Freitag, 21. Februar 2014

Kiliansmännle, 24.07.1996




Keine Jugendidole
Der Deutschland-Start von Tom Cruise neuestem Film „Mission: Impossible“ soll am 8. August sein. Die Junge Union will jetzt zu einem bundesweiten Boykott des Streifens aufrufen, weil der amerikanische Filmschauspieler Tom Cruise bekennender Scientologe ist. In Flugblättern will die CDU-Nachwuchsorganisation auf die „gefährlichen Machenschaften“ der Sekte hinweisen. Für den niedersächsischen JU-Landesvorsitzenden Burkhard Remmers (28) dürfen „Scientologen keine Idole für die Jugend sein. Sie gefährden unsere Demokratie. Und darüber müssen wir die jüngeren Menschen aufklären. Selbst wenn Cruise die Mitgliedschaft als seine Privatsache bezeichnet, bleibt er Werbeträger einer menschenverachtenden, profitgierigen Organisation.“ Sektenbeauftragte der beiden großen Kirchen warnen junge Menschen vor der Schwärmerei für Psychokulte. Vor allem auch für die Stars, die sich zu Scientologie bekennen – wie Tom Cruise, John Travolta, der Pianist Chick Corea, die Sängerin Julia Migenes oder Priscilla Presley. Die Scientologen ihrerseits gehen jetzt in die Offensive und verteilen ein Heftchen „Fakten aktuell“ (Auflage fünf Millionen Exemplare), in dem sie die Parlamentarische Versammlung des Europarates zitieren (AZ:ADOC 6438), die die Bundesrepublik Deutschland wegen fortgesetzter Diskriminierung der Scientolgen gerügt habe. In einem Bericht über „Menschenrechte und Demokratie im Vereinten Deutschland“ habe auch die US-KSZE Kommission die zunehmende Diskriminierung von Mitgliedern der Scientology Kirche kritisiert. – Ich bin gespannt, wie die Heilbronner Junge Union gegen den neuen Tom-Cruise-Film vorgehen wird, um gegen die Scientolgen,  das „menschenverachtende Kartell der Unterdrückung“ (Norbert Blüm) zu demonstrieren.

Gartenschau
Mit der „sechsten Landesgartenschau“  am Neckar im Jahre 1985 konnte Heilbronn ein mehrmonatiges Fest feiern. Ganz im Sinne des Oberfestlers, Heilbronns Verkehrsdirektor Bernhard Winkler. Eine Million Besucher wurden damals im Wertwiesenpark, dem Gelände der Landesgartenschau, gezählt. Winkler meinte damals,  Heilbronn wäre seinerseits in aller Munde im Ländle gewesen. Landesgartenschauen gab es seither häufig. Aber die Städte waren deshalb nicht in aller Munde in Baden-Württemberg. Man nimmt es zur Kenntnis – und geht zur Tagesordnung über. Die meisten der Bürger aber wissen gar nicht, wo derzeit eine Bundes- oder Landesgartenschau gerade stattfindet. In erster Linie ist es ja auch nur ein schönes Zuschußgeschäft für die ausrichtende Stadt. In Heilbronn soll es im Jahre 2004 wieder soweit sein. Die Verwaltung will den Gemeinderat überzeugen, daß die Stadt sich bis zum 1. September 1996 um die Blumenshow bewirbt. Als Gelände ist der Bereich um den alten Neckararm mit angrenzender Altstadt vorgesehen. Wenn  Heilbronn den Zuschlag  erhielte, bekäme die Stadt 7,5 Millionen Mark Landeszuschuß für die Gartenschau. Die gleiche Summe müßte die Stadt selbst aufbringen. Außerdem hofft man auf weitere 2,5 Millionen Mark aus dem Förderprogramm „Mehr Natur in unsere Gemeinde/ Stadt“. Nachdem die Heilbronner Gartenschau 1995 am Protest der Anwohner im vorgesehenen Gelände Pfühlpark gescheitert war, hofft man jetzt den Grüngürtel bis hin zum Köpfertal (wie einst geplant) mit der Landesgartenschau 2004 zu verwirklichen. Und wenn dann der Neckar-Park lebt, dann  würde auch der Heilbronner Einzelhandel davon profitieren. Eine verwegene Idee, die da der Baubürgermeister Ulrich Frey in die Welt setzte. Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Zeugnisse
Eigentlich  gehören sie ja ganz abgeschafft. Diese lächerlichen, nichtssagenden Zahlen von eins bis sechs. Und doch sind sie Meilensteine in jeder Schülerlaufbahn. Für einen Großteil der Schüler im Ländle ist heute der Tag X. Es gibt Zeugnisse. Ist der „Giftzettel“ nun eine ausgemachte Hiobsbotschaft oder kann man ihn getrost nach Hause tragen? Sind das versprochene neue Moutain-Bike oder die Inline-Skates in weite Ferne gerückt? Oder hatte der Lehrer doch nur einen lichten Moment und aus der 3,5 ein „Befriedigend“ gemacht? Ein „Befriedigend“ kann sich schon noch sehen lassen. Dann entspricht nämlich „die Leistung im allgemeinen den Anforderungen“ (laut Verordnung des Kultusministeriums über die Notenbildung). Bei der Vier, dem „Ausreichend“, sieht’s dann nicht mehr so rosig aus. Hier weist „die Leistung zwar Mängel auf, entspricht aber im Großen und Ganzen noch den Anforderungen“. Na also, die Vier tut’s allemal. der Sprung in die nächsthöhere Klasse ist geschafft. Selbst die in Bonn, unsere Bildungsexperten, machen sich so langsam Gedanken über den Wert der Zeugnisnoten. Können die Fähigkeiten der Jugend auf einer Skala von eins bis sechs ausreichend beurteilt werden? Da haben sie noch viel zu diskutieren. Für mich gilt auf jeden Fall: So mancher hatte schon schlechte Schulnoten, später aber dafür umsomehr Banknoten.

Neue Waldheide
Die Waldheide in Heilbronn ist seit Sonntag wieder für alle Bürger zugänglich. Viel gestritten wurde darüber, wem wir das zu verdanken haben. Sicherlich kaum der Friedensbewe-gung, vor allem nicht der Heilbronner. Auch nicht den US-Amerikanern, die uns jahrelang vor der aggressiven Politik der kommunistischen Staaten geschützt hatten. Zu verdanken haben wir es in erster Linie der friedlichen Revolution in den osteuropäischen Staaten, den Menschen vor allem in der ehemaligen DDR, die demonstrierend, ihr Leben riskierend auf die Straßen gegangen sind, um für ihre Freiheit notfalls auch zu kämpfen. Den Dank an diese Menschen haben Politiker, Militärs und Friedensbewegte am Sonntag auf der Waldheide vergessen auszusprechen. Möglich gemacht hat die Freiheitsbewegung im Osten die Politik der Stärke und der Flexibilität im Westen. Dem schon lange bankerotten Kommunismus wurden mit wirtschaftlicher Unterstützung und Krediten Zugeständnisse abgerungen, die seine Ideologie bis hin zur Unkenntlichkeit aufweichte. Die Pershing-Raketen auf der Waldheide waren ein fester Bestandteil dieser Politik gegen die perversen Diktaturen im Osten Europas.  Währenddessen träumten linke Friedensbewegte auch in Heilbronn noch davon, daß sich in der Bundesrepublik so etwas wie gemäßigter West-Sozialismus erreichen ließ (eine Mischung aus schwedischem Sozialstaat und jugoslawischer Arbeiter-Selbstverwaltung), während im Osten der realexistierende Sozialismus seine Kinderkrankheiten abstreift und sich zu seiner vollen humanen Blüte entwickelt. Schaumige Träume, die in der Realität nirgendwo einen politischen Ansatz fanden. Jene, die uns den Gottesstaat auf Erden, ein Eldorado versprechen, waren immer schon in der Menschheitsgeschichte die besten Vollstrecker einer Diktatur. Weil die Menschen ihren Ansprüchen nicht genügten. Und deshalb ist die jüngste Geschichte der Waldheide eine gute Geschichte. Und wir haben auch jener zu gedenken, die dort bei dem schrecklichen Unglück für unsere Freiheit gestorben sind.

Abi-Gedanken
Das Schuljahr ist heute am Ende. Sommerferien sind angesagt. Seltsame Betrachtungen eines Unterländer Abiturienten sind mir da zugeflogen: „Wie jedes Jahr lassen die Oberstufenlehrer der Gymnasien in ganz Deutschland eine unkontrollierbare Horde von Abiturienten ins Berufs- bzw. Studentenleben ziehen. So auch in Heilbronn. Dreizehn Jahre büffeln, büffeln und nochmals büffeln. Denkste! Die meisten Dreizehner fingen so richtig mit dem Büffeln erst drei Wochen vor den Prüfungen an und erkannten dann schnell, daß sie für das Abitur schon einiges früher hätten beginnen sollen. Doch auch hier zeigte sich wieder, was ein junger Mensch imstande ist, an Leistungen zu erbringen (mit viel Kaffee und nächtlichen Überstunden!). Hektik und Streß sind die ständigen Begleiter eines solchen Abiturienten – kurz vor den Prüfungen. Doch dann (fast) fertig! Schriftliches Abi geschafft – oder auch net?!? Nach dieser Prozedur folgt die mündliche Prüfung. Spätestens jetzt beginnt für einige die Rechnerei mit den Punkten in den einzelnen Fächern. So mancher Mathelehrer war erstaunt, welche Typen sich als Mathegenies entpuppten, die bisher ihr Talent schüchtern verschwiegen hatten. Zwei Tage lang stehen die Noch-Schüler unter Hochspannung. Zwei Tage lang werden sie bis auf den letztes Rest ihres schmalen Abitur-Wissens ausgequetscht – und sind manchmal selbst überrascht, was sie so alles in ihrem Kopf angesammelt haben. Oder was nicht drin ist. Wenn  auch diese Tage der Gehirnfolter überstanden sind, beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Die Zeit des „Blaumachens“ ist nun endgültig vorbei. Die Vormittage werden zum Ausschlafen genutzt, obwohl bei manchen dies auch schon zuvor der Fall war. Gedanken über die Zukunft schwirren durch den Kopf. Zwei Wege stehen zur Auswahl: entweder steuert das alltägliche stupide Berufsleben die nächsten vierzig Jahre  oder rein in die Universität, in der Professoren es kaum erwarten können, neue wißbegierige Opfer zu quälen. Bis zur harten Entscheidung bleibt noch ein wenig Zeit, die für die obligatorischen Abi-Parties genutzt wird. Nun gut, sie haben es ja auch nicht anders verdient - die Abiturienten!“ – Meine ich doch auch.

Kaiserstraße
Für die Autofahrer ist die Kaiserstraße gesperrt. Für Busse und Taxen nicht. und der fromme Kinderglaube so mancher Straßen- und Stadtplaner Heilbronns, damit würden nun auch die Kunden fröhlicher einkaufend in die Innenstadt strömen, blieb ein frommer. Umsatzeinbußen bis zu dreißig Prozent soll es bei den Einzelhändlern in der Kaiserstraße geben, seitdem die Autos nicht mehr in die City dürfen. So manchem Ladenbesitzer steht das Wasser schon bis zum Halse, klagen die Heilbronner Kaufleute. Schuld daran sei in erster Linie die Bürgermeister-Riege auf dem Rathaus, die dem Gemeinderat diese abstruse Verkehrssituation eingebrockt habe. Allen voran der Verkehrsdezernent Harald Friese von der SPD, dem man nun vorwirft, als notorischer und stolzer Nicht-Führerschein-Besitzer die Sorgen von Autofahrern auch nicht nachvollziehen zu können. Einige Geschäftsleute gehen sogar soweit, ihm vorzuwerfen, daß ein Mann, der ständig von einem Chauffeur in einer Nobelkarrosse herumkutschiert werde, nicht einkaufen müsse, auch keine Ahnung von den Sorgen und Nöten der Bevölkerung habe. Das, meine ich, dürfte wohl reichlich überzogen argumentiert sein. Allerdings überlegt es sich eine Familie, die einkaufen möchte (ob nun Lebensmittel oder größere Anschaffungen), mehr als einmal, ob sie die Innenstadt Heilbronns ansteuert. Taschen und Tüten, vollbepackt mit Lebensmitteln, Kleidern, eventuell sperrigen Gütern durch die Innenstadt  bis zum Parkplatz in einer Tiefgarage zu schleppen, das ist enervierend. Es gibt andere Plätze zwischen Stuttgart und Heilbronn, wo man auf grüner Wiese einkaufen kann und gute Fachgeschäfte in einem Hause hat. Im Herbst 1997 wird neben dem Breuninger-Land bei Ludwigsburg noch ein Ikea-Möbel-Markt eröffnet. Heilbronn muß sich sputen, um gegen diese Konkurrenz etwas Sinnvolles zu setzen.

Islam-Parkplätze
Nicht nur in Heilbronn schlagen die Wellen hoch, wenn es um islamische Einrichtungen geht. Auch im Landkreis-Süden, in Kirchheim sorgt ein solches Projekt für Aufregung im Gemeinderat. Grund war keine Moschee, deren Turm höher sein sollte als die Dorfkirche. Es ging nur um den Dachausbau des Türkisch-Islamischen Kulturvereins. Knackpunkt für den Kirchheimer Gemeinderat waren jedoch die Parkplätze. Für die 80 Gläubigen aus der ganzen Region stehen nur 15 Stellplätze zur Verfügung. Und die öffentlichen Parkplätze in der Nähe (in 50 beziehungsweise 200 Meter Entfernung) seien für andere Parker gedacht, so Bürgermeister Klaus-Peter Waldenburger. Nur frage ich mich, für was man Parkplätze denn sonst verwenden sollte. Der Herr Bürgermeister sollte mal nach Heilbronn schauen. Da wird so mancher Religionsgemeinschaft, die ihre „Kirche“ in einem Wohngebiet gebaut hat, nicht im Geringsten vorgeschrieben, wo ihre Gläubigen zu parken haben. Zum Beispiel die Neuapostolische Kirche in der Pfühlstraße Heilbronn. Mehrmals pro Woche besetzen deren Gläubigen ganze Straßenzüge mit ihren Karossen, wenn sie ihren Gottesdienst besuchen. Wer in der Pfühl-, Kerner-, Goethe- oder Weinsberger Straße wohnt, der darf in dieser frommen Zeit keinen Besuch erwarten. Die Parkplatzsuche könnte sich dann nämlich in eine kilometerlange Wanderung verwandeln. Aber was den einen frommt, ist des anderen Leid. Nur sollte man nicht mit zweierlei Maß messen – nach dem altbekannten Leidspruch: Was Zeus erlaubt ist, daran darf der Ochse nicht einmal im Traume denken.

I glotz Olympia
Auf die Plätze fertig – einschalten! Wenn ich mich nächtens vom Turm herab so umschaue, dann könnte dies zum Motto der 23. Olympischen Spiele in Atlanta werden. Gigantisch ist das Spektakel um die sportlichen Wettkämpfe. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben wie bei den Fußball-Europa-Meisterschaften schon die Nase vorn und senden nahezu rund um die Uhr. Mit rund 127.000 Kilometer Kabel werden dank 88 Millionen Mark täglich 21 Stunden  Fernsehen rausgepustet. Das ist dann auch spannend, daß die Nerven flattern: Zum Beispiel, wenn Gewichtheben angesagt ist. Ich frage mich immer, wer schaut soviel fern, vor allem wenn es um Sport geht. Wahrscheinlich die Journalisten. Jene, die berichten, und jene, die die Berichte entgegennehmen oder kommentieren müssen. Übrigens sollen heuer in Atlanta pro aktivem Sportler zwei Journalisten aufgeboten sein, mal abgesehen von denen, die in den Heimatredaktionen das Olympia-Material sichten und verarbeiten.  Bei 105.000 Athleten sind das rund 210.000 Berichterstatter. Neben dem Olympischen Dorf gibt’s also alle vier Jahre auch ein Pressedorf, das weitaus größer sein dürfte. Sogar ein Zuschauertelefon ließ die ARD unter der Nummer 0221/19720 einrichten. Wenn der heimische Fernseher wegen sportlicher Überhitzung in Flammen aufgehen sollte, der Notruf der Feuerwehr lautet 112. Aber vornehmlich geht’s ja bei den Spielen um sportliche Höchstleitungen – mit oder ohne Doping. Heute hoffentlich ohne. Und für alle, auch die Verlierer, lautet das altbekannte olympische Motto „Dabeisein ist alles“. Vornehmlich für jene Sessel-Sportler, die mit dem Bierglas in der Hand Anfeuerungsrufe durch die nächtlichen Gassen (dank geöffnetem Fenster) hallen lassen.

Bike and Ride
„Park and Ride“ – ein schöner englischer Begriff, der uns Autofahrern ganz langsam, aber sicher eingetrichtert wurde. Wer es macht, der soll sich als besserer Autofahrer fühlen. Denn der fährt nicht mit dem Auto nach Heilbronn hinein und kurvt in der Innenstadt stundenlang auf der Suche nach einem Parkplatz herum, sondern stellt seinen Wagen auf einem Park-and-Ride-Platz am Stadtrand ab. Danach geht’s mit einem Park-and-Ride-Bus ab in die Stadt. Aber kennen Sie auch „Bike and Ride“? Des Englischen Mächtige werden gleich darauf schließen, daß dies etwas dem Fahrrad zu tun hat. Hinter diesem Kunstbegriff jedoch verbergen sich ganz einfach Fahrradabstellplätze. Ganze 66 an der Zahl hat die Stadt Neckarsulm am Bahnhof eingerichtet. Denn damit, so der Gedanke der Stadtväter, könnten die Neckarsulmer mit dem Fahrrad zum Bahnhof fahren und dort in einen Zug umsteigen. Ein guter Gedanke – und der muß schließlich mit einem entsprechenden Kunstnamen bedacht werden. Wer würde sich denn schon über lumpige Fahrradständer freuen? Über Verluste freut sich ja auch niemand. Nullwachstum klingt doch viel netter. Und Entlassungen können die Betroffenen auch besser verkraften, wenn die Manager sie Umstrukturierungen oder Regrouping handelt. Der moderne Mensch ist bekanntlich äußerst erfinderisch, vor allem wenn es um neue Namen geht. Und Beamte sind noch erfinderischer, weil sie  ja für jeden neuen Vorgang im Apparat auch einen neuen Namen finden müssen.

Krank und teuer
Fordert die Politik die gesetzlichen Krankenkassen auf, die unerträglich hohen Beiträge zu senken, kündigen die Kassen an, die Beiträge für die Versicherten demnächst zu erhöhen. Kopfschütteln bei den Kunden, Wut und Enttäuschung über soviel Unverschämtheit. Unterdessen wird gemeldet, daß die wichtigsten Kassen die Gehälter ihrer Bundesvorstände klamm und heimlich mehr als verdoppelt hätten. So sollen die Vorstandsvorsitzenden und ihre Stellvertreter - ob bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen, den Betriebskrankenkassen oder den Angestelltenkassen – Jahresgehälter von 350.000 Mark und mehr erhalten haben. Dienstwagen und Chauffeur nicht  mit eingerechnet. Bis Ende 1995 sind die Gehälter an den öffentlichen Dienst gekoppelt gewesen. Vorstandsposten wurden nach B 4 (zur Zeit 9.700 Mark)) oder B 6 (11.000 Mark) bezahlt. Seit 1. Januar 1996 sollen die Krankenkassen nach unternehmerischen Gesichtspunkten geführt werden. Es darf auch Mitgliederwerbung betrieben werden. Chefgehälter werden jetzt frei ausgehandelt. Kritik wird von der Politik und den Medien zur Zeit wegen der aufgeblähten Verwaltungskosten an den Kassen geübt. Von 1985 bis 95 stiegen diese Kosten um 72,1 Prozent – von 5,2 Milliarden auf 9,5 Milliarden Mark. Außerdem wurde zwischen ‘85 und ‘94 von den gesetzlichen Krankenkassen 22 Prozent mehr Personal eingestellt. Die Zahl der Versicherten und mitversicherten Personen stieg jedoch nur um 2,6 Prozent. Ich verstehe, daß jetzt die Versicherten mehr als unruhig werden. Schließlich darf nicht unablässig gemolken werden, das Geld der Versicherten gleichzeitig für Pizza-Backkurse, Ausflüge zum Carneval in Venedig oder für Bauchtanz-Kurse zum Fenster hinausgeworfen werden. Das hat mit Gesundheitsvorsorge nun wahrlich nichts zu tun. Die Kassen sollen sich nicht als Psychotherapeuten oder Ersatzärzte aufspielen, sondern nur ihre Pflichten für die Versicherten wahrnehmen. Niemand verlangt jetzt von ihnen, großangelegt zu sparen. Sie sollen nur weniger Geld ausgeben. Möglichst nur das, was sie auch von den Versicherten treuhänderisch bekommen.

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