Spaziergang
am Neckar
Also
doch, Heilbronns Stadtväter haben begriffen, daß es künftig gilt, den Neckar
mehr als Anziehungspunkt für Besucher und Einheimische zu nutzen. Bestes
Beispiel ist das Fest an der Friedrich-Ebert-Brücke. Das war eine gut besuchte
Veranstaltung, und ich habe einige Menschen getroffen, die sagten, „daß es hier
so schön ist, wußten wir garnicht“. Aber
was diesen Part der Städtebaupolitik angeht, haben Heilbronns Verantwortliche
bislang gepennt. Da wurde einfach zu wenig Werbung betrieben. Es nützt nur
wenig, wenn alle Cafés in der Fußgängerzone angesiedelt sind. Klar, es ist
wichtig für unsere Gewerbetreibenden, daß ihre Kundschaft ein städtisches Flair
vorfindet, doch ebenso nötig ist, daß der Kunde nach dem Einkauf ein
gemütliches Plätzchen am Fluß findet. Die Ruhezone Neckar gilt es, mehr für den
Publikumsverkehr auszubauen. Ein Neckarfest alle paar Jahre reicht da nicht
aus.
Maß
und Giggerle
Das
war ein Auftakt nach Maß: Der Heilbronner Oberbürgermeister
Manfred Weinmann setzte seinen Holzhammer an und nach wenigen Schlägen
schoß das Bier aus dem Hahn in die Steinkrüge, ohne daß zuvor die Mannschaft
auf der Bühne, Fotografen, Reporter und die Gäste in der ersten Tischreihe eine
Bierdusche erhalten hatten. Siebzig Jahre Unterländer Volksfest, da hatte der
OB offenbar ordentlich vorher geübt und die Cluss-Herren auf der Bühne den
Zapfhahn gut präpariert. Ein paar besonders Begeisterte, die schon vor halb
sechs am letzten Freitag im Göckelesmaier-Festzelt sich am köstlichen
Volksfestbier gelabt hatten, die Kapelle mit heftig rudernden Armbewegungen in
eine neue Taktlage bringen wollten und auch nicht geflohen waren, nachdem der
OB den Holzhammer in die Hand genommen hatte, feuerten ihn dazuhin noch mit
lautstarken und rhythmischen „Man-fred-Wein-mann“-Rufen an. Das irritierte unseren OB ein wenig, nach
all den Vorkommnissen der letzten Monate. Und auch Hans Wilhelm Dietel von
der jetzt in Stuttgart beheimateten Brauerei Cluss ließ sich durch das
Hurra-Geschrei nicht beirren und bat die Gegner und Befürworter einer
Hausbrauerei im Hagenbucher nochmals die Argumente sachlich zu gewichten. Aber
es ist ja bekannt: Bei Nahrungsmitteln wie Brot, Bier, Milch oder Wein reagiert
das Volk allergisch. Aber am Eröffnungsabend des Volksfestes waren die
Argumente derer nicht präsent, die daran rummotzen, daß auf der Theresienwiese
das Bier einer Brauerei ausgeschenkt wird, die ihre Betriebsstätte in Heilbronn
geschlossen und damit Arbeitsplätze aus der Käthchenstadt abgezogen hat. Der
Cluss-Vertrag für’s Volksfest läuft noch einige Jahre. Süffig und gut gekühlt
mundete das Cluss-Bier - und schmeckte einfach nach mehr. Und ich meine, daß
sich die Cluss-Brauer diesmal besonders viel Mühe gegeben haben. Mir schmeckte
es jedenfalls noch besser als in den Jahren zuvor. Und auch da war’s schon von
besonderer Güte.
Kein
Geld für Kinder
Die
öffentlichen Kassen sind leer. Alle Welt redet und diskutiert über Sparpakete.
Wohl dem, der da noch ein paar Mark auf die hohe Kante gelegt hat. Besonders
hart getroffen hat es den Gesundheitsbereich. Sparkommissar und Gesundheitsminister
Horst Seehofer nimmt die Krankenhäuser ins Visier. In den Bundesländern, auch
im einstmals so wohlhabenden Baden-Württemberg wird da um jede Mark für
Kliniken gefeilscht. Für Neubauten oder Renovierungen bleibt nur wenig Geld. Diese bittere Erfahrung mußte auch die
Kinderklinik Heilbronn am Gesundbrunnen machen. Wie in der Lokalpresse bereits
berichtet, sind die baulichen Zustände im Krankenhaus für unseren Nachwuchs
miserabel. Besenkammern sind da manchmal komfortabler. Wohlgemerkt, hier
geht es nicht um ärztliche Qualifikation. Mit der sind die Eltern sehr
zufrieden. Sonst würden sie ihre Kinder nicht in diese Bauruine von
Kinderklinik bringen. Aber ist wirklich so wenig Geld da? Immerhin wurde das
Klinikum am Gesundbrunnen für Millionengelder erweitert und mit modernster
Gerätschaft ausgestattet. Warum nicht auch die Kinderklinik? Kinder haben eben
keine Lobby. Ein dicker Hund ist allerdings, wenn dann für einen Medizinapparat
in der Hautklinik, der besonders für die Entfernung von Tätowierungen
angeschafft wird, Hunderttausende von Mark ausgegeben werden. Der
therapeutische Nutzen solch einer Maschine geht gegen Null. Da wäre schon der
Heilbronner Gemeinderat gefordert. Dieses Geld sollte nicht für
Tätowierungsentfernung, sondern für unsere Kinder ausgegeben werden.
Frauen
an die Front
Ist
das nun das Thema für unser alljährliches Sommertheater? Frauen beim Militär –
bisher nur im Sanitätswesen und in Musikkorps eingesetzt – sollen die gleichen
Rechte genießen wie ihre Geschlechtskollegen. Teile der Freien Demokraten
wollen das „letzte geschlechtsspezifische Berufsverbot“ in Deutschland
beseitigen. Wenn eine Frau freiwillig Dienst in den Kampftruppen leistet, ob
als Pilotin oder auf einem Schiff, das sollte ihr nicht verwehrt sein. Wenn sie
nur will. In den USA ist das schon seit längerer Zeit Brauch. Aus
Gefechtssituationen haben die Soldaten ihre Kampfgenossinnen jedoch
weitestgehend herausgehalten. Sagen die Experten. Jetzt höre ich aber immer
wieder das Argument, Frauen seien weitaus friedvoller als Männer, würden schon
aus ihrer geschlechtlichen Rolle heraus weniger aggressiv mit der Macht
umgehen. Dann gibt es eigentlich nur noch einen Ausweg: Wir schaffen in
Deutschland die Wehrpflicht für Männer ab und führen den Wehrdienst für Frauen
ein. Und möglichst nicht nur in Deutschland, sondern wenn möglich in Europa.
Wenn alle mitmachen, sogar in der ganzen Welt. Binnen kürzester Zeit wären die
Armeen abgeschafft, der Globus ein friedlicher Flecken im Universum. Und da am deutschen Wesen ja schon immer
mal die Welt genesen sollte, fangen wir doch gleich bei uns an: Schaffen den
Urquell alles Bösen per Gesetz ab. Staunend werden die Völker um uns herum
sich die Augen reiben und dankbar unserem Ratschlag folgen. Aber solange diese
Reform nicht durchgesetzt ist, gilt der alte Satz: Hinter jedem Mann steht
seine Mutter, die ihn erzogen hat, auch hinter jedem Soldaten.
Kontrolle
Vertrauen
ist gut, Kontrolle ist besser. Sagte der russische Revolutionsführer Lenin.
Kontrolle ist lukrativ, sagen sich viele Stadtväter. Und stellen Radarfallen
auf, mit denen sie die Geschwindigkeit
der Autofahrer messen und bei Übertretung Geldbußen aussprechen. In Heilbronn
werden mittels dieser Prüfgeräte jährlich fünf Millionen Mark den Autofahrern
abgeknöpft. 46 Prozent davon entfallen auf die „Kontrolle des ruhenden Verkehrs
durch den städtischen Vollzugsdienst“, 35 Prozent auf „städtische
Geschwindigkeitsmessungen“, acht Prozent
auf „städtische Rotlichtüberwachung“ und elf Prozent auf „polizeiliche Verkehrsüberwachung“.
Trotz Rückgang der Verkehrsübertretungen blieben die Einnahmen gleich. Grund:
Die Regelverstöße wurden teurer. Kostete
1988/89 eine Übertretung bis zehn Stundenkilometer noch zehn Mark, kostet sie
seit 1. April 1993 30 Mark. Wer einst für die Überschreitung von 21 bis 25 Stundenkilometer 60 Mark zahlte,
muß heute einen Hundertmarkschein dafür hinlegen. Geschwindigkeitskontrollen,
sagt die Stadt, würden „vorrangig an Unfallschwerpunkten und Gefahrenstellen
(Schulen, Kindergärten, Seniorenwohnheimen, Querungen von Schulwegen) überwiegend
in Tempo-30-Zonen“ durchgeführt werden. Dieser Tage wollte der Heilbronner
CDU-Stadtrat Thomas Strobl wissen, ob es auch Überschüsse bei den Einnahmen
durch die Verkehrskontrollen gibt. Antwort der Stadt: Bei Personalkosten in
Höhe von 3,5 Millionen, Sachkosten von 1,14 Millionen, Investitionen von
150.000 und Zinsen von 50.000 Mark bleiben 160.000 Mark „Überdeckung“.
Arbeitsbeschaffung nenne ich das. Denn das Geld der Bürger wird in einen
schönen Kreislauf gebracht. Und übrigens: Ich sehe Überwachungsgeräte auch an
Straßen, die nicht in die städtischen Kategorien einzuordnen sind.
Theaterschiff Heilbronn
Um
das Theaterschiff in Heilbronn, idyllisch gelegen zwischen dem
Hagenbucher-Gebäude (das bald ein Museum sein soll) und dem Insel-Hotel, ist es
in letzter Zeit ein wenig ruhig geworden. Der Lack des absolut Neuen ist schon
angekratzt, obwohl viele aus dem Unterland und Heilbronn, noch nicht im Bauch
des Schiffes Theater mal auf eine ganz andere Art erlebt haben. Die jedoch, die
es gesehen haben, sind größtenteils begeistert und empfehlen es weiter. So kam
zustande, daß nahezu alle Vorstellungen
der ersten Spielzeit ausverkauft waren. Dieser Tage wurde nun der neue
Spielplan für die 99 Sitze umfassende Kleinkunstbühne vorgestellt. Den Auftakt bildet
am 13. und 14. September der „echte Hollywood-Schauspieler“ James Mitchel Lear
mit seiner One-Man-Show „Hemingway Reminisces“ (in englischer Sprache). „Der
absolute Höhepunkt“ aber sollen die drei neuen Variationen über den
Käthchen-Stoff sein, Titel „Kunigunde, Käthchen, Kaiser und Co.“ Drei
Schauspieler und ein Pianist versuchen dabei der Figur, die Heilbronn bekannt
gemacht hat, neue Sichtweisen, neue komische Verwicklungen und eben eine
spezifische Theaterschiff-Kultur einzuhauchen. Sagen die Macher Heinz Kipfer
(der Regisseur) und Alexander Bertsch (der Texter und Pianist). Man knüpft
damit an die erfolgreiche Produktion der vergangenen Spielzeit an. Die Gefahr dabei ist wie bei erfolgreichen
Filmen und ihrem Zweitaufguß. Aber
unser Theaterschiff ist ja kein Kino. Hier wird Heilbronner Kultur
gemacht, da geht so manchem oh gar freudig der Hut hoch ... Nicht nur bei
Insidern. Auch für Betriebsfeste und Firmenjubiläen geeignet. Vorverkauf und
Programme fürs Theaterschiff im Heilbronner Verkehrsverein (Telefon
07131-563140).
Olympia-Aus
Da
hatten doch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender geglaubt, mit der
Olympiade in Atlanta könnten Ende Juli die Einschaltquoten ordentlich in die
Höhe getrieben werden. Aber dank nachtschlafender Zeit bei den Übertragungen
waren die Zuschauer in den erhofften Mengen kaum vorhanden – und jene die sich
am Abend danach das Spektakel anschauen wollten wurden mit einem Durcheinander
bedient, daß sie lieber gleich die schönen Sommerabende für die eigene
Freizeitgestaltung nutzten. Mangelhafte Organisation, schlaffe
Sicherheitsvorkehrungen machten aus den Jahrhundert-Spielen in Atlanta
Jahrmarkt-Spiele. Jetzt gibt’s die heftigen Vorwürfe, daß die Amerikaner – vor
allem die Fernsehgesellschaft NBC überschwenglich nur die eigenen Sportler als
die Besten der Welt gefeiert und andere kaum wahrgenommen hätten. Naiver
Nationalismus wird den Amis vorgeworfen. Es hätte an fairer sportlicher
Berichterstattung gemangelt. ARD und ZDF (sowie 3Sat) hatten allerdings auch vornehmlich die deutschen Athleten im Blick.
Der ungebremste Jubel deutscher Reporter stand in nicht dem nach, was die
Amerikaner an Jubelarien losließen. Die
Reizüberflutung in den Medien bringt es wahrscheinlich mit sich, daß sich die
Begeisterung der Zuschauer in Grenzen hält. Die Zeiten des Monopols sind
halt vorbei, in denen man mehr oder minder gezwungen war, dies und das Programm
anzuschauen. Und auch die Hochzeit der Athleten ist vorüber. Wer in Atlanta
Gold, Silber oder Bronze gewonnen hat, der ist in ein zwei Wochen raus aus den
Schlagzeilen, ist gerade noch der Fachpresse manchmal ein paar Zeilen wert. So
vergänglich ist der Ruhm. Siehe unsere Fechter aus Tauberbischofsheim. Sport
ist eben nur das, was es ist: Die schönste Nebensache der Welt.
Blitz
und Donner
Zum
Treffpunkt, nicht nur für die Unterländer Gastronomieszene, ist die Burg
Stettenfels bei Untergruppenbach geworden. Sie erinnern sich sicher noch an die
Auseinandersetzungen um die Renovierung der Burg, den geplanten Hotelbau und
den Glaspavillon unterm Riesenregenschirm. Mittlerweile ist das zweite Jahr
über eben dieser Riesenregenschirm herangebrochen. Besucher aus Stuttgart und
anderen Gemeinden des Mittleren Neckarraumes finden hierher. Eine herrliche
Sicht winkt dem, der an einem schönen Sommertag ein Plätzchen auf dem
Burggelände findet. Doch auch des nächtens und bei einem heftigen
Sommergewitter wird der Glaspavillon zum Erlebnis. Erst vor kurzer Zeit hatten zechende Stammtischbrüder und -schwestern
das Glück eines solchen Gewittererlebnisses. Teilweise schoß das Wasser am
Schirm entlang ins Innere des Pavillons. Naß wurde niemand. Allerdings gab es
Sekt frei Haus für die wetterfesten Gäste. Sozusagen als kleine Entschädigung
für Blitz, Donner und Regenguß. Eine nette Geste, meine ich. Der Wirt muß nun
allerdings hoffen, daß der Sommer trocken bleibt.
Korruption
Es
wird in deutschen Medien viel geschrieben. In letzter Zeit auch über Korruption
in Amtsstuben und Vorstandsetagen. Erschreckend daran sei, so die Kenner der
Szene, daß in der Bevölkerung vielfach nur ein Achselzucken anzutreffen, ja
sogar ein breites Verständnis dafür feststellbar sei, wenn es um die Aufdeckung
dieser Fälle geht. Wer an den Töpfen sitzt, der wäre ja auch dumm, würde er
sich nicht bedienen - lautet oftmals das nachlässige Motto. Es gibt Länder in
der Dritten Welt, deutsche Korrespondenten erzählen staunend diese Geschichten
in den Zeitungen, im Rundfunk oder Fernsehen, wo es sogar bei Wahlen vom Volk
honoriert wird, daß sich mächtige Familien und Cliquen an Steuern oder Geldern
aus dem Ausland ungeniert bereichern und diesen unlauter erworbenen Reichtum
auch dann noch zur Schau stellen. Täten sie es nicht, würden sie nicht
wiedergewählt. Sagen unsere Berichterstatter. Diese Mentalität schwappt
offenbar langsam aber sicher auch in deutsche Lande. Selbst in kleine
Großstädte wie Heilbronn. Sonst wäre es ja nicht notwendig gewesen, hier einen Korruptionsbeauftragten
zu installieren. Der koordiniert nicht die Korruption im Rathaus, sondern soll
den verbrecherischen Aktivitäten der Beamten und Angestellten auf allen Ebenen
nachspüren. Gero Gambella, ein Fernsehjournalist, der Filme über die Korruption
in Deutschland drehte, beklagt nicht nur diesen Zustand, sondern verweist auch
auf Korruption bei Journalisten. In einem Interview sagte er, daß auf den
Parkplätzen vieler deutscher Rundfunkanstalten die dicken Sportwagen zu finden
seien, die auch ihm schon preiswert angeboten wurden. Der angelsächsische
Journalismus solle da mehr Vorbild werden: Ein Zeitungsverlag oder eine
Rundfunkanstalt habe es doch nicht nötig, seine Journalisten von Firmen
aushalten zu lassen. Sei es mit kostenlosem Essen oder Reisen. Über kurz oder
lang merke es der Leser oder Hörer, ob er pure Propaganda oder Informationen
bekomme. Das wissen auch im Wettbewerb gehärtete Firmen. Gottseidank.
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