Sonntag, 23. Februar 2014

Kiliansmännle, 24./25.12.1996




Wohin mit dem Müll?
Wohin mit dem Müll? Das fragen sich nicht nur unsere Politiker und hecken immer wieder neue Pläne aus, die der Bürger dann bezahlen muß – sowohl in der Planung und (sofern es dazu kommt) in der Realisierung. Auch die Bürger stellen sich diese Frage, und einige probieren dann ganz seltsame Müllentsorgungstechniken aus. In der Nähe der Anna-Linde in Heilbronn-Kirchhausen zum Beispiel wurden auf einem Feldweg 40 Autobatterien entdeckt. Die Stadt mußte den Dreck entsorgen, der teilweise noch ätzende Battersiesäure enthielt. In der Pfühlstraße Heilbronns, ein anderes Beispiel, steht seit längerer Zeit ein altes Fernsehgerät inmitten der Begrünung eines Fußgängerweges. Und in den Wäldern rings um Heilbronn sehe ich so manchen blauen Plastiksack, wohlgefüllt mit Hausabfällen. Die hat auch nicht der Weihnachtsmann dort vergessen. Was an den Papier- und Glasflaschencontainern, die über die gesamte Stadt verteilt sind, abgelagert wird, besteht auch nicht gerade aus Glas oder Pappe. Am Zustand jener Container kann man auch sehen, in welchem Viertel man sich gerade befindet. Ist das Wohnumfeld verwahrlost, dann sehen auch die Container und ihr Umfeld danach aus. In anderen Vierteln glaubt man fast, die Müllcontainer unterliegen der wöchentlichen Kehrwoche, so sauber und ordentlich schaut’s da aus. Wie der Herr, so s’Gescherr. Heißt es im Volksmund. Wie die Politik, so der Umgang mit dem Müll und die Müllentsorgung. Unverständlich bleibt mir weiterhin, warum jene Menschen, die brav und sauber ihren Müll trennen, bei den Kosten dafür bestraft werden. Ebenso unverständlich ist mir, daß der Abfall in den Gelben Säcken, den wir alle schon beim Einkauf bezahlt haben, von dubiosen Firmen in irgendwelche Länder transportiert wird, damit er dort weiterverarbeitet oder entsorgt wird. Aber wahrscheinlich liegt es daran, daß ich hier oben keinen Abfall produziere, nur den Dreck um die Ohren bekomme.

Haushalt
In der Nachkriegsgeschichte Heilbronns dürfte die Verabschiedung des Haushalts 1997 im Gemeinderat letzte Woche – kurz vor dem Fest – einmalig gewesen sein. Die Belastungen wiegen schwer. Bei einem Volumen von 698 Millionen Mark wird vom ersten Bürgermeister Werner Grau mit einer Neuverschuldung von 77 Millionen Mark gerechnet. Dann sind wir bei 342 Millionen Mark Schulden in der Stadt Heilbronn, sprich pro Kopf sind die Heilbronner mit 2.825 Mark dabei. Allein 10,8 Millionen Mark müssen im kommenden Jahr für Schuldentilgung bezahlt werden. Und wie kommen wir aus diesem Schlamassel wieder raus. Steuererhöhungen behaupten die einen. Der Bürger soll geschröpft werden. Aber der stöhnt unter der hohen Abgaben- und Steuerlast. Sparen lautet die Devise einer anderen Gruppierung. Wobei sie unter „Sparen“ weniger ausgeben verstehen. Geld auf die hohe Kante wollen sie keines legen, diese, unsere Politiker. Denn sie haben keines – und unseres sind sie nur bereit, zu verteilen und auszugeben. In den Betrieben werden Stellen abgebaut, wird rationalisiert – beim Staat dagegen werden die Arbeitsplätze auf wundersame Art vermehrt. „Der Bürger will es so, er fordert ja immer höhere Leistungen“, behaupten einige Politiker mit treuem Augenaufschlag. Und merken nicht, daß ihnen keiner glaubt. Die Stadt Heilbronn beschäftigte zu Beginn des Jahres 4.936 Menschen. Vor zehn Jahren waren es 736 Personen weniger. Ich frage mich, wie ist es möglich, daß Großkonzerne mit weniger Personal mehr umsetzen und verdienen, eine Stadt aber – ausgestattet mit modernster Technik – immer mehr Personal benötigt? Vor zehn Jahren kosteten uns die Stadtbediensteten 199 Millionen Mark, heute 334,8 Millionen. Das sind 68,2 Prozent mehr. Wenn demnächst nicht radikal eingespart wird, überflüssige Stellen gestrichen werden – und ich kenne viele –, dann werden uns unsere Enkel bitterlich verfluchen.

Weihnachtsmann woher?
Weihnachtsmänner, wer sind sie? Woher kommen sie? Sie sind nicht etwa Gehilfen des heiligen Nikolaus, der zu Lebzeiten der Bischof von Myra war, was in der heutigen Türkei liegt und dessen Festtag der bekannte 6. Dezember ist. Denn dieser wird auf alten Gemälden immer in blauer Kleidung und mit einer bischöflichen Kopfbedeckung dargestellt. So kenne ich ihn auch aus Kindergartenzeiten. Der Weihnachtsmann dagegen erscheint immer in rot-weiß und auf seinem Rentierschlitten. Dieses Outfit muß also einen anderen Hintergrund haben. Zuerst mal im Lexikon nachsehen. Doch in Deutschlands größtem Nachschlagewerk steht nur, daß er an Heilig Abend die Geschenke bringen soll und Züge des Nikolaus und von Knecht Ruprecht aufweist. Das befriedigt mich nicht besonders. Bleiben wir also bei den Farben. Rot als Symbol der Liebe und weiß als Zeichen für Freude? Nein, so edel ist er nicht – das ist überinterpretiert. Und ein bischöfliches oder ritterliches Gewand ist der rote Bademantel auch nicht gerade, den der Weihnachtsmann zu seiner Mütze trägt. Wo also kommen die Farben her? Der rotweiße Weihnachtsmann mit weißem Rauschebart ist nichts weiter, als eine Erfindung der Marketingabteilung von Coca-Cola.1931, rechtzeitig zu Weihnachten, zeichnete der schwedische Maler Haddon Sundbloom für den Brausehersteller erstmals die „weihnachtliche“ Figur. Der Erfolg war gigantisch. Die Figur die an die des „Pelzmertel“ oder des amerikanischen „Santa Claus“ erinnert, zog ein in die Herzen der Kinder, in das Weihnachtsbild der Erwachsenen und ist heute nicht mehr wegzudenken. Der Weihnachtsopa taucht jedes Jahr wieder auf und nicht nur auf Werbeplakaten von Coca-Cola. Sogar Disney und unzählige Regisseure aus Hollywood haben sich diese Figur zu eigen gemacht. Nicht zuletzt gibt es ja noch die Schokoladen-Weihnachtsmänner, die jedes Jahr von August bis Dezember hergestellt werden.

Bestechungsversuch?
Wir leben in unruhigen Zeiten. Kluge Leute, Sozial-Wissenschaftler wollen uns klarmachen, daß es mit der Kriminalität auf unseren Straßen gar nicht so schlimm bestellt sei. Die finde doch vornehmlich in unserem Kopf statt. Der  Straßenverkehr in Deutschland sei viel gefährlicher. Das ist kein sonderlich hilfreicher Trost für Verbrechensopfer. Nicht für jene Eltern, deren Kinder von Sextätern umgebracht werden, obwohl sie schon einschlägig vorbestraft sind. Auch nicht für jene 69jährige Frau, die letzte Woche auf offener Straße niedergestochen und schwer verletzt wurde – so wie jener Asylbewerber wenige Tage zuvor, der heute noch an seinen schweren Verletzungen leidet. Wohnungseinbrüche am laufenden Band, Taschendiebstähle auf Weihnachtsmärkten, begangen von strafunmündigen Kindern, die darauf abgerichtet werden wie dressierte Hunde, brutale Überfalle in Geschäften am hellichten Tage. Einbrüche in Serie in Autos, Büros, Fabrikgebäude. Gestohlen wird, was nicht niet- und nagelfest ist – und selbst das auch noch. Wenn alten Frauen die Handtasche entrissen wird, dann können unsere Ordnungshüter nur noch mit den Achseln zucken. Denn die Aufklärung solcher „Bagatell-Fälle“ strebt gegen Null, ebenso wie bei Autoaufbrüchen. Und muß man dann noch mitansehen wie miserabel unsere Polizei mit technischem Gerät ausgestattet ist, im Vergleich zu kleinen Firmen oder Großkonzernen, dann frage ich mich, welcher seltsame politische Wille dahintersteckt. Würden wir heute ein Sammlung für die Polzei veranstalten, Faxgeräte, Computer, Handys, etc. – ich behaupte, es würde viel zusammenkommen. Aber unsere Polizei dürfte diese Spenden nicht annehmen. Aus Staatsraison. Ein Blick nach Amerika zeigt, wie man es besser machen kann. Dort sinkt die Kriminalitätsrate. Und wer der Polizei zur Unterstützung etwas spendet, der ist ein guter Staatsbürger. Bei uns fällt das unter Bestechungsversuch. Bürgersinn?

Weihnachtlich
Was macht ein richtiges deutsches Weihnachtsfest aus? Bei uns im Schwäbischen gehören zunächst einmal Weihnachtsbrötle dazu, die von der Hausfrau und ihren „freiwilligen“ Helfern aus der Familie zu Beginn des Monats Dezember gebacken, um dann in Gläsern, Dosen und Schachteln verstaut zu werden. An jedem Adventsonntag gibt es ein paar wenige davon zum Kaffeetisch, am Weihnachtsfest dann mehr, danach den Rest. Wenn sie zu gut sind, dann muß Mitte Dezember nachgebacken werden. Jedes schwäbische Kind kann sich daran erinnern, daß Brötle-Backen gleichzusetzen ist mit der Feierlichkeit einer Christmette. Und Lebkuchen gehören zum Fest ebenso wie ein festlich geschmückter Baum (möglichst mit dem in Jahren angesammelten Traditionsschmuck der Familie und echten Wachskerzen), der Gang zur Kirche, das kleine, festliche, aber nicht üppige Mahl am Heiligabend und das Singen von Weihnachtsliedern vor der Bescherung. Und natürlich das Bach‘sche Weihnachtsoratorium in der Vorweihnachtszeit. Am Sonntag war es in der Heilbronner Kilianskirche zu hören. Die Karten im Musikhaus Sproesser waren schon eine Woche zuvor alle ausverkauft gewesen. Nur an der Abendkasse gab es noch wenige Restkarten. Eine solche Nachfrage hätte er seit Jahren schon nicht mehr erlebt, meinte Axel Sproesser, ein profunder Kenner der Musikszene. Leute hätten sich um Karten bemüht, die bei geistlichen Konzerten in der Kilianskirche ansonsten nie zu sehen sind – und in seinem Musikhaus schon gar nicht.  Offenbar wollen sich in diesen unsicheren und stürmischen Zeiten viele wieder auf unvergängliche Werte besinnen. Und etwas so Schönes wie das Oratorium von Johann Sebastian Bach, das erhebt die Seele – und badet sie nicht in jenem Kakao, durch den wir täglich gezogen werden – dank des alltäglichen Fastfood-Gedudels aus unseren Radiolautsprechern. Und wenn Weihnachten vorbei ist? Dann ...

Dienstwagen
Es war schon lange gefordert, aber nie in die Tat umgesetzt worden: Die Reduzierung des Bürgermeister-Fuhrparks. Sprich: nicht jeder Bürgermeister auf dem Heilbronner Rathaus soll künftig einen Dienstwagen samt Chauffeur zur Verfügung gestellt bekommen. Nur dem Oberbürgermeister und dem Ersten Bürgermeister stehen künftig noch Dienstwagen mit Fahrer zu Verfügung. Die anderen drei Bürgermeister (Casse, Friese, Frey) müssen künftig entweder mit dem eigenen Auto fahren, einen Wagen aus den Bereitschaftsdienst anfordern oder per Bus ins Rathaus kommen. Warum auch nicht? Ist doch der Münchner OB Hans-Jochen Vogel  für seine Straßenbahnfahrten ins Amt berühmt gewesen. Warum sollen dann unsere Bürgermeister nicht auch mit dem Stadtbus oder dem eigenen Wagen ins Rathaus kommen – sofern sei einen Führerschein besitzen. Was ja nicht immer der Fall ist. Ich meine, da hat sich unser Heilbronner Gemeinderat mal von einer wirklich sparsamen Seite gezeigt. Denn unsere  Herren Bürgermeister können für ihre Terminfahrten, die Fahrt zum Arbeitsplatz und zurück ja auch ein Taxi benutzen. Das würde das darbende Taxi-Gewerbeunterstützen. Und uns Steuerzahler käme es wahrscheinlich preiswerter als die städtischen Automobile plus Fahrer in ständiger Bereitschaft. Die Reaktion des Kulturbürgermeisters Reiner Casse ist subjektiv verständlich. Denn jetzt gibt es – legt man Statussymbole als Maßstab an – Bürgermeister erster und zweiter Klasse. Aber die existierten es vorher auch schon: OB, Erster und die anderen Bürgermeister. Das rechtfertigt objektiv gesehen noch keinen Parteiaustritt. Subjektiv kann es schon ganz schön schmerzen und zornig machen. Aber wenn Reiner Casse austritt, dann wird die CDU es verschmerzen. Das Verhältnis der beiden war ja oft spannungsgeladen. Vom Sparen reden ist eine Sache, Sparmaßnahmen ertragen eine ganz andere.

365mal
Wenn ich jetzt, kurz vor dem Jahresende 1996, hier oben auf dem Turm auf die vergangenen Monate zurückblicke, dann wird mit ganz wehmütig ums steinerne Herz. Rund 365 kleine Kolumnen dieser Art sind am Jahresende im Neckar Express von mir veröffentlicht worden – mit ganz unterschiedlichem Echo bei der Leserschaft. Einige Zeitgenossen haben sich maßlos über meine Worte geärgert, andere nur ein wenig, wieder andere sehr gefreut. Ich hoffe, daß der Zorn schnell verraucht und die Freude lang anhaltend war. Briefe haben mich in Hülle und Fülle erreicht. Zustimmende und Ablehnende. Ich halte es da mit dem Rommel Manfred aus Stuttgart: „Jedermanns Liebling ist jedermanns Dackel.“  Ein paar der Briefe sind veröffentlicht worden. Die vielen anonymen Zuschriften sind in einem besonderen Ordner verschwunden. Zum Wegschmeißen sind sie doch zu schade. Allein wegen des Aufwands, den die Leut sich gemacht hatten. Und zur Belustigung von Redaktionsbesuchern. Eine Dame (jung oder alt?) schrieb mir, ohne ihren  Namen zu nennen, vor ein paar Tagen: „Ich weiß, daß Du auf einem sehr hohen Podest stehst, von dem Du nicht einmal am 4. Dezember 1944 heruntergestürzt wurdest.“ Das ist richtig. Und auch gut so. Es ist in Heilbronn in jenen Tagen viel zuviel zusammengestürzt, was weniger schlimm wäre, wenn nicht gleichzeitig viel zuviel getötet worden wäre. Mehr aber will ich nicht aus jenem Brief, der mit „R“ unterschrieben wurde, zitieren. Denn da schäumt jemand. Auch das gehört zum Leben. Und dieser Haß-Schaum muß ernstgenommen werden. Auch wenn er im „emanzipierten Kleid“ einherschreitet. Solange bei uns noch nicht – wie in anderen Ländern üblich – unliebsame Gegner mit Waffengewalt aus dem Weg geräumt werden, dürfen wir ja noch streiten. Und wenn dieser Streit zum fruchtbaren Nachdenken und Handeln führt, dann hat es ja auch was genutzt. Vielleicht eine dieser 365 Kolumnen. Also dann – auf ein Neues.

Kuriositäten
Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. So, oder so ähnlich könnte man einen sportlichen Jahresrückblick des Jahres 1996  nennen, und zwar den der besonderen Art des Fußballs. So erzielte zum Beispiel eine Fußballdame in einem Spiel der Kreisliga, das mit einem unglaublichen 45:0 endete, 23 Tore. Und tatsächlich soll die gegnerische Mannschaft auf dem Spielfeld körperlich anwesend gewesen sein. Sie dürfte wahrscheinlich Torschützenkönigin in ihrer Liga geworden sein. Zwar schoß der nächste Fußballer nur ein Tor, aber dies eher ungewollt. Der Torwart FSV Salmrohr baute die Führung durch ein Abschlagtor auf 3:1 aus. Er war sicherlich genauso überrascht wie sein Gegenüber, der den Ball aus dem Netz holen durfte. Ein anderer Torwart schaffte sogar einen Hattrick. Nein, diesmal nicht durch Abschläge. Als seine Mannschaft bei einem Heimspiel, wiederum in der Kreisliga, mit 1:2 zurücklag, wechselte der Keeper in der Halbzeit in den Sturm und schoß seine Mannschaft mit drei Treffern zum 4:2-Sieg. Ob er jemals wieder im Tor stand? Etwas komplizierter wird es beim FC Erzgebirge Aue, denn dieser versucht über das Zivilgericht doch noch ins sächsische Pokalfinale zu gelangen. Folgende Situation liegt vor: Der Verein hatte im Elfmeterschießen gegen Dresden verloren, oder auch nicht. Der Torwart aus Dresden parierte den Schuß, der Schütze wendete sich enttäuscht ab, und der Schiedsrichter notierte: Gehalten. Doch der nach vorne springende Ball hatte soviel Drall, daß er ins Tor zurückrollte. Über Seite 100 des Schiedsrichterhandbuches streiten sich nun beide Vereine vor  Gericht. Dresden zitiert: „Das Spiel ist in dem Augenblick ...abzupfeifen... in welchem der Strafstoß eine Wirkung zeigte, das heißt, wenn ein Tor erzielt wurde, oder wenn der Ball vom Torwart abgewehrt wurde...“. Aue hält  dagegen: „Dabei ist ein Tor auch dann gültig, wenn der Ball vor Überschreiten der Torlinie... den Torwart... berührt“.  So, nun dürfte wohl alles klar sein, oder?

Arme Medizinmänner
Wir wissen es alle: Die Zeiten, in denen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland nur so im Geld schwammen, sind schon lange vorbei – Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer sei es gedankt. Doch nicht nur die Mediziner leiden unter den Sparmaßnahmen. Den Patienten geht es ebenso. Gerade kurz vor Weihnachten werden nur noch die allernötigsten Behandlungen abgewickelt. Denn meist sind die Jahresbudgets der Götter in Weiß längst überschritten. Was sie jetzt zusätzlich verordnen geht an ihrem eigenen Einkommen ab. Ganz neu aber ist folgender Trend: So mancher Arzt in spe ist bereit, umsonst oder für einen Hungerlohn zu arbeiten. Wie das geht? Lassen Sie mich von einem Fall, der sich derzeit in einer Unterländer Arztpraxis zuträgt, berichten: Da muß ein alteingesessener Allgemeinmediziner im Zuge der Sparmaßnahmen Hilfspersonal freistellen. Das ist noch nichts Außergewöhnliches. Vielen Fachärzten ergeht es derzeit so. Doch dieser Arzt hätte gerne zur eigenen Entlastung einen Kollegen beschäftigt. Davon bekommt ein junger Mediziner Wind. Er bewirbt sich, der ältere Kollege lehnt ab. Er kann den jungen Mann nicht bezahlen. Der Arzt in spe braucht jedoch noch einige Monate praktische Erfahrung zur Erlangung seines Facharztes und bietet an, ohne Lohn zu arbeiten. Erst zögert der ältere Kollege – er sei ja schließlich kein Ausbeuter – auf Drängen des jungen Nachwuchsmediziners willigt er schließlich ein. Nicht ganz umsonst, aber für einen Minimallohn wird der junge Kollege bald in der Praxis arbeiten. Da sage noch mal einer, alle Ärzte seien nur aufs Geld aus.

Es piept mobil
Früher nervten mich jene Zeitgenossen, die – kaum waren sie in einer fremden  Wohnung oder einem Büro zu Besuch  – sich hinters Telefon klemmten, um ihrer Sekretärin mitzuteilen, wo sie ab sofort fernmündlich zu erreichen sind. Diese Zeiten sind vorbei. Denn jene Typen von Menschen benutzen jetzt ihr eigenes Telefon, ob im Auto, am Bahnhof, am Flughafen, in der Unterführung, im  Restaurant oder im Theater. Bei ihnen piept es ständig. Und dann ziehen sie ihr Handy raus und sprechen mit X oder Y. Auch wenn das Gespräch für den, der sie anruft reichlich teuer werden kann. Das Handy, ein mobiles Telefon für gestreßte Leute und Wichtigtuer? Dachte ich mal. Bis ich die jungen Leute, Schüler, Studenten, Lehrlinge, etc. mit diesen Dingern durch die Gegend laufen sah. Und da ging mir ein kleines Licht auf. Bei Mama und Papa wohnen, aber sie nicht ständig mit den vielen Anrufen von Freunden und Bekannten nerven – da hilft nur ein Handy. Außerdem sind die jungen Leute, die meistens sehr umtriebig ihre Umgebung verunsichern, mit dem kleinen Gerät in der Tasche, jederzeit erreichbar, so sie es zulassen. Und ist das Gerät abgeschaltet, spricht man seine Nachricht halt auf einen Anrufbeantworter, den der Handy-Halter, wenn er wieder erreichbar sein will, abhören kann. Die Zeiten, in denen Wichtigtuer sich eine Papp-Attrappe mit ins Auto nahmen, um an der Ampel den Nachbarn zu zeigen, wie wichtig sie sind, die sind vorbei, seit gerade in dieser Vorweihnachtszeit ein Handy-Boom ausgebrochen ist. Zwischen einer und zehn Mark kosten die ansonsten teuren Geräte, wenn man sie mit Freischaltungskarte kauft. Bei den Gebühren ist es noch nicht so günstig wie beim Normaltelefon. Aber in den Handy-Markt ist Bewegung gekommen. 1997 soll dank harter Konkurrenz Mobil-Telefonieren erheblich billiger werden. Ich hatte mir ja geschworen, erst dann ins Handy-Zeitalter einzutreten, wenn es genauso teuer wie das Telefon daheim ist. Aber jetzt! Wer weiß? Mobil sein ist alles – sagen die Söhne.

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