Donnerstag, 20. Februar 2014

Kiliansmännle, 15.05.1996



Voller Mund
Als es vor Wochen nur darum ging, daß kräftig gespart werden muß in deutschen Landen – da waren alle heftigst dafür. Jetzt liegen Sparpläne auf dem Tisch. Und die Skeptiker haben Recht behalten. Das Sankt-Florian-Prinzip bestimmt die deutsche Politik: Sparen ja, aber immer zuerst beim Nachbarn. Die Gewerkschaften, durch permanenten Mitgliederschwund schwer angeschlagen, holen sogar die Keule des Generalstreiks hervor und drohen damit. Kleine Warnstreiks werden auch schon durchgeführt – und zwar im öffentlichen Dienst. Dort, wo das schwerverdiente Steuer-Geld derzeit teilweise mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen wird. Nur wenn es um gewerkschaftseigene Unternehmen geht, dann ist man sparsam und nicht so intensiv an den Bedürfnissen der eigenen Beschäftigten interessiert. Aber ich verstehe ja: Wer an der Wand steht, wehrt sich besonders intensiv und aggressiv. Dabei wissen vor allem die Gewerkschafter sehr genau, daß es so nicht weitergehen kann. Ihre Genossen und Kollegen in Schweden haben es ihnen kürzlich erst vorgemacht. Und Gewerkschafter wissen auch, daß jeder Streik zu einer noch intensiveren Sparpolitik in den Unternehmen führt – nur nicht beim Staat. Dabei gäbe es viele Felder, auf denen sich diese Sozialpolitiker profilieren könnten. Zum Beispiel beim Mißbrauch von Sozialleistungen. Wenn ganz bestimmte Hilfsorganisationen mit überzogenen Ausgaben und Preisen die Sozialkassen plündern. Wenn bei der Pflegeversicherung, zu der wir Arbeitnehmer ja alle unseren monatlichen Beitrag leisten, Raubbau getrieben wird. Wenn Krankenkassen das Geld der Beitragszahler für Aktionen rauswerfen, die nichts, aber auch gar nichts mit der Behandlung von Krankheiten zu tun haben. Soll er nur kommen – der Generalstreik. Ob die Mehrheit der Arbeitnehmer in dieser miesen wirtschaftlichen Situation, in der es doch vornehmlich um den Erhalt von Arbeitsplätzen geht, streikt, das wage ich zu bezweifeln.



Liberale Schmerzen

Wie schnell kann Freude in Schmerz umschlagen. Das wissen die GenossInnen der SPD in Baden-Württemberg am besten. Heute noch in der Regierung – und morgen schon auf der Oppositionsbank. Die Freien Demokraten bei uns im Lande frohlockten nach der Wahl. Endlich, nach über drei Jahrzehnten Opposition in Stuttgart, waren sie nach ihrem legendären 24. März 1996 wieder zur Regierungspartei avanciert. Da wurden an vielen liberalen Stammtischen schon die Posten munter verteilt – und auch unser Eppinger FDP-Landtagsabgeordneter Richard Drautz, der Wengerter aus Heilbronn, hatte schon ministrable Lorbeeren umgehägt bekommen. Aber das Kooalitionspaket wurde ein „Fehlstart für die FDP in Baden-Württemberg“. Was da in den Stuttgarter Gesprächen ausgehandelt wurde, gereichte den Liberalen nicht zur Ehre. Kein neues Landeswahlrecht, keine rechte Privatisierung von Landesbeteiligungen – und bei der Besetzung der Ministerposten gar gab’s ein kleines Waterloo. Wirtschaftsminister Dr. Walter Döring, das war von Beginn an klar. Aber bei der Besetzung des Justizressorts krachte es im liberalen Gebälk. Zunächst gab es eine Wahl in der FDP-Fraktion: Herr Kiesswetter (MdL) gegen Frau Frick (MdB). Dann wurde bekannt, daß Gisela Fricks Ehemann Rechtsanwalt von Steffi Graf ist. Und schon war der Skandal da. Was erzählt Frau Frick ihrem Ehemann beim Frühstück? Denn als baden-württembergische Justizministerin führt sie die Oberaufsicht über die ermittelnden Staatsanwälte. Entnervt über die sich steigernde öffentliche Diskussion nahm Frau Frick ihren Hut wieder aus dem Ring. Und Walter Döring präsentierte zwei Tage später einen Mann vom Südwestfunk: Ulrich Goll (46), Jurist und Personalchef der Rundfunkanstalt in Baden-Baden. Jetzt lecken viele Liberale ihre Wunden und müssen mit Schmerzen erkennen, daß ihre Partei in drei Jahrzehnten Opposition viel verlernt hatte. Die Devise für Walter Döring lautet: liberale Positionen behaupten.



Vorbeugen

In den großen Städten der Vereinigten Staaten hat man eine Entdeckung gemacht, um die wachsende Kriminalität einzudämmen. Grundsatz bei den Überlegungen, die dann auch in die Tat umgesetzt wurden: Bei den kleinen Delikten beginnen und hart durchgreifen, dann kommt es oft gar nicht zu den großen Straftaten. Das heißt in der Praxis: Polizei auf die Straße. In Problemgebieten New Yorks soll dank dieser Maßnahmen die Mordrate um neunzig Prozent gesunken sein. Übertragen auf die Stadt Heilbronn und das Unterland: Die Polizei muß von Schreibtischarbeiten entlastet werden, muß raus aus den Automobilen und rein in die Stadt. Da lernt sie ihre Pappenheimer dann auch hautnah kennen. Denn offensichtlichtlich haben die Kleinkriminellen ein Autoritätsproblem. Sie kommen zumeist aus zerrütteten Familien, in denen jegliche elterliche Autorität flöten gegangen ist oder nie vorhanden war. Sie schließen sich Gruppen an, in denen das Führerprinzip herrscht. Schlicht: Sie akzeptieren nur die starke Hand. Windelweiche Sozialarbeiter, die mit Gesprächsrunden ihre Gesundung herbeizuführen gedenken, werden hemmungslos ausgenutzt und an der Nase herumgeführt. Und wenn dann auch noch von denen eine Ideologie verbreitet wird, daß die Gesellschaft und insbesondere der Staat am Ganoven-Dilemma schuld sei, nicht aber die armen Täter, dann fühlen diese Kleinkriminellen sich auch noch von den seltsamen Samaritern bestätigt, die ihnen die Staatsknete ohne Vorleistung offerieren. Da kann ich nur sagen: Orientierung an amerikanischen Verhältnissen kann uns nicht schaden. Die Negativseiten von dort haben wir ja schon längst kopiert.



Ein Todesbad?

Eigentlich hat man es immer nur so am Rande mitbekommen, wenn überhaupt. Im Neckarsulmer Spaßbad Aquatoll hat es drei Tote gegeben. Ja, Sie haben schon richtig gelesen - drei Menschen sind dort ums Leben gekommen. Nicht an einem Tag, nicht in einer Woche, aber eben seitdem es dieses Fun-Bad gibt. Nun weisen freilich die Verantwortlichen des Aquatolls jegliche Schuld von sich. Aber warum, so frage ich, wurde dann so zaghaft über die Todesfälle berichtet  – wenn überhaupt etwas bekannt wurde. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, die schrecklichen, unliebsamen, wenig werbewirksamen Nachrichten sollten unter den Tisch gekehrt werden. Doch nun sind die drei Todesfälle doch öffentlich geworden. Eine große Ulmer Tageszeitung berichtete darüber sogar auf ihrer Seite eins. Da fielen dann Zitate von der Todesrinne und Todesfurche. Gemeint ist damit die Wildwasser-Rutsche. Und die hat es gewaltig in sich. Schon gleich nach Eröffnung des Aquatolls wurden Nachrichten über Badegäste laut, die sich dort Wirbel geprellt hatten – und so manche Stauchung, so mancher blaue Fleck war zu beklagen. Ich selber bin schon die Wildwasser-Bahn hinuntergesaust. Ein tolles Vergnügen, für jemanden, der gut schwimmen kann, der wenig Angst vorm Wasser hat. Aber weh denen, die sich auf die Bahn begeben und nur mäßige Wassersportler sind. Die Aquatoll-Verantwortlichen müssen also besser überwachen, daß sich nicht Kinder unter 14 Jahren und schlecht Schwimmende in die Wildwasser-Bahn stürzen, sonst droht garantiert der nächste schwere Unglücksfall. Und spätestens dann muß gefragt werden, ob diese Bahn nicht mächtig entschärft oder gar geschlossen werden muß.



Rüde Radler

Es ist Frühling und hoffentlich nahen damit auch die ersten warmen Tage. Die Menschen wird es ins Freie drängen, auf Wanderwege, vielleicht die ersten Mutigen ins Freibad und natürlich auf die Radwege. Die Radler sind los. Mit gemütlichem Drei-Gang-Velo kommen sie daher, im Familienverbund, aber auch auf hochgezüchteten Rennmaschinen und mit dem vor Kraft strotzenden Mountain-Bike. Oh, würden sie doch alle auf den Radwegen oder dafür vorgesehenen Pisten fahren. Weit gefehlt, viele Radler halten sich heutzutage kaum noch an Verkehrszeichen, brettern durch die Fußgängerzonen, donnern Treppenaufgänge hinab und rempeln Fußgänger. Erst unlängst habe ich das an eigenem Leib in der Heilbronner Fußgängerzone erfahren dürfen. Gemütlich bin ich dahingeschlendert. Und dann hat es heftig hinter mir gequietscht. ,,Paß‘ doch auf, du alter Trottel!“, proletete es. Und ein Anfangszwanziger donnerte an mir vorbei. Ohne Rücksicht auf Verluste verdünnisierte sich der rüde Radler, nicht ohne zuvor noch einige andere Passanten schier angefahren zu haben. Also, liebe Ordnungshüter der Stadt Heilbronn, kümmert euch weniger um Falschparker, sondern mehr um solch irre Verkehrsrowdies auf zwei Rädern. Ein Falschparker gefährdet keine Gesundheit, der Rempel-Radler schon.

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