Besten der Welt gefeiert und andere kaum wahrgenommen hätten. Naiver Nationalismus wird den Amis vorgeworfen. Es hätte an fairer sportlicher Berichterstattung gemangelt. ARD und ZDF (sowie 3Sat) hatten allerdings auch  vornehmlich die deutschen Athleten im Blick. Der ungebremste Jubel deutscher Reporter stand in nicht dem nach, was die Amerikaner an Jubelarien losließen. Die Reizüberflutung in den Medien bringt es wahrscheinlich mit sich, daß sich die Begeisterung der Zuschauer in Grenzen hält. Die Zeiten des Monopols sind halt vorbei, in denen man mehr oder minder gezwungen war, dies und das Programm anzuschauen. Und auch die Hochzeit der Athleten ist vorüber. Wer in Atlanta Gold, Silber oder Bronze gewonnen hat, der ist in ein zwei Wochen raus aus den Schlagzeilen, ist gerade noch der Fachpresse manchmal ein paar Zeilen wert. So vergänglich ist der Ruhm. Siehe unsere Fechter aus Tauberbischofsheim. Sport ist eben nur das, was es ist: Die schönste Nebensache der Welt.

Blitz und Donner
Zum Treffpunkt, nicht nur für die Unterländer Gastronomieszene, ist die Burg Stettenfels bei Untergruppenbach geworden. Sie erinnern sich sicher noch an die Auseinandersetzungen um die Renovierung der Burg, den geplanten Hotelbau und den Glaspavillon unterm Riesenregenschirm. Mittlerweile ist das zweite Jahr über eben dieser Riesenregenschirm herangebrochen. Besucher aus Stuttgart und anderen Gemeinden des Mittleren Neckarraumes finden hierher. Eine herrliche Sicht winkt dem, der an einem schönen Sommertag ein Plätzchen auf dem Burggelände findet. Doch auch des nächtens und bei einem heftigen Sommergewitter wird der Glaspavillon zum Erlebnis. Erst vor kurzer Zeit hatten zechende Stammtischbrüder und -schwestern das Glück eines solchen Gewittererlebnisses. Teilweise schoß das Wasser am Schirm entlang ins Innere des Pavillons. Naß wurde niemand. Allerdings gab es Sekt frei Haus für die wetterfesten Gäste. Sozusagen als kleine Entschädigung für Blitz, Donner und Regenguß. Eine nette Geste, meine ich. Der Wirt muß nun allerdings hoffen, daß der Sommer trocken bleibt.

Korruption
Es wird in deutschen Medien viel geschrieben. In letzter Zeit auch über Korruption in Amtsstuben und Vorstandsetagen. Erschreckend daran sei, so die Kenner der Szene, daß in der Bevölkerung vielfach nur ein Achselzucken anzutreffen, ja sogar ein breites Verständnis dafür feststellbar sei, wenn es um die Aufdeckung dieser Fälle geht. Wer an den Töpfen sitzt, der wäre ja auch dumm, würde er sich nicht bedienen - lautet oftmals das nachlässige Motto. Es gibt Länder in der Dritten Welt, deutsche Korrespondenten erzählen staunend diese Geschichten in den Zeitungen, im Rundfunk oder Fernsehen, wo es sogar bei Wahlen vom Volk honoriert wird, daß sich mächtige Familien und Cliquen an Steuern oder Geldern aus dem Ausland ungeniert bereichern und diesen unlauter erworbenen Reichtum auch dann noch zur Schau stellen. Täten sie es nicht, würden sie nicht wiedergewählt. Sagen unsere Berichterstatter. Diese Mentalität schwappt offenbar langsam aber sicher auch in deutsche Lande. Selbst in kleine Großstädte wie Heilbronn. Sonst wäre es ja nicht notwendig  gewesen, hier einen Korruptionsbeauftragten zu installieren. Der koordiniert nicht die Korruption im Rathaus, sondern soll den verbrecherischen Aktivitäten der Beamten und Angestellten auf allen Ebenen nachspüren. Gero Gambella, ein Fernsehjournalist, der Filme über die Korruption in Deutschland drehte, beklagt nicht nur diesen Zustand, sondern verweist auch auf Korruption bei Journalisten. In einem Interview sagte er, daß auf den Parkplätzen vieler deutscher Rundfunkanstalten die dicken Sportwagen zu finden seien, die auch ihm schon preiswert angeboten wurden. Der angelsächsische Journalismus solle da mehr Vorbild werden: Ein Zeitungsverlag oder eine Rundfunkanstalt habe es doch nicht nötig, seine Journalisten von Firmen aushalten zu lassen. Sei es mit kostenlosem Essen oder Reisen. Über kurz oder lang merke es der Leser oder Hörer, ob er pure Propaganda oder Informationen bekomme. Das wissen auch im Wettbewerb gehärtete Firmen. Gottseidank.

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